107. Bericht aus Solothurn

Erfrischend an diesem seltsamen Abend waren allein die Musiker: Der Lyriker Raphael Urweider improvisierte am Flügel, und der junge Slam-Poet Kilian Ziegler brachte in seiner Elegie über die Not des eigenen Gewerbes die Worte zum Tanzen – und das Publikum einschliesslich Peter Bichsels ins Schwärmen. Überhaupt die Musik: Was wären die diesjährigen Literaturtage grau gewesen ohne die Virtuosen der Klänge, seien sie im Mundraum oder im Hallraum der Instrumente entstanden. Die Jazzcombo Kobal verband hitzige Riffs mit den Wallungen der Liebeslyrik von Nicolai Kobus; die Frauengruppe Tittanic wiederum inszenierte ein hinreissendes Wechselspiel zwischen Wortwitz und Musik, das treffsicher und pointenschlau unter jede Gürtellinie zielte.

Mitunter haben die Poeten unter den Schriftstellern in diesem Jahr die stärksten Akzente gesetzt – nüchterner zwar als Jaccottets Gesänge, aber mit nicht weniger Emphase. In einem schönen lyrischen Zwiegespräch warfen sich Donata Berra und Aurelio Buletti die Wortbälle zu: die in Bern lebende Mailänderin in zauberhaften Vokal- und Konsonantenkaskaden, der Luganeser Dichter mit spielerisch in Wortbilder verwandelten Reminiszenzen aus dem Alltagsleben. / Roman Bucheli, NZZ 18.5.

106. Mystik für Anfänger

Eines seiner Gedichte ist ein langer, mäandernder Satz: der Titel eines Buches, in dem ein deutscher Tourist gerade liest, wird  heraufbeschworen, „Mystik für Anfänger“. Zagajewski dreht und wendet diese drei Worte, ironisiert sie und entdeckt dabei ihren Sinn neu. Bei allem, was jetzt, im Augenblick des Gedichts, um ihn herum zu sehen, zu hören und zu empfinden ist, so der Dichter, könnte es sich um Erscheinungsformen einer „Mystik für Anfänger“ handeln. Mystik für Anfänger: die Schwalben über den Dächern von Montepulciano, die Gespräche der Emigranten, die Konturen mittelalterlicher Häuser, aber auch die Nachtigall und „die Reisen, alle Reisen… ein Einführungslehrgang, Prolegomena / zum Examen, das verschoben wurde / auf später.“ / Volker Sielaff, Dresdner Neueste Nachrichten 22.5.

Adam Zagajewski ist am 27. Mai, 20 Uhr, in der Reihe „Literarische Alphabete“ des Literaturforum Dresden im Deutschen Hygiene-Museum zu Gast

105. Hebräische Dichtung in Israel heute

Das poesiefestival berlin präsentiert am 10. Juni 2010 zeitgenössische Dichtung Israels.

Dichtung auf Hebräisch hat eine Jahrtausende alte Tradition – aber Ende des 19. Jhs. wurde diese Sprache radikal erneuert, später auch ihre Dichtung. Das poesiefestival berlin zeigt am 10. Juni 2010 in der Akademie der Künste fünf verschiedene poetische Wege, wie zeitgenössische Dichter Israels mit dieser sowohl alten als auch jungen Sprache umgehen. Mit dabei sind die Lautpoetin Anat Pick, die Singer-Songwriterin Rona Kenan sowie die Lyriker Chedwa Harechawi, Amir Or und Shimon Adaf.

Anat Pick arbeitet an den Grenzen der Sprache und verwendet poetische Texte als Material für ihre Performances. Sie benutzt die Phonetik sowohl von westlichen als auch von östlichen Sprachen für ihre sehr körperbezogenen Performancen.

Amir Or experimentiert in seiner Poesie mit Dialekten des Hebräischen. Er bezieht sich dabei immer wieder auf die Tradition, sowohl auf jüdische Gebetsbücher als auch auf griechische Mythen. Einflüsse und Stilmittel der Popkultur verarbeitet hingegen der Dichter, Liedtexter und Rockmusiker Shimon Adaf. Für ihre visionären, fast obsessiven Werke ist für Chedwa Harechawi die Sprache nicht genug. Neben ihrer Arbeit als Dichterin ist sie auch Malerin.

Andere Wege geht die junge Singer-Songwriterin  Rona Kenan; Sie hat sich der Gedichte von Lea Goldberg, Yona Wallach u.a. angenommen und sie vertont. Sie beschließt den Abend mit einem Konzert.

Das poesiefestival berlin findet vom 4. – 12. Juni 2010 statt. Der diesjährige Fokus liegt auf dem Mittelmeer.

Das poesiefestival berlin wird gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds und findet statt in Kooperation mit der Akademie der Künste.

Mit freundlicher Unterstützung der MARITIM Hotels Berlin.

Do 10 Juni 2010, 22.00 Uhr

Poetische Zone Israel

Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin
Mit: Shimon Adaf, Chedwa Harechawi, Amir Or und Anat Pick
In Konzert: Rona Kenan und Eran Weits
Moderation: Katharina Hacker (Autorin, Berlin)

Do 10. Juni 2010, 18.30 Uhr

Poesiegespräch: Schreiben in Israel

Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin
Mit: Amir Or und Shimon Adaf
Moderation: Katharina Hacker (Autorin, Berlin)

104. Die Sonne umarmen

Matinee im Freien Werkstatt-Theater Zugweg. In der Reihe „Die Sonne umarmen – 1000 Jahre deutschsprachige Lyrik von Frauen“ tritt die Lyrikerin Ulrike Draesner auf.

6. Juni in Köln, 11.30 Uhr

103. BMW-Lyrik

Der Wagen fährt gut! Ich spüre den Genuss! Ich überlege, mein Tweedjackett anzuziehen. Ich denke an der Havelchaussee plötzlich über Shelley-Gedichte nach. Das muss der BMW sein. Ich mag das. / Die Welt

102. „Hobe“ und „dobe“

Es wurde deutlich, dass Dialekt immer mehr ein Exotendasein führt und vom Aussterben bedroht ist. Doch hat er auch seine Vorteile, wie der Abend zeigte. Denn er verkürzt Aussagen: Mit wenigen Worten kann mehr gesagt werden, es entsteht kein Sinnverlust. Der Sprecher vermittelt dem Hörenden ein anderes Erleben und Verstehen als im Hochdeutschen, erfuhren die Gäste.

Ein Beispiel: „Hobe“ bedeutet, dass eine Person sich oben befindet; gleichzeitig wird damit auch deutlich, dass diejenige Person, die das „hobe“ verwendet, sich ebenfalls oben befindet. Anders dagegen das „dobe“. Damit wird ausgedrückt, dass die Person, nach der gefragt wird, sich oben befindet. Derjenige, der in diesem Fall die Antwort gibt, sich aber im unteren Bereich oder woanders befindet. Zahlreiche Beispiele machten dies deutlich. / Lauterbacher Anzeiger 22.5.

101. Deutscher

Oft konnte man in den Achtzigerjahren ein deutschsprachiges Gedicht nicht allein am Thema, vielmehr an seiner Machart als Gedicht aus der DDR identifizieren, ohne den Autor zu kennen. Die Lyrik – Produktion in der DDR blieb weitgehend unbeeinflusst von artifizieller Hermetik, neuer Subjektivität oder dem aus den USA importierten Alltagsparlando der westdeutschen Lyrik nach 1968. Stattdessen fühlte sie sich ästhetisch und formal der Tradition der deutschen Klassik und Moderne verpflichtet, war also, wie auch andere Bereiche der DDR, viel „deutscher“ als die westdeutsche Poesie.

Beachtlich, dass ein Verlag es wagt, ein solch umfangreiches, überfälliges, aber, angesichts des erwähnten Stellenwerts der Lyrik in unserer Gesellschaft, kaum bestsellerträchtiges Standardwerk herauszugeben. / Südkurier

„Lyrik der DDR“. Hrsg. von Heinz Ludwig Arnold und Hermann Korte. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main. 24,95 Euro

100. Freies Deutschland

Es ist eine selten reflektierte Tatsache, dass, wie Kemp betont, „das berühmteste Gedicht der Moderne“, T. S. Eliots „The Waste Land“, im Münchener Hofgarten beginnt und auffallend pointiert Deutsches ins Spiel bringt. Das verdankt sich Eliots kurze, aber intensive Vorkriegserfahrungen in Marburg, wo er bei Edmund Husserl studierte. Und diese Verbindung von deutschen Erfahrungswerten mit der englischsprachigen Moderne setzte sich während der Weimarer Republik fort, nämlich im literarischen Schaffen Christopher Isherwoods, W. H. Audens und Stephen Spenders. Diese jungen Autoren genossen das im Gegensatz zum damaligen Britannien moralisch „freizügige“ Deutschland, das sie als einen einzigen „summer of love“ wahrnahmen. Die Licht- und Freikörperkultur der Weimarer Republik wirkte auf diese Autoren des „Jungen England“ ebenso magisch wie (sexuell und intellektuell, wohl in dieser Reihenfolge!) befreiend. Vor allem Isherwoods Berlin-Faszination ließ ihn literarisch zu einem Neoimpressionisten werden, der sich angesichts der überwältigenden Vielfalt dieser Metropolis mehr und mehr nur noch als eine schreibende „Kamera“ verstand. / Rüdiger Görner, FAZ 21.5.

Wolfgang Kemp: „Foreign Affairs“. Die Abenteuer einiger Engländer in Deutschland 1900–1945. Hanser Verlag, München 2010. 383 S., Abb., geb., 24,90 €.

99. Wipfeltreffen

Im Mittelpunkt des zweiten musik-literarischen Wipfeltreffens am 28. Mai 2010 steht der „Titan der Worte“, der kanadische Lyriker, Romancier, Songwriter, Herzensbrecher und der achte der Sieben Weisen, Mr. Leonard Cohen.
Wie gewohnt werden an diesem Abend neben Nico Schütze und Raphael Dlugajczyk einige besondere Gäste, darunter Lisa Andersohn, Julia Gebauer, Robert Puls, Thilo Schwarz-Schlüßler und Alexander Zerning, in die Armee des Field Commanders eintreten und im Geiste Cohens auf dem lyrischen Schlachtfeld von Liebe und Haß, Schönheit und Fäulnis, Sehnsucht und Gnade den großen Krieg des Partisanen führen. / ND

98. Celans Kreidestern

Von der ehemaligen Geliebten eines berühmten Dichters, die erst ein halbes Jahrhundert später ins Licht der literarischen Öffentlichkeit tritt, könnte man eine Fuhre Allzumenschliches erwarten. Die einundachtzigjährige Brigitta Eisenreich erhebt subtilere Ansprüche. In die vielbearbeiteten Claims der Celan-Philologie dringt sie ein und sagt: Ich war’s! Ihr habt es nur noch nicht gewusst. / Wolfgang Schneider, FAZ 21.5.

Brigitta Eisenreich: „Celans Kreidestern“. Ein Bericht. Mit Briefen und anderen unveröffentlichten Dokumenten. Unter Mitwirkung von Bertrand Badiou. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2010. 266 S.

97. Höchstdotierter Preis an Paulus Böhmer

BILD meldets zuerst (da wird Huchel blaß!):

Der Dichter Paulus Böhmer erhält für sein lyrisches Gesamtwerk den Hölty-Preis für Lyrik in Hannover. Das teilte die Stadt am Freitag mit. Das in fast fünfzig Jahren geschaffene Werk von Böhmer stehe einzigartig in der zeitgenössischen deutschen Literaturlandschaft, urteilte die Jury. Zu Böhmers Werken gehören unter anderem Titel wie «Mein erster Tod» und «Da sagte Einstein». Der von Stadt und Sparkasse gestiftete Hölty-Preis gilt mit 20 000 Euro als der höchstdotierte Preis für Lyrik im deutschsprachigen Raum. Er wird seit 2008 alle zwei Jahre verliehen. Damals ging der Preis an den Lyriker Thomas Rosenlöcher.

