Es schneit nicht mehr

Clemens Schittko

Nachruf auf eine Jahreszeit
(Berlin Version)

es schneit nicht mehr
kein Schnee fällt mehr nieder
es schneit nicht mehr 
und wenn es doch noch schneit, 
so bleibt der Schnee nicht liegen 
er schmilzt dahin, 
sobald er den Boden berührt 
doch wie gesagt:
es schneit nicht mehr 
kein Schnee fällt mehr nieder

Aus: Clemens Schittko, Artaud ist tot (XS-Verlag, Berlin 2022)

Das müssen wir verschweigen

Wassily Kandinsky

(russisch Василий Васильевич Кандинский; * 4. Dezember 1866 alten = 16. Dezember neuen Stils in Moskau; † 13. Dezember 1944 in Neuilly-sur-Seine, Frankreich)

DER RISS

Der kleine Mann wollte die Kette zerreißen und konnte natürlich nicht. Der große Mann zerriß sie ganz leicht. Der kleine Mann wollte sofort durchschlüpfen.
Der große Mann hielt ihn am Ärmel, beugte sich zu ihm und sagte leise in’s Ohr:
»das müssen wir verschweigen«. Und sie lachten beide von Herzen.

Aus: Wassily Kandinsky: Klange. digter 1912. Klänge. Gedichte 1912. Kopenhagen: Brøndum, 1989, S. 50

Versiegt ist die Quelle des Herzens

Wassyl Stus 

(ukrainisch Василь Семенович Стус, * 8. Januar 1938 in Rachniwka, Oblast Winnyzja; † 4. September 1985 im Straflager Kutschino, Oblast Perm – die Behörden nahmen sogar noch die Leiche in Haft.) 

      Verstummt ist die Quelle des Herzens.
      Der dunkle Brunnen trocken 
      und seicht. Schmerz durchzieht die Seele!
      Wie langsam schreitet die Zeit! 
 5   Ein Vogel flattert in hundert Richtungen umher –
      er kreist und kreist und zieht davon.
      Wen mag er suchen? Deinen Schrei, 
      dein Entsetzen, deinen Schmerz?
      Wo bist du nur, du Helles Wasser, 
10  in dem die stillen Sterne blinkten, 
      in dem die weißen Wolken 
      als Schatten glitten dahin?
      Verstumme Elend, Sehnsucht 
      halt ein. Denn versiegt 
15  ist die Quelle des Herzens.
      Der Brunnen ist seicht.
      Die Sprossen der Weide 
      wachsen schreiend 
      ganz heiß empor.

Deutsch von Deutsch von Anna-Halja Horbatsch, aus: Reich mir die steinerne Laute. Ukrainische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Deutsch-Ukrainische Edition Lyrik. Auswahl und Einführung Jurij Andruchowycz. Reichelsheim: Brodina, 1996, S. 67

Ущухло серця джерело.
Криниця тьмяна обміліла, 
І висхла. Як душа зболіла!
Як час ступає спроквола.
В сто летів розметався птах –
Покружеляє – кружеляє 
І відлетить. Кого шукає
Той птах – твій крик, твій біль, твій жах? 
Де ти єси, Ясна водо, 
де тихі зорі полоскались, 
Де білі хмари тінню брались.
Німій, бідо моя, жадо 
Моя, бо серця джерело 
вже обміліло. Обміліла 
Криниця. І верба пустила 
Гарячі брості – в крик. Зело.

Anmerkung zur Übersetzung: Vermutlich ist die Übersetzung etwas verblümter als das Original. Mein rudimentäres Ukrainisch sagt mir ungefähr, Kommentar zu einzelnen Stellen (Zeilenangaben nach der deutschen Fassung, die etwas länger als das Original ist): 1 Die Quelle des Herzens ist versiegt (die Formulierung kommt später wieder, 14f: denn die Quelle meines Herzens ist versiegt.). 3: Wie krank die Seele ist! 9: Wo bist du, Klares Wasser? (Adjektiv großgeschrieben – Zitat?) Mein Ukrainisch ist wirklich noch nicht gut genug, ich frage nur und kann mich leicht irren.

Zwanzig dreiundzwanzig

Hans Thill

Zwanzig dreiundzwanzig
 
Alles auf Drei, aber wörtlich, Primzahl, "Ach, das ist aqua",
der Fluß unter den Erscheinungen. Wie spricht man das?
Dreimännerwein. Kautabak. Groschen-Ohr. Drive-in.
Das Jahr, in dem noch keiner war. Traminer. Trimurti,
Trilce. Trriiil … ce
 
Twenty twenty-three
 
All on three, but literally, primeval number. "Oh, that's aqua".
River beneath appearances. How do you pronounce that?
Three-legged dribbler. Beggars-ear. Train hurry up. The year
that no one's been to yet. Trimurti, Trilce. Trriiil … ce
 
Vingt vingt-trois
 
Tout sur trois, mais littéralement, nombre prémédité.
"Ah, c'est aqua", fleuve sous les apparences. Comment le
prononce-t-on ? Mons Tabor. Dribbleur. Oreille quatre-sous.
L'année, personne n'est encore allé. Triolet, Trimurti,
Trilce. Trriiil ... ce

Das Älterwerden

Gerd Adloff

Kleiner chronologischer Ablauf meiner Verwirrungen

Die Welt
Das Trockenwerden
Schleife binden
Bruchrechnung
Turnübungen
Die Pubertät
Die höhere Mathematik
Kommandos beim Militär
Das Militär
Bestimmte Übungen aus dem Kamasutra
Bauanleitungen
Steuererklärungen
Rentenverläufe
Das Älterwerden
Die Welt


Aus: Gerd Adloff: Ist die Musik zu laut? mit Zeichnungen von Kay Voigtmann. Berlin: Corvinus Presse, 2022 (unpag.)

Editorial

L&Poe Journal #02-2022

L&Poe Journal ist ein (relativ, naja) neues Format der Lyrikzeitung. Nach etwa 16 Jahren mit vorwiegend Zeitungsnachrichten und Links und einigen Jahren als digitaler Anthologie deutscher und internationaler Gedichte (inzwischen weit über tausend) startete ich 2021 mit einer thematischen Ausgabe des Journals zum 150. Geburtstag von Christian Morgenstern (mit Konstantin Ames als Herausgeber). Damals veröffentlichten wir die 15 Beiträgen im Block, Echo und Klickzahlen blieben eher bescheiden. Es ist immer noch nachlesbar und hat lesenswerte Beiträge, aber das digitale Lesen ist noch in der Entwicklungsphase. Oft hört man, und auch nach Erscheinen hörten wir, dass lange Textbeiträge digital nicht funktionieren. Ich weiß nicht, ob es stimmt, ich selber lese Periodika (teilweise verfügbar) und Bücher (massenhaft verfügbar) extensiv digital. Aber mit Nummer 02 probierte ich ein neues Editionsformat. Über einen bestimmten Zeitraum veröffentliche ich Einzelbeiträge, die von einer Benutzeroberfläche zusammengefügt werden, Zeitschrift als work in progress. Geplant waren ein paar Monate, es wurde fast ein Jahr.

Irgendwann ist ein Ende. Journal #02 wird hiermit abgeschlossen. Als Textschwerpunkt gab es Gedichte von starken Frauen (Jayne-Ann Igel, Silke Peters, Mara Genschel, Kerstin Becker, Brigitte Struzyk, Odile Endres, Martina Hefter, Anna Hoffmann und Sophie Reyer). Das ist schon in sich eine kleine aber feine Anthologie. Im ersten Teil eines Dossiers stellte ich die Autorin und Künstlerin Angelika Janz vor. Der Überfall auf die Ukraine gab den traurigen Anlass für einen kleinen Schwerpunkt Ukraine (Wikyrtschak, Ames, Witte). Der Abschnitt Betrachtung und Kritik versammelt Beiträge von Dirk Skiba, Konstantin Ames, Bertram Reinecke, Michael Spyra und Karl-Heinz Borchardt zu so verschiedenen Themen wie Autorenporträts, Versgrammatik, Literaturbetrieb und einen Greifswalder Denkmalstreit. Kurz vor Redaktionsschluss gab noch der Tod des Lyrikkritikers Michael Braun einen traurigen Anlass.

Das Journal geht weiter. Unabgeschlossene Projekte (Literatrue in Zeiten des Wettbewerbs, die 2021er Debatte um Konstantin Ames und das Lesetagebuch zum Ulyssesroman) werden hier in Kürze fortgesetzt. Regionale Themen sollen einen festen Platz im Journal behalten. Schwerpunktthema der neuen Ausgabe wird sein: experimentelles Übersetzen. Danke für vergangenes und künftiges Lesen!

