119. Zukunftsrede

Die Sintflut ist Grundversorgung, die täglichen Schlamm- und Müll- und Datenfluten. Der Weltuntergang ist akkreditiert. Zum Land Utopia wollen wir nicht einmal diplomatische Beziehungen pflegen. Es passt nicht in unsere Staatengemeinschaft. Es hält sich nicht an Verträge. Es verweigert sich dem Schengener Abkommen, der Restlaufzeitverlängerung, den Kampfeinsätzen. Kein Waffenexport. Keine Geheimdienste. ‚By god! ich will nichts haben, wovon nicht ein jeder seinen Teil haben kann unter gleichen Bedingungen.‘ (Walt Whitman) Es ist das Andere, das Gegenteil, die Widerlegung. –

Aber auch diese Prospekte werden von der Wirklichkeit diktiert, vom Widerstand, der in ihr wohnt, und ‚wühlt‘. In Gorleben, in Oaxaca …wo immer die Menge handelt. Die Zukunft ist kein unbeschriebnes Blatt, von Wasserwerfern und Pfefferspray imprimiert. Sie ist keine heile, in Ordnung gebrachte Welt. Sie wird nicht erlöst sein aus jedem Elend. In Widersprüchen gemacht: wie anders als in Widersprüchen lässt sie sich denken? Vermutlich sind ihre Antinomien größer, gewaltiger, und das Humanum wird härter gefordert. Sie ist (denke ich) nicht versöhnt, sie ist solidarisch, und Menschlichkeit muss sich an schwerern Gewichten bewähren. Nichts Glimpfliches, Paradiesisches meint das Diktum Naturalisierung des Menschen, Humanisierung der Natur.

Die Menschen wie die Welt tragen genug gute und schlechte Zukunft. Ich sehe sie umkämpft, ich sehe Zukünfte kämpfen und unterliegen. Ich sehe sie nicht. Der Mensch muss damit leben, dass er die Zukunft nicht (mehr) kennt, ohne dass er beginnt, bedenkenlos gegen andere und Zukünftige zu leben. Der Strich so fest, dass er eine Möglichkeit darstellt, und so dünn, dass er keine endgültige Lösung bietet. Oder ein Strich darunter, hindurch.

Die Menge ist fähig, das Blatt zu zerreißen: und im Gegenteil zu sagen, dass noch fast nichts ist, nicht gedacht worden ist. Überhaupt kein Verstand in der Sache ist, wie sie steht! Und die Sache, wie sie steht, aus bloßer Not, elementar, zum Aufruhr ruft. Nichts besteht; und was sich sicher wähnt, hat den Keim der Auflösung in sich. Vielleicht muss sich die Menschheit einmal neu erzählen, und die eigentliche Arbeit hat noch gar nicht begonnen. Sie wird der Gesellschaft den Atem verschlagen. ‚Die größere Lust sparen dem Enkel wir auf.‘ (Hölderlin) Und die Liebe, um zum Thema zu kommen, der Geschlechter, der Gattung. Die Zukunft ist eine Mulattin. Wir sind an der Stelle, wo es uns kühl anweht wie die kommende Frühe –

/ Die Süddeutsche Zeitung druckt am 29.11. einen Auszug aus der ‚Zukunftsrede‘, die Volker Braun im November auf Einladung der Stiftung Ernst-Bloch-Zentrum in Ludwigshafen hielt. (zitierend sich, Hölderlin, Marx, Whitman und viele andere)

„eher apokalyptisch gestimmt“ sagt Perlentaucher. Na, Ansichtssache! Selber lesen!

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: