21. Wer wars?

Als er sich eine Woche vor seinem 19. Geburtstag aus dem Haus stahl, legte er auf den Schreibtisch seines Vaters ein Gedicht, in dem er verschlüsselt seine Pläne mitteilte: Er wollte sich der nationalen Bewegung zur Befreiung seines Landes anschließen. Hinter sich ließ er die kultivierte Welt hoher Beamter, in der er aufgewachsen war, in der seine Mutter französische Dichtung rezitierte und der Großvater mystische Lyrik, zu der die Ausbildung in einer Eliteschule gehörte und ein Patent als Marineoffizier. Mit gefälschten Papieren wanderte er wochenlang durch ein Vaterland, das er nicht kannte. Die Begegnungen mit Menschen aus dem Volk veränderten ihn für immer. Als er im Zentrum der Bewegung ankam, war er enttäuscht. Zwar bewunderte er ihren charismatischen Führer, aber nicht nur wurde er statt an die Front als Lehrer in ein Provinznest geschickt, auch das politische Programm ging ihm nicht weit genug. / Zeit-Rätsel

20. Monokulti

Der Dichter und Essayist Mile Stojic, der einige Jahre in Wien Slawistik lehrte, sagt: „Was soll an Bosnien-Herzegowina multikulturell sein? Bosnien ist monokulturell! Alle Menschen essen das Gleiche! Ich würde sogar sagen: Nicht nur die muslimischen Frauen tragen Kopftücher, sondern auch kroatische Katholikinnen.“ / Ronald Pohl, Der Standard

  • „Jugoslavija revisited“ in Wien: 6. und 7. 11. in der Alten Schmiede sowie im Odeon, jeweils ab 11 Uhr. Es lesen u. a. Slavenka Drakulic, Drago Jancar, Beq Cufaj, László Végel, Dragan Velikic und David Albahari.
  • Die neue Ausgabe der Zeitschrift „Wespennest“ ist ein Themenheft zu „Jugoslavija revisited“ (Herausgeber: Walter Famler).
  • Todor Kuljic, „Umkämpfte Vergangenheiten – Die Kultur der Erinnerung im postjugoslawischen Raum“ , Verbrecher-Verlag, Berlin 2010

 

19. Ceausescus Hofdichter

Adrian Paunescu, Hofdichter des kommunistischen Diktators Nicolae Ceausescu, starb am Freitag im Alter von 67 Jahren in einem Bukarester Krankenhaus. Politiker, Schriftstellerkollegen und sogar Fußballstars beklagten den Tod Paunescus, der Ceausescu viele Hymnen gewidmet hatte. … Der Dichter Mircea Dinescu, einer der prominentesten antikommunistischen Opponenten, würdigte Paunescus Talent: „Er war eine komplexe Persönlichkeit“. Paunescu habe in den 1960er Jahren im Konflikt mit Ceausescu debütiert, doch „leider ist aus diesem Streit eine große Liebe geworden“. / Der Standard 5.11.

18. Meine Anthologie 58: Mahmûd Darwîsh, Wir lieben das Leben

Wir lieben das Leben

Auch wir lieben das Leben, wo wir nur können.
Wir tanzen zwischen zwei Märtyrergräbern, zwischen ihnen pflanzen wir
Für die Veilchen Palmen oder errichten ein Minarett.
Wir lieben das Leben, wo wir nur können,
Und stehlen dem Seidenwurm einen Faden, um einen
Himmel uns aufzuspannen und die Abreise einzuzäunen.
Wir öffnen das Gartentor, damit der Jasmin als schöner
Tag auf die Straßen hinausgeht.
Wir lieben das Leben, wo wir nur können.
Wenn immer wir uns niederlassen, säen wir rasch wachsende Pflanzen,
Wenn immer wir uns niederlassen, ernten wir einen Toten.
Wir blasen auf der Flöte die Farbe der fernen Ferne,
malen auf den Staub des Weges ein Wiehern
Und schreiben unseren Namen Stein für Stein
Blitz, erhelle die Nacht für uns, erhell sie ein wenig.
Wir lieben das Leben, wo wir nur können.

Aus: Die Farbe der Ferne. Moderne arabische Dichtung. Herausgegeben und aus dem Arabischen übersetzt von Stefan Weidner. C.H.Beck, München. 296 S., 48 Mark.

Siehe auch den Kommentar von Dieter M. Gräf in der Reihe „Das neue Gedicht“ in der Tageszeitung „Die Welt“ vom 22.12.2000
Gedichte und Prosatexte von Mahmûd Darwîsh erschienen 1979 im Verlag Volk und Welt unter dem Titel: Ein Liebender aus Palästina

17. Pruzzische Vokabeln

Johannes Bobrowski (1917-1965), one of the most distinguished German post Second World War writers, is known to his readers through his lyrical works, particularly Sarmatische Zeit (1961), Schattenland Ströme (1962/63), Wetterzeichen (1966/67), and his two novels Levins Mühle (1964) and Litauische Claviere (1966).

Although his Opera Omnia in six volumes were published 1987-1999, some manuscript material, housed in the Marbach archives, was not included. In Marbach there is an unpublished copybook in Bobrowski’s handwriting containing an Old Prussian word list of 583 lemmata in total, which, though referred to in critical literature, has not yet been evaluated.

 

Vol. 25 Johannes Bobrowski, Pruzzische Vokabeln. An Old Prussian Glossary, introduced and edited by Kristina Brazaitis. Dunedin 2010. 373 pp. ISBN 978-0-9582716-5-3. NZ$ 50.00

OTAGO GERMAN STUDIES
Edited by E. W. Herd † and August Obermayer

Available from – Zu beziehen von:

Department of Languages and Cultures, German Section, University of Otago,
P.O. Box 56, Dunedin 9054, New Zealand
Fax: (++64) 03 479 8689
e-mail: august.obermayer@otago.ac.nz
http://www.otago.ac.nz/german/OtagoGermanStudies/home.html

 

16. Pasolinis Dorf

Pasolini sei ein Genie gewesen, der bedeutendste italienische Dichter des 20.Jahrhunderts. ‚Aber verkünde das mal hier im Dorf – es gibt nicht wenige, die meinen, Pasolini war ein Popsänger!‘

‚Wasser vom Brunnen meines Dorfes, es gibt kein frischeres Wasser als in meinem Dorf. Brunnen der ländlichen Liebe.‘ So beginnen Pasolinis ‚Poesie a Casarsa‘. Er verfasste die Gedichte in Friulan, dem Dialekt der Bewohner des ländlichen Friaul – eine Liebeserklärung an das Dorf, in dem er aufwuchs. / HELMUT LUTHER, Süddeutsche Zeitung 28.10.

 

15. poetenladen.de in neuem Layout

Das Literaturportal poetenladen, nun gut fünf Jahre alt, wird in Layout und Funktionalität aktualisiert. Auf Denglisch also ein Relaunch. Der poetische Betrieb geht natürlich weiter – wie gewohnt also fast täglich neue Kritiken, neue Autoren, Serienbeiträge und vieles andere.

Da das Portal inzwischen fast 10.000 Seiten umfasst, wird der Relaunch kontinuierlich durchgeführt, voraussichtlich bis Frühjahr 2011. Es werden zeitweise bereits „erneuerte“ Seiten neben noch nicht erneuerten Seiten stehen. Das lässt sich angesichts der Größe der Website nicht vermeiden. Alle neuen Beiträge werden in neuem Layout gesetzt. Alle Inhalte – etwa der Autorenseiten – bleiben natürlich eins zu eins bestehen. Im Grunde ändert sich „nur“ die Optik. Man darf also den Prozess mitverfolgen.

/poetenladen.de

14. Schreibtherapie: MONSTER ZÄHMEN STATT MYSTIK ZU ZEL(L)EBRIEREN

„Seine Tendenz zur Normalität entsprach einer Persönlichkeit, die durch die Konfrontation mit dem Unbewußten nicht entwickelt, sondern nur gesprengt worden wäre. (…) Man kann wohl sagen, daß das heutige Kulturbewußtsein, insofern es sich philosophisch reflektiert, die Idee des Unbewußten und deren Konsequenzen noch nicht aufgenommen hat, obwohl es seit mehr als einem halben Jahrhundert damit konfrontiert ist. Die allgemeine und grundlegende Einsicht, daß unsere psychische Existenz zwei Pole hat, bleibt noch immer eine Aufgabe der Zukunft.“ Carl Gustav Jung: ‚ERINNERUNGEN, TRÄUME, GEDANKEN‘ (1961)