L&Poe Journal 2 (2022)

Editorial

Journal #02 wird hiermit abgeschlossen. Als Textschwerpunkt gab es Gedichte von starken Frauen (Jayne-Ann Igel, Silke Peters, Mara Genschel, Kerstin Becker, Brigitte Struzyk, Odile Endres, Martina Hefter, Anna Hoffmann und Sophie Reyer). Das ist schon in sich eine kleine aber feine Anthologie, die wie alles andere hierunter nachgelesen werden kann. Im ersten Teil eines Dossiers stelle ich die Autorin und Künstlerin Angelika Janz vor. Der Überfall auf die Ukraine gab den traurigen Anlass für einen kleinen Schwerpunkt Ukraine (Wikyrtschak, Ames, Witte). Der Abschnitt Betrachtung und Kritik versammelt Beiträge von Dirk Skiba, Konstantin Ames, Bertram Reinecke, Michael Spyra und Karl-Heinz Borchardt zu so verschiedenen Themen wie Autorenporträts, Versgrammatik, Literaturbetrieb und einen Greifswalder Denkmalstreit im 19. Jahrhundert. Kurz vor Redaktionsschluss gab noch der Tod des Lyrikkritikers Michael Braun einen traurigen Anlass. Mehr

UKRAINE | УКРАЇНА

Iryna Wikyrtschak

  • Du bist eine Dichterin, sagen sie
ich schreibe dieses gedicht nichtmal
in der sprache der opfer
obwohl ich sollte
denn sie sind es, die antworten suchen,
und ich bin es nicht, die sie kennt.

Konstantin Ames

  • Komm doch
Putin, wehrhafter als dt. Lyrik, die Kiew jetzt tapfer hält.
Pootin, du und ich, wir wissen es, dass du nichts hast.
  • Türlicht
Mariupol Mariupol sein lassen
Mund auf weit weiter : fehlt :
Wehrstachel wird sich einfinden

Georg Witte

  • Gastkommentar: Das ZWAR- und ABER-Spiel
ZWAR ist die Ukraine eine Nation, ABER keine richtige.
ZWAR ist die Ukraine europäisch, ABER nicht richtig.
ZWAR sind wir für territoriale Integrität, ABER die Krim ist doch eigentlich russisch.
ZWAR sind wir für Sanktionen, ABER wir schaden uns selbst.

NEUE TEXTE

Jayne-Ann Igel

  • Kerben
diese busfahrt mit mutter nach w., nächtliche fahrt mit lichtern, trügt mich 
die erinnerung oder hat sie im kurhaus übernachtet und mich tags darauf 
in einem bett hinterlassen, an dessen fußende
  • Fernersucht
das meer ist dort, wo immer du suchst, im überschreiten alter küstenverläufe, 
hier in der niemandslandbucht, steigst über kalk, der irgendeinmal muschelmund, 
  • Von schatten verlorene straßen alleen
Sind wir steinsmomente, die früchte uns eingetrieben, nur rum und 
rumgefahren um die langen bärte der vorfahren
  • Scherenschnitt
hier lief kein film, man traf sich stets zur selben stunde, mittags wie 
in der frühe, das hatte etwas von trotz, in der stablosen zelle –

Silke Peters

  • Frauentag
Frauentag. Schreiben verändert die Wahrnehmung, ist eine heftige Trance. Bilder 
verschmelzen bei über eintausend Grad im Lagerfeuer.

Mara Genschel

  • Ich weiß nicht
Ich weiß nicht.
Nachts schriebinne ich sie alle an.
Erst nachts stand, wie lieb ins Regal gestellt:
(ich/nichts Gebrauchte Kartons.)
Ich les nichts, Simone, und

Kerstin Becker

  • Flaum
der Brustkorb hob und senkte sich fiebrig schnell als
wär der Leibhaftige hinter ihr her, die Sonde quer
übers Gesicht
  • Minne
siehst du die Speckgürtel
und Ghettos um die Städte
Abriegelsystem humanus ich gehör
der Kaste Allerletzter an
  • Übung in Blindheit und Taubheit
fort hier kein Wort wir
suchen so lang schon
im Daumenlutschen Trost

