Mathias Kehle versucht in seinem Blog eine Debatte um politische Lyrik zu starten. Anlaß ist das Gedicht des Tages vom 9.11., eingesandt von Widmar Puhl – ein Sonett mit der Überschrift „Stuttgart 60“. Kehles Einleitung:
In der letzten Zeit ist mir oft die Frage begegnet, was politische Lyrik leisten kann. Gibt es „gute“ Gedichte mit einer Botschaft? Sitze ich im Elfenbeinturm, wenn ich politische Lyrik für mich persönlich ablehne? Widmar Puhl hat mir ein Gedicht zum Themenkomplex „Stuttgart 21“ gemailt. Ich stelle es ausdrücklich zur Diskussion, denn viel wichtiger als die Frage, ob sich ein Schriftstellerverband zu einem Bauprojekt äußern soll oder nicht, ist die, was wir mit unseren sprachlichen Mitteln leisten und bewirken können.
Seine Zeit in Calw nutzt Michael Wüstefeld zum Schreiben und für Ausflüge in die Umgebung. Einmal am Tag geht er über die Nikolausbrücke und sagt der Statue von Hermann Hesse guten Tag. „Ich bleibe eine Weile dort stehen und halte Ausschau nach Wasseramseln.“ Wulf Kirsten, der 1995 als Stipendiat in Calw war, hatte über die Vögel geschrieben. Bisher konnte Wüstefeld aber noch keine sichten. / Schwarzwälder Bote über den Calwer Hesse-Stipendiaten
Man lobt – oder schmäht – gern die unbegrenzten Möglichkeiten zur Bildung zusammengesetzter Substantive im Deutschen. Aber wie übersetzt man „facteur-poète troglodyte“? Die Wortgruppe bezieht sich auf den französischen Autor und Künstler Jules Mougin, der am Sonnabend im Alter von 98 Jahren in Rognes (Bouches-du-Rhône) gestorben ist. Facteur ist Postbote, es bedeutet aber auch Faktor oder „Macher“ wie in facteur d’orgues, Orgelbauer (mithin dem griechischen Poeten verwandt, der auch ein „Macher“ ist). Dichtender Briefträger? Mit einer Beimengung von Dichter-Dichter oder Macher-Dichter. Postbote war er wohl tatsächlich, Macher von vielerlei sowieso: neben mehr als 30 Büchern hat er gezeichnet, gemalt und „gebastelt“, wie er sagte. Anscheinend fertigte er eine Art Assemblagen, ein Bild hier legt es nahe (dort auch schöne Abbildungen von Bildern sowie Gedichtproben). Oft wird er der art brut zugerechnet – der Erfinder dieser Richtung, der Maler Jean Dubuffet, förderte ihn. Gleichzeitig fühlte sich der Arbeitersohn aus dem Norden der proletarischen Literatur der französischen Nachkriegszeit verwandt. In dem Blog, auf den obiger Link führt, zauberhafte Gedichte, die ich hier bloß zitiere:
Un magma d’où jaillissent les vérités de Mougin :
« Ma mère a été humiliée. Mon père a été humilié. Tout commence à partir de l’humiliation ! La colère et l’orage ! Petit à petit ! »
Ses obsessions : la guerre, la révolte, la mort, le sexe s’entrelacent pour former des brèves poétiques. Il navigue du particulier au général pour tirer morale de la vie :
« Quand Adrien Forclay
parlait
du con de sa « promise »
il disait
le nid de mésange !
Zut ! Au bout de la planche
On bascule
– et c’est la mort ! »
(con = Möse, nid de mésange = Meisennest, basculer = umkippen, herunterfallen)
Bleibt noch das dritte Wort nachzutragen, troglodyte: troglodytischer Dichter-Postbote. Das stimmt wortwörtlich, er lebte lange Zeit in einer Höhle in Chemellier (Maine-et-Loire), wo er die Tuffsteine bemalte und Besucher empfing.
(Gibts den schon auf Deutsch?)
fragt google, wenn man irgend etwas weiteres über das Zeitschriftenprojekt „Streichelwurst“ erfahren möchte. Allenfalls lassen sich einige Blogeinträge zu ungewissen Themen unter diesem Stichwort finden. So bleibt nur, die Selbstanzeige des Organs hier einzustellen:
Die Streichelwurst. Das Magazin. feiert seine erste Ausgabe.
Sie wird regelmäßig unregelmäßig erscheinen. Nach Schätzungen etwa aller drei Monate.
Freuen Sie sich mit uns über Beiträge von: Katja Stoye-Cetin, Donata Rigg, Monika Rinck, Sebastian Gögel, Peggy Buth, Claudia Gülzow, Grit Hachmeister, Jochen Plogsties.
Es wäre uns eine Vergnüglichkeit Sie zur Präsentation und Feier begrüßen zu können.
Präsentation und Feier 13.11. ab 20.00 Uhr im EIS 36 Adalbertstraße 36 am Kottbusser Tor in Berlin
Dort kann man wohl auch die nicht ganz billige Zeitschrift (schlappe 15 Euro) in Augenschein nehmen.
Adrian Paunescu war im nationalkommunistischen Rumänien, nach Ceausescu, wahrscheinlich der bekannteste Mann. Es scheint sogar so gewesen zu sein, dass der Diktator den Hofdichter im Verdacht hatte, dieser wolle bekannter werden als er selbst. Der 1943 geborene Paunescu gehörte der Generation 60 an. Es war die erste Dichtergeneration, die, nach dem Stalinismus, vergleichsweise freier schreiben und publizieren konnte. Er war einer der Sprecher der jungen Autoren und von Anfang an äusserst populär durch seine politischen Gedichte, die formal eingängig waren und allerhand Frechheiten enthielten, wie sie in der Diktatur konspirativ augenzwinkernd von der Leserschaft goutiert wurden. / Richard Wagner, NZZ 8.11.
Mehr: New York Times 6.11. / La Specula (engl.) / Kondolenzschreiben des rumänischen Premierministers / NPR
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
I’m fond of poems about weather, and I especially like this poem by Todd Davis for the way it looks at how fog affects whatever is within and beneath it.
Veil
In this low place between mountains
fog settles with the dark of evening.
Every year it takes some of those
we love—a car full of teenagers
on the way home from a dance, or
a father on his way to the paper mill,
nightshift the only opening.
Each morning, up on the ridge,
the sun lifts this veil, sees what night
has accomplished. The water on our window-
screens disappears slowly, gradually,
like grief. The heat of the day carries water
from the river back up into the sky,
and where the fog is heaviest and stays
longest, you’ll see the lines it leaves
on trees, the flowers that grow
the fullest.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2007 by Todd Davis from his most recent book of poems, The Least of These, Michigan State University Press, 2010. Reprinted by permission of Todd Davis and the publisher. Poem first appeared in Albatross, No. 18, 2007. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Der karibische Dichter Christian Campbell gewann den Preis des Aldeburgh poetry festival für den besten Debütband für sein Buch „Running the Dusk“. Das Buch stand auch auf der Shortlist für den Forward prize. Die Preissumme beträgt £3,000. / Guardian 5.11.
Campbell, Christian. Running the Dusk. Leeds: Peepal Tree, 2010. 81 pp. $16.95 (paper).
