Ihr Mund spricht

Ursula Krechel 

(* 4. Dezember 1947 in Trier)

Die Frau mit dem grausamen Mund

Die Frau mit dem grausamen Mund
durchmißt die Messe, mißt, wägt ab, handelt
trägt einen falschen Namen, der richtig ist
zwischen den Visitenkarten von Wölfen
fehlt ihre Karte, aber ihr Ruf bleibt.
Spricht sie, vergißt sich ihr Mund.
Die falschen Eröffnungen beweisen kein Ende
wo der Verdacht sitzt, bleibt die Koje geschlossen
die Frau mit dem grausamen Mund schweigt.
                                                  Ihr Mund spricht.

Aus: Luchterhand Jahrbuch der Lyrik 1984. Im Weltriß häuslich. Hrsg. Christoph Buchwald und Gregor Laschen. Darmstadt und Nneuwied: Luchterhand, 1984, S. 58

So einfach, dass es dir nicht gefallen wird

Salvador Espriu

(* 10. Juli 1913 in Santa Coloma de Farners; † 22. Februar 1985 in Barcelona)

SO EINFACH, DASS ES DIR NICHT GEFALLEN WIRD

Müde so vieler Verse, die nicht Gesellschaft leisten
— der rühmenswerten Verse von exzellenten Meistern —‚
müde der Staatsaktionen des splitternackten Kaisers,
der Jammerei des Windes, des alten Widersachers,
des eignen Überhebens, ohne Botschaft,
sag ich euch jetzt, mit unverbrämten Worten,
mit ganz spontanem Schrei, fern aller Künstlichkeit,
daß ich nichts will als stillstehn auf dem Weg,
ergeben zugetan der letzten Ungerechtigkeit,
und mich dann niederlegen für immer, ohne Kummer,
tot, auf der guten Erde.

Aus dem Katalanischen von Fritz Vogelgsang, aus: Salvador Espriu, Obra Poetica. Das lyrische Werk in drei Bänden. Katalanisch und Deutsch. Herausgegeben und übertragen von Fritz Vogelgsang. Zürich: Ammanm, 2007, S. 373

DE TAN SENZILL, NO T’AGRADARÀ

Cansat de tants de versos que no fan companyia
— els admirables versos de savis excel∙lents —,
i de mirar com passa l’emperador tot nu,
i del gran plany del vent, aquest vell adversari,
i de l’excés de mi, sense missatge,
ara us diré, amb paraules ben clares,
amb crit elemental, lluny d’artifici,
que vull només parar-me en el camí,
ja decantat amic de l’última injustícia,
i ajaçar-me per sempre, sense recança, mort,
damunt la bona terra.

Es ist verboten nicht zu träumen

Zum 120. Geburtstag des französischen Schriftstellers Raymond Queneau, der vor allem als Oulipot bekannt wurde (Stilübungen; Zazie in der Metro; Hunderttausend Milliarden Gedichte) ein Auszug aus seinem surrealistischen Frühwerk.

Raymond Queneau 

(* 21. Februar 1903 in Le Havre; † 25. Oktober 1976 in Neuilly-sur-Seine bei Paris) 

Aus: Elfenbeintour*

(...)
Das Gerippe dieser Monstren eingestürzt 
Aus seinem Staub entfliehen goldene Vögel
Freude der Federn Schnelligkeit der Flügel 
Schleppe aus Juwelen die den Augen Verliebter entfliehen 
Exaltierte Flammen durchsichtige Nacken 
Brüste der Sanftheit Sternentorsos 
Wachsame Wächter des schmeichelnden Morgenrots 
Des kristallinen Morgenrots des immer­währenden Morgenrots 
Panther mit blauem Fell 
Die Liebe entsteht aus den Begegnungen
      eine Krake frißt den Regenbogen 
Ein parfümiertes Käuzchen schützt mit seinem Flügel 
Die ironischen Gespenster und die Freunde des Verbrechens 
Die geschwärzten Abhänge der Pflicht
      zerbröckeln beim Beben der Müdigkeit 
Noch einmal hat sich die Dämmerung in der Nacht verloren 
Nachdem sie auf die Wände geschrieben hat 
      ES IST VERBOTEN 
      NICHT ZU TRÄUMEN

In »La Revolution Surrealiste«, Nr. 9/10, Okt. 1927 

Deutsch von Eugen Helmlé, aus: Das surrealistische Gedicht. Hrsg. Heribert Becker, Édouard Jaguer und Petr Král. 3. korr. ju. erw. Aufl. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 2000, S. 1108

(*) Im Original Wortspiel: Le Tour de l´Ivoire heißt Die Elfenbeintour und spielt auf den Elfenbeinturm (Tour d’ivoire) an.

