8. Auswendig lernen

Es geht, bis auf Franz Hessels schönes Herbstgedicht ‚Rotes Laub‘, um die Gedichte anderer Autoren. Stéphane Hessel rezitiert sie auswendig. Gedichte auswendig lernen? Das kann ein Instrument schwarzer Pädagogik sein oder eine brav vollzogene Übung. Beim 93jährigen Stéphane Hessel, der in Berlin, wo er 1917 geboren wurde, sein neues Buch ‚Ô ma mémoire‘ (Grupello-Verlag, Düsseldorf) vorstellte, ist es anders. Im Buch erklärt er das am Unterschied der Redewendungen: ‚Auswendig lernen‘ macht aus der Sache ein fleißakrobatisches Kunststück. Im englischen ‚learn by heart‘ oder im französischen ‚apprendre par coeur‘ – der zweiten und dritten Sprache Hessels – ist Gedichte lernen als bloße Mechanik nicht denkbar. In den KZs von Rottleberode und Buchenwald, in die Hessel als Widerstandskämpfer kam, lebte er mit Edgar Allen Poes ‚The Raven‘ und Paul Valérys ‚Le Cimetière marin‘. Es sind Gedichte, in denen von Büchern die Rede ist – die im KZ nicht zur Verfügung standen. Hessel trug in Buchenwald Gedichte von Hölderlin vor, während dessen patriotische Hymnen von den Nazis als gewalttätiger Nationalismus interpretiert wurden. / HANS-PETER KUNISCH, SZ 25.10.

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