95. Für übermorgen

Einen Matthisson für Musikliebhaber, dessen Lieder von Beethoven und Schubert vertont worden sind. Und einen Dichter für die Freunde einer artistisch-artifiziellen Lyrik: den poetischen Kältekünstler, den Schöpfer phantastisch-halluzinierender Szenerien, die erstmals Traum, Rausch und Artistik ineinander verschränken. Ein Dichter, der das eigene Kunstwollen als Zweck absolut setzt – und in seinen besten Versen auf Platen und Meyer, auf Trakl, George und Benn verweist. / Ebd., s. #94

94. Von vorgestern

Wörlitz im Jahr 1828. Der Schriftsteller Friedrich von Matthisson, aus königlichen Diensten von Stuttgart aus nach Anhalt-Dessau zurückgekehrt, beugt sich über sein Tagebuch. Der Hofbedienstete im Ruhestand lässt den Tag Revue passieren, der ihm eine Fahrt über Land bescherte. Und eine bemerkenswerte Begegnung. Denn: „In Gnadau, wo angehalten wurde, bat eine Lehrerin der hiesigen Töchterschule um einen Platz in meinem Wagen, den sie auch erhielt. Als sie meinen Namen erfuhr, frug sie: ob ich etwa ein Verwandter vom verstorbenen Dichter Matthisson sei? – Diese Frage habe ich schon öfters hören müssen.“

Der einst von Byron und Bürger, von Schiller und Wieland gepriesene Erfolgsdichter muss begreifen: Kein Mann von gestern ist er mehr, sondern von vorgestern. / Christian Eger, Mitteldeutsche Zeitung

93. Pastior-Stück

Der siebenbürgische Lyriker Frieder Schuller las am Freitag, den 21. Januar 2011, 19 Uhr, aus seinem Theaterstück „Ossis Stein oder wer werfe das erste Buch“ in der Humboldt-Universität zu Berlin.

 

92. Kein Mangel an Sprachüberraschungen

Das 21. Jahrhundert eröffnet nicht mit einem programmatischen Jahrzehnt der Lyrik. So etwas gab es auch nur einmal: Das Jahrzehnt des Expressionismus von 1910 bis 1920*). Aber was historisch gilt, muss im Einzelnen nicht zutreffen. Eine Anthologie des Kritikers Michael Braun und des Lyrikers Hans Thill verblüfft nicht nur mit einem exzentrischen Titel: „Lied aus reinem Nichts. Deutschsprachige Lyrik des 21. Jahrhunderts“. Sie ist auch eine weiterführende Verlockung. Diese Auswahl beispielhafter Gedichte widerspricht inhaltlich den „Thesen zur Poesie“ von Michael Lentz, die der zeitgenössischen Lyrik einen Mangel an „Sprachüberraschungen“ und „verqueren Inhalten“ anlasteten. Nun gut, man muss nicht gleich an Stefan Georges „Kraft der Ausdruckserneuerung“ denken.

Es stimmt, Momente der Spracherneuerung und ein abrufbares Potential für Provokation treten seltener in den Vordergrund. Auch gibt es keine literarischen Stimmführer mehr, eher stehen Namen für Repertoire. Die Sattelplätze der Dichterschulen liegen verwaist. Und Erwartungen an einen Kanon müssen grundsätzlich enttäuscht werden. / Jürgen Verdofsky, Badische Zeitung

Michael Braun / Hans Thill (Herausgeber): Lied aus reinem Nichts. Deutschsprachige Lyrik des 21. Jahrhunderts. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2010. 246 Seiten, 26,80 Euro.

*) Na, von 2010-2020 wissen wir noch nicht so viel.

 

91. „Hacks ist wieder da“

Hacks ist wieder da. Oder war er vielleicht nie weg? Immerhin findet man ja seine Gedichte bis heute in den Lesebüchern, immerhin ist sein Theaterstück „Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“ aus dem Jahre 1976 eines der meistgespielten deutschen Dramen überhaupt, und immerhin war Hacks in den frühen Jahren der DDR der führende Vertreter einer „sozialistischen Klassik“. Eben deshalb, weil er in seinen Schriften den Kommunismus auch in der Kunst forderte und feierte, und weil ihm schon der Übergang von Ulbricht zu Honecker als Anfang vom Ende der wahren DDR erschienen war, geriet Hacks im Osten aufs Abstellgleis, und im Westen ebenso. …

