98. Bodensee-Literaturpreis für „orale Kunst“

Die Preisverleihung im Überlinger Kursaal war eine glanzvolle Hommage an die gesprochene Literatur. Erstmals bekam in dem Schweizer Christian Uetz ein Vertreter der „Spoken Word Poetry“ die seit 1954 zum 38. Mal verliehene, renommierte Auszeichnung.

Ja, müssen wir das denn überhaupt ernst nehmen und für Literatur halten, was dieser Christian Uetz so zum Besten gibt? Diese Frage zum Träger des Bodensee-Literaturpreises 2010 stellt ausgerechnet dessen Laudator Mario Andreotti gestern in den dicht besetzten Kursaal. Doch die Antwort folgt sogleich:„Wir müssen.“ Denn Uetz mag laut Andreotti ein gnadenloser Verschüttler, Verrüttler und Verdreher von Worten sein. Aber das, was der studierte Philosoph und freischaffende Poet seit 1990 an Dichtkunst schaffe, bewege sich in der sehr langen „Tradition der experimentellen, der avantgardistischen Poesie.“ / SYLVIA FLOETEMEYER, Südkurier

97. Rosengarten für Gertrud Kolmar

Die jüdische Lyrikerin Gertud Kolmar gab in ihren Gedichten den Rosen phantasievolle Namen: „Liebe“, „Traumsee“, „Marzipanrose“ oder „Rose in Trauer“. Sechzehn Rosenstöcken widmete die Künstlerin in ihrem Zyklus „Bild der Rose“ ein Gedicht.

Der Rosengarten setzt der Falkenseer Dichterin und ihrem künstlerischen Schaffen ein ungewöhnliches Denkmal. / die mark online

96. Kettenlesung für Miguel Hernández

Manila, Philippinen. Am 30. Oktober wäre der tragische Dichter und Dramatiker Miguel Hernández 100 geworden. Ihm zu Ehren organisiert das Instituto Cervantes in Manila die erste Non-Stop-Lesung des Landes. Die Lesung beginnt am 28. Oktober um 11:00 in der Miguel-Hernández-Bibliothek des Instituts.

Unter dem Titel „Para la Libertad [Für die Freiheit]: Kann die Lyrik die Welt verändern“ stellt das spanische Kulturinstitut 217 Gedichte des Dichters mit insgesamt 1072 Versen in einer achtstündigen Lesung vor.

400 Leser insgesamt sind geplant, davon 217 auf Spanisch, 127 Englisch, 56 Filipino, Bikolano, Ilokano und andere philippinische Dialekte.

Der Direktor des Instituts, Jose Rodríguez, sagt: „Diese Ehrung gilt nicht nur einem der einflußreichsten spanischen Dichter, sondern auch der spanischen Sprache und dem gemeinsamen Erbe Spaniens und der Philippinen, das tief in unserer historisch reichen gemeinsamen Vergangenheit wurzelt.“

Hernández‘ erster Gedichtband El rayo que no cesa (1934), eine der authentischsten Stimmen der spanischen Literatur des 20. Jahrhunderts, machte ihn Madrider Dichterkreisen bekannt. Der spanische Bürgerkrieg 1936-1939 unterbrach seine poetische Entwicklung nicht, in diesen Jahren veröffentlichte er die Bände Viento del pueblo (1937) und El hombre acecha (1939). Nach Kriegsende wurde er verhaftet und starb 1942 im Gefängnis. / philSTAR

 

95. Grünbeins Rom

Durs Grünbein befreit sich in Rom vom Panzer des Bildungsdichters, schreibt Andreas Nentwich, Die Zeit 42:

Grünbein schätzt an den lateinischen Klassikern, dass sie die „Persona“ erfanden, den Vorläufer des lyrischen Ich, das nicht mit dem ganzen Menschen verwechselt werden darf. Und er war, während sich die Kritiker auf sein Vordergründiges einschossen, den Staatsdichtergestus und die Große-Latinum-welt, schnell einmal ein anderer, immer ein Spielfritz auf lautmalerischen Versuchsbahnen und für Überraschungen gut.

Eine solche Überraschung ist sein neues Werk . In Vers und Prosa will es das „Aroma“ Roms freisetzen – über einen Strom von „Zeichen, Bildern und Pigmenten“, aus Lautspielen, Anagrammen, synästhetischen Feldern um den „Eigenklang“ des Namens Rom. Aroma versammelt den Ertrag des Jahres 2009, das Grünbein als Stipendiat der Villa Massimo verbrachte. Am Anfang steht eine Gruppe von 53 langzeiligen Gedichten in „hexametrisch gewitterndem Versmaß“. Den zweiten Teil bilden seine Übersetzung der dritten Satire Juvenals, einer Dämonologie des Metropolenlebens aus dem 1. Jahrhundert, sowie ein Essay über dieses „Gründungsdokument der Asphaltliteratur“ und seinen Helden, den „Anti-Ästheten“ Juvenal.

Es folgen Prosastücke, Bewegungsstudien, wild fantasierte Psychogramme, Wünschelrutengänge eines Flaneurs durch zweitausend Jahre: …

 

 

94. Dichter sind Diebe

Hindert aber das Lesen nicht am Schreiben?

Der richtig gute Leser verhält sich passiv. Jene, die selbst schreiben, sind dagegen meistens Diebe.

 

Und wo stiehlt der Dichter am liebsten?

Eine Zeitlang etwa bei Rilke. Da hat man einen Rilke-Tick, den man ganz toll findet. Man schreibt also schlechte Gedichte. Ich habe einmal ein Autodafé gemacht und solche Sachen einfach weggeschmissen. Wenn man berühmt ist, tauchen sonst plötzlich wie bei Brecht Schulaufsätze auf. Ich finde das unhygienisch.

/ Hans Magnus Enzensberger im Interview mit Norbert Mayer, Die Presse 24.10.

93. „Gefetz, Gelitz von Grünerei“

Hopkins ist schwer übersetzbar. Ursula Clemen und Friedhelm Kemp haben sich daran versucht (1954 bei Kösel, 1973 bei Reclam), Wolfgang Kaussen (1993 im Verlag SPQ) sowie Stefan Döring, Gerhard Falkner, Henryk Gericke und Andreas Koziol (1995 bei Galrev). Nun also die in Finnland lebende Dichterin Dorothea Grünzweig, die eine lebenslange Liebe zu Hopkins verbindet, worüber sie in einer Nachbemerkung Auskunft gibt.

„Geliebtes Kind der Sprache“, zu dem parallel eine Hörbuch-Einführung des Münchner Lyrik Kabinetts erscheint, ist ein Buch, dem man anmerkt, dass es aus einer poetischen Leidenschaft geboren ist. Dorothea Grünzweig befindet sich mit ihren Übertragungen ganz auf der Höhe von Hopkins’ bestürzend neuartigen Wortschöpfungen.

Man könnte ein eigenes Wörterbuch des Grünzweig’schen Hopkins-Deutsch zusammenstellen. Wörter und Wortschöpfungen wie „Gefetz, Gelitz von Grünerei“ (Eschenäste), „die tüpflige Hinschwinde-Wange“ (Morgen-, Mittag- und Abendgabe), „Lustiglaschen, an Lindenbäumen“ (Heiterer Bettler) oder gar „Himmels-Hooligans“ und der „lichte Randaliererwind“ müssten darin Platz finden. Da die Ausgabe zweisprachig ist, kann jeder selbst ihre Leistung überprüfen: „Wolken-Bauschball, Fledderbüschel, Flatterhaipfel / brüsten sich, / tollen dann fort auf luft- / Gebauter Durchgangsstraße: Himmels-Hooligans, Gebrüder Lustig, / sie wimmeln; glitzern in Paraden…“. Dorothea Grünzweig, die für ihr eigenes Werk am kommenden Dienstag den ersten Anke Bennholdt-Thomsen-Lyrikpreis der Deutschen Schillerstiftung in Weimar erhält, hat uns einen Hopkins geschenkt, mit dem wir es lange werden aushalten werden. / Volker Sielaff, Tagesspiegel

Gerard Manley Hopkins: Geliebtes Kind der Sprache.
Gedichte. Aus dem Englischen von Dorothea Grünzweig. Edition Rugerup, Hörby 2010. 304 S., 29,90 €.

 

92. Der kleine Junge und die Dichterin

Sanaz Zaresani und Hossein Mansouri: Literatur aus dem Iran im Stadtmuseum Dresden

 

 

Die Geschichte beginnt mit den Worten: Mond Sonne Blume Spiel. „Zähle mir ein paar schöne Dinge auf“, sagt ein Lehrer in der Leprakolonie von Tabris zu einem Schüler, der daraufhin diese vier Dinge nennt. Eine Kamera hat die Szene festgehalten. Hinter der Kamera stand die bis heute vielleicht bedeutendste Dichterin der modernen persischen Poesie, Forough Farrokhzad, die im Jahre 1967 mit nur 32 Jahren an den Folgen eines Autounfalls starb.

Im Iran ist Farrokhzad bis heute ein Star. Zu ihrem Begräbnis kamen Tausende. Forough Farrokhzad war vielfältig begabt, sie drehte Filme wie „Das Haus ist Schwarz“, aus dem die eingangs beschriebene Szene stammt; sie arbeitete am Theater und – sie dichtete. Die Poesie war ihr von allem das Wichtigste, hinter ihr hatte alles andere zurückzustehen.

Und die Geschichte geht weiter, denn in der Leprakolonie von Tabris sollte das Leben des kleinen Jungen mit den vier Worten, kurz nachdem die Kamera ihn gefilmt hatte, eine plötzliche Wende nehmen: „Wir saßen im Zug, es war Nacht, ich habe gezittert und sie hat mich umarmt, die ganze Zeit umarmt“, sagt der heute 54-jährige Hossein Mansouri, wenn er sich an seine erste Begegnung mit der berühmten Dichterin erinnert. Mansouri nimmt einen tiefen Zug von seiner Zigarette. Wenn er auf jene Nacht zu sprechen kommt, ist ihm die Aufregung noch immer anzumerken: „Eine junge Dichterin macht sich auf den Weg ans Ende der Welt, zu den Aussätzigen, um einen Film über deren Welt zu drehen“, so beginnt das Buch, das Mansouri gerade über seine Adoptivmutter schreibt. Er, Hossen Mansouri, ist der kleine Junge aus dem Dokumentarfilm, welcher 1964, drei Jahre vor Farrokhzads Tod, auch beim Filmfestival in Oberausen gezeigt wurde und  später Weltruhm erlangen sollte. Heute lebt  Mansouri als Überetzer in München und grübelt über die schier unglaubliche Geschichte, die sein Leben ist.

Der deutsche Dokumentarfilmer Claus Strigel hat 2007 über die Geschichte des 1956 in einem Lepradorf geborenen Hossein Mansouri einen abendfüllenden Film gedreht, ein dokumentarisches Märchen über ein Kind, das über Nacht aus dem Elend eines abgelegenen Dorfes in die Teheraner Boheme, in das Haus einer berühmten Dichterin katapultiert wird.

„Ich werde manchmal religiös, wenn ich an meine Vergangenheit und dieses Schicksal denke“, sagt Mansouri, der, neben anderen Zeitzeugen, in Strigels Film ausführlich zu Wort kommt. Gerade eben hat Mansouri die kraftvollen Gedichte einer anderen begabten Dichterin aus dem Iran übertragen, in der man beinahe Forough Farrokhzad zu sehen meint: der 1980 in Sarab geborenen Sanaz Zaresani, die durchaus an das Erbe  Farrkokhzads anknüpft – denn auch sie wagt in ihren Gedichten rückhaltlos ehrlich von ihren Gefühlen zu erzählen: „Mein Geliebter / ist ein Apfelbaum / dessen verzweigte Hände voller Andacht sind / und ich warte so lange / bis ein roter Apfel / der mein weiblicher Anteil ist / herunterfällt / damit ich beweisen kann / daß die Anziehungskraft meiner Augen / keine Lüge ist.“

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91. Deutsch-deutsch im roughblog

„Urs Engelers Erben“ bringen „a poem a day„, Samstags auch mal zwei: heute brachte die Post ein Gedicht von Jan Wagner und ein oder zwei von Anja Utler nach Jan Wagner mit der Ankündigung:

Dieses Gedicht gehört zur Deutsch-Deutschen Übersetzungswerkstatt, die bald als roughbook 007 veröffentlicht wird.

90. Deutsch-deutsch in Leipzig

1988 begegneten sie sich das erste Mal: Ralph Grüneberger aus Leipzig, der zu einer Lesung als „Arbeiterdichter“ nach Osnabrück reisen durfte, und Wolfgang Rischer, damals noch Lehrer. Er lebt in Süpplingen bei Helmstedt. Nahe am einstigen Grenzübergangspunkt. … Später – da war der Schampus vom 9. November 1989 längst geflossen – wurden die beiden Dichter aus Sachsen und Niedersachsen Freunde. …

Die beiden pflegen eine fast nüchterne, nachdenkliche, aber farbige Sprache beim Dichten, lassen die Bilder und Eindrücke entstehen und lassen die Hintergedanken, die sie dabei haben, anklingen oder auftauchen. Je nachdem. Bei Grüneberger kommt das fast lakonisch. Er weiß, dass man Worte nicht aufbrezeln muss, damit sie sich entfalten. … aufgelackt, die / Wieneuwagen. Wie Kadaver / stehen daneben / Die verlassenen Karossen …“

Die beiden sind in ihrer Sprache zu Hause, auch in ihren Doppeldeutigkeiten. Wie hier, wo Grüneberer eben auch über „westblech“ spricht, aber eben das, das ab 1990 über ostdeutsche Straßen flutete und die „peinliche Technik / Der Duroplastindustrie“ verdrängte. Und die Fahrer der „Plastikbomber“?

„Unter neuem Kennzeichen fahren sie fort.“ Eine ernüchternde Feststellung. So trocken und so wahr. / Ralf Julke, Leipziger Internet-Zeitung

„Wunder ganz in der Nähe“, ein deutsch-deutscher Gedichtdialog von und mit Ralph Grüneberger und Wolfgang Rischer. Musikalische Intermezzi: Die Lyrischen Saiten, Hörwerk Leipzig, Leipzig 2010, ISBN 978-3-86189-938-9, 9,95 Euro

89. Kaschnitz + Hebel + Schnebel

Gleich mehrere Jubiläen verschmolzen in einer Feierstunde, zu der der Arbeitskreis Marie Luise Kaschnitz ins Bildungshaus Kloster St. Ulrich eingeladen hatte. Am 36. Todestag der Dichterin, der jedes Jahr gefeiert wird, präsentierte Dieter Schnebel, jüngst 80 alt geworden, seine Vertonungen von Gedichten seiner Schwiegermutter (er ist mit Iris, der Tochter der Dichterin verheiratet) und die Vertonung des Gedichts „Die Vergänglichkeit“ von Johann Peter Hebel. Dessen Geburtstag jährt sich nun zum 150. Mal.

