52. Landeskunde

Erdmöbel: DDR-Deutsch für Sarg (Deutsche Welle)

Hier werden Sie geholfen: BRD-Deutsch für „Hier hilft man Ihnen“ (Michael Gratz)

Ersteres weiß jeder – von den Medien gebriefte – Experte (also Jeder), letzteres vielleicht ich allein. (Frei nach Jandl)

51. Patrick Salmen gewinnt in Bochum

Der junge Wuppertaler Lyrik- und Kurzprosaautor Patrick Salmen ist Gewinner der 14. deutschsprachigen Meisterschaft im Poetry Slam. / kuvi.de

 

50. Henryk Górecki

Nein, Mutter, weine nicht.
Unbefleckte Himmelskönigin,
steh mir allzeit bei.
„Zdrowaś Mario“.

Dieses vierzeilige Gedicht trägt die Unterschrift „Helena Wanda Błazusikówna, 18 Jahre alt, in Haft seit dem 25. September 1944“. Man fand es an der Wand einer Zelle im Gestapo-Hauptquartier in Zakopane. Henryk Mikołaj Górecki wählte diesen Text für den zweiten Satz seiner „Sinfonie der Klagelieder“, die sicher das bekannteste Werk von Górecki ist. / Elisabeth Richter, Nachruf auf den polnischen Komponisten Henryk Górecki, DLR 12.11.

49. Bausoldat Pastior

„Bausoldat OP“ heißt ein Gedicht, das ein Streiflicht auf Oskar Pastior in Jugendjahren wirft: lakonisch und mit ironischer Distanz. Im dritten Lyrikband Wichners ist von Kriegs- und Lagerspuren und Überbleibseln von Gefangenentransporten die Rede. Die skizzierten konkreten Dinge sprechen für sich: die fest um den Griff einer Handgranate geschlossenen Fingerknochen, die Kennmarke aus Aluminium im fünfunddreißig Meter weit entfernten Fischteich. Das Entsetzen ist im Sirren eines Drahtes neben Gleisanlagen allgegenwärtig.

… Wichner thematisiert mit der Liebe zugleich das eigene Schreiben und die Sprache selbst. Positionen und Formen literarischer Vorgänger, zu denen vor allem Petrarca gehört, werden binnenreimend sacht verschoben. Das Gedicht „Die Maden“ übertrifft mit seiner grotesken Optik Baudelaires Epochengedicht „Une Charogne“*. Es triumphiert das Grauen. / Dorothea von Törne, Die Welt 12.11.

„bin ganz wie aufgesperrt“.
Von Ernest Wichner. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg. 48 S., 13,50 Euro.

 

Außerdem in der Sammelrezension:

Findelgesichter.
Von Christine Langer. Klöpfer & Meyer, Tübingen. 116 S., 16 Euro.

Nimm den langen Weg nach Haus.
Von Dirk von Petersdorff. C.H. Beck, München. 101 S., 16,95 Euro.

(Rezensentin lobt alles)

*) hier dt.

48. Naturmagisch

Vom „erdkern“ ist in „nachtfahrt“ die Rede, von „erdachse“ in „hypnotische moderne“. Seilers Verse stehen nicht im Banne dieser Moderne, entwickeln aber deren Metaphern weiter. Literarische Assoziationen zu Mark Twain, Stefan George und Ezra Pound sind präsent. Vor allem aber nimmt der Lyriker sensibel Bezug auf Oskar Loerke, Johannes Bobrowski, Erich Arendt und Peter Huchel. Deren gestalterische Muster greift der seit 1997 als Leiter des Peter-Huchel-Hauses in Wilhelmshorst amtierende Lutz Seiler vielfältig und innovativ auf. Die der „naturmagischen Schule“ zugeschriebene Zeichenhaftigkeit von Natur und das Auftreten sowohl archaischer als auch zeitkritischer lyrischer Figuren in historisch geprägten Landschaften strukturiert Seilers Poesie. Durch die Zwischenböden scheint mitunter der Mond, als hätte er sich geradewegs aus der Romantik in diese neuen Gedichte gestohlen. / Dorothea von Törne, Die Welt

im felderlatein.
Von Lutz Seiler. Suhrkamp, Berlin. 100 S., 14,90 Euro.

47. Prix Mallarmé verliehen

Der „renommierte“ [aber mit 3.800 Euro mäßig dotierte, MG] Prix Mallarmé geht in diesem Jahr an Robert Marteau für seinen Band Le Temps ordinaire (éd. Champ Vallon, 2009). / Magazine Littéraire 10.11.