G&GN-INSTITUT (www.ggn-institut.de) B-NEUKÖLLE 4.11.2010 / Ein Dichter auf Abwegen? Seit diesem zweiten November schreibt Tom de Toys keine Gedichte mehr sondern ein therapeutisches Tagebuch als Online-Blog, um anderen Schmerzpatienten mit der Diagnose „somatoforme“ (körperdysmorphophobe) Störung seine klinischen Erfahrungen auf dem Weg zur Heilung zur Verfügung zu stellen. Der Untertitel des Projekts lautet „VON DER MYSTIK DES MENSCHEN ZUR MYSTIK DES MENSCHLICHEN“ und deutet darauf hin, daß es um den Versuch geht, anstatt des neuroastronomischen Denkens, das sich leicht mit begrifflichen Symbolen für das Weltganze zufrieden stellt, ein konkretes Analysieren von psychischen Abgründen bis in die Kindheit hinein zu wagen, um quasi versteckte Dateien im Biocomputer aufzuspüren und als psychische Viren unschädlich zu machen, die am Rande der integralen Identität eine Schattenexistenz führen und im Endstadium heimlich die Kontrolle über den Körper übernehmen wie ein Krebsgeschwür… In der Einleitung des „Therapietrips“ (www.TherapieTRIP.de) ist bereits erkennbar, mit welchen Schwierigkeiten sich der Dichter konfrontiert sieht:

„…diese Hoffnung auf Wahrheit könnte sich im Verlaufe der Geschichte als absurde Selbstlüge erweisen, so daß sich der ganze literarische Entwurf einmal mehr als idiotischer Köder in einem leeren See verrät und mich, den vermeintlichen ‚Autor‘, als Scharlatan bloßstellt. (…) Mir bleibt nur das geringste Mindestmaß an Urvertrauen in diesen Schreibimpuls übrig, der direkt nach diesen einleitenden Worten wieder versiegen könnte, wie es schon früher mehrmals geschah. (…) Helden, Gewinner, Doppelgänger, Gott, das Ich und der Sinn des Lebens, all das sind pathetische Attribute der Schriftstellerei, die das imaginäre Selbst umkreisen, bevor es implodiert. Was sich jenseits der Literatur auf der anderen Seite des implodierten Dichters befindet, gilt es für mich jetzt zu erkunden.“
Auszug aus „DAS D U R C H LEUCHTEN DER MATERIE“ (www.Schmer-ZEN.de)

Diese fahrlässige Gleichsetzung des gesamten SELBST (gemäß Psychosynthese bloß die „leere Mitte“ als Beobachter des Spektakels) mit der „Dichter“-Teilpersönlichkeit -oder positiv ausgedrückt: die Überhöhung des lyrischen Ichs zum kosmischen Kronzeugen des Ontischen- hat in einem bestimmten Entwicklungsstadium von somatoformen Symptomen schlichtweg ausgedient. Aber ihr trotzdem weiter betriebener routinierter Leerlauf gebiert sogar Monster, die das Menschliche am Menschen fressen wollen. Übrig bleibt dann ein durch und durch selbstzweifelnder Vergifteter im Sinne Artauds Gesellschaftskritik, der keinem einzigen selbstgedachten Wort mehr trauen mag, solange die psychische HERKUNFT DER WÖRTER ungeklärt scheint. Insofern geht es im therapeutischen Prozess nicht nur um die Wiederherstellung der körperlichen Funktionen zwecks reibungsloser Alltagstauglichkeit sondern vorallem um einen neuen antipoetischen Zugang zur Sprache, der sich nicht mehr mit der transpersonalen Mystik des Menschseins „an sich“ beschäftigt sondern auf die Offenlegung des individuellen Mythos der psychosomatischen Seele abzielt. Sogesehen könnte daraus sogar eine noch größere „Direktheit“ (oder Trivialität wie im Urlaubsgedicht „FÖHRLING“ vorweg genommen?) in zukünftigen Beispielen für die antimetaphorische Poetologie der Direkten Dichtung (www.DirekteDichtung.de) resultieren, deren esoterische (=selbsterfahrende statt religiöse) Tendenz 2001 in der Entwicklung der Quantenlyrik (www.Echte-Quantenlyrik.de) mündete – aber auch ein Überlaufen in rein journalistische Motivationen würde einer gewissen Logik folgen. Was allerdings dem hier behandelten Dichter derzeit „logisch“ erscheint, ist durchaus fragwürdig und bedarf mehr als nur dieser schreibtherapeutischen Maßnahme…

ALLE WEITEREN G&GN-ONLINE-PROJEKTE SIEHE: www.POEMiE.net

13. Meine Anthologie 57: h. c. artmann, 2 Gedichte

1

auf dem berge ararat
wohnt der schneider drakulat,
seine frau, die nosfretete,
saß am särgelein und nähte,
fiel herab, fiel herab,
und der linke zahn brach ab.
kam ihr männchen angerannt
mit der nadel in der hand,
näht ihn an, näht ihn an,
daß sie wieder beißen kann.

 

2
tanzlied: brugge

sing E und I und O
trinitatis ach versúng
sublim in provisoor
vergondelblumenblei
belooste güldenklei
am hellen amseldamm
umvóll kalkülenblau

den wattenmondemord
erstieg
in sanften fjorden
rausumbúst
lieb lemmelind
und wolk de reiden
loos und lombedond
mit E und I und O

Der Dichter H. C. Artmann ist heute (5.12.2000) in Wien im Alter von 79 Jahren gestorben.
10 Gedichte vorgetragen vom Autor auf den Seiten der Lyrikline
Some english texts


© (Für die Auswahl) Michael Gratz 2000.

 

12. Ernst Jandl Show

Als zentrale Instanz in Lautgebungsfragen besaß der Wiener Dichter Ernst Jandl (1925- 2000) das Prestige eines Musikers: Und so ist auch die als Sonderschau des Wien Museums angelaufene „Ernst Jandl Show“ vor allem ein elektrisierendes akustisches Wechselbad.

In zahlreichen Klangwolken umschmeichelt den Besucher Jandls sonores Pädagogenorgan. Obzwar er zeitlebens dem Ideal der Jazz-Improvisation verpflichtet war, flackert in Jandls zum Brüllen komischen Artikulationsübungen der Ungeist einer überwundenen Epoche auf.

… Die Auswertung des 170 Umzugskartons umfassenden Jandl-Nachlasses – der Dichter hatte ihn noch zu Lebzeiten dem Österreichischen Literaturarchiv vermacht – förderte Partituren, Notate, Stimmführungsprotokolle und allerlei Tondokumente zutage. Jandls Stimme, schrieb der Schweizer Jürg Laederach, gleiche „mehreren noch zu erfindenden Instrumenten“. / Ronald Pohl, DER STANDARD 4.11.

„Die Ernst Jandl Show“ – von  4. November bis 13. Februar 2011 im Wien Museum am Karlsplatz

 

11. Klabund

„Der Klabund ist ein überaus buntfarbiger Kugelkäfer, dem seine natürliche Buntheit noch nicht genügt. Wo immer er was Farbiges findet, rollt er sich darin herum, so lange, bis er auf seinen kleinen Stacheln einiges davon aufgespießt hat, was ihn noch bunter erscheinen lässt, als er ist.“ So beschrieb Franz Blei den Schriftsteller- Kollegen, der in der Weimarer Republik in aller Munde war. Der schillernde Käfer hieß eigentlich Alfred Henschke. Mit Anfang 20 brach der Apothekersohn aus Crossen sein Studium ab und legte sich das Pseudonym Klabund zu – eine Mischung aus Klabautermann und Vagabund. / wdr ZeitZeichen

10. Lesung im Casablanca

Stadtteilbelebung – Autoren im Wandel der Zeit

Lesung mit Horst Samson (Lyrik), Irmgard M. Ostermann (Prosa) und Ursula Teicher-Maier (Lyrik)

Eintritt: 5,–


Casablanca
7.11. 16.00 Uhr

VERANSTALTUNGSORT
Casablanca
Adalbertstraße 36a
60486 Frankfurt – Bockenheim
Telefon: 069/7077548 069/7077548
Telefax: 069/7077548
Internet: www.casablanca-cafe.de

(Der Stadtteil muß Belebung sehr nötig haben, daß sie sich zwei Lyriker kommen lassen. Respekt – und Salute bzw. fröhliches Wandeln)

9. Eckart Kleßmann

Dem 1933 in Lemgo geborenen Schriftsteller selbst sind in seinem Werk dagegen die Gedichte das Wichtigste. Sie erscheinen immer wieder in deutschsprachigen Anthologien, werden aber ansonsten kaum zur Kenntnis genommen. Ein Schicksal, das sie mit den Gedichten vieler anderer Autoren teilen. Nun hat Eckart Kleßmann eine  Biografie über Matthias Claudius veröffentlicht sowie den bibliophilen Band „Abschiede, wolkenleicht“, in dem der Autor seine eigenen Gedichte versammelt hat. / Annemarie Stoltenberg, NDR

Abschiede – wolkenleicht
Kleßmann, Eckart
TvR Medienverlag Jena
12,90 €

8. Auswendig lernen

Es geht, bis auf Franz Hessels schönes Herbstgedicht ‚Rotes Laub‘, um die Gedichte anderer Autoren. Stéphane Hessel rezitiert sie auswendig. Gedichte auswendig lernen? Das kann ein Instrument schwarzer Pädagogik sein oder eine brav vollzogene Übung. Beim 93jährigen Stéphane Hessel, der in Berlin, wo er 1917 geboren wurde, sein neues Buch ‚Ô ma mémoire‘ (Grupello-Verlag, Düsseldorf) vorstellte, ist es anders. Im Buch erklärt er das am Unterschied der Redewendungen: ‚Auswendig lernen‘ macht aus der Sache ein fleißakrobatisches Kunststück. Im englischen ‚learn by heart‘ oder im französischen ‚apprendre par coeur‘ – der zweiten und dritten Sprache Hessels – ist Gedichte lernen als bloße Mechanik nicht denkbar. In den KZs von Rottleberode und Buchenwald, in die Hessel als Widerstandskämpfer kam, lebte er mit Edgar Allen Poes ‚The Raven‘ und Paul Valérys ‚Le Cimetière marin‘. Es sind Gedichte, in denen von Büchern die Rede ist – die im KZ nicht zur Verfügung standen. Hessel trug in Buchenwald Gedichte von Hölderlin vor, während dessen patriotische Hymnen von den Nazis als gewalttätiger Nationalismus interpretiert wurden. / HANS-PETER KUNISCH, SZ 25.10.

7. Ordentliche Lyrik

Geladen war Rowohlt – nach Ingo Schulze, Uwe Tellkamp und Hertha [ein h zuviel, MG] Müller in den Vorjahren – als Übersetzer belletristischer Texte aus dem angloamerikanischen Raum. Mit aktuell 166 übersetzten Büchern gehört er zu den Fleißigsten und Produktivsten seiner Zunft, wobei die Breite der Genres erstaunt. Sie reicht von A. A. Milne, dem Erfinder von „Pu, der Bär“, über seinen kauzigen Leib-und-Magen-Autor Flann O’Brien bis hin zu F. Scott Fitzgerald, Kurt Vonnegut, Padget Powell und Frank McCourt, dessen Welterfolg „Die Asche meiner Mutter“ er ins Deutsche übertrug.

Rowohlt bot im vollbesetzten, bald wogend vergnügten Festsaal des Alten Leipziger Rathauses Einblicke in die Werkstatt des Nachdichtens und Selberdichtens. Im Zuge der Übersetzertätigkeit sei er ein „Notpoet“, bekannte er. Und zwar nicht im Sinne eines zwanghaft lyrischen Menschen, der jedem morgens vor dem Fenster vorbeiflatternden Vogel hinterher dichtet, sondern gleichsam als bodenständiger Problemlöser, der es beim Übertragen von Erzählwerken regelmäßig auch mit dichterischen Zeilen zu tun bekommt und der es sich zur Aufgabe macht, seinen Lesern „ordentliche Lyrik“ zu liefern. Deutlich fällt sein Bekenntnis zur traditionellen lyrischen Form aus, wobei sich dabei Ironie und persönliche Vorliebe durchdringen. „Ordentliche Lyrik“ sei für ihn die, „die sich rechts hinten reimt“. / Ralph Gambihler, Freie Presse