Mehr hat der HR

96. Jugend dichtet Gott

Die Jugendbeauftragten der Evangelischen und Katholischen Kirche der Region Gera schreiben einen deutsch-polnischen Lyrikwettbewerb für Jugendliche aus. Die III. Edition des Projektes „Jugend dichtet Gott“ steht unter dem Motto „Göttlich gute Gebote“. Eine Jury aus polnischen und deutschen Sprachlehrern sowie evangelischen und katholischen Theologen soll die Gewinner bis August ermitteln. Die ausgewählten Texte werden in die deutsche beziehungsweise polnische Sprache übersetzt und in einem Buch veröffentlicht. / Der Merkur

95. Tagebrüche

Jetzt lässt der Dichter, Literaturwissenschaftler und Mitherausgeber der Literaturzeitschrift «Sic» erneut von sich hören: In «Tagebrüche» huschen Nachtgestalten und Tagträume durch kunstvoll versetzte Zeilen. Der Titel lässt auch Assoziationen wie Tagebücher, Tagebau oder Anbruch wie Abbruch aufkommen, zweifelsohne von dem klugen Poeten gewollt, der mit zuweilen sperrig anmutenden Sprachspielen und Strophen sprengenden Übergängen experimentiert.

Faszinierend sein Gedicht «THTR», ein «Theater ohne Vokale», das auf den THTR-300, den umstrittenen Thorium-Hoch-Temperatur-Reaktor in Hamm-Uentrop, zielt, der 1989 endgültig stillgelegt wurde. Wenzels Gedichte brauchen Konzentration und Aufmerksamkeit, lohnen diese «Arbeit» aber auch. / Grit Schorn, Aachener Nachrichten

94. Gedichte über Bäume

Vielleicht muss man sich die Gedichte laut vorlesen, um sie in all ihren Feinheiten würdigen zu können. Wie Hamburger etwa über dunkle O-Laute die massige Eiche tatsächlich auf dem Blatt verwurzelt, ist eine Kunst für sich: ‚On wide floorboards four centuries old, / Sloping, yet scarcely worn, I can walk.‘

Peter Waterhouse hat in seiner Übersetzung immer wieder erstaunliche Lösungen gefunden. Manchmal mag eine Formulierung etwas zu antiquiert klingen, etwa wenn er ‚Fearful because she loved it best‘ in ‚Furchtsam weil ihr Teuerstes‘ verwandelt. Doch kleine Umstellungen im Satzbau oder Wechsel auf andere Lautfelder erlauben es ihm andernorts, nicht nur die rhythmischen Variationen der Verse im Deutschen nachzubilden, sondern auch ihre atmosphärische Kraft. / NICO BLEUTGE, SZ 15.5.

MICHAEL HAMBURGER: Baumgedichte. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Englischen von Peter Waterhouse. Folio Verlag, Wien und Bozen 2009. 63 Seiten, 19,50 Euro.

93. Gedichte mit Wucht

… lautet der Titel der Kritik zum Konzert von Natalie Merchant in der Süddeutschen Zeitung von heute (Münchner Kultur):

Ergreifend: Natalie Merchant in der Freiheizhalle

Natalie Merchant hatte in ihrer Karriere bereits viele Posten inne. Folk-Idol, Labelbesitzerin, Philanthropin und immer auch Ausnahme-Songschreiberin. Letzteres ist mittlerweile obsolet. Denn sämtliche Texte auf ihrem neuen Album „Leave your Sleep“ hat sie geklaut, hat sich zumindest inspirieren lassen. Es sind vertonte Gedichte. Und schnell wird klar, dass es sich hier weniger um ein Konzert als vielmehr um eine Einführungs-Vorlesung in die angelsächsische Lyrik der letzten 200 Jahre handelt – …