Auch wer Hacks‘ politischen Ideen fernsteht, kommt nicht umhin, die literarische Kapazität dieses Mannes anzuerkennen, der Enzensberger für ein Leichtgewicht hielt und sich lieber an Heine maß. Wer aber Hacks‘ politischen Ideen nahesteht – und auch für sie gibt es heute neue Interessenten –, der hat an Hacks‘ Einsatz für die sozialistische Klassik das doppelte Vergnügen: ein ästhetisches und ein polemisches. Nun ist bei Suhrkamp auf 1300 Seiten das gesamte kritisch-essayistische Werk von Peter Hacks wiederaufgelegt worden; der Band trägt den Titel „Die Maßgaben der Kunst“, was für Hacks genau dasselbe meint wie das Wort „Ästhetik“. Nicht nur das, er habe, meint Hacks in seiner gewohnt unbescheidenen Art, damit die erste treffende deutsche Übersetzung des Wortes „Ästhetik“ überhaupt gefunden. …

Den literarischen Zeitgenossen in der DDR begegnete Hacks mit wenigen Ausnahmen (Sarah Kirsch etwa) mit Hohn, die Kollegen im Westen wurden regelrecht beschimpft, so beispielsweise Enzensberger 1990 als „greise Fünf-Mark-Hure des Imperialismus“. Schon 1976 hatte sich Hacks mit seiner Stellungnahme zugunsten der Ausbürgerung von Wolf Biermann ins Abseits begeben. Spätestens von dieser Stunde an befand sich Hacks‘ literarische und menschliche Reputation in freiem Fall. Und Hacks hasste zurück. Die späten Schriften zeigen einen zunehmenden Groll gegen alle Welt, eine Misanthropie und einen schneidenden Ton der Verachtung, der unterschiedslos jeden treffen kann, der nicht Hacks heißt. / Christoph Bartmann, Die Presse 22.1.

 

90. Marianne Rein

Marianne Rein hätte vielleicht ein große Schriftstellerin werden können. Schon in jungen Jahren schrieb sie Lyrik und Prosa, die sich zu ihren Lebzeiten aber nicht durchsetzen konnten, denn Marianne Rein war Jüdin. 1911 geboren, lebte sie mit ihrer Mutter seit 1917 in Würzburg, wo sie etwa um 1936 zu schreiben begann. Aus Anlass ihres 100. Geburtstags ist im Würzburger Ergon Verlag ein Buch mit Gedichten, Prosatexten und Briefauszügen erschienen. / Main Post

Beim Marianne-Rein-Abend im Theater (Würzburg) wird das Buch mit CD am 27. Januar zum Sonderpreis von 19 Euro erhältlich sein, danach kostet es im Buchhandel 25 Euro.

Das Buch: Rosa Grimm (Hrsg.), Kai C. Moritz (Red.), Marianne Dora Rein – Das Werk, Ergon Verlag, Würzburg 2011, 184 Seiten, mehrere SW-Abbildungen, 25 Euro, ISBN 978-3-89913-829-0

 

89. Sibylla-Schwarz-Handschrift aufgetaucht

Wie die Ostsee-Zeitung mitteilt, ist eine Handschrift, die einzige erhaltene Originalhandschrift, der Greifswalder Barockdichterin gefunden und bestimmt worden:

Das Leben der Poetin liest man (allzu verkürzt) aus ihren Gedichten. Diese wiederum sind ebenfalls nur indirekt zugänglich, nämlich aus der Hand des schwäbischen Theologen Samuel Gerlach (1609-1683). Er besaß die Handschriften, aus denen er zwölf Jahre nach dem Tod seiner „Schülerin“ in Danzig die Gedichtausgabe zusammenstellte. Über den Verbleib dieser Handschriften ist bis heute nichts bekannt.

Aber Gerlach besaß noch ein weiteres handschriftliches Zeugnis, einen Eintrag der Dichterin in seinem Stammbuch. Auf der Suche nach einer Anstellung war der ehemalige Feldprediger 1636 nach Greifswald gekommen, wo er mehrere Monate für Sibylla Schwarz eine Art Mentor wurde. Später führte ihn sein Weg nach Danzig und 1652 zurück in seine schwäbische Heimat. Und dort liegt das Stammbuch noch heute.

