Einen Matthisson für Musikliebhaber, dessen Lieder von Beethoven und Schubert vertont worden sind. Und einen Dichter für die Freunde einer artistisch-artifiziellen Lyrik: den poetischen Kältekünstler, den Schöpfer phantastisch-halluzinierender Szenerien, die erstmals Traum, Rausch und Artistik ineinander verschränken. Ein Dichter, der das eigene Kunstwollen als Zweck absolut setzt – und in seinen besten Versen auf Platen und Meyer, auf Trakl, George und Benn verweist. / Ebd., s. #94
Wörlitz im Jahr 1828. Der Schriftsteller Friedrich von Matthisson, aus königlichen Diensten von Stuttgart aus nach Anhalt-Dessau zurückgekehrt, beugt sich über sein Tagebuch. Der Hofbedienstete im Ruhestand lässt den Tag Revue passieren, der ihm eine Fahrt über Land bescherte. Und eine bemerkenswerte Begegnung. Denn: „In Gnadau, wo angehalten wurde, bat eine Lehrerin der hiesigen Töchterschule um einen Platz in meinem Wagen, den sie auch erhielt. Als sie meinen Namen erfuhr, frug sie: ob ich etwa ein Verwandter vom verstorbenen Dichter Matthisson sei? – Diese Frage habe ich schon öfters hören müssen.“
Der einst von Byron und Bürger, von Schiller und Wieland gepriesene Erfolgsdichter muss begreifen: Kein Mann von gestern ist er mehr, sondern von vorgestern. / Christian Eger, Mitteldeutsche Zeitung
Der siebenbürgische Lyriker Frieder Schuller las am Freitag, den 21. Januar 2011, 19 Uhr, aus seinem Theaterstück „Ossis Stein oder wer werfe das erste Buch“ in der Humboldt-Universität zu Berlin.
Das 21. