L&Poe Journal #03-2023 | Neue Texte
Norbert Lange
Sechste dummkopfelegie
Siebende dummkopfelegie
Siebte Dummkopfelegie
Sechste dummkopfelegie
Feinge schon iss mir butend,
wie du die Beinah überschlägst
undie zeitig entschene Frucht,
umhengst dein rehes Geheimnis.
Wie er äne Rohr treibt,
absaft und anspringt usem Schlaf,
fastaek seine süßeste Leistung.
So wie Gott der Schwan
………Wreveillen,
ach, es zühnds verspInnre
unserer endichten ein.
Iehie: wie rott en Schwan ... Wervien,
aus ühmt es zulühn, ins verättre
euer endihen Frucht gehn wir erraten hie.
Wenige sterk Andrang eelns,
daß schoehn und glühnees Herzens,
wenn die Verflühte Nachtluft
ihnen eugend die Muider berührt:
Helden vichden frühüberbestien,
denen der gärtne oden biegt.
Diese stürzen hin: ächelnd
sinde voran, wies Rossegespaen
muedem vom siegenden Kö.
Weien eigtark darndrang des Hadelns,
daß ie schon stehn und gülledes Herzen,
wen ie Verfüung ühn gelierte achtluft
ein die Jugend des Munds, ihen Lider heht:
Heldeeicht und den Hinübebetimte,
dene gärtnernde Tod ders Adern biegt.
Die türzen: demegen Lächeln
sind oran, das Rosegespann milden
musligen Bilden von Kak dem König.
Wundereegelten. Dauern
fichtan. Seigang ist beständig
nimmt er sic fortritterte Stends
stenden ihn wenige. Aer,
das uinschweigt, das plötztal
seiner aufrauschen Welt.
Hockein wie mal ducht mich
met[t]enden LeierTon.
Darb ich miehnsucht: O, wärch,
wän Knabe und dürft werße
wärch ein Knabech wärch Knochen werße
wär ich ein Koch wern und säße
in den knigen Armend von Simson, äße
wie seine Mutter stichts
...... unlesbar ......
Waer niht Held schoindir, otter, begniht
dort schoin dir, sein errische Aswahl?
Taunde ba im Schooß und woen er sein,
abe ieh: er ffließ aus -, ähle und kote.
Und we er Säue zerstieß, so wars, da er sbrach
user Welt ies Leibs in ie egre Welt, wo er eiter
ählte und kote. Otter der Helen, o Urspug
eißende öme! Ihr Schluchen, in ie sih
hochnem Hand, klagend,
schoie Mäden estzt, üig ie Odem oh!!!
»Wer wär nicht, nie, schön, schöner dir, scheu, scheuer, schon
ein Otter auf Knien, beginnt, nicht dort schön, schon scheu
vor dir, sein ehrliches, fehlerreiches, fehlerhaftes Aas, As, Auswahl, Wal.
Tausende Tauende, schrecklich im Schoß, oh Schoß, und wohnt
er dort, verirrt er sich, doch eklig, sieh doch: er fließt
schauderlich aus und kotet. Oh weh, wie er die Schweinerei bespricht,
erbricht, gebrochen hat, dieser, unserer Welt des Körpers in Ekel,
arger Oger Welt, wo er weiter eitert heiter, sich aalend suhlt,
Gott Otter, Vatermutter der Griechen, Helenen, Hellen, o Ursprung, Ausspuck
und Urspuk heißende, beißende, essende Imme! Oh ich!
Ihr Schleicher, Schluchzer, Getroffenen vom Schlag, sieh, schau, seht
seine hochvornehme Hand erhoben, klagend, kackend, Klagenende,
scheu, schön, schon Maden, scheue Mädchen, essen, ätzen schauderlich
wie es hier von Odem Oden haucht, Luft, Luft, oh!!!«
Denn hinstürmte der Held dufter Liebe,
denn türmte der durch Aue der Liebe
jehobaus jeinende Herzschlag,
abwendende aendet schonde dächders,
abgeendend stächers.
2012/2021
Siebende dummkopfelegie
Waer niht Held schoindir, otter, begniht
dort schoin dir, sein errische Aswahl?
Taunde ba im Schooß und woen er sein,
abe ieh: er ffließ aus -, ähle und kote.
Und we er Säue zerstieß, so wars, da er sbrach
user Welt ies Leibs in ie egre Welt, wo er eiter
ählte und kote. Otter der Helen, o Urspug
eißende öme! Ihr Schluchen, in ie sih
hochnem Hand, klagend,
schoie Mäden estzt, üig ie Odem oh!!!
Sechste dummkopfelegie
Werbung nicht mehr ei di Schreiatur,
zwar schrieest du reinwogel, eigende,
ein kümmerndier und nicht nur
das sie ins Heitere wirft, innigen.
würbest du wohl, nichinder –, nochtbar,
dichde eundin führ, in ille,
angsacht übr dem Höranwärm, –
einem kühnefühl erglühfühlin.
Oing riffe –, (da) ist keine Stelle,
die trüge der Verkündigung. Jeklein
weitumschweigt rein, bejahen.
Dann ufen, uf-Stuf zum geträum
pel der Zunft –; dann lertäne,
zum drängenden schonsen
imprechlich iel … Und dommer.
Nicht norgen alle dommers –, nichur
wie siech deln agrahlen vofang.
Nichur age, art umlumen, ob,
umtaltet näume, ark und waltig.
Nichur diecht die entfaläfte,
nichur diege, nichur diesen imbend,
nichur, pätem Gewitter, damende arsein,
nichur dehende laf uin Ahnen, ab … *)
sondern diechte! Sondern, dommers,
ächt oderne dierne der Erde.
Oinst oi und se issen unendlich,
leterne: deie, we, wegessen!
Siehe, da rief ich ebende. Aer nichur
äme … äme aus ächlichen aern
Mädchen unde … Denn, wie schräk ich,
werufen uf? Die Versunken uchen
im ochde. – Ihr Kinder, hiesig
mal ergriffe Dingälte füele.
Glubcht, Schicksaals dichte Kindheit;
wie üb ehr of Geliebten amen,
amen, naeligem uf, aichts ins Freie.
Hieerlich. Ihr uchen, ihr auch,
die ihr bar beetet, vankt –, ihr in ärgsten
Gasen der Städte, Swäende, derb
Offene. Deude wa, vielich ich
ganz ne tunde, mit aßer Zeit
eßliches wische zwewelen, da
hae. Ae. Die Adernsen.
Nu wegessen solicht was deene Nachbar
uicht bestäigt der neidear. Sichar
woen wirs eben, o och das airste Glückns
erst zuiebt, wenn wir es endeln.
Niente irdelt se, ainen. Uns
eben geht mit verwaeln. Uimer eriger
schwies Außen. Wo ein Hau war,
schlaich eraches Gequer, zu Elchem
vöhörig, als tänd es noch anz irne.
Wet picher Kraftaff ästiges zot
wieer panende rang, der ulle geinnt.
Tempehr ieses erzen, Verseun
paren wir heim. Ja, woins Übaere,
iestes Ding, gees gekes –,
häes soist schoins Uibare in
iele waesochne Vorte,
daß nuierlich mifelen tat!
Je dummer deelt Ente,
de rüber niund oichts ächste gör.
Coda der Siebenden
Sterne zuich aus gicherten immen. Egel,
dir zeig ichs, da! in deinem hau
steh es grete uetzt, nuelich uf.
Säue, Plone, depinx debende Stemme,
guuß vergende Staes.
Waes Wunde? O aune Egel, deinds
ir, doßer, äh, daß wilcheochte
eicht für ühmung nicht. Soen wir doeh
icht äume verämt, iese gährende, ies
uere äume. (Wasen ericht rosen,
daehrt us niunser ühl über.)
Aer ein urroß, nichahr Egel, ewaes, –
guch noch ebe roß – und uik
eichte noitin üertig. Debst
ein ibende, oin achtiche
riche siecht ans nie –? Glubcht, i be.
Egel, üicht dich auch! Denen
uf imme oing; wider arke
ömung ans duichten …
2012
*) »Denn es ist unmöglich, über irgend etwas so zu sprechen, wie es das verdient. Glücklicherweise wissen sie nichts davon und ich brauche keine Rücksicht zu nehmen.« (Henri Michaux, Quergedanken)
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Siebte Dummkopfelegie
»Wer wär nicht, nie, schön, schöner dir, scheu, scheuer, schon
ein Otter auf Knien, beginnt, nicht dort schön, schon scheu
vor dir, sein ehrliches, fehlerreiches, fehlerhaftes Aas, As, Auswahl, Wal.
Tausende Tauende, schrecklich im Schoß, oh Schoß, und wohnt
er dort, verirrt er sich, doch eklig, sieh doch: er fließt
schauderlich aus und kotet. Oh weh, wie er die Schweinerei bespricht,
erbricht, gebrochen hat, dieser, unserer Welt des Körpers in Ekel,
arger Oger Welt, wo er weiter eitert heiter, sich aalend suhlt,
Gott Otter, Vatermutter der Griechen, Helenen, Hellen, o Ursprung, Ausspuck
und Urspuk heißende, beißende, essende Imme! Oh ich!
Ihr Schleicher, Schluchzer, Getroffenen vom Schlag, sieh, schau, seht
seine hochvornehme Hand erhoben, klagend, kackend, Klagenende,
scheu, schön, schon Maden, scheue Mädchen, essen, ätzen schauderlich
wie es hier von Odem Oden haucht, Luft, Luft, oh!!!«
Keine Liebesgedichte mehr für dich alten Schreihals.
Man hätte dir diesen Zahn besser schon gezogen,
du bist herausgewachsen aus dem Schwanenkleid,
hast deinen letzten Gesang hinter dir bereits.
Ich weiß schon, ich weiß – haust noch in die Tasten,
dich laut umstülpend, komischer Vogel. Für dich klingelts,
schmetterst Metren wie Schmachtfetzen. Doch das
war gestern, schmerzlich kauender Landser,
Schwabbelsänger, eingeschlüpfter Blutsauger. Glaubst
für dich – wer’s glauben möchte! –, ein Diener
des Verkümmerns, und tust es immer wieder
schrecklich seriös – bist angekommen. Und schlimmer!
Füllst die Lungen – sie schwellen an –,
dass alle sich vor Lachen herzhaft kringeln,
erfindest einen Sommer – würdest wirbeln, gerührt
was sonst schwappend in Bäuchen gärt.
Dichtung triebe dich, die von Angst geleitete Freund-Feindin,
an der Leine geführt, sie spräche zu dir –,
du erwärmtest dich für sie, würdest auf Wangen
spüren wagemutiges Erglühen. – Tierlaute [sic!] spielte Gitarrenriffs,
kein Auge bliebe trocken. Wär’ Anschein von Verkündigung geweckt.
Weitweinumschwingendes Schwallen, in Reinform schwedendes »Joh!!!«
Ach! Ach, nein! Lieber, ließest du das herzhafte
In-alle-Bäuche-Gluckern sein, bitte, nein!
Geh nur, die Kapitolstufen hochgepriesen, der Zunft
Zungenkunst aus den Augen … leuchte heim, stürze die Neige,
wohin du möchtest, nur fort, unsäglicher Schöner,
Bruch, Engel, Blutsauger … Blödes Grollen!
Nicht dass genörgelt wird, weil du begriffsschwer bist, nein –, nicht dass allein
man so übel verfangen in altaalendes Dahinwinden sein kann.
Nicht dass einen das Alter, nein, als leuchtete es heim, so schlimm
umzüngelt von monströsen Schlafschafen, erhaben blökend.
Nicht, dass einem nur schwindlig wird, Klugsein, bloß mit einem Schatten, nein,
nicht dass sie allein das Denken verbiegt, schon gar nicht einem allein, nein,
nicht allein dem da, der grollt, ja, der völlig hinüber ist, nein,
nicht allein in Gedanken versickert, nein, dem Denken: abgelaufen …
nein, dass du dichten sollst, das glaubst du allein! Dumme Geschichte,
keine echt lyrische Dienstleistende klatscht der Erde in die Hände, redest du.