Hier gibt es eine englische Übersetzung des kompletten Texts. Hier die Doppelseite der Originalpublikation von 1927:

Hüte dich, bleib‘ wach und munter!

Joseph von Eichendorff 

(* 10. März 1788 auf Schloss Lubowitz bei Ratibor, Oberschlesien; † 26. November 1857 in Neisse, Oberschlesien)

Zwielicht

Dämmrung will die Flügel spreiten,
Schaurig rühren sich die Bäume,
Wolken zieh’n wie schwere Träume –
Was will dieses Grau'n bedeuten?

Hast ein Reh du, lieb vor andern,
Laß es nicht alleine grasen,
Jäger zieh'n im Wald' und blasen,
Stimmen hin und wieder wandern.

Hast du einen Freund hienieden,
Trau' ihm nicht zu dieser Stunde,
Freundlich wohl mit Aug' und Munde,
Sinnt er Krieg im tück'schen Frieden.

Was heut müde gehet unter,
Hebt sich morgen neugeboren,
Manches bleibt in Nacht verloren –
Hüte dich, bleib' wach und munter!

Aus: Eichendorff, Novellen und Gedichte. Ausgewählt und eingeleitet von Hermann Hesse. Frankfurt/Main: Insel, 1984, S. 247

Haltet die Formen rein, sagt der Zeitungskritiker

Thomas Brasch 

(* 19. Februar 1945 in Westow, North Yorkshire; † 3. November 2001 in Berlin) 

CHLEBNIKOW 1

Neben den Werkhallen stehen die Drehbänke auf dem Schrottplatz. Am Fenster die Losung: Automaten treten zur Arbeit an. Aber eine Schreibmaschine bleibt eine Schreibmaschine, sagt der Dichter R. Mit Maschine oder Federkiel nur: Literatur bleibt Literatur. Haltet die Formen rein, sagt der Zeitungskritiker F. auf der Schaukel, ein Gedicht ist ein Gedicht ist keine Erzählung ist kein Theaterstück. In den Werkhallen laufen die Bänder: Lucie fräst, Artur dreht, Kollendt bohrt: Montage. Was ist über den Mann dort zu sagen. Der Wind geht ihm schon auf die Knochen (das Ende der Kälte wird seit 40 Jahren verkündet), aber er wahrt Haltung: Auch nackt bin ich kein anderer Mann. Der alte Mantel ist hin, ein neuer nicht zu haben. Eine neue Haltung ist nicht zu haben, also bleiben wir bei der alten, wahren die Form (ein Gedicht ist ein Gedicht) und der Wind geht bis auf die Knochen. Die klappern wie die alten Reime.

Aus: Thomas Brasch, „Die nennen das Schrei“. Gesammelte Gedichte. Hrsg. Martina Hanf und Kristin Schulz. Berlin: Suhrkamp, 2013, S. 80

Ja was heißt Verständnis?

Zum 85. Geburtstag von Elke Erb ein Stück aktueller Lektüre

Aus: Ich bin in Straßburg geboren
Notizen zu Arp

Aus: Elke Erb. Poet’s Corner 3. Berlin: Unabhängige Verlagsbuchhandlung Ackerstraße, S. 14 / 18

„Und Mordlust jauchzt zum Himmel überall“

Ein Kriegslied des chinesischen Dichters Li Bai (Li-Tai-Po) (701-762)

DER NORDFELDZUG

Im sand'gen Nordland lagert Feindesmacht,
Die Silbersterne kreisen, hell entfacht.

Wie Schreckensblitze trifft Eilkunde ein,
Am Tag selbst lodert Feuerzeichenschein.

Der Bambustiger soll die Grenze retten,
Kriegswagen fahren aus in langen Ketten.

Nicht auf der Matte ruht der Feldherr mehr,
Wallenden Herzens faßt er seine Wehr.

Des Führers Wagen rollt im Kriegerhauf,
Stolz von dem Schlachtfeld wehn die Banner auf.

Die Wüste Gobi dröhnt vom Waffenschall,
Und Mordlust jauchzt zum Himmel überall.

Ein Flügel hält am Scharlachberge Lauer,
Ein andrer sperrt die rote Große Mauer.

Der Winter kommt, Sandstürme brausen jetzt,
Fahnen und Banner flattern schlaff, zerfetzt.

Trüb schallt im Mondlicht Hornruf übern See,
Am Kleid der Krieger hängt der Reif wie Schnee.

Fürst Lou-lans Haupt doch ist dem Schwert verfallen,
Dem Pfeile seine trefflichsten Vasallen.

Und andre der Barbarenchane wieder
Fliehen in Angst und stürzen flüchtend nieder.

Dem Kaiser meldet man das Siegesglück,
Und singend geht es nach Hien-jang zurück.

Deutsch von Otto Hauser, aus: Li-Tai-Po. Gedichte aus dem Chinesischen. Berlin: Duncker, 1911, S. 24

Ach, Natur!

Juan Ramón Jiménez 

(* 24. Dezember 1881 in Moguer, Andalusien; † 29. Mai 1958 in San Juan, Puerto Rico)

ACH, NATUR, wer doch
aufheben könnte deinen großen nackten Leib,
wie die Steine, die wir als Kinder aufhoben,
und darunter fände
dein Geheimnis, klein und unendlich!

Aus dem Spanischen von Fritz Vogelgsang, aus: Juán Ramón Jiménez: Stein und Himmel. Piedra y cielo. Gedichte. Spanisch und Deutsch. Stuttgart: Klett-Cotta, S. 44f.

¡QUIÉN, quién, naturaleza,
levantando tu gran cuerpo desnudo,
como las piedras, cuando niños,
se encontrara debajo
tu secreto pequeño e infinito!

draußen die ringelblumen

Theo Breuer

                                Sei gefühllos!
                                Johann Wolfgang Goethe ∙ Dritte Ode

draußen die ringelblumen

drinnen das brausausen das schwindeln
geneigte geschöpfe ∙ gleichmütig ∙ gelassen — nicht

schwer, langweilig ist mir mein zeit
und neuerlich fieses schwindsaubrauseln

ist das die hälfte ich lebe taumle — schwe — — —
baumle

ich träuschäume ∙ bäume
mich auf ∙ denke wörter wie wunderbar

(c. fallenstein aus wien) —
draußen die ringelblumen

im nebel das gras das gras
und die tropfen die

tropfen

Aus: Das fröhliche Wohnzimmer. Zeitschrift für unbrauchbare Texte und Bilder (Wien) 45 / 2012

Mitten in einem Vers

Rainer Malkowski 

(* 26. Dezember 1939 in Berlin-Tempelhof; † 1. September 2003 in Brannenburg) 

Mitten in einen Vers

Mitten in einen Vers
über die Vergeblichkeit menschlicher Beziehungen
klingelt das Telefon.
Sollen wir kommen? fragen die Freunde.
Ja‚ rufe ich erleichtert, ja!
Und der Vers bleibt auf dem Schreibtisch liegen,
wo er eine Weile verstaubt.

Aus: Lyrik für Leser. Deutsche Gedichte der siebziger Jahre. Stuttgart: Reclam, 1986, S. 59

Da haben wir also doch wieder einen Fehler gemacht

Vergangenes Jahr starb Friedrich Christian Delius im Alter von 79 Jahren. Heute wäre sein 80. Geburtstag. Dazu ein Gedicht aus den 60er Jahren vorigen Jahrhunderts.

