Der Lyriker Walter Helmut Fritz ist tot. Wie sein Verlag Hoffmann und Campe (Hamburg) am Montag auf Anfrage bestätigte, starb der Dichter bereits am vergangenen Samstag im Alter von 81 Jahren. Der aus Karlsruhe stammende Fritz galt als einer der bedeutendsten Lyriker im deutschsprachigen Raum. Neben Gedichten schrieb er Romane und Essays und arbeitete auch als Übersetzer. / Der Standard 22.11.
Der Bremer Literaturpreis gehört – neben dem Büchner- und dem deutschen Buchpreis – zu den drei bedeutendsten Auszeichnungen für Schriftsteller. Im nächsten Jahr erhält die 85-jährige Österreicherin Friederike Mayröcker den Preis, Feier und Ehrung gibt es im Januar. / Dirk Dasenbrock, Oldenburgische Volkszeitung 22.11.
Der mit 20.000 Euro dotierte Bremer Literaturpreis 2011 geht an die Wiener Autorin Friederike Mayröcker. Sie erhalte den Preis für ihren in diesem Jahr erschienenen Roman „ich bin in der Anstalt. Fusznoten zu einem nichtgeschriebenen Werk“, teilte die Jury der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung am Samstag mit. Die Sprache Mayröckers verwandle sich in dem Buch in eine Prosa, die ein Lebensjahr in allen seinen Facetten in sich aufnehme, hieß es zur Begründung. / Der Standard 13.11.
Friederike Mayröcker: „ich bin in der anstalt“. Berlin 2010. 190 Seiten. 19.80 Euro
Mehr: Weser-Kurier /
In Österreich scheint Literatur „Chefsache“. Das zuständige Ministerium kommentiert:
Kulturministerin Claudia Schmied gratuliert Friederike Mayröcker zum Bremer Literaturpreis 2011 und Andrea Grill zum Förderpreis =
„Bei Friederike Mayröcker wird Sprache schöpferisch. Erfahrungen, Gefühle, Ideen formt sie zu schonungslosen, klaren Bildern, die von poetischen Formgesetzen bestimmt sind. Ich gratuliere ihr ganz herzlich zum Bremer Literaturpreis für ihren in diesem Jahr erschienenen Roman „ich bin in der Anstalt. Fusznoten zu einem nichtgeschriebenen Werk“. Meine besten Glückwünsche gehen auch an die Salzburger Autorin Andrea Grill, die den Förderpreis zum Bremer Literaturpreis erhält. Dass sich die Jury für zwei Österreicherinnen ausgesprochen hat, unterstreicht einmal mehr den hohen Stellenwert der SchriftstellerInnen unseres Landes in der deutschsprachigen Literatur“, betont Kulturministerin Dr. Claudia Schmied anlässlich der Bekanntgabe der PreisträgerInnen des Bremer Literaturpreises 2011 durch die Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung. / Wien (OTS) –
Auf einer Kinoleinwand ist Jandls legendärer Auftritt 1965 in der Londoner Royal Albert Hall zu sehen, wo er das Publikum mit dem Vortrag seines Napoleon-Gedichtes «Ode auf N» zum Toben bringt, in einem guten alten Fernsehgerät demonstriert der promovierte Germanist Dr. Ernst Jandl dem kritischen Publikum des Saarländischen Rundfunks, dass eine hieb- und stichfest untermauerte Poetik mitunter durchaus verständlich klingen kann: Die eigene Arbeit versteht Jandl demnach als «Suche nach weissen Flecken auf der poetischen Landkarte, um dort Abenteuer zu erleben». / Georg Renöckl, NZZ 22.11.
Die Ernst-Jandl-Show: Wien-Museum, Karlsplatz, 1040 Wien. Bis 13. Februar 2011. Begleitprogramm:www.wienmuseum.at.
Und die literarischen Einkünfte selbst sind, vor allem, wenn es sich um Lyrik handelt, oft lachhaft. Ich habe eine aktuelle Abrechnung meines Verlages Jung und Jung über den Gedichtband „Ein Messer aus Odessa“. Da habe ich 308 Euro 63 Cent verdient (lachend): 201 verkaufte Bücher. Freie Exemplare: 44. Belegexemplare: 63 – für die kriegt man nichts, glaube ich. Makulatur: 1 (lachend). Also mit 308 Euro 63 Cent springt man nicht sehr weit. Aber ich habe da noch etwas: Der Österreichische Rundfunk, Literatur, Hörspiel und Feature, hat mir 253 Euro 26 Cent für die Sendung „Nachtbilder“ überwiesen. Da haben sie aus „Ein Messer aus Odessa“ vorgelesen. Doch das war spät in der Nacht, ich habe es nicht gehört. Und dann habe ich 30 Euro von der „Presse“ gekriegt, neulich. Die haben ein Gedicht von mir irgendwo aufgegriffen und abgedruckt – ein ganz ein kleines. / Erwin Einzinger im Interview mit dem Standard
… ein eindrucksvolles Tanzstück von Enrique Gasa Valga, im Tiroler Landestheater / Der Standard
Das Gedicht der englischen «Sun» über Fabio Capello hier
„Der Mond und die Siebensterne / sind untergegangen. Mitter- / nacht ist und die Zeit vorüber. / Ich aber, ich liege einsam.“ So übersetzt Emil Staiger den Sappho-Vierzeiler, an dem sich jetzt Roman Graf mit gleich sieben Nachdichtungen versucht. Sappho – Labor ist der vierte der sieben Teile von Grafs erstem Gedichtband. In Mitternacht, Nachdichtung vier, heißt es: „Verronnen die Zeit, / Die erste Hälfte. // Einsam / wache ich, / Die zweite.“ …
… ein Siebengestirn, konstelliert aus Gedichten. / Urs Allemann, DER STANDARD 20.11.
Roman Graf, „Zur Irrfahrt verführt“. € 18,50 / 81 Seiten. Limmat, Zürich 2010
Habe „Vorstellung meiner Hände“ sofort zweimal gelesen, so anregend ist es. Obwohl, es sind Gedichte, und Lyrik gilt gegenwärtig dauernd als schwer zugänglich, schwierig oder im maximal unsympathischen Sound des kulturell hohen Tons auftretend. Gewöhnlich bin ich kein Leser von Gedichten. Bücher, Zeitungen, Magazine, Fernsehen, Internet, CDs, LPs, Kassetten, Radio, Konzerte, Filme. Sofort radikal anders wird sie, die Vorstellung von Gedichten, bei Rolf Dieter Brinkmann. Alltägliche Wahrnehmungen, nicht manieristisches oder betont künstlerisch automatisches Schreiben. / Christopher Strunz, Textem
Rolf Dieter Brinkmann: Vorstellung meiner Hände. Frühe Gedichte. Herausgegeben von Maleen Brinkmann. Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 2010. 16 €
Witzig die Geschichte der aufgefundenen Manuskripte:
Bis 2005 lagerten sie im Privatbesitz eines ehemaligen Mitschülers und Mitbewohners, Peter Hackmann, der dieses Jahr gestorben ist und die beschädigten Manuskripte, – lose überlieferte Seiten, zerrissen, mit grobem Bürotesafilm überklebt, mit Bemerkungen beschriftet –, der Unibibliothek Vechta verkaufte.
NIHILUM ALBUM mit Oswald Egger und Harald Muenz am kommenden Dienstag um 21.15 Uhr in der Villa Elisabeth, Invalidenstr. 3, Berlin.
NIHILUM ALBUM
Liedertafel mit Oswald Egger (Dichter), Harald Muenz (Komponist),
Barbara Kind, Judith Kamphues, Volker Nietzke, Martin Schubach (Vokalquartett)
Der Dichter Oswald Egger liest aus seinem Nihilum album: 3650 Nichtstandard-Liedern, „die von dort, woher die Kinder kommen, ins Diesseits kassibern: Zinkblumen (nihilum album) aus Erde und Rede, Priameln und Schnaderhüpferln“.
Zur Uraufführung kommt das Chorstück „bum al lumhini“ (2010) des Kölner Komponisten Harald Muenz.
Die Dichter, Sänger und Gäste der Liedertafel denken bei Wein und Käse über das Egger‘sche Lied-Wesen nach:
„Singen, tönern
ist es gut,
Pfoten-Mond
lebendere Blitze.“
23. November 2010, 21:15 Uhr
Villa Elisabeth, Invalidenstr. 3, Berlin
Andre Rudolph erhält den Förderpreis des Kranichsteiner Literaturpreises. Das teilte die Jury in Darmstadt mit, nachdem sich drei Kandidaten bei einer Lesung in der Brecht-Schule vorgestellt hatten. Der 1975 in Warschau geborene, in Leipzig lebende Lyriker hatte einen Ausschnitt aus seinem derzeit entstehenden Langgedicht »in der nordstraße…« vorgetragen. Er nimmt die mit 5000 Euro verbundene Auszeichnung am Freitagabend im Karolinensaal des Staatsarchivs entgegen. / Darmstädter Echo 19.11.
Der Kranichsteiner Literaturpreis geht neue Wege. Der Deutsche Literaturfonds in Darmstadt teilt mit, dass der Wettbewerb der Förderpreis-Kandidaten erstmals in einer Schule ausgetragen wird: Am Freitag (19.) stellen sich um 11.30 Uhr Daniela Dröscher, Ricarda Junge und Andre Rudolph mit unveröffentlichten Texten in der Bertolt-Brecht-Schule in Darmstadt (Kranichsteiner Straße 81) vor. Am Ende jeder Lesung diskutiert die Jury (Lerke von Saalfeld, Burkhard Müller und Andreas Platthaus) öffentlich und gibt anschließend bekannt, wer den mit 5000 Euro dotierten Förderpreis erhält. Ein weiterer Preis in Höhe von 1000 Euro wird von einer Schülerjury vergeben.
Die drei Kandidaten waren von der Jury für die Teilnahme benannt worden. / Darmstädter Echo 17.11.
DLR 19.11. 23:05 – 02:00 Uhr
DLF 20.11.2010 · 23:05 – 02:00 Uhr
Autor: Helmut Böttiger
Paul Celan, am 23. November 1920 geboren, gilt allgemein als der bedeutendste deutschsprachige Lyriker nach 1945. Seine „Todesfuge“ über das Leben in den Konzentrationslagern der Nazis ist zu einem zentralen Bestandteil des Deutschunterrichts geworden – aber sie ist dabei, wie er sagte, „lesebuchreif gedroschen“ worden.
Für den deutsch-jüdischen Lyriker aus Czernowitz war die Ermordung seiner Eltern einer der prägendsten Momente seines Lebens. Aber er wollte seine Lyrik keineswegs auf das Thema der Judenverfolgung reduziert sehen.
Die Geschichte der Missverständnisse um Celans Gedichte beginnt mit dem Auftritt bei der ‚Gruppe 47‘ 1952, wo er bei einigen der ‚Kahlschlag‘-Ideologen aus der Landsergeneration auf Ablehnung stieß. Die Liebesbeziehung zu Ingeborg Bachmann, dem Fräuleinwunder im 50er-Jahre-Deutschland, lud seine Person im Literaturbetrieb zusätzlich auf.
Die Dreiecksbeziehung Celan, Bachmann und Gisèle Celan-Lestrange, der Ehefrau Celans, wirkt selbst wie eine literarische Fiktion.
Celans Gedichte, so ‚hermetisch‘ sie auch wirken mögen, zeigen immer wieder Spuren biografischer Erfahrungen. Gleichzeitig zeigt sein Ausspruch „Alle Dichter sind Juden“, wie sehr er den Dichter als Auserwählten empfand*; auch deshalb musste er sein Aufeinandertreffen mit dem bundesdeutschen Literaturbetrieb als unheilvoll empfinden.
Sein Selbstmord in der Seine 1970, nach langen Aufenthalten in der Psychiatrie, setzte den Schlusspunkt unter eine exemplarische, bewegende Dichterbiografie des 20. Jahrhunderts und beschwert die Lektüre seiner Gedichte zusätzlich.
Man sollte sich Celans Lyrik weder identifikatorisch, weder weihevoll raunend noch mit einem aufgeplusterten wissenschaftlichen Begriffsapparat nähern.
Man sollte sie einfach ganz genau lesen – und hören.
*) Der Ausspruch stammt von der (nicht jüdischen) russischen Dichterin Marina Zwetajewa. Celan wird ihn gekannt und mag ihn zitiert haben, aber die Interpretation verfährt m.E. an dieser Stelle selbst mystifizierend. M.G.
Joumana Haddad bricht gern Tabus. Als Dichterin und Journalistin kämpft sie im Libanon für die Freiheit der Frauen. Auch mit einem Erotikmagazin. Ist sie eine Feministin? Freitag fragte sie:
Auf dem Cover des Erotik-Magazins, das Sie in Beirut gegründet haben, sieht man nackte Männer und Frauen. Sie brechen damit Tabus. Reine Provokation?
Ich lebe in einem scheinheiligen Land: Auf den Plakaten am Straßenrand von Beirut findet man kaum etwas anderes als entblößte Körper und den Versuch von Sinnlichkeit. Aber man ist bei uns unfähig, ein erotisches Kulturmagazin zu akzeptieren. Der Blick fällt auf das Foto eines Künstlers oder das Bild eines Malers, und man sagt: Pornographie. Man kann überall den Playboy kaufen, mein Magazin ist dagegen in den meisten arabischen Ländern verboten. Man kann täglich ins Internet gehen und auf fragwürdige Webseiten klicken. Ich werde jedoch bedroht.