Oh, schlecht war es nicht, doch das war gestern. Und immer noch redest du,
füllst Ohren und Köpfe, leuchtest arm, als wär’ dein Töpfchen dein Heim:
Oh je, weh, wie schön wär’s da: Vergessen!
Sieh mal, ich habe (an)gerufen. Mir nicht bloß Luft gemacht, nein, Äther,
ein äh … ähem … recht verächtlich, ach, ein heißes Eisen, nein,
eher erschlichen die Ehren, freizügig unten eher … und … Ach, schnief,
schnauf, wie verrufen ich nun bin, wen kann ich rufen? Uff!
Die Versunken umkreisen mich, schlagen Töne an – die jammern rum.
– Ihr Kleinen, die ihr mal zulangtet, das faule Ding befühltet.
Jetzt glotz ihr nur, denkt betreten an die Kinderschritte
eines Scheusals – Mandibeln zittern, Riffe auf Gitarren, sie zerschellen,
beleben wieder den grässlichen Blutsauger;
wie der rummacht und sich, in den Arm genommen, ausbreitet in Köpfen,
euch einzubläuen, er wäre eures Geistes Kind: Mach, was du willst,
Seh’s-und-mach’s-Aff äh … ähem … am Ende tut er doch
es immer schrecklich seriös, bricht sich Bahn und kommt zum Stich.
Wie herrlich, hier hör ich! Ihr Ohren, ihr tut es auch.
Ihr Angewachsenen, betet los, schlackert –, hier im ärgsten
Stadtabgas-Gezeter, Stinkschwäne, derbe
geöffnete, schamlose Hoffer! Glaubt, was ihr wollt, hebt ab,
meinetwegen, dass ich für eine Stunde ein Lyrik-Spinner war, an ab-
gekauter Frist vielverspeistes tierisches Zweifeln ernten
werdet ihr, häh… äh … habt den falschen am Strick. Ich lege mich
vielleicht dort aus und zeige vieles von mir,
bin in einer Stunde schon ganz abgekaut vom nagenden Fragen,
während Zeit mich verdaut. Doch der Zahn
wird brüchig, kariös werden. Tja, soll ich vergessen haben, Solei,
was der eine Nachbar mir durch sein Glucken nachsagt,
das/ss er ausgebrütet hat, der Neidhammel, der mir nachgeigen wollte?
Ein Prahlvogel, und häh … äh … klar ist der ein Arsch,
erzählt Geschichten (wie der Name schon sagt).
Sicher, mal hat man Lust drauf, auch das luftigste Glücken
sticht einen mal, wenn man lange davon fernbleibt.
Nicht einer, keiner irrt auf Erden mehr, verleimt den Verstand. Haben wir
halt den Falschen an der Strippe. Es ist für die Katze.
Am anderen Ende wird geschwiegen, einer schwitzt. Wo ein Vogel sitzt,
traut kein Wort sich selbst mehr über den Weg. Ein Durcheinander
ist das, Gog-Magog, klingt täuschend echt, vielleicht ein Elch. Ich hör ergriffen zu,
es greift mir ins Innere, oh Gott, mein Kopf!
War der Muskelaffe erpicht auf etwas gebrochen vom Ast?
Wie herumfaunend auf Zoten er gerangelt hat, der olle Spinner.
Dies gefühlsduselige Herzen, Versvermerzen, wir vergessen es nicht,
zahlen es heim. Ja, wo in einem der Drang wohnt, das Überüble,
dieses Unbestimmte, verschimmelt noch der stärkste Käse –,
heißt es, schon der nächste heiße Scheiß, darüber schäumt es
in dem versoffenen Schlund da, versiffte Pforte stark ertränkter Worte,
dass es mal wieder nicht anders als stinken konnte. Wie das gemüffelt hat!
Je fester die Ente mit dem Kopf draufschlägt,
desto leichter entfleucht ein Seufzen ihr – gärt Göre forte.
Coda der Siebenden
Ich Sternegroß zieh gerne Sterne groß. Die Bienen säuseln: Trottel,
werd’s dir zeigen, da! Auf deine Denkerstätte knall ich dir eine,
dass nicht mehr gradestehest du – wohl verschluckt an einer Gräte, uff!
Bescheuerte Pläne bescheuerter Sphingen zitternder Stimmen
hirnverbrannter Stämme, schütterer Schwall von vergehend-sauverkehltem Stuss!
Wen wunderts, dass er sich daran aufreibt, wen nicht? O Gesangsverein
windig-schlängelnder Blutsauger-Engel. Wie bescheuert könnt ihr
noch werden, Schmierekleckser, ach, honigweiche, verwelkte Holzbirnen,
ausgestopft mit Eichenlaub? Was soll das Mühen, das Getue,
Ruhm und Preis auf ein Muh zu bringen, einen Namen,
das angenähte Abzeichen? So sieht es doch aus?
Ich Tropf, unfertiger, unausgegoren triefender
Möchtegern-Spritz. (Dies Fleischen flacher Rosen, falscher Hengste,
verchromt, verdorrt, kippt Öl drüber!)
Wär urwüchsig wer, Rose oder so, ich schwör, dass ich keinen Engel
sondern einen Blutsauger gesehen habe, so was von –
seht selber nach, grad roch’s danach, rosig noch, ein Gaul – und wie
ich’s nötig hatte, unbedingt, mit starkem Tick. Ich Schulden-Depp,
grüner Spritzling seltsamen, beträchtlichen
Gestanks, siechen ans Nie –? Schaut doch, ich meine, pfui Teufel,
dass ihr alle in die Hölle kommt, und ihr mich auch. Dir zahl ich’s heim,
denen: später wohl.
Ich rücke mich noch grade, werd’s richten! Ohje, schon wieder heftig
ausgeprägtes Verlangen danach, zu dichten.
2021
Jürgen Rennert
(* 12. März 1943 in Berlin-Neukölln)
DAS ENDE DER GITARREN In memoriam Paul Wiens Für Hilde und Wytse Noordhof Die Aufrichtigkeit kennt ein Gebot: den Hunger. Der Hunger ist aufrichtig. Seine Ödeme, von allesverletzender Deutlichkeit, ersetzen die Metaphern in den Gedichten des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Sie werden — dafür vermenschliche ich mich! — reimlos sein. Und unausschreibbar. Die Entlastungsschrift für meine Existenz wird unauffindbar bleiben. Ich bin so hartbesaitet. Die Wirbel am Hals meiner Kultur, noch am Boden verhelfe ich ihr zu Resonanz, sind die Drehpunkte meiner logischen Exzesse. Ich kann nicht so tun, als könnte ich für nichts. Ich kann für alles, wovon ich weiß. Manchmal, nach der Liebe und nach dem Essen, nach dem reichlichen Trinken, kotze ich mich an. Es wäre gelogen, wenn ich sagte, daß ich das wollte.
Aus: Jürgen Rennert: Hoher Mond. Gedichte. Berlin: Union, 1983, S. 85
Karl Krolow
(* 11. März 1915 in Hannover; † 21. Juni 1999 in Darmstadt)
ENDE DES GEDICHTS Langsam durch Fleisch und Bein Steigt mein Gesicht, Wächst in die Nacht hinein Mit dem Gedicht. Schweiß frißt an meiner Haut, Da schon das Haar ergraut. Speichel des Kuckucks troff Mir in den Bart, Schmolz dunklen Erdenstoff Schmerzlos und zart. Wind hüllt’ mit Wohlgeruch Mich in sein Totentuch. Roter Melonenschlitz Klafft mir als Mund, Leuchtet wie ferner Blitz Aus feuchtem Grund, Öffnet sich schwerem Wort, Trägt’s als Entzücken fort. Fallen die Augen ein, Blind längst vom Trug, Bleib ich als Widerschein Dem All genug. Reim sank wie Taubenflaum Hin unterm Sternenbaum.
Aus: Karl Krolow: Heimsuchung. Berlin: Volk und Welt, 1948, S. 40
Joseph von Eichendorff
(* 10. März 1788 auf Schloss Lubowitz bei Ratibor, Oberschlesien; † 26. November 1857 in Neisse, Oberschlesien)
Die Geniale Lustig auf den Kopf, mein Liebchen, Stell' dich, in die Luft die Bein'! Heißa! ich will sein dein Bübchen, Heute Nacht soll Hochzeit sein! Wenn du Shakespear kannst vertragen, O du liebe Unschuld du! Wirst du mich wohl auch ertragen Und noch Jedermann dazu. –
Aus: Joseph von Eichendorff, Sämtliche Gedichte. Versepen. Hrsg. Hartwig Schultz. Frankfurt/Main: Deutscher Klassiker Verlag, 2006, S. 161
Umberto Saba
(* 9. März 1883 in Triest , Österreich-Ungarn ; † 25. August 1957 in Gorizia)
MEINE GEDICHTE Das liebe Karlchen sagte; »Ich seh schon, er muß sie wirklich machen.« Ich muß, so wie die Henne das Ei legt. Dies sagte mir einmal meine Tochter. (Damals war sie zehn oder elf.) Sie stellte sich vor, in ihrer verkleinerten Welt, ihren Vater in einen Käfig zu sperren. Wein und Speisen waren gut, das heißt vorzüglich. Dafür fischten ihre Mutter oder sie selbst zwischen den Stäben meine tägliche Arbeit in verschiedenen bunten und schönen fliegenden Blättern.
Deutsch von Gerhard Kofler, aus: Umberto Saba, Canzoniere. Gedichte italienisch/deutsch, übersetzt von Gerhard Kofler, Christa Pock und Peter Rosei. Nachwort von Peter Rosei. Stuttgart: Klett-Cotta, 1997, S. 205
LE MIE POESIE Il buon Carletto mi diceva: «Vedo che proprio dove farle ». Devo come la gallina fa l’uovo. Questo un giorno me lo disse mia figlia. (Aveva allora dieci undici anni.) Immaginava, con tutto il mondo in miniatura, chiudere suo padre in una gabbia. Il vino e i cibi erano buoni, anzi eccellenti. In cambio sua madre o lei tra le sbarre carpivano il mio lavoro d’ogni giorno in vari multicolori bei fogli volanti.
Das Gedicht in seinem Jahrzehnt heißt eine Berliner Veranstaltungsreihe. Ein bisschen unverständlicherweise fand die Veranstaltung Monate nach Aufhebung der meisten Maßnahmen immer noch ohne Publikum statt (im Berliner Haus der Poesie) – aber gut, so kann man in Greifswald oder Melbourne zuschauen. (Ab Mai wieder live, hieß es). Es wird.
Gregor Dotzauer moderierte Mara Genschel und Konstantin Ames, die Gedichte von Renate Rasp, Liesl Ujvary, Diane diPrima, Jean Daive, Ruth Wolf-Rehfeldt, Kathrin Schmidt, Amanda Steward, Ronald M. Schernikau, Barbara Köhler, Ulf Stolterfoht, Hannah Weiner, Gellu Naum, Anja Utler, Crauss, M. NourbeSe Philip und Sean Bonney vorstellten und diskutierten.
Hier daraus ein Gedicht (oder vielleicht eher eine Partitur für die Aufführung) der australischen Performerin Amanda Stewart. Der Text und die Aufführung der Autorin finden sich auf dem Portal lyrikline, der Text auch in deutscher und persischer Fassung. Man muss den Vortrag der Autorin hören, aber vielleicht kann man sich lesend drauf hinarbeiten, deshalb zuerst zwei der drei Fassungen und dann das Video.
Amanda Stewart
IT BECOMES: JULY 1981 IT'S OUTRAGE US. I MEAN WITH ALL THIS WITH ALL THIS I MEAN IT'S ALL THIS. O . IT'S JUST DISGUSTING. IT'S IT'S IT'S IT IS IT IS IT IS OFF THE AIR/INCREDIBLE/OFF/HORRIFIC/TYPICAL/ I MEAN IT'S AMAZING IT'S THATCHERFRAZERAEGUNRIGHTWINGWARWEDDINGREBELLION POLICECAPAFEUDALIS.M.ACHOMONOPOLEADERS WARNEWSCONTROLWARNEWSCONTROL. I MEAN I MEAN IT'S BECAUSE AND IT'S IT'S I MEAN IT IS. I MEAN AND IT IS IT IS IT IS IT IS IT IS IT'S IT'S IT'S IT'S IT. IT. IT. IT . IT
ES WIRD: JULI 1981 ES IST GREUL ICH+DU. ICH MEINE MIT ALLDEM MIT ALLDEM MEINE ICH ES IS ALL DAS. O . ES IS DOCH EKELHAFT. ES IS ES IS ES IS ES IST ES IST ES IST AUS DER LUFT/UNGLAUBLICH/AUS/GRAUENVOLL/TYPISCH/ ICH MEINE ES IS ERSTAUNLICH ES IS THATCHERFRAZEREAGANRECHTSEXTREMKRIEGEHEREBELLION POLIZEICAPAFEUDALISMU.S.CHAUVIMONOPOLFÜHRER KRIEGSBERICHTKONTROLLEKRIEGSBERICHTKONTROLLE. ICH MEINE ICH MEINE ES IS WEIL UND ES IS ES IS ICH MEINE ES IST. ICH MEINE UND ES IST ES IST ES IST ES IST ES IS ES IS ES IS ES. ES. ES. ES . ES Aus dem Englischen von Olaf Schenk. Unveröffentlichtes Manuskript.
Falls jemand das Video gezielt (Achtung, Metapher!) durchblättern möchte – immerhin ein Vorteil gegenüber der Veranstaltung vor Ort –, hier die Übersicht.
Renate Rasp (05:03), Liesl Ujvary (25:10), Diane diPrima (36:10), Jean Daive (52:30), Ruth Wolf-Rehfeldt (1:06:45), Kathrin Schmidt (1:20:34), Amanda Stewart (1:28:20), Ronald M. Schernikau (1:38:08), Barbara Köhler (1:46:20), Ulf Stolterfoht (1:54:00), Hannah Weiner (2:03:55), Gellu Naum (2:17:30), Anja Utler (2:27:10), Crauss. (2:39:05), M. NourbeSe Philip (2:50:30), Sean Bonney (3:02:15) // Bonusmaterial: Mara Genschel (3:14:10), Elías Knörr (3:17:15), Konstantin Ames (3:19:34)
Bulat Okudschawa
(russisch Булат Шалвович Окуджава, georgisch ბულატ ოკუჯავა; * 9. Mai 1924 in Moskau; † 12. Juni 1997 in Clamart, Frankreich)
Unterhaltung mit Charkow Ich liebe gigantische Städte Mit den Fersen in Häusern zu verschwinden Denn in diesen Häusern wohnen Romantiker Die das Leben selbst erfunden hat. Sie leben und blinzeln unter der Sonne Bekräftigen einfache Worte, Und sie entdecken ihre Straßen So wie man Inseln entdeckt Mit ihnen werde ich zum Kind Werde selbst zum Phantast Das weiße Hemd ziehe ich an im Juni Und eile zu ihren Vergnügungen Wo mit ihren Rädern leise schlurfend Kühl und ehrlich atmend Die finstre Mitternacht ohne Eile Durch das lauwarme Charkow zieht Wo das Segel der Parks sich geöffnet Mit seinen Wellen die Ufer wiegt Dort fließt und fließt die Sumskaja So weit und von so weit her Stellt Euch vor was für ein Anblick! Der Einzige auf diesem Erdenball, Die ganze um Mitternacht schlummernde Stadt Sich über etwas mit mir unterhält. Und meine Reisige und Risse Alles was schmerzte, alles was brannte Auf einmal in dieser Stadt eingetaucht Auf einmal geheilt und vergangen. O Charkow, Charkow, Deine Straßen, Sie sind so hell auch ohne Licht Mögen Deine Fußgänger — die Klugen Mir ihre Weisheit vermachen. Und mögest, alle Ärgernisse überwindend, Du selbst in mir zu sprechen beginnen... Deine mitternächtlichen Trolleybusse In der Stille schwimmen und schmelzen.
Aus dem Russischen von Dareg Zabarah, aus: Europa erlesen. Charkiw / Charkow. Hrsg. Dareg A. Zabarah. Klagenfurt: Wieser, 2018, S. 224f
Разговор с Харьковом Я города люблю громадины, До пят ушедшие в дома, А в тех домах живут романтики - Их жизнь придумала сама. Они живут, под солнцем жмурятся, Твердят обычные слова, И открывают свои улицы, Как открывают острова. Я с ними сам мальчишкой делаюсь, Сам фантазером становлюсь. Надев в июнь рубаху белую, На их гулянья тороплюсь, Где шинами нешумно шаркая, Прохладой правдашней дыша, Идет по Харькову нежаркая Густая полночь не спеша, Где парус парков распуская, Волной качая берега, Течет, течет, течет Сумская Так далеко издалека. Подумайте, какое зрелище! Единственный на шар земной, Весь этот город, в полночь дремлющий, О чем-то говорит со мной. И хворости мои, и горести, Все, что болело, все, что жгло, Вдруг потонуло в этом городе, Вдруг отболело и прошло. О Харьков, Харьков, твои улицы, Они ясны и без огня. Пусть пешеходы твои - умницы - Поучат мудрости меня. И пусть, отвергнув все нелепости, Ты сам заговоришь во мне... Твои полночные троллейбусы Плывут и тают в тишине. "




Ulrich Koch
DIESES GEDICHT wurde unter größten Sicherheitsvorkehrungen geschrieben, Altersfreigabe: ab 80 Jahre. Sein Arbeitstitel hieß einmal „Alarm! Zu den Tränen!“, aber dann kam der März. Alle Appelle an die Vögel, das Licht wieder auszuschalten, verhallen im Dunkel. Bald schlafen seine Vokale in zerbrochenen Eierschalen. Schon vergessen wir unsere Kosenamen, die wir uns im Winter gaben: Verlorener Schatten, Blonder Spann, Nieselnde Wasserleiche. Von unseren Körpern sollte nie wieder Einsamkeit ausgehen. Langsam zum Mitschreiben vergeht es. In seinen Fußstapfen richten sich die Buchstaben wieder auf. In immer blutigeren Wellen geht die Befriedung unserer Wünsche voran.
Aus: Ulrich Koch, Dies ist nur der Auszug aus einem viel kürzeren Text. Gedichte. Salzburg: Jung und Jung, 2021, S. 46
L&Poe Journal #03
Norbert Lange
Variationen: Die Freiheit der Übersetzer
Letzten Monat bin ich, über Rosmarie Waldrops schönes Buch über den französischen Dichter Edmond Jabès, gestolpert über ein Zitat von Maurice Blanchot über das Übersetzen: »Alle Übersetzer leben von der Differenz zwischen den Sprachen, jede Übersetzung beruht auf dieser Differenz, selbst dann, wenn sie das perverse Ziel hat, diese zu beseitigen.«
Ich musste gleich an den Turmbau zu Babel denken. Ich denke oft an den Turmbau zu Babel, wissen Sie, eigentlich nie, ohne ihn mir als großes Glück vorzustellen. Die Geschichte erzählt von der Hybris, sich über Gott erheben zu wollen. Dieser bestraft den Bauherren, den König Nimrod, indem er ihm eine Fliege durch eines seiner Nasenlöcher in den Kopf krabbeln lässt. Dort schwirrt sie für 40 Tage, verdirbt ihm den Verstand und er verstirbt. Der Turmbau wird von Nimrods Nachfolgern aber weitergeschrieben (weitergetrieben), so dass Gott, bevor die Spitze des Gebäudes an den Himmel stößt, das an dem Turm bauende Volk letztendlich mit der Sprachenverwirrung bestraft. Das hatte ganz praktische Gründe, denn keiner auf der Baustelle sollte sich noch über den Bau verständigen können. Nicht auszudenken, auf welche Strafen Gott noch gekommen wäre, hätte es zu diesem Zeitpunkt schon Menschen gegeben, die als Übersetzer arbeiten. Doch welchen Segen stellt diese Strafe Gottes dar? Immerhin wären Übersetzungen ohne Sprachenverwirrung wohl gar nicht oder nur bedingt denkbar.
Ökonomisch ist so eine Sprachenverwirrung bei einem solchen aufwendigen Projekt wie dem Turmbau eine Katastrophe. Man muss sich nur vorstellen, welche zusätzlichen Kosten etwa bei der Vorbereitung der Fußball-WM in Katar hinzukämen und welcher Katzenjammer entstünde, wenn plötzlich beim Stadionsbau keiner des anderen Sprache sprechen könnte und selbst die Dolmetscher auf den verschiedenen Ebenen der Bauhierarchie hilflos wären. Das mag bei einem 150 Milliarden Euro schweren Projekt im Wüstensand dann auch keine wesentliche Rolle mehr spielen. Und die FIFA würde sowieso zum Anpfiff blasen, solange die Zahlen stimmen. Tore lassen sich auch nach einer Sprachenverwirrung zählen und über die Spielregeln war man sich zuvor schon einig. Aber, sich nicht länger über Begriffe wie Fairness und Verhältnismäßigkeit unterhalten zu können, über moralische Werte, weil man die Worte dafür nicht mehr verstehen kann … Hätte man dann ein Problem?
Solche Dinge lassen sich – in einem gewissen Sinn – mit Händen und Füßen darlegen, doch die Teilnehmer einer solchen Pantomime müssen sehr viel Geduld aufbringen. Selbst, wenn sie strahlend einander anlächeln zum Schluss, sie werden nie mit Gewissheit sagen können, dass sie sich verstanden haben. Jemand könnte sein Leben lang versuchen, die Handlungsweisen eines Begriffs wie Liebe in Gesten und Gesichtsausdrücken zu vervollkommnen, damit sie seinem Umfeld anschaulich werden. Er hätte seinen Kindern von allerhand willkommenen und befremdenden Situationen zu erzählen, auf welche Weise auch immer. Und am Ende wäre nach wie vor unklar, wie sie das finden.
Dementgegen, wie langweilig wäre es, wenn hier unter uns jeder dieselben Wörter und damit exakt dasselbe sagen würde? Ich bin so politisch wie die meisten Dichter, meine Empörung ist eine an ein Hobby grenzende Gewohnheit. Doch wenn ich an eine Sprachenverwirrung denke, springt mein Katastrophenmodus nicht an. Ich stelle mir allenfalls eine Krise vor, und dass diese sich verschärfen kann, sobald der Anspruch aufkommt, jeder solle dieselbe Sprache sprechen. Diese Vorstellung würde gesellschaftlich wohl einiges vereinfachen, wenn auch nicht auf unbedingt demokratische Weise. Hier kommt gleich die nächste Frage: Was wird geschehen, wenn die Sprachenverwirrten sich einigen sollen, welche Sprache sie fortan sprechen wollen? Immerhin gibt es nur Sprachenverwirrte, sie können sich nicht oder bloß unter ständigen Missverständnissen verständigen. Um die Differenz zwischen ihnen beizulegen, ist jeder von ihnen auf seine Variante der Sprachenverwirrung angewiesen, als für ihn einzig richtiger Denkart. Im Mythos entfernen sie sich an voneinander entfernte Orte und gründen eigene Gesellschaften, aus denen Völker und Nationen entstehen, die dann später erst recht Probleme machen werden.
Wie gut, dass nicht jeder ein Spindoctor ist. Wenn jeder aber als Interessenvertreter der eigenen Sprachenverwirrung auftritt, muss man sich die Frage stellen, was Verstehen dann noch ist? Welchen Sinn hätte die Information einer Mitteilung noch, außer den, von allen nicht verstanden zu werden, doch verstanden werden zu wollen? Es ist ein naiver Gedanke, weil der Vorrang von Affekten vor Fakten schon mal in einen Verstehensfuror entgleiten und zum Verlangen eskalieren kann, anderen seinen Willen aufzuzwingen. Später werden Kapitole gestürmt und Menschen auf öffentlichen Plätzen eingepfercht. Wenn Verstehen darin gipfelt, sich gegenseitig für verrückt zu erklären und aufeinander loszugehen, müsste man nicht denken, dass Aussagen weniger Gewicht haben als die Handlungsweisen, zu denen sie führen? Man bräuchte auf jeden Fall eher psychologisch als übersetzerisch geschultes Personal, um die Interessenlage umzukehren und begreiflich zu machen, dass es bei einer Differenz weniger darauf ankommt, verstanden zu werden, als verstehen zu wollen.
»Wo Leben und Eigentum bedroht werden, hören alle Unterscheidungen auf.« Aber wieso nicht diesen von Staats wegen konvervativen Satz umdrehen und es darauf ankommen lassen? »Wo Unterscheidungen aufhören, werden Leben und Eigentum bedroht.« Wieso sollte man, um langsam von meiner Turmbau-Metapher herunterzusteigen, Interesse haben an einer möglichst geringen Differenz und nicht stattdessen etwa weitere ihrer Möglichkeiten und Varianten erforschen? Wohlgemerkt, es geht um Unterscheidungen und nicht um Unterschiede. Übersetzer merzen Unterschiede nicht einfach aus, sie geben ihnen einen Twist, einen Dreh, der nicht selten auch die Vorstellung einer Übersetzung betrifft und diese vom Übersetzten unterscheidet. Sie gewöhnen einen an Differenz – ohne gegenüber Unterschieden gleichgültig zu machen. Sie erfinden möglicherweise sogar neue Sprachen und Verständnisweisen. Dürfen die das? Ich weiß es nicht, habe aber eine Tendenz und schlage vor, uns bei Nimrod für den Turmbau zu bedanken. Man trifft ihn bei Dante im Inferno, wo er in einer Mischung aus Hebräisch, Latein, Ungarisch (und welchen Sprachen noch) sagt: »Raphèl mai amècche zabì alm.« Wie man es betonen soll und was immer das heißt …
Übrigens könnte Dante selbst als Übersetzer gearbeitet haben: Er soll den Rosenroman von Guillaume de Lorris und Jean de Meung, statt in paarweise gereimten Achtsilbern, übersetzt haben in Sonetten. Jorge Luis Borges ließ seinen Pierre Menard den Don Quijote Wort für Wort neu schreiben, ohne eine einzige Stelle des Originals zu ändern. Ezra Pound übertrug mithilfe Ernest Fenollosas Notizen chinesische Gedichte und brauchte davon für eine englische Übersetzung manchmal zwei. Achim Wagner wählte zentrale Stellen aus dem Gedicht eines türkischen Dichters und kombinierte sie in einer Textcollage solange, bis daraus ein neues Gedicht entstand, das der nachgedichtete Autor quasi selbst geschrieben hat. Der Dichter bpnichol las ein Gedicht von Guillaume Apollinaire und übersetzte es im Abstand von Tagen mehrmals aus dem Gedächtnis. Anne Carson übersetzte Fragmente des vergessenen Dichters Stesichorus und rekonstruierte aus ihnen ihre »Autobiography of Red«. James Macpherson hat das altgälische Epos Ossian gar aus seiner Phantasie übersetzt. Bpnichol hat später für sein »Translating Translating Apollinaire« kryptographische Methoden angewandt, um das Original noch weiter zu verschlüsseln und gewissermaßen als Objekt zu kartographieren. Susan Howe sammelte Marginalien in Büchern sowie archivarische Paraphernalien und schrieb mit ihnen über sie Gedichte und Essays. Meret Oppenheim variierte Zeilen und sogar die Namen von Hans Arp, Henri Michaux und anderen in Anagramm-Gedichten. Jackson Mac Low, Schüler von John Cage, benutzte Computerprogramme, um Werke anderer Autoren (Djuna Barnes, Gertrude Stein, Ezra Pound) als Quelltexte einzuspeisen und mit einem Wort oder Satz als Matrize die Variationen neuer Texte und ganze Bücher zu generieren. Christian Bök hat ein Gedicht geschrieben und es von Gentechnikern in das Genom eines Bakteriums eintragen lassen, welches das Gedicht mit jeder Generation in eine wachsende Variantenzahl verwandelt. Weniger Aufwand machten die Centos byzantinischer Gelehrter, die Zeilen Vergils und anderer antiker Dichter kompilierten. Trobadore wie Arnaut Daniel paraphrasierten ganze Ovid-Passagen für ihre eigenen Zwecke. Shakespeare wurde so oft variiert, dass er verwechselt werden könnte mit sich. Fernando Pessoa variierte sich selbst in Heteronymen, die im Streit lagen und ästhetische Debatten führten. Kent Johnson gab Gedichte des Hiroshimaüberlebenden Araki Yasusada heraus, die eine Debatte über literarische Fälschungen anstießen. Thomas Chatterton hingegen erfand einen dichtenden Mönch aus dem 15. Jahrhundert und löste einen Skandal aus, der ihn das Leben kostete. Armand Schwerner dachte sich Tontafeln aus, übersetzte sie und erfand gleich den passenden Kommentator dazu. Jack Spicer übersetzte mit seinem Freund Federico dessen bislang unbekannte Gedichte für »After Lorca«. Jerome Rothenberg wählte Substantive und Verben aus eigenen Lorca-Übersetzungen, um seine »Lorca-Variations« zu schreiben. Er hat auch Lieder amerikanischer Ureinwohner in konkreter Poesie oder Lautpoesie übersetzt, um ihren improvisatorischen und rituellen Charakter zu unterstreichen. Louis Zukofsky schrieb mit seiner Frau Celia zusammen Verse auf Englisch, die annähernd klangen wie Catulls Verse auf Latein. Ernst Jandl übersetzte mindestens ein Gedicht von William Wordsworth, indem er deutsch klingende Worte des englischen Originals aufschrieb. Peter Manson kam so zu »The English in Mallarmé«. Man nennt es homophone Übersetzung und niemand vielleicht ist darin konsequenter gewesen als David Melnick, dessen »Men in Aida« die griechische Ilias im wahrsten Sinne des Wortes in ein homo-phones Epos verwandelt: »Men in Aida, they appeal, eh? A day, O Achilles!« Mit phonetisch und orthographisch sich ähnelnden Worten, »Falschen Freunden«, die eine assoziative, mehrsprachige Vielfalt aufdecken, arbeitet Uljana Wolf. Für ihren Essay über die postkoloniale Poetik von Theresa Hak Kyung Cha übersetzte sie einige von Chas Gedichten, deren Identitäten zwischen mindestens drei Sprachen wechseln. Charles Bernstein spricht vom Homomphone Sublime. Er versteht Übersetzen als Weiter- und Umschreiben, Wreading sagt er dazu. Als lesendes Schreiben bzw. schreibendes Lesen lässt sich auch die Arbeit des Übersetzerkollektivs Versatorium verstehen, das etwa Texte Bernsteins auf viele spielerische Weisen ins Deutsche gebracht hat. Oskar Pastior ist immer sprachverspielt gewesen und hat etwa Baudelaires »Harmonie du soir« ausgefächert in »43 intonationen«. Mathias Traxler übersetzte Álvaro Seiças portugiesische Gedichte, mal mit einem Französisch-Wörterbuch, mal mit Vergils Aneis und einem Aufnahmegerät in Musikstücken und Sprechpartituren. Christian Hawkey sagt, er hat Trakl-Gedichte in mit Regenwasser gefüllten Einmachgläsern verrotten lassen, um sie danach zu übersetzen. Emmanuel Hocquard machte Übersetzungen von den Gedichten in Michael Palmers »Sun«, die dieser wiederum in Gedichte übersetzte, die Hocquard nun erneut zu übersetzen an der Reihe wäre, würde er noch leben. Doch das muss nichts heißen. William Butler Yeats hörte auf die Stimmen, die seine Frau als Medium kontaktierte, und übersetzte deren Äußerungen in Gedichte. James Merrill und sein Mann David Jackson benutzten für eine ähnliche Korrespondenz mit den Toten ein Ouija-Board. Auch, wenn es manchmal nicht danach aussieht, die Freiheit der Übersetzer ist grenzenlos.
Januar 2022
Brandneu aus der Nummer 100 des seit 1977 erscheinenden Magazins „Schreibheft“, vor dem ich den Hut zieh.
Marianne Fritz (geb. Frieß; * 14. Dezember 1948 in Weiz / Steiermark; † 1. Oktober 2007 in Wien)
HIERHER, AURA! (g)rollt naturgemäß der Donner. Das erhellende Licht ist l(eis)er, wo-möglich. leiser wie leer, eis wie leier, ei wie er, wo-möglichst
Aus: Fragmente aus: Fuge (e)s und Naturgemäß I, in: Schreibheft 100 / 2023, S. 148
Heute wäre der 85. Geburtstag des deutsch-sorbischen Dichters Kito Lorenc. Zum Anlass ein Gedicht aus einem Heft, das zum 65. Geburtstag 2003 beim verdienstvollen Verlag Ulrich Keicher erschien, herausgegeben von seinem Freund Manfred Peter Hein.
URWORTE dreier schreibender Vorruheständler im Goethejahr Ich blick’ in die Ferne, daß ich wen töte; im Busen brennt es — ich wurde kein Goethe. Sieh da! Sieh da, schon bin ich ein Killer, mein Los, es ist ähnlich: Ich wurde kein Schiller. Gedenkt, wenn ihr von unseren Morden sprecht auch meiner mit Nachsicht: Ich wurde kein Brecht
Aus: Kito Lorenc, Achtzehn Gedichte der Jahre 1990-2002.Auswahl von Manfred Peter Hein. Warmbronn: Keicher, 2003, S. 21
Adrian Kasnitz
14.06. [An diesem Bier heißt alles Köln] An diesem Bier heißt alles Köln an diesem Morgen heißen alle Verfickt n. m. an heißem Kaffee klebt deine Zunge an dieser Aussicht klebt dein Verstand an diesem Tag ist nichts zu gewinnen an diesem Verlust kannst dich lang’ erquicken an diesem Abend ist alles Bier an dieser Nacht heißt alles Du
Aus: Adrian Kasnitz: Kalendarium #6. Gedichte. Köln: parasitenpresse, 2020
Kurt Marti
(* 31. Januar 1921 in Bern; † 11. Februar 2017 ebenda)
wir müssen platz machen
hat er gesagt
platz für die jungen
es sind zu viele menschen
es ist zu wenig platz auf der welt
hat er gesagt
und jetzt
hat er platz gemacht
seine wohnung wird frei
sein parkplatz steht zur verfügung
bald fährt ein anderer seinen wagen
er steigt in keine tram mehr
fremde sitzen am mittagstisch seiner wirtschaft '
die rente kann zinstragend angelegt werden
ein neuer kunde findet beim zahnarzt zulaß
wir müssen platz machen
hat er gesagt
es ist zu wenig platz auf der welt
Aus: Poesiealbum 272: Kurt Marti. Auswahl von Helmut Braun. Grafik Martin Goppelsröder. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2022, S. 12
Moriz Seeler
(geboren 1. März 1896 in Greifenberg in Pommern; am 15. August 1942 in das Ghetto Riga deportiert und nach der Ankunft ermordet)
Grab eines Dichters Immer segeln Wolken, weiße Dschunken, Über diesem Grab und schimmern blank. Doch der Hügel ist schon eingesunken, Und das Kreuz steht schräg im Untergang. Niemand haust und wohnt in diesem Grabe, Und da west kein abgestorbner Rumpf. Der drin lag, flog fort und sitzt als Rabe Irgendwo auf einem Weidenstumpf. Stumm und schwarz und frierend blieb er hocken. Aber einmal wird er gräßlich schrein — Und dann stürzt der Bau der Welt erschrocken Wie ein Ankersteinbaukasten ein.
Aus: Versensporn 24. Moriz Seeler. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2016, S. 34
Mehr über den Dichter
Elfriede Jelinek
frühling
ein märzenhauch vom
knabenrot die
zunge schmeckt ein
himbeer traum
wer hackt den brunnen
wund und wund
und an dem mund
der kreidigrinne
nackenschweiß
ein zähnchen in den
finger sticht der
braut die
katze gelb und wund
erschreit
der knabe rot vom
giebel fliegt
am weißen halse
tiergelausch
sein saft läuft
taubenschenkel
lang
ein blasser nagel lieb
im frauen weiß
noch steckt
im talg
ein märzenhauch vom
knabenrot
Aus: Poesiealbum 370. Elfriede Jelinek. Auswahl Susanne Rettenwander. Grafik von Xenia Hausner. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2022, S. 30f. 32 Seiten, € 5.
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