Friedrich Christian Delius 

(* 13. Februar 1943 in Rom; † 30. Mai 2022 in Berlin)

Armes Schwein

Um zwei Uhr nachts stürmten wir das Haus
des namhaften Kritikers. Der saß noch bei der Arbeit,
sprang sofort erleichtert auf und
nahm die Arme hoch. Sah zu, zufrieden
spielte er Entrüstung, als wir seine Bücher
in die Wäschekörbe packten, faßte aber nicht
mit an. Wir dachten an seinen bekannten
Enthusiasmus für >La Chinoise<‚ ließen ihm also
Majakowskij und Brecht. Schon holte er Wein
aus dem Keller. Als wir die Schallplatten
wegnahmen, sagte er bloß, er wolle von Beethoven
sowieso nichts mehr wissen, bestand aber plötzlich
auf Albert Ayler. Wir stimmten ab, ja der
sollte ihm bleiben. Wir tanzten mit seiner Frau.
Sie lud uns in die Küche, manierlich aßen wir
die Delikatessen auf. Er wollte uns dann
mit Whisky halten. Es wurde hell, wir schleppten
das Zeug endlich raus, da bot er uns das Du an.
Das, fanden wir, ging zu weit.
Da haben wir also doch wieder einen Fehler gemacht.

Aus: Deutsche Gedichte der sechziger Jahre. Gesammelt und eingeleitet von Heinz Piontek. Stuttgart: Reclam, 1984, S. 228

Kussgedicht

Franz Grillparzer 

(* 15. Januar 1791 in Wien; † 21. Januar 1872 ebenda)

KUSS

Auf die Hände küßt die Achtung
Freundschaft auf die offne Stirn‚
Auf die Wange Wohlgefallen,
Selge Liebe auf den Mund; 
Aufs geschloßne Aug die Sehnsucht
In die hohle Hand Verlangen,
Arm und Nacken die Begierde;
Übrall sonst hin Raserei!

Aus: Deutsche Liebesdichtung aus acht Jahrhunderten. Hrsg. Friedhelm Kemp. Zürich: Manesse, 2002, S. 553

Ich will nicht

Jürgen Landt

 (* 1957 in Loitz, Kreis Demmin, lebt in Greifswald)

Landt wurde 1983 aus der DDR ausgebürgert und übersiedelte nach Hamburg.

Über den Roman „Sonnenküsser“ schrieb Mathias Schnitzler in der Berliner Zeitung:

Dieser Roman ist maßlos‚ roh, brutal.

Er ist wahrhaftig. Und er ist gut. Eine derartig getriebene, aggressionsgeladene und vor Kraft strotzende Darstellung des DDR—Alltags hat es noch nicht gegeben. Verglichen mit Landt schrieb Plenzdorf zahnlos, schreibt Clemens Meyer zahm wie ein Internatszögling.

Will man Uwe Tellkamps Turm samt seiner Darstellung der späten DDR wie gewünscht mit dem Wilhelm Meister in Beziehung setzen, so fände Landts Roman eine Entsprechung im Anton Reiser von Karl Philipp Moritz. Der Sonnenküsser beschreibt die DDR von ganz unten, aus der realen Unterschicht des existierenden Sozialismus. Landt erzählt nicht vom mehr oder weniger angepassten Bildungsbürgertum und auch nicht von politischer Opposition. Sein Coming-of-age—Roman handelt von willkürlicher Züchtigung und Zerstörung eines Jugendlichen durch die Familie, die Gesellschaft, den Staat.

Berliner Zeitung 8.7.2009

Was fürs Gefühl

Zum 125. Geburtstag von Bertolt Brecht ein Gedicht des jungen Dichters zusammen mit einer vom Dichter verfassten Gebrauchsanleitung.

Das Buch heißt Hauspostille. Es besteht aus fünf Lektionen und einem Schluss. Die erste Lektion trägt den Titel Bittgänge, sie besteht aus 9 Kapiteln (9 Gedichten). Hier Brechts Gebrauchsanleitung für diese Lektion.

Diese Hauspostille ist für den Gebrauch der Leser bestimmt. Sie soll nicht sinnlos hineingefressen werden.

Die erste Lektion (Bıttgänge) wendet sich direkt an das Gefühl des Lesers. Es empfiehlt sich, nicht zuviel davon auf einmal zu lesen. Auch sollten nur ganz gesunde Leute von dieser für die Gefühle bestimmten Lektion Gebrauch machen. Der in Kapitel 2 erwähnte Apfelböck, geboren zu München 1906, wurde 1919 durch einen von ihm an seinen Eltern begangenen Mord bekannt. Die in Kapitel 3 gezeichnete Marie Farrar, ein Jahr vorher wie der in Kapitel 2 erwähnte Apfelböck zu Augsburg am Lech geboren, kam vor Gericht wegen Kindesmordes in dem zarten Alter von 16 Jahren. Diese Farrar erregte das Gemüt des Gerichtshofes durch ihre Unschuld und menschliche Unempfindlichkeit. Der in Kapitel 9 erwähnte François Villon machte sich einen Namen durch einen Raubmordversuch und einige (wahrscheinlich obszöne) Gedichte.