Sie sind eine arabische Frau.
Eine, die anzügliche Literatur liest, provokante Verse dichtet und auf die Machos und das Patriarchat spuckt. Das macht deren Attacken gegen mich umso bitterer und gewaltsamer. Aber wer mir anonyme Hass-Mails schickt, hat einfach nicht die Courage, mir in die Augen zu schauen. Der fühlt sich offenbar selber bedroht.
In Zeiten, in denen Thilo Sarrazin mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ die Ablehnung gegenüber Moslems in Deutschland brandbeschleunigt, war am Dienstag der türkischstämmige deutsche Autor und Lyriker Nevfel Cumart im C-Kurs Deutsch der Klassenstufe 8 an der Alexander-von-Humboldt-Schule zu Gast.
Und das Interesse der Jugendlichen mit überwiegend ausländischen Wurzeln in diesem Kurs an dem Lyriker und dessen Werk ließ erahnen, was Sarrazin vor allem jungen Moslems mit seinem Buch angetan hat. Denn sie – und beileibe nicht nur die moslemischen Glaubens – finden sich in einem gesellschaftlichen Klima wieder, das ihnen gegenüber von Ablehnung, Zweifel und Misstrauen geprägt ist und ihnen die Rechtfertigung ihres Andersseins abverlangt.
Dabei wären die jungen Leute dringend auf das grundsätzliche Wohlwollen und das Interesse der deutschen Gesellschaft an ihnen angewiesen. So wie es Cumart jetzt an den Tag legte. Denn zerrissen zwischen zwei Kulturen – der deutschen und der des Herkunftslandes ihrer Familien – sind durchaus auch Schüler dieses C-Kurses, wie sich im Gespräch mit dem Autor offenbarte. Auch manches von dem, was der in Deutschland geborene Cumart mit seinen deutschstämmigen Landsleuten so alles erlebt und in Lyrikbänden wie „Das Lachen bewahren“, „Wellen der Zeit“ oder „Zwei Welten“ verarbeitet hat, hatten sie so ähnlich auch schon durchgestanden. / Dieter Ackermann-Girschik, Main-Spitze
Vgl. L&Poe 2001 Sep:
Liebesgedichte eines Türken aus Bamberg
Nevfel Cumart, dunkle Haare, dunkle, leuchtende Augen. Gelernter Zimmermann, studierter Islamwissenschaftler, Schriftsteller von Beruf, Herkunft türkisch. Ein Wanderer zwischen zwei Kulturen. Einer, der seine Erlebnisse und Empfindungen in Poesie umwandelt, der seit vielen Jahren Lyrik auf Deutsch schreibt. Ein Dutzend Gedichtbände hat der 37-Jährige, der in Deutschland geboren ist, bislang veröffentlicht. Lyrisches über Heimat, Vergangenheit, Zukunft, aber auch über die Liebe. …
Der Kulturspagat sei schwierig, aber inzwischen sei es für ihn müßig, sich zu fragen, was er sei, antwortet Cumart. „Ich bin ein Mensch, der von beiden Kulturen beeinflusst ist.“ Wichtig sei nicht, Türke oder Deutscher, sondern menschlich und höflich zu sein. / Frankfurter Rundschau 28.09.2001
Die vielleicht schönste Definition dafür, was konkrete Kunst kann und will, hat der Begründer der konkreten Poesie einst selbst geliefert: „Es ist kein Abbilden mehr, sondern ein Umdenken der Welt in Kunst.“ Die Rede ist von Eugen Gomringer (85), der in den frühen 50er-Jahren, von Entwicklungen in der bildenden Kunst ausgehend, jeder Art von Symbolismus in der Literatur eine Absage erteilt hat. …
Dass ein solches „Umdenken der Welt in Kunst“ auch einen Brückenschlag zum Produktdesign nahelegen kann, das könnte am Sonnabend im Eberswalder Paul-Wunderlich-Haus deutlich werden. Dort wird Gomringer im Gespräch mit dem Kulturwissenschaftler Kenneth Anders nicht nur über sein dichterisches Schaffen reden, sondern vor allem in eine Auswahl an Porzellanwaren einführen, die der Eberswalder Paul Wunderlich für die Porzellan-Manufaktur Rosenthal aus dem Fichtelgebirge entworfen hat: Farbig gestaltete Tassen, bei denen Engelsflügel die Funktion des Henkels übernehmen. / BORIS KRUSE, Märkische Oder-Zeitung 17.11
Dieter Schlesak im Gespräch mit Anke Schaefer
Der rumäniendeutsche Autor Dieter Schlesak, Freund Oskar Pastiors, hat in Bukarest seine Akten eingesehen, die die Securitate über ihn angelegt hat. Dieter Schlesak hat darin Berichte von Pastior über sich gefunden und Hinweise darauf, dass Pastior auch den Lyriker Georg Hoprich bespitzelt hat, der sich nach der Haft wegen eines Gedichts das Leben nahm. …
Ernest Wichner: Wenn es stimmen sollte, dass Oskar Pastior nach der Haftentlassung seinen früheren Freund – die waren auch befreundet – Georg Hoprich besucht hat in Hermannstadt und über ihn Berichte für die Securitate angefertigt hat, dann ist sozusagen nichts mehr Rettendes über Oskar Pastior in irgendeiner Weise vorzubringen, dann ist er in einer Weise belastet, das führt dann bis hin zur Mitschuld an dessen Selbstmord. Aber das finde ich in diesem Artikel leider nicht nachgewiesen. …
Schaefer: Herr Schlesak, kann man denn tatsächlich so weit gehen, nahezulegen, dass Oskar Pastior für den Selbstmord von Georg Hoprich mit verantwortlich sein könnte?