Brigitte Struzyk

  • Cursdorf
Die Müllabfuhr heißt hier Ernst
Sie fährt vor den Wolken den Berg hoch
An den Wiesen vorbei
Vorbei an dem Duft von
Pestwurz und Augentrost
Ehrenpreis und Dost
  • Ach, altes Ach
Und geschwärzt hat sich schon
Alles Weiße im Wind
Kerzengrade wird Nacht
In den Schnee geweht
  • Schanzengraben
Wo sich die Wiesenseiten senkten
Dass jach ein Tal entstand mit alten Apfelbäumen
Den Hang hoch frühlings Veilchenwiesen
Und in den Weiden Kletternester
  • Steinbacher Stunden
Das große Fleisch wankt auf mich zu
Und wirft den Springinsfeld so hoch,
dass er die Schweine pfeifen hört
  • Für Anna Achmatowa
Es legen sich die vordiktierten Zeilen
Aufs reine Weiß.
bis alles schwebt-
  • Für H.
Kommt! Ins Offene!
Auf den Balkon!
Oder ans Fenster!
Legt Hand auf Hand!
Lasst sie gewaschen sein!
Klatscht in die Hände!
  • Friedliche Revolution
Und am  Neunten, am Abend,
kam von drei Worten ein Wind auf.
Die Blätter fielen, der Baum stand stramm,
ja, am Abend stürzte er um.

Martina Hefter

  • 2019
Die Karl-Heine-Straße ist eine breite, quirlige Straße.
Ich mach bei einem Kuchenbasar mit, Flohmarkt
im Westwerk. 
Ich kann das Sternbild Pegasus vom Sternbild Großer Wagen unterscheiden. 
Ich bin eine Roboter
man hat mich mit den Daten eines Sterns programmirt

Odile Endres

  • ausschnitte aus den traumtagebüchern vom rand der welt
barken in den traumkanälen, wunschgetrieben. parabelbögen, traumtänzer. 
über geweben aus schatten und glanz. vielfarbige glasblütendelirien
  • Fu-ku-shi-ma
fu-ku-shi-ma, poetryvideo von odile endres
  • Dichterinhaus
  • Aus der Sibylla-Serie
gleichgültig gegen den grauen greifswalder   
Himmel liebtest du die stadt & die fretowschen felder
Wälder das paradies in dem diana ritt zur jagd dort wo    
Amor seine pfeile schoss in deine glasreinen reime

Anna Hoffmann

  • Der Ophelia Club
an aller augen nagt hunger 
die potemkinsche jungfrau erscheint 
nicht pünktlich zum abendbrot 

Sophie Reyer

  • Ich bin ein Schrei aus dem Nebel. Neue Gedichte
Ich bin ein Schrei aus dem Nebel 
bin die die der Fremde spricht 
ganz ohne Nabel 
wo fange ich an

DOSSIER: ANGELIKA JANZ (1)

Delta

Sie will sich beobachtet fühlen. Sie bewegt sich gerne im Schnittpunkt der 
drei Fenster ihres Raumes. Sie spielt, als wolle sie etwas verbergen. 
Sie möchte Gegenstand einer Empörung werden, die die Bewohner 
aller gegenüberliegenden Häuser erfasst.

Fragmenttexte

Mit Verlaaaaubb
wirkmächtig heftig
Lügen die Menschen weil

Das Un

Unterwegs suchten wir
– erfüllt von der Lust zu überschreiben – 
andere Begleiter der Sprachbeherrschung

Sekunde

und während ich dies aufschreibe, läuft die graue Katze leise über die 
Tasten und verwirrt mein Geschriebenes, zärtlich und vorsichtig

Prosa, Haut

Wie du dichtest bist
du um den Stein gewunden wie
mir graut.

worte

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ALTER TEXT

Der Rabe

In den Anfängen im Jahr 2001 kürzte ich den Namen „Lyrikzeitung & Poetry News“ mit L&P ab. Der doppelte deutsch-englische Name sollte Programm für weltoffene und womöglich mehrsprachige Nachrichten sein, News auch schon mit dem Hintergedanken, der heute offen als Motto dient, der Definition von Ezra Pound: Poetry is news that stays news.

Irgendwann kam ich auf die Idee, das Kürzel zu erweitern: L&Poe. Natürlich dachte ich an den Dichter, dessen Namen erscheint, wenn man das Kürzel auf Englisch spricht: L`n Poe, Allan Poe. (Manchmal kürze ich auch LnPoe ab).

Und gewiß war auch der Kurzname programmatisch. War mir Poe anfangs „nur“ als Verfasser von Schauergeschichten bekannt, hatte ich mich langsam in seine Bedeutung für die Literatur der Moderne eingelesen. Insbesondere Baudelaire „entdeckte“ ihn für Frankreich und Europa. / Mehr dazu und zum Text von Edgar Allen Poe: Der Rabe

Niejohr

Wat is 'n Johr? En korten Schritt!
En Druppen, de in 't Weltmeer flütt!
Un doch is in em so väl Qual,
un so väl Freud' un Lust tomal!

BETRACHTUNG UND KRITIK

Zum Tod von Michael Braun

Man musste ihm nicht in allem zustimmen, aber seine Stimme wird fehlen, 
die Lücke ist nicht zu schließen. 
Statements von Paul-Henri Campbell | Andreas Heidtmann | Alexandru Bulucz | 
Carolin Callies | Dieter M. Gräf | Beate Tröger | Horst Samson | Volker Sielaff | Ulrich Koch | Hendrik Jackson hier

Dirk Skiba

„AUTHENTISCH LEHNE ICH AB!“
Dirk Skiba über seine Dichterporträts – Konstantin Ames sprach mit dem Fotografen am 19.07.2021

Konstantin Ames

Schreiben kann man angeblich auch nicht lernen, und doch gibt es 
Literaturinstitute im deutschsprachigen Raum. Und vielgelesene 
Alumni.  Und niemand weiß besser, was ein Verriss für Schreibende bedeutet, als 

Bertram Reinecke

Der Autor schreibt: "Der Fortsetzungsessay "Über Haltung und Versgrammatik" erläutert 
anhand von Aspekten der Grammatik und Syntax mein generatives Textverständnis. 
Ihm liegt die Beobachtung zugrunde, dass der deutliche Ausweis des Materialcharakters 
meiner Montagen stets aufs Neue LeserInnen verunsichert und von einer engagierten 
Lektüre abhält. Während die ersten Kapitel anhand von Streitfällen in der Bewertung 
von Interpretationen und Übersetzungslösungen zeigt, wie man Verständnis über Texte 
gewinnt, indem man sich fragt, wie wurde der erzielte Eindruck aus dem Arrangement 
des Materials gewonnen, rücken die hinteren Teile immer stärker die Frage ins 
Zentrum, wie ich aus den von mir verwendeten Materialien Texte erarbeite."
  1. Über Haltung und Versgrammatik
  2. Bei der Lektüre eines französischen Textes
  3. Versbau und Beliebigkeit
  4. Montieren: alte Verse vs. neue Verse

Michael Gratz

Rückblick auf die Debatte um einen Beitrag von Konstantin Ames: Grußwort zum Endebeginn des Lyrikbetriebs (2021)

  • 1. War da was
2021 gab es eine aufgeregte und wüste Debatte um einen Aufsatz von Konstantin Ames.
Aus dem zeitlichen Abstand versuche ich eine Neubesichtigung. 
War da was war was da da was war da war was was war da was da war.
  • 2. War was da
Ames‘ Thema ist institutionalisierte Elitenbildung. 
Ausgewählte Personen wählen andere nun auch ausgewählte aus. 
Offenbar gibt es eine Grundtendenz im Betrieb, die Zahlen klein zu halten. 
Wer sollte auch die Vielen alle lesen, kaufen, rezensieren und fördern?
  • 3. Da was war
Spätestens hier drängt sich mir der Gedanke auf, 
dass die fast geschlossene Abwehrhaltung der meisten 
an der „Debatte“ Beteiligten daher kam, 
dass eben zu viele sich mitgemeint fühlten. Zu Recht oder zu Unrecht.
  • 4. Da war was
Diese gewisse Fokusverschiebung soll aber im Rückblick nicht verdecken, dass hier 
nicht Personen angegriffen werden, sondern Strukturen. Wer würde sich offen 
gegen die Aufstellung klarer Regeln aussprechen? 
Prekäre Strukturen, über die es nicht weniger, sondern mehr Gesprächs bedarf. 
  • 5. Was war da
Sire, geben Sie Lyrikfreiheit!

Ames / Spyra

Ein Mailwechsel (Teil 1)

Name, Alter, Beruf und Vorerkrankungen: Literatrue in Zeiten des Wettbewerbs. Ein Mailwechsel

Karl-Heinz Borchardt

Greifswalder Universität entschied sich für Ernst Moritz Arndt. Greifswalder Denkmalstreit anno 1854

Hin und wieder sollten wir Autoren, über die wir sprechen, auch wieder lesen.

TABU

Wendetabu

Der Rumäne. Wenn man monatelang „Nieder mit dem Kommunismus“ gerufen hat, wundert man sich hier. Will nun ins Ausland gehen, weil es mit diesem Volk keinen Zweck hat.

Lesetabu 1: Spuren

Es sind Substantive, Verben, Adjektive und Adverbien, poetische Allerleiworte 
(Herbst, Wind, Geäst) sind dabei, aber auch sperrigere (Laubgardinen, Monatsraten, Tuerei, Geld).

Lesetabu 2: Ulysses

Der Roman ist, was mir beim Lesen passiert. Je mehr Abschweifen, umso mehr 
passiert. Nicht mehr wissen, sondern mehr erleben. Das ist der Plan.
Da hat der deutsche Übersetzer ein bisschen nachgeholfen. 
Mulligan beruft sich auf Swinburne, aber die Bilder der rotzgrünen See 
in der Farbe der irischen Dichter sind ganz sein eigen. 
Er ist kein verlässlicher Erzähler.
Ich mag die Parallele nicht ausreizen, nur die vage Idee, dass der Kapitelheld 
in Beziehung zu Stephen Dedalus gesetzt wird, die Gemeinsamkeit wäre der Konflikt 
mit der Mutter (die bei Homer den Freiern ausgesetzt ist / sie gewähren lässt). 
Eine Interpretation müsste dann hier ansetzen, aber im Moment brauche ich sie gar nicht.

Lesetabu Ulysses wird fortgesetzt im Januar 2021 (L&Poe Journal #03)

Editionstabu

Sibylla Schwarz-vorfassung 29-09-15.docx
ausgeschieden aus arbeitsfassung.docx
schwarz1 2.pdf
recovered new.pdf
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neuste-28-01 Kopie.docx
neuste-28-01 Kopie 2.docx
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War ich? War ich nicht?

Ivan Sviták 

(10. Oktober 1925 in Hranice na Moravě – 20. Oktober 1994 in Prag)

Die Erkennbarkeit der Welt

Wo ich war dort war ich nicht
Ich war also dort wo ich nicht war
Oder war ich dort wo ich war?
War ich? War ich nicht?
Ich bin wo ich bin
und werde sein wo ich sein werde
Wo ich bin werde ich nicht sein
Wo ich sein werde dort bin ich nicht
Werde ich hier sein werde ich nicht dort sein
und wenn ich nicht dort sein werde werde ich hier sein
Ich bin wo ich nicht bin und werde sein wo ich nicht sein werde
Wenn ich jedoch nicht bin wo ich nicht bin
werde ich nicht mehr dort sein wo ich sein werde
Wenn ich nicht dort sein werde wo ich nicht bin
werde ich dort sein wo ich bin
Doch wo bin ich?
Auf dem Weg zum Nichtsein
Und was werde ich sein?
Du wirst sein was du warst wenn du nicht warst

Aus dem Tschechischen von Paul Kruntorad, aus: Ivan Sviták, Unwissenschaftliche Anthropologie. Dialectica modo empirico demonstrata. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1972, S. 266

Tot

Jakob Haringer 

(* 16. März 1898 in Dresden; † 3. April 1948 in Zürich) 

Tot

Ist alles eins,
Was liegt daran,
Der hat sein Glück,
Der seinen Wahn.
Was liegt daran!
Ist alles eins,
Der fand sein Glück!
Und ich fand keins.

Aus: Jakob Haringer, Poesiealbum 373. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2022, S. 8

und revolutionen sind nicht mehr möglich

Henri Chopin 

(* 18. Juni 1922 bei Paris; † 3. Januar 2008 in Dereham, Norfolk) 

Heute vor 15 Jahren starb der französisch-britische visuelle und Klangkünstler Henri Chopin („poésie sonore“). Hier ein Schreibmaschinenpoem.