„Ich habe Hebel aus der Schulzeit gekannt, aber nicht sonderlich gemocht“, bekannte Dieter Schnebel. Erst als Erwachsener und nach der Lektüre von Essays so bedeutender Autoren wie Walter Benjamin und Ernst Bloch über Hebel, habe er erkannt, dass die Qualität seines Werkes weit über die Klassifizierung als Heimatdichter hinausging, und sich musikalisch angenähert.Bei dieser Erkenntnis dürfte auch eine Rolle gespielt haben, dass Marie Luise Kaschnitz 1970 den Johann-Peter-Hebel-Preis des Landes Baden-Württemberg verliehen bekam. / Badische Zeitung

88. Zeitschriftenlese

Noch vor drei Jahren hatte die Zeitschrift „BELLA triste“ ein kühnes Heft vorgelegt, das mit akribischen Textanalysen und angriffslustigen Essays den verkümmerten Lyrik-Diskurs wieder in Bewegung brachte. Diese Ansätze sind mittlerweile wieder versickert. Leider hat sich „BELLA triste“ wieder auf den bewährten Weg der literarischen Nachwuchs-Pflege zurückgezogen und weitere Kontroversen gemieden. Die aktuelle Nummer 27 von „BELLA triste“ enthält zum Beispiel ein Dokument poetologischer Ermattung. Dort stellt sich der junge Dichter Herbert Hindringer folgendermaßen vor: „Ich bin schüchterner als Ron Winkler und lauter als Jan Wagner.“ Diese milde selbstironische Sentenz zeigt ein merkwürdiges Selbstverständnis an. Offenbar hat die Generation jener Berliner Dichter um die 35 ein Community-Gefühl entwickelt, ein juveniles „Entre nous“-Bewusstsein, das den Horizont der eigenen poetischen Arbeit genau begrenzt. Fruchtbarer wäre es allemal, sich nicht nur an den Temperamenten der Berliner Community zu messen, sondern an den Bewusstseinsherausforderungen durch die lyrische Moderne und Postmoderne insgesamt. …

Die aufregenden Initialzündungen im Bereich der Jungen Magazine kommen derzeit aber nicht mehr von der „BELLA triste“ oder von der Leipziger „EDIT“, sondern von eigensinnigen Newcomern wie dem Literaturheft „randnummer“, das sich auf Großstadt- und Bewusstseinspoesie konzentriert, dabei aber keineswegs nur die Community-Bedürfnisse bedient. Man kann zwar an nicht wenigen poetischen Exponaten in der zweiten Ausgabe der „randnummer“ den beliebigen Detailrealismus und ihre etwas schwächliche Sprachskepsis monieren. Unstrittig ist den Herausgebern aber mit dem Dossier über die ausgestoßenen und verzweifelten Autoren der sogenannten 80er-Generation aus Rumänien ein großer Fund gelungen. Fast durchweg handelt es sich bei diesen früh verstorbenen Dichtern um poetische Kronzeugen einer umfassenden Desillusionierung angesichts der heil­losen Existenz im Rumänien des Diktators Nikolae Ceausescu. Einen Gedichttitel der mit 47 Jahren verstorbenen Poetin Mariana Marin kann man als pro­grammatische Chiffre lesen. Er lautet: „Verstümmelung des Künstlers als Junger Mensch“. Und von Verstümmelungen, Selbstzerstörungen und Hoffnungslosigkeiten erzählen die Gedichte dieses von Klaus Schneider zusammengestellten Dossiers. Die Protagonisten dieser Gedichte erleben sich als Gefangene einer meta­physischen Finsternis. / Michael Braun, Zeitschriftenlese, Poetenladen

(weitere Munition in dem Beitrag u.a. zu Ingold / Krüger)

87. Flarf

Auf der Suche nach Google-Kunst und ihren Folgen trifft man zunächst auf ein einziges Wort. Es ist ein komisches Wort – Flarf. Heißt nichts, bedeutet nichts, klingt aber irgendwie flauschig. Flarf. In Deutschland ist Flarf gar nicht weiter bekannt, in den Vereinigten Staaten schon. Da gibt es ein ganzes Flarf-Kollektiv, und es dichtet, meistens mit Hilfe von Google. Vor zehn Jahren kam der New Yorker Comiczeichner und Gelegenheitsdichter Gary Sullivan auf die Idee, das hoffentlich schlechteste Gedicht der Welt bei einem Literaturwettbewerb der Seite poetry.com einzureichen. Es hieß „Mm-hmm“.

Er gewann, Flarf war geboren. Von nun an ging es ihm darum, möglichst lustige, politisch inkorrekte, subversive, unflätige, anzügliche – irgendwie jedenfalls unpassende Gedichte zu schreiben. Die Clique seiner Dichterkollegen in New York hielt das für eine zeitgemäße Idee (es war die Bush-Ära) und schloss sich an. Wer von ihnen auf den Namen „Flarf“ kam, weiß Sullivan nicht mehr, aber er definiert es folgendermaßen: „Flarf besitzt die Eigenschaft des Flarfigen.“ Im März 2001 richten sich die Flarfisten eine Mailingliste ein und beginnen, Gedichte hin und her zu schicken, die aus Versatzstücken von Google-Suchergebnissen bestehen. (…)

Ist Flarf mehr Genie oder bloße Kopie? K. Silem Mohammad sollte zur Beantwortung dieser Frage etwas beitragen können. Er gehört ebenfalls zum Flarf-Kollektiv und ist der Inbegriff des gelehrten Dichters. Mohammad unterrichtet Literatur an der Southern Oregon University, das merkt man. Seine Flarf-Texte sind voller Anspielungen auf Gedichte von Milton, Keats oder Wallace Stevens. Ist Flarf denn akademisch? „Alles ist potentiell akademisch.“ Ist Flarf politisch? „Insofern als seine Mitwirkenden Steuern zahlen und wählen, ja.“ Ist das ganze Flarf-Dichten und -Googeln ein großer ironischer Spaß? „Zu 63,7 Prozent ja.“

Diese mitunter böse Ironie kam nach dem 11. September richtig in Mode. Nach einer mehrwöchigen Ruhepause dichtete man aus Google-Ergebnissen zu George Bush und seiner War-on-terror-Rhetorik böse Spottgedichte. Mittlerweile ist aus den Google-Gedichten der Mailingliste eine Anthologie geworden, die im Herbst dieses Jahres auf den Markt kommt. Die einzelnen Dichter selbst haben längst ganze Bücher mit ihren Gedichtvarianten veröffentlicht. Manche betonen, dass Flarf auch ohne Google-Bruchstücke machbar sei, es gehe ja darum, möglichst skurrile, etwas abartige Texte zu schaffen. Letztes Jahr im Sommer widmete das amerikanische „Poetry Magazine“ dem Kollektiv ein „all flarf issue“. Über Flarf wird sogar promoviert.

/ Christiane Reitz, FAZ

 

86. Bei uns nix personen kult

Bei der Formulierung „immer nur einzelne“ aus der vorigen Meldung kann ich nicht anders als an ein Gedicht von Kito Lorenc zu denken, der als deutscher Christoph Lorenz aufwuchs und dann seine sorbischen Wurzeln entdeckte. Kito Lorenc schreibt in beiden Sprachen und wurde einer der wichtigsten Autoren seiner Generation und der „Sächsischen Dichterschule“. Folgendes Gedicht stammt aus einem Typoskript „Kleiner Weggefährte durch den Winter“, das er um die Jahreswende 1988/89 in etwa 50 Exemplaren pseudonym an Freunde und Bekannte schickte:

kaputt VI

bei uns nix personen kult
nix massen repressalien
nur ein person kult
nur einzel repressalie
immer nur ein per son ein zel

(Den Zyklus empfehle ich der bayrischen oder sächsischen Volksbildung wärmstens!)

 

85. Keine Legendenbildung

Ja, die DDR war eine Diktatur, die Meinungen unterdrückte und Menschen drangsalierte und daran schließlich scheiterte. Joachim Walther hat unbestreitbare Verdienste im Sammeln und Bewahren von Informationen, die wenig bekannt waren oder drohten vergessen und verdrängt zu werden. Aber, wenn der Zeitungsbericht treu berichtet, ist sein Bericht vor bayrischen Schülern nicht frei von Legendenbildung:

Den Unterschied zwischen demokratischen und diktatorischen Verhältnissen machte Walther nach einer Begrüßung durch Schulleiter Wolfgang Klose den Schülern klar. „Stellt euch vor, die Grenzen von Bayern werden plötzlich dicht gemacht, alle angrenzenden Länder, ja sogar Bundesländer sind feindliches Ausland und es gibt einen Schießbefehl“, so Walther. Die Weltanschauung, die zur Verfügung stehende Literatur, die Musik (keine englischen Texte) werden von Beauftragten der einzigen Partei des Landes ausgesucht, das Tragen von Jeans, den „dekadenten Kleidungsstücken“, ist verboten, auch die Lektüre von Harry Potter wäre untersagt. Alle Lehrer gehören zur Partei, morgens vor der Schule ist Zählappell an der Fahne. Wer studieren darf, hängt nicht von den Noten, sondern von einer konformen Gesinnung ab und bei den Jungen von einer dreijährigen Verpflichtung zur Volksarmee. So war es damals in der DDR, berichtete der Schriftsteller. Er hat selbst erlebt, wie langhaarige Schüler zum Friseur geschleppt und Jeansträger zum Umziehen nach Hause geschickt wurden. / Mainpost

In der Musik keine englischen Texte? Ja, es gab solche Tendenzen in den 60er Jahren unter Walter Ulbrichts Herrschaft – aber selbst da erschienen doch ein paar Beatlesplatten bei der volkseigenen Schallplattenfirma und ich erinnere mich gut, wie 1966 im Waldbad in Leuna eine Gruppe namens Die Sputniks den brandneuen Song der Stones nachsang: „I can’t get no satisfaction“, ich war Schüler, ich war dabei, das Gefühl steckt mir noch in den Knochen, und „My generation“ der Who war meine Generation, mein Lied (nicht der Lehrer, klar doch). In den 70er und 80er Jahren kamen auch zunehmend neben polnischen oder ungarischen (die auch sehr gut waren) englischsprachige Rocktitel im Rundfunk.

Das Tragen von Jeans verboten? War das nicht in den 50er (Uwe Johnson schrieb darüber) und 60er Jahren? Später trug jeder, der konnte, Jeans, originale oder wer keine Quellen hatte, solche aus volkseigener Produktion, und Anfang der 70er Jahre schrieb Ulrich Plenzdorfs Edgar Wibeau seinen Jeanssong, der auch in DDR-Buchausgaben und Theateraufführungen öffentlich wurde.

Alle Lehrer gehören zur Partei? Glaube ich nicht. In allen Schulen, die ich kennenlernte, als Kind und später als Vater, waren immer nur einzelne Lehrer in „der“ Partei, vielleicht meistens eine Mehrheit, manche, auch vereinzelte Schuldirektoren waren auch Mitglied einer Blockpartei, wie CDU oder LDPD, nicht wenige waren parteilos.

Morgens vor der Schule ist Zählappell an der Fahne? In meiner Schulzeit gab es Montag morgen Fahnenappell, ja. Aber kein „Zählappell“, und gewiß nicht jeden Morgen.

Die Verhältnisse waren schlimm genug, wie sie waren, kein Grund zur Dramatisierung. Keine neue Legendenbildung bitte.

84. Tödlich

„Die tödliche Dosis Poesie“ heißt ein L&Poe-Slogan. Aber das ist doch nur eine Metapher!

Aus Wut darüber, dass ihre fünfjährige Tochter ein Gedicht nicht auswendig konnte, hat eine Mutter in China ihr Kind totgeschlagen. / spiegel.de 20.10.