Dank der großzügigen Unterstützung des jetzigen Besitzers, Johannes Autenrieth aus Kernen im Remstal, sowie mit kollegialer Hilfe ist es gelungen, den Stammbucheintrag von Sibylla Schwarz zu identifizieren. Das Ergebnis ist aus mehr als einem Grunde bemerkenswert — ja für die Fachwelt sensationell. Was könnte die junge Dichterin in ein Stammbuch geschrieben haben, in dem sich nur Männer, und diese überwiegend in lateinischer Sprache, verewigt haben?

Immerhin ist es der siebenundsechzigste Eintrag, davor stehen Namen wie Bartholdus Krakevitz aus Greifswald, die Stettiner Daniel Cramerius und Jacobus Fabricius, Nicolaus Hunnius aus Lübeck — bedeutende, allseits bekannte Namen in der gelehrten Welt um 1630. Sicher möchte die damals fünfzehnjährige Poetin ihre Gelehrsamkeit, in dieser Zeit gleichbedeutend mit dichterischem Können, ebenso zeigen. Also wäre zu erwarten, dass sie dichtet, dass sie, die den Reformator der deutschen Poesie, Martin Opitz, poetisch preist, deutsche Verse schreibt.

Weit gefehlt! Sibylla Schwarz schreibt einen holländischen Vers auf das Stammbuchblatt! Damit überholt sie Martin Opitz selbst. Denn dieser hatte den entscheidenden Anstoß für sein „nationales kulturpolitisches Konzept“, in deutscher Sprache zu dichten, aus Holland erhalten. Und sie verwendet den neuen Ton, den Martin Opitz, ebenfalls auf die holländischen Dichter verweisend, für die deutsche Dichtung forderte. …

Nicht nur die Tatsache, sich mit einem holländischen statt deutschem oder gar lateinischen Vers als zur dichterischen Avantgarde gehörend zu „outen“, überrascht. Auch das, wovon der gereimte Zweizeiler spricht: „Man sollte sich zuerst um seine Seele Gedanken machen, und dann erst um den schwachen Leib; und ohne diese zwei ist Geld nur eine Bürde.“ Leib und Seele — davon sprechen viele, aber von Geld, und dann in dieser Reihung?

Was sagt das über die zeitgenössische Kultur aus, wenn Schwarz diese Verse aus einer eher didaktischen Dichtung wählt? Deren Verfasser „Vater“ (Jacob) Cats (1577-1660) gehörte zu den beliebtesten holländischen Gegenwarts- Dichtern, sein Werk „Houwelick“ (Hochzeit) fand sich neben der Bibel in jedem bürgerlichen Haushalt. Verwundert es, dass damit Schwarz in der Cats-Rezeption vor den „Großen“ wie Harsdörffer und Titz steht?

/ Monika Schneikart, OZ 21.1.

Die Autorin ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neuere deutsche Literatur und Literaturtheorie im Institut für Deutsche Philologie.

88. Georg Hoprich

Vor allen Dingen erweitert das Dichterschicksal Georg Hoprichs die doch recht einseitige Sicht auf die rumäniendeutsche Literatur, die leider meist nur mit den Namen des einstigen Vorzeigeehepaars der rumäniendeutschen Literatur, Herta Müller und Richard Wagner, sowie mit der deutschsprachigen Aktionsgruppe Banat erwähnt wird. Georg Hoprich wurde dank der mutigen Herausgebertätigkeit von Stefan Sienerth – 1983 erschien im Kriterion Verlag Bukarest dessen einziger Gedichtband mit dem schlichten Titel „Gedichte“ – schon in der alten Heimat wiederentdeckt. Hoprich war von allem Anfang an zeitgenössisch, wie seine vielleicht unbefangenste autobiographische rumäniendeutsche Kindheitsschilderung schlechthin im Gedicht „Erinnerung“ I zeigt: „Aus blauen Augen sah ich Kind,/ Wie durch Regen und Sonne und Staub und Wind/ Die Zeit trottete./ – Der erste Winter, der mir bekannt,/ War rauh./ Der Vater schlief am Rand,/ Ich in der Mitte, die Mutter an der Wand,/ das Bett war eng./ – Der Sommer brachte zu uns Soldaten,/ Sie kamen in Autos – russische Soldaten./ Mein Vater hinkte zu ihnen und reichte jedem die Hand./ Meine Mutter gab ihnen Wasser, ich erhielt ein rotes Band/ Und verlor die Furcht vor Mitja./ – Ein lichter Frühling wehte dann,/ Es kaufte mein Vater, der hinkende Mann/ Sich einen Holzfuß. Dann und wann/ War in der Suppe auch Fleisch“ (1959).