Chronique, Page 7, 1974
Originalmanuskriptseite aus: Collection OU, Nr. 5, Tinte und Letraset auf Papier

Rohübersetzung des französischen Texts (Annäherung, da der satzzeichenlose Text verschiedene Lesarten zulässt und man sich im Deutschen mehr festlegen muss).

und revolutionen sind nicht mehr möglich in einer zeit da sozialismen neo-traditionalisten sind und die Tradition nie existiert hat sie ist eine erfindung der gleichen ordnung wie gott die zeitalter löschen alles aus außer dem leben mit dem der tanz unerhört sein muss und die sterne pissen unaufhörlich vom himmel und sozialisten und kapitalisten lachen

Aus: Marvin und Ruth Sackner: Schreib/maschinen/kunst// München: Sieveking, 2015, S. 306

Petőfi 200

Sándor Petőfi 

Ungarisch Petőfi Sándor, slowakisch Alexander Petrovič, * 1. Januar 1823 , gestern vor 200 Jahren, in Kiskőrös als Sándor Petrovics; † (gefallen) 31. Juli 1849 bei Segesvár (Schäßburg, Sighișoara, heute in Rumänien).

Wer ich bin? Ich sag es nicht!

Kann nicht meinen Namen nennen;
keiner darf mich hier erkennen.
Wollt ich meinen Namen sagen,
knüpft man mich gleich auf am Kragen.

Hab, um dem zuvorzukommen,
nicht den Fokosch mitgenommen,
könnt nicht fliehn quer durch die Heide,
denn mein Pferd grast auf der Weide.

Ach, vom Wein brummt mir der Schädel!
Sollt ich dich verlassen, Mädel?
Nein, dann möcht ich lieber sterben!
Wein und Weib sind mein Verderben.

Doch warum mich jetzt schon sorgen?
Anders ist das alles morgen.
Sollt mich dann solch Schnapphahn fragen,
ha, Bescheid werd ich ihm sagen!

1843

Deutsch von Martin Remané, aus: Sándor Petőfi: Gedichte (Bibliothek der Weltliteratur). Berlin und Weimar: Aufbau, 1981, S. 21

KI VAGYOK ÉN? NEM MONDOM MEG... 
 
Ki vagyok én? nem mondom meg; 
Ha megmondom: rám ismernek. 
Pedig ha rám ismernének? 
Legalább is felkötnének. 
 
Nincs a fokos a kezemben, 
Hogyha kéne verekednem; 
Nyerges lovam messze legel, 
Nem t'ok futni, ha futni kell. 
 
Hogy is tudnék futni mostan? 
Mikor a fejem televan; 
Nem csak fejem, de szívem is - 
A bor meg a leány hamis. 
 
Ha elhagyom galambomat, 
Kialuszom mámoromat, 
S rajtam ütnek a hadnagyok: 
Majd megmondom, hogy ki vagyok! 
 
Pozson, 1843. május

Wir lagen in Wolhynien im Morast

Theodor Kramer 

(* 1. Januar 1897 in Niederhollabrunn, Österreich-Ungarn; † 3. April 1958 in Wien)

WIR LAGEN IN WOLHYNIEN IM MORAST . . .

Wir lagen in Wolhynien im Morast,
der mählich überging in schwarzen Sumpf,
seit Tagen eingegraben; grüner Glast
gab Blasen ab und strich aus Strunk und Stumpf.
Tief unter Wasser ging gedämpft der Schall
der Minenwerfer und Granaten auf,
und Wassersäulen warfen weißen Schwall,
vermengt mit Fasern und Getier, herauf.

Des Ulmenwalds, der hinter uns verzog,
ward jede Nacht ein Strich samt Stumpf und Stiel
gefällt; der schwarze Schein des Wassers trog
und die Geschütze schossen übers Ziel.
Die Stellung war fast sicher. Nur der Grund
stieg hoch und stieg uns feucht bis an die Knie;
wir stopften ihm mit Sand den schwarzen Schlund,
der wie ein Kind durch die Verschalung schrie.

Und durchs Gebälk stieg sacht, doch stet die Flut
und fraß den Sandsackwall. Von unsren Zeh'n
fiel schwarz das Fleisch, zu Kopf stieg uns das Blut;
kaum konnten wir die spitzen Reiter sehn.
Wir lagen ausgestreckt (daß das Gewicht
sich sehr verteile) dann noch stundenlang
und lauschten, bis sich hob das frühe Licht,
entspannt dem Wind, der in den Ulmen sang.