Schlesak: Nein, ich möchte das nicht so direkt und auf diese Weise in den Raum stellen. Ich habe diese Nachricht von Hans Bergel bekommen, ich habe aber keine Möglichkeit einer Überprüfung und eines Beweises für diese Tatsache. Dass er nach Hermannstadt gefahren ist, dass er einen Auftrag hatte, Georg Hoprich zu bespitzeln, das ist unzweifelhaft. …
Schaefer: Sie schreiben in der „FAZ“, Oskar Pastior habe über Ihre Gedichte geschrieben in den Berichten an die Securitate, sie seien „hermetisch, kalt und unfähig, ein Gefühl oder eine Botschaft zu vermitteln, die die Leser in unserem Land angehen“. Ich nehme an, wenn man so etwas liest, das trifft einen ganz ungeheuer.
Schlesak: Also mich hat weniger diese Einschätzung getroffen als das, was zwischen den Zeilen steht, über mein ideologisches Verhaftetsein mit der Moderne, also dass wir im Grunde genommen so einen Staat stürzen, umstürzen wollen. Das hat die Paranoia der Securitate uns zugewiesen.
/ DLR
Mehr:
Die Schule der Schizophrenie
Der Dichter Oskar Pastior war Mitarbeiter der rumänischen Securitate. Und mein Freund. Nun sind Spitzelberichte von IM „Stein Otto“ aufgetaucht – in meiner Akte. Sie zerstören meine Erinnerung.
Von Dieter Schlesak
FAZ.net 16.11.
Zur Interpretation der Berichte des Securitate-IM „Otto Stein“ alias Oskar Pastior
Der Herausgeber der Werke Oskar Pastiors und Leiter des Berliner Literaturhauses, Ernest Wichner, hat sich skeptisch über die jüngste Vermutung geäußert, wonach Pastior eine Mitverantwortung am Selbstmord des Lyrikers Georg Hoprich haben könne.
DLR 16.11.
Interview mit dem Historiker Stefan Sienerth
Der Mensch Pastior muss neu bewertet werden
FAZ.net 17.11.
Richard Wagner im Gespräch mit Katrin Heise
Der Name Oskar Pastior taugt nicht mehr für eine Stiftung, nachdem seine Spitzeltätigkeit für die rumänische Securitate offenkundig wurde. Das meint jedenfalls der Autor Richard Wagner: „Ich glaube nicht, dass man die Stiftung und den Preis weiter betreiben und führen kann“.
DLR 17.11.
Also zuerst einmal ist Pastior der Dichter Pastior, der allerdings zeitlebens immer mit seinem Werk und der Pflege seines Werks beschäftigt war. Wenn man jetzt sein Werk anschaut, so fehlt diesem Werk, das ja ein Feuerwerk an Sprachartistik ist, aber jede moralische Begründung. Also es gibt keine moralische Frage, die in diesem Werk gestellt wird. Also kann man dieses Werk auch weiterhin lesen, so paradox das klingen mag, und dass man es lesen kann, spricht nicht gerade für dieses Werk letzten Endes. Aber es hat gewissermaßen einen artistischen, einen künstlerischen Bestand. Das mag man mögen oder nicht. Das ist die Situation.
Vom Nachlass zur Hinterlassenschaft
Das Doppelleben Oskar Pastiors als Dichter und Informant der Securitate.
Richard Wagner, NZZ 18.11.
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