Besprechung hier
Laut dem Aufklärer Lichtenberg sei „Liebe ohne kleine Streitereien wie ein Gedicht ohne den Buchstaben R“. Prompt machte Görtz die Probe aufs Exempel und verlas „Ilkes Hebstgedicht“. / Badische Zeitung
Im Frühjahr 1939 musste die 70-jährige Else Lasker-Schüler die Schweiz verlassen, bis zu ihrem Tod 1945 war Jerusalem die letzte Exilstation. Das Leben dort, «unter dem auserwählten Volke», erscheint in ihren Briefen als eine einzige «Hölle». Kaltherzig, engstirnig, brutal seien die Menschen um sie herum. …
Was immer an Lasker-Schülers Anschuldigungen erdichtet sein mag, poetisch sind sie in jedem Fall. Dauernd gebiert die Schmerzlitanei berückende Bilder, die sich zu lyrischen Sequenzen fügen: «Ich bin so unglücklich, Krähen werden kommen, meinen Schmerz aufpicken.» – «Ich bin so müde / Wär ich doch zu Haus / Ich trug Jerusalem auf meinem Augenlide.» – «Kläglich vergeht Minute und Stunde, / Die Aster bleicht auf meinem Munde.» Doch es gibt auch andere Töne. Die Lust am Fabulieren, am kindlich versponnenen Sprachspiel (bis hin zur bewussten Unsinnsproduktion) hat Lasker-Schüler niemals verloren. So teilt sie der Frau des Rabbiners Kurt Wilhelm energisch mit, «am Schabbatt in der Synagoge» den falschen Hut getragen zu haben: «Zu schnadahüpfl Tyrol». Sie müsse in Zukunft ihren «ganz runden russischheiligenschein hut» aufziehen. Unterzeichnet: «Prinz Jussuf». …
«Mein letztes Gedicht haben Sie sicher für sexuell gehalten?! Nicht die Spur.» Die Simon gewidmeten Gedichte bilden eine eigene Abteilung in Lasker-Schülers letztem Gedichtband, «Mein blaues Klavier» (1943): «An ihn». Der Amour fou einer blutjungen Greisin verdankt die deutsche Literatur Glanzstücke ihrer Liebespoesie. / Manfred Koch, NZZ 6.11.
Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Kritische Ausgabe Bd. 11: Briefe 1941–1945. Nachträge. Bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki und Andreas B. Kilcher. Jüdischer Verlag, Frankfurt am Main 2010. 912 S., Fr. 196.–.
Als Sohn eines Griechen und einer Schweizerin wurde er in Genf geboren, im Jahr 1917, und in der Rhonestadt hat er als Schriftsteller gelebt und gearbeitet bis zuletzt. Jeden Tag sass Georges Haldas im Café und schrieb in seinen Notizheften oder diskutierte mit Freunden, die fest damit rechnen konnten, ihn dort anzutreffen. Er war Lyriker, vor allem in seinen Anfängen, und veröffentlichte ein gutes Dutzend Gedichtbände, etwa «Cantique de l’Aube» (1942), «Chants de la Nuit» (1952) oder «La Blessure essentielle» (1990). / Martin Zingg, NZZ 1.11.
23. Juni 2010, Neue Zürcher Zeitung:
Poetischer Chronist
«Orte» widmet sich Georges Haldas
Martin Zingg ⋅ Unter den Autoren der Romandie ist er ohne Zweifel eine singuläre Erscheinung, inzwischen über neunzig Jahre alt: Georges Haldas. Seine Gedichte und «Chroniques» haben ihn bekannt gemacht, darunter die berührende Familiengeschichte «Boulevard des Philosophes». In den vergangenen Jahren hat er vor allem Notate publiziert, in seinen «Carnets», von denen inzwischen über ein Dutzend vorliegt. Dem Lyriker und poetischen Chronisten Haldas widmet die Literaturzeitschrift «Orte» nun ihre jüngste Nummer, mit einem anregenden und informativen Querschnitt durch sein Werk, von 1942, als «Cantique de l’aube» erschien, bis 2000, dem Erscheinungsjahr der «Poésie complète», eines über 900 Seiten starken Wälzers. Haldas sei ein «Dichter des Wesentlichen», heisst es einmal in dieser sympathischen und verdienstvollen Werkschau, die sich den Facetten seiner überaus aufmerksamen Wirklichkeitsbeobachtung widmet.
Eine solche wurde an diesem Wochenende in Leipzig gegründet. Was man munkelt, klingt vielversprechend. L&Poe berichtet!