Hier das 9. Kapitel.

Vom François Villon

1
François Villon war armer Leute Kind
Ihm schaukelte die Wiege kühler Föhn
Von seiner Jugend unter Schnee und Wind
War nur der freie Himmel drüber schön.
François Villon, den nie ein Bett bedeckte
Fand früh und leicht, daß kühler Wind ihm schmeckte.

2
Der Füße Bluten und des Steißes Beißen
Lehrt ihn, daß Steine spitzer sind als Felsen.
Er lernte früh den Stein auf andre schmeißen
Und sich auf andrer Leute Häuten wälzen.
Und wenn er sich nach seiner Decke streckte:
So fand er früh und leicht, daß ihm das Strecken schmeckte.

3
Er konnte nicht an Gottes Tischen zechen
Und aus dem Himmel floß ihm niemals Segen.
Er mußte Menschen mit dem Messer stechen
Und seinen Hals so in die Schlinge legen.
Drum lud er ein, daß man am Arsch ihn leckte
Wenn er beim Fressen war und es ihm schmeckte.

4
Ihm winkte nicht des Himmels süßer Lohn
Die Polizei brach früh der Seele Stolz
Und doch war dieser auch ein Gottessohn. –
Ist er durch Wind und Regen lang geflohn
Winkt ganz am End zum Lohn ein Marterholz.

5
François Villon starb auf der Flucht vorm Loch
Vor sie ihn fingen, schnell, im Strauch, aus List –
Doch seine freche Seele lebt wohl noch
Lang wie dies Liedlein, das unsterblich ist.
Als er die Viere streckte und verreckte
Da fand er spät und schwer, daß ihm dies Strecken schmeckte.

Aus: Bertolt Brecht: Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Bd. 11: Gedichte I. Sammlungen 1918-1938. Bearbeitet von Jan Knopf und Gabriele Knopf. Frankfurt am Main: Suhrkamp und Berlin:Aufbau, 1988, S. 55f.

Kind

Sylvia Plath

(* 27. Oktober 1932 in Jamaica Plain bei Boston, Massachusetts; † 11. Februar 1963 in Primrose Hill, London)

Kind

Dein klares Auge ist das einzig vollkommen Schöne.
Ich möchte es mit Farben füllen und Enten,
Dem Zoo des Neuen,

Über dessen Namen du nachsinnst —
April-Schneeglöckchen,* lndianerpfeife,**
Kleiner

Halm ohne Knitterfalte,
Teich, in dem Bilder
Groß und klassisch sein sollten,

Nicht dieses bange
Ringen von Händen, diese dunkle
Zimmerdecke ohne Stern.

Deutsch von Judith Zander, aus: Sylvia Plath, Das Herz steht nicht still. Späte Gedichte 1960-1963. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg., aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort von Judith Zander. Berlin: Suhrkamp, 2022, S. 185

*) Zwar existiert keine Schneeglöckchenart mit diesem Namen, jedoch ist das vierte Charakterstück in Pjotr Tschaikowskis op. 37a, Die Jahreszeiten, (in der englischen Übersetzung) betitelt mit April. Snowdrop.

**) Einer der Trivialnamen von Monotropa uniflora, wegen ihres chrlorophyllfreien, wachsweißen Erscheinungsbildes auch Ghost Plant (Geisterpflanze) oder Corpse Plant (Leichenpflanze) genannt.

(Worterklärungen aus dem zitierten Band)

Child

Your clear eye is the one absolutely beautiful thing
I want to fill it with colour and ducks,
The zoo of the new

Whose names you meditate —
April snowdrop, Indian pipe,
Little

Stalk without wrinkle,
Pool in which images
Should be grand and classical

Not this troublous
Wringing of hands, this dark
Ceiling without a star.

Ebd. S. 184