Hier gelingt es Georg Hoprich, die Geborgenheit des intakten Familienlebens in einem siebenbürgisch-sächsischen Dorf gerade auch in gesellschaftlichen Umbrüchen zu thematisieren. Die Geborgenheit einer Dorfgemeinschaft, die nicht nur durch die protestantische Arbeitsmoral, sondern auch durch den lutherischen Familiensinn geprägte siebenbürgisch-sächsische Gemeinde zusammenhielt, fasst Hoprich in die Verse, die seinem Heimatdorf Thalheim/Daia bei Hermannstadt als Symbol des siebenbürgisch-sächsischen Dorfes ein Denkmal setzen. / Ingmar Brantsch, Siebenbürgische Zeitung

87. Tyrannendämmerung

Bei der algerischen oder französisch-algerischen Tribune ein Artikel von Mohamed Bouhamidi mit der Überschrift „Die Tunesier erfinden ihre Geschichte neu“, der mit einem nicht genannten Dichter beginnt und endet:

Das Volk findet seinen Dichter wieder. Seinem Dichter, der uns lehrte, daß, „wenn das Volk eines Tages das Leben verlangt / Sich das Schicksal nur fügen / Die Nacht sich nur zerstreuen / Und die Fessel sich nur lösen kann“, hat das Volk Recht gegeben. Er hatte den Weg bereitet, indem er die Ketten der poetischen Tradition zerbrach und das Volk zusammen mit einigen Vorläufern zur Poesie einlud und kommende Revolten ankündigte. Prophetische Poesie der Tyrannendämmerung.

(Der Dichter ist offenbar so allbekannt, daß man seinen Namen gar nicht nennen muß? Falls ihn jemand kennt: Hinweise sind immer willkommen.)

86. Gedicht

DU BRAUCHST DICH NIEMALS MEHR FÜR MICH ZU SCHÄMEN.
Ich werde nicht mehr vor den Schulen stehen,
Zu wenig Bildung für ein Wiedersehen,
Nur Neigungen von Brot bis Czeslaw Niemen.

Ich habe dich wohl leider nie beschissen
Genug behandelt, daß es für uns langte,
Ich weiß es nicht, woran ich mehr erkrankte,
Am Tod oder am Handy unterm Kissen.

An deinen freien Tagen bist du wer,
Mit facebook, web.de und wer-kennt-wen,
Nur sag mir rechtzeitig, um wen du wirbst.

Rod Stewart ist schon viel zu lange her,
Erspare mir, euch einkaufen zu sehen
Und melde dich erst wieder, wenn du stirbst.

(Thomas Kunst, Leipzig)

85. Landschafts- und Wettermaler

Ist es erlaubt, Michael Krüger einen Naturlyriker zu nennen? Eigentlich war er uns als solcher bis jetzt nicht so recht gegenwärtig – auch wenn Adolf Muschg ihn einmal zu Recht einen „lyrischen Landschafts- und Wettermaler erster Güte“ nannte. Aber Meteorologie lässt sich auch in der Stadt betreiben („November war es wie in einem schlechten Film“ – Verse gleich diesen bleiben im Gedächtnis). Und Landschaft, bei Krüger beileibe kein herausgehobenes Sujet, zeigt in seinen Gedichten eine starke Tendenz ins Sinnbildliche, Allegorische. Was für Naturlyrik, die in der wirklichen Landschaft gern Landschaften der Seele spiegelt, nicht gerade typisch ist. / Hans-Dieter Fronz, Mannheimer Morgen

Michael Krüger: Ins Reine. Suhrkamp Verlag. 120 S., 16,90 Euro.

84. Ernst-Meister-Preis

Durch die Unterstützung von Sponsoren wird zum 100. Geburtstag des Hagener Lyrikers Ernst Meister (1911 – 1979) erstmals seit 2008 der nach ihm benannte Preis wieder verliehen. Die Kulturstiftung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), die Kulturstiftung der Provinzial Versicherungen und die Thalia Buchhandlungen ermöglichen die Auslobung des mit 13.000 Euro dotierten Hauptpreises und der zwei Förderpreise (je 2250 Euro).