 

46. Gedenkkultur der Frauen

Über Ravensbrück gibt es inzwischen eine umfangreiche Memoirenliteratur und zahlreiche Sachbücher. Die Überlebenden des Frauenkonzentrationslagers haben 1000 Berichte hinterlassen, 1200 Gedichte und viele Zeichnungen sind gefunden worden. Barbara Degen, Juristin und Mitbegründerin des Feministischen Rechtsinstituts, hat nun Zitate, Texte, Gedichte, Fotos und Bilder zusammengestellt, die die eigenständige Gedenkkultur von Frauen in Bezug auf die Geschichte des Naziregimes von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis heute verdeutlichen. Versammelt sind Texte und Gedichte unter anderem von Rosa Jochmann, Gertrud Luckner, Anja Lundholm, Rita Sprenger, Germaine Tillion und Charlotte Delbo, von Anna Seghers, Hilde Domin, Rose Ausländer, Nelly Sachs, Hannah Arendt, Ricarda Huch, Sylvia Plath und Ilse Aichinger. / Florence Hervé, junge Welt

Barbara Degen: »Das Herz schlägt in Ravensbrück« – Die Gedenkkultur der Frauen. Verlag Barbara Budrich, Opladen & Farmington Hills 2010, 378 Seiten, 26,90 Euro


45. Rose Ausländer

1901 in dem damals österreichischen Czernowitz in der Bukowina geboren, verfasste sie bis zu ihrem Tod 1988 in Düsseldorf rund 2500 Gedichte und blieb doch der Mehrheit unbekannt. Obwohl Fachkreise besonders ihrem Spätwerk große Meisterschaft zusprechen. / Trierischer Volksfreund

44. Under the name of Hafiz

»I have learned so much« ist ein Gedicht von Daniel Ladinsky, das er unter dem Namen Hafiz veröffentlicht hat. / junge Welt 12.11.

Vgl.L&Poe 2005 Aug: Betrug mit Hafis-”Übersetzungen“

(Saftloses esoterisches Zeug, das ich nie gekauft hätte, wäre ich nicht auf neue Hafisübersetzungen ausgewesen. Keine Spur Hafis darin. Ein deutscher Verlag hat das aber aus dem Englischen als vermeintlichen Hafis übersetzt. Arme Leser, die das konsumieren und denken, sie lesen Hafis. Aber andererseits wirds schon genug geben, die sich sowas reinziehen. Recht geschieht ihnen, aber auch nur ihnen!)

Hafis aber ist groß. Es gilt die Bernsteinregel: wenn Sie einen Stein finden und denken, es ist Bernstein, werfen Sie ihn weg. Wenn Sie echten Bernstein finden, wissen Sie, daß es welcher ist.

Hafis bei L&Poe

43. Stullenperformance

Für die Spontanen unter Euch:

Heute Abend 23.11 gratis Abendbrot

„Die Stullenperformance“

in der MALENA BAR

REUTERSTR. 85

in Altkölln zu Neukölln

Für die Träumer mit Hatz 4 Bezug:

gratis Abendbrot nur unter Vorlage

eines amtlichen Personalausweises

und eines Bezugscheines

über die aller gütigste

Transferleistung

Auskunft erteilt,

die Uns unsere

Regierungen

seit 1981

unter den aller größten

Bemühungen

vorläufig

zu erteilen

gedenkt.

Wenn ich dann drei Kilo Brot beschmiert habe,

sauf ich mir dann einen auf Euer Wohl.

Ich hätt jetzt noch einen Witz zum Thema onanieren

und dem Bundeskanzleramt,

den verrat ich aber nicht, weil ich Feminist bin.

11.11.2010

 

„Hallo … ein Gespräch, in dem ich vom Oktoberedikt aus dem Jahr 1807 erzählte, darin heißt es: „Nach dem Martini-Tage 1810 gibt es nur freie Leute“. … also genau 200 Jahre seit der Abschaffung der Leibeigenschaft in Preußen. Aber das war wohl nur ein frommer Wunsch und das Thema ist leider heute noch von großer Aktualität.“ Martin Regenbrecht

Rainer Wieczorek (Künstler/Soziologe/DADAsoph) www.rainerwieczorek.de

41. Eine von 1128 Juden Gesamtstärke

»Der Engel, wird er helfen?« Doch: »Sein Antlitz ist Leid«, beschreibt sie in einem ihrer Gedichte. In dem Gedicht »Die Kröte« fleht sie um Flucht aus der Wirklichkeit. »Verberge mich, töte mich…, denn ich wandle in einer Welt, an der ich keinen Teil mehr habe.« Als Blanche Kommerell die Verse »Mein Haar« rezitierte, war die Betroffenheit im Saal greifbar. »Mein Haar, das lange, unbändige, sinnlich-erotisch auf dem weißen Leinen fließend« – eine Anspielung auf das spätere Grauen? Man weiß, dass es den Insassen der Konzentrationslager abgeschnitten wurde.