Gefunden beim roughblog:
| Elke Erb live und on air
on air: |
SWR2 Literatur
Poesie ist eine Erkenntniskraft
Dienstag, 09. November 2010
22.05 – 23.00 Uhr | SWR2
Ein Tischfeuerwerk
Mit Valžhyna Mort, Monika Rinck und Elke Erb
Von Frank Kaspar
Valžhyna Mort, in Minsk geboren und Dozentin für Lyrik in Baltimore, betrachtet das eigene Handwerk mit Skepsis: „dichter sind keinen deut besser als züchter / die ihre gepflegten hunde vorführen“. Dichtung als Dressurakt? „Poesie ist eine Erkenntniskraft“, sagt die Autorin und Übersetzerin Elke Erb. „Eine richtige Dressur sollte einen mit mehr Möglichkeiten begaben“, meint die Schriftstellerin Monika Rinck, „und eine falsche Dressur wäre eine, wo man am Ende als One-Trick-Pony steht“. Drei Autorinnen, die zwischen Lyrik und Essay zu Hause sind, erkunden, wie Literatur die Wahrnehmung schärft und eine Polyphonie von Stimmen und Ideen erzeugt, so dass im besten Fall ein „Feuerwerk im geschlossenen Raum“ (Rinck) losgeht.
live:
Di 16.11. um 20:00 Poesiegespräch: Elke Erb »MEINS« in der literaturwerkstatt Berlin
In Lesung und Gespräch Elke Erb Autorin, Berlin
Moderation Nico Bleutge Autor und Literaturkritiker, Berlin
Poesiegespräche bieten die Möglichkeit eines tiefen Einblicks in Schreibstätten und Konzepte von Dichtern, zumal wenn es um deren neuestes Buch geht. Nico Bleutge, selbst Dichter, wird als kritisch begleitender Gesprächspartner auch die dritte Veranstaltung in dieser Reihe moderieren.
Im Zentrum des Abends steht die Berliner Dichterin Elke Erb und ihr neuer Band »MEINS«, der jüngst als »roughbook« bei Urs Engeler erschienen ist. Über ihn wird diskutiert, aus ihm gelesen.
Elke Erb ist eine poetische Autorität. Ihre Freiheit im Umgang mit Sprache, ihre Unabhängigkeit von Moden und Trends machen sie zu einer Autorin, an der sich Kollegen messen. Für Elke Erb existieren Genregrenzen für Texte nicht. »Poesie existiert nicht nur im Gedicht, sondern auch in anderen Literaturgattungen oder Künsten sowie außerhalb der Künste.« »MEINS«, herausgegeben von Christian Filips, bestätigt dies aufs Neue: Ein Band voller kurzer Texte, die sich je der Definition entziehen, Notizen aus den Jahren 2003 bis 2009, Beobachtungen aus dem Alltag. Sie bewegen sich sprachwandlerisch und lautmalend, sie sind rau, sie wecken Neugier. Der Leser kann die Autorin begleiten, sich auf das Sprach-Abenteuer einlassen, er kann die Welt mit ihren Augen sehen.
Elke Erb (*1938 Scherbach, Eifel) ist Dichterin, schreibt Kurzprosa, prozessuale Texte, macht Übersetzungen. Ihre Bände sind »Gänsesommer« (2005) »Sonanz« (2008, beide Urs Engeler Editor). Elke Erb ist vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Peter-Huchel-Preis 1988 und dem Hans-Erich-Nossak-Preis 2007 für ihr Gesamtwerk.
Neu ist nicht nur Elke Erbs jüngster Band, neu ist auch, dass Elke Erb in einem Blog »Sätze zur Poetologie« veröffentlicht: »Die Poesie weckt die Intelligenz, die Intelligenz weckt die Poesie. Sie ergreift. Sie erfreut. Sie befreit.«
A Poem A Day – Elke Erb
28. Oktober 2010
Raphael Urweider nach Elke Erb
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