Ausgezeichnet werden Autoren und Nachwuchsschriftsteller, die aufmerksam und kreativ mit Sprache umgehen. Einsendeschluss für die Bewerbungen ist am 5. April, die Verleihungszeremonie soll am Geburtstag Meisters, den 3. September 2011, stattfinden. / Westfalen heute

 

83. „Und was heißt schon New York? Großstadt ist Großstadt; ich war oft genug in Hannover.“

Aus dem Programm zur Ausstellung in Berlin-Pankow, galerie parterre

Donnerstag, 20.01.2011, 20.00 Uhr

VORTRAG | LESUNG Ernst Fuhrmanns Weltwende
Bert Papenfuß, Andreas Hansen, Rex Joswig

Donnerstag, 17.03.2011, 20.00 Uhr

LESUNG | GESPRÄCH Fox Tönende Wochenschau Nr. 26/1954
Chris Hirte, Matthias Friedrich und Detlef Opitz im Gespräch;
moderiert von Karsten Hoffmann

Sonntag, 20.03.2011, 20.00 Uhr

FINISSAGE | PERFORMANCE Tohm di Roes: ICHs Apokalyptus

anschließend

A.S. POP-Kommentare »Das Schweigen der Kunst«
DJ: Marc Gröszer, Frank Diersch

82. Gedichte geklaut

Ein Mitarbeiter des Amsterdamer Stadtarchivs hat mehrere Gedichte sowie einige Bücher und Jahrbücher aus der Sammlung des Archivs gestohlen. Dies berichtete gestern die niederländische Zeitung De Volkskrant. Entdeckt wurden die Diebstähle, die bereits 2009 stattgefunden hatten, Anfang letzten Jahres, als der Mann versuchte die Stücke an Antiquare zu verkaufen. Mitarbeiter der Universität von Amsterdam hatten sich zunächst für einige der Gedichte interessiert, wurden dann jedoch skeptisch, was letztlich zur Entdeckung der Diebstähle geführt hatte.

Der Mann stahl mehrere Gelegenheitsgedichte aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Diese Gedichte wurden meist zu Familienanlässen wie z.B. Hochzeiten, Geburten oder Beerdigungen geschrieben. „Die Stücke wurden gedruckt und herausgegeben, manchmal als kleine Bücher. Es sind keine äußerst seltenen Stücke. Aber die Tatsache, dass nicht besonders viele Stücke aus dieser Zeit erhalten geblieben sind, macht sie zu einem interessanten Material“, erklärte Emmy Ferbeck, Leiterin der Abteilung Archiv und Sammlung des Stadtarchivs in Amsterdam. / uni-muenster.de

 

81. Dschungel-Gedicht

Jede Generation hat ein Gedicht, das sie eint. Allan Ginsberg schenkte der Beat Generation in Howl ein poetisches Werk, das noch deren Enkel so bewegt, dass sie es gerade in den Kinos anschauen können. In dem Film Trainspotting spricht Ewan McGregor eine Startsequenz, die zum Ausdruck eines Protestgefühls Mitte der 1990er Jahre wurde und noch heute Menschen bewegt.

Diesen popkulturellen Bogen muss man aufspannen, um zu verstehen, was RTL am Montag abend (hier zum Nachschauen) aus dem australischen Dschungel sendete. Versteckt zwischen als Dschungelprüfungen bezeichneten Ekel-Aufgaben und kleinlichem Gezänk angeblich prominenter Menschen verbreitete der Sender ein poetisches Werk, das die im Ruhrgebiet geborene Casting-Kandidatin Sarah Knappik unter Tränen vortrug.

Es handelt sich vordergründig um die Klage eines Models (8. Platz in der dritten Staffel von Germanys Next Topmodel). In Wahrheit sind diese poetischen Worte aber eine Anklage gegen die Leistungsgesellschaft, gegen das System (in Knappiks Worten „die Brangsche“) und den permanenten Druck, der sogar gesundheitliche Schäden („irgendwelche Explosionen“) billigend in Kauf nimmt. / dirk-vongehlen, SZ