Blanche Kommerell hielt in ihrem Vortrag mit Feingefühl und Mut das langsame Abschied nehmen in den Worten der Dichterin aus. 1943 wurde im Protokoll der Verfolger lakonisch vermerkt: »Abtransport von 1128 Juden Gesamtstärke, darunter die jüdischen Rüstungsarbeiter aus Berlin.« Die Spuren von Gertrud Kolmar verlieren sich im Konzentrationslager Auschwitz. / Ursula Gross, Offenburger Tageblatt

40. Gute Zeit für Dichtung

Das vergangene Jahrzehnt war wahrlich eine gute Zeit für Dichtung. Die Festivalisierung der Literatur hat die Lyrik als Vortragskunst wieder entdeckt, und die Öffentlichkeit schien hungrig nach der Institutionalisierung junger Dichter. Dass die sich ihre Aufmerksamkeit auch selbst geschaffen haben, das ist eine entscheidende Charakteristik des vergangenen Jahrzehnts. Mit dem Boom um Anthologien wie Lyrik von jetzt, dem Bohei um kookbooks und dem frechen Revival der Literaturzeitschrift im Stile von BELLAtriste hat sich eine ganze Generation selbst gehypt und ist gehypt worden. Selten hat man innerhalb der engen Vernetzung der Dichter, wie der Herausgeber Michael Braun in seinem Nachwort feststellt, „so sachkundig und offensiv über Lyrik gestritten“ wie im neuen Zeitalter. Doch oft genug war die interne Diskussionsfreude inzestuös und drang nicht nach außen, weil sie enigmatisch war oder auf interne Profilierung zielte. …

Jan Wagner und Franz Joseph Czernin rückerobern das Sonett, Daniela Danz die Ode und Ulrike Draesner die Terzine und Sestine; und so steht neben einer Dichtung des Vor-, Durch- und Überspulens, die Disparates auf ein­ander prallen lässt, zeitgleich die Dichtung eines Steffen Popp oder Raoul Schrott, die das Erhabene revitalisiert. …

Ob aus kritischen oder ironischen Perspek­tiven, ob als technisch angeschrägtes Naturgedicht oder als Hölderlin-Fragmentation, auch auf die Lyrikgeschichte blickt das derzeitige Gedicht mit seinen tausenderlei Augen. / Walter Fabian Schmid, Poetenladen 15.10.

Michael Braun und Hans Thill (Hg.)
Lied aus reinem Nichts
Deutschsprachige Lyrik des 21. Jahrhunderts
Heidelberg: Das Wunderhorn 2010
248 S., 26, 80 EUR.


39. We Are Here Today

„Heute sind wir hier – We are here today“ ist eine Sammlung von Gedichten, Kurzgeschichten und Auszügen aus Theaterstücken der aus Kanada stammenden Inuit in englischer Sprache mit deutscher Übersetzung.

Wie ist so eine ungewöhnliche zweisprachige Sammlung entstanden? Nach dem plötzlichen Tod des versierten kanadischen Schriftstellers und Zeichners Alootook Ipellie im Jahr 2007 organisierte eine Studiengruppe der Universität Greifswald zu seinem Gedenken eine Ausstellung seiner Werke. Kennen gelernt hatten ihn die Studenten während einer Vorlesung im Rahmen eines Studienprogramms an der Universität Greifswald.

Zur Eröffnung der Ausstellung wurden zu Ipellies Gedenken Auszüge aus seinen Werken laut vorgelesen. Zu diesem Anlass hatten die Studenten die Gedichte aus dem Englischen in das Deutsche übersetzt. Inspiriert von dieser Erfahrung bildeten sie schließlich zusammen mit Professor Hartmut Lutz eine Gruppe zur Übersetzung  indianisch stämmiger Literatur namens „TAL“ (Translating Aboriginal Literature(s)). / Joyce MacPhee, Epoch Times Deutschland

Heute sind wir hier/We Are Here Today: Eine zweisprachige Sammlung zeitgenössischer indigener Literatur(en) aus Kanada/A Bilingual Collection of Contemporary Aboriginal Literature(s) from Canada. Erschienen im vdL Verlag. 19,80 €. ISBN 978-3-926308-12-2

 

38. Zuviel lyrisches Sperma

Wie groß und reflektiert der Gestaltungswille schon des jungen Autors war und wie enorm die poetische Schubkraft, die ihn antrieb, das zeigen diese Gedichte aus dem Nachlass verblüffend deutlich. Der Band enthält zwei Gedichtsammlungen, die Brinkmann in dieser Form konzipiert hat: „Don Quichotte auf dem Lande. Gedichte 1959/1961“ und „Vorstellung meiner Hände. Gedichte 1963“. Wie er seinen Sound formte, in wechselnder Absetzbewegung zu dem, was er für modisch hielt, das kann man hier fast mit Händen greifen – schmerzhafter und deutlicher als in den poetologischen Selbstaussagen, die er seinen Gedichten beifügte, wenn er sie an Zeitschriften schickte.

Die erste Sammlung hat einen völlig anderen Ton als die zweite. Aber schon in der ersten gibt es Gedichte, in denen Brinkmann poetisch reflektiert, was er in einem Brief an seinen Freund Ralf-Rainer Rygulla als seine Schwäche ansah: „zuviel Krolowsche Schönheit und zuviel an lyrischem Sperma“ / Meike Feßmann, DLR

Rolf Dieter Brinkmann: „Vorstellung meiner Hände. Frühe Gedichte“, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2010, 96 Seiten