Aus: Poesiealbum 96: Theodor Kramer. Ausgewählt von Bernd Jentzsch. Berlin: Neues Leben, 1975, S. 8f

Ade, Frau Politik

Zum 275. Geburtstag von Gottfried August Bürger (* 31. Dezember 1747 in Molmerswende; † 8. Juni 1794 in Göttingen) vier politische Epigramme.

Mittel gegen den Hochmut der Großen

Viel Klagen hör ich oft erheben
Vom Hochmut, den der Große übt.
Der Großen Hochmut wird sich geben,
Wenn unsre Kriecherei sich gibt.
Entsagung der Politik

           	
Ade, Frau Politik! Sie mag sich fürbaß trollen:
Die Schrift-Zensur ist heutzutage scharf.
Was mancher Edle will, scheint er oft nicht zu sollen;
Dagegen, was er schreiben soll und darf,
Kann doch ein Edler oft nicht wollen.
Aus: Auf einen Zeitschriftsteller,
der wider Menschenrecht, Freiheit, Aufklärung,
große und edle Menschen etc. etc. etc. etc.
kopf-, herz- und geschmacklos schrieb.

Ich möchte lieber Raub und Mord
Auf meiner armen Seele haben,
Als heuchlerisch mit Einem Sklavenwort
Den Aberglauben und den Despotismus laben.
Prognostikon

Vor Feuersglut, vor Wassersnot
Mag sicher fort der Erdball rücken.
Wenn noch ein Untergang ihm droht,
So wird er in Papier ersticken.

Niejohr

L&Poe Journal #02/2022 – Alter Text

Otto Wobbe 

(* 10. April 1868 in Greifswald; † 9. Mai 1945 ebenda)

Otto Wobbe war ein Greifswalder Heimatforscher und Schriftsteller.

NIEJOHR

Wat is 'n Johr? En korten Schritt!                 J. Jahr k. kurzer
En Druppen, de in 't Weltmeer flütt!             D. Tropfen f. fließt
Un doch is in em so väl Qual,                       e. ihm v. viel
un so väl Freud' un Lust tomal!                   t. zumal
Un so väl Hoffnung, so väl Glück,                
un so väl Angst un Missgeschick!

Man blots en liesen Klockenschlag.           b. bloß l. leiser
von unsen Hergotts Arbeidsdag!
Un doch so vull von Mäuh un Not,              M. Müh
so vull von Läben un von Dod,
so vull von Leiw un Sickverstahn,               L. Liebe S. Sichverstehn
un ewig Utenannergahn!                              U. Auseinandergehn

Aus: Willy Passig: Sie sollten nicht vergessen sein. Plattdeutsches Dichterbuch für Pommern. Elmenhorst: Edition Pommern, 2016, S. 146

Flanzendörfer 60

So alt wäre Frank Lanzendörfer, der sich als Dichter flanzendörfer nannte, heute. Geboren am 30. Dezember 1962 in Dresden Söbrigen. Am 5. August 1988 nahm er sich das Leben.

& noch mal anfang:

dein brief ist angekommen. hinterläßt zwiespalt. sorum wie
andersrum lesbar. verborgene abspielungen? gewissen?
eben hingeschrieben dadurch schreck. nein zu sagen ist auch
ne fähigkeit. wenn das furchtbare gewöhnlich wird kanns
passieren das es zu ner betriebsblindheit kommt: das furchtbare
verschwindet scheinbar, aber immer auf kosten eigner substanz. (worum
gehts denn?) trivial. ausser unbehagen kann ich im moment nichts weiter
benennen (deinen brief betreffend).
deinen mantel habe ich mir geholt. falls dus schon weisst. schreib
mir bitte wann du urlaub hast, dann habe ich einen spätesten
termin wegen fotos muss ich erst mal mitm fotografen reden
schicke dir erstmal die, sobald ich die andren habe, die.
soweitsogut.

Aus: flanzendörfer: unmöglich es leben. texte bilder fotos. Zusammengestellt von Peter Böthig und Klaus Michael. Berlin: Janus press / BasisDruck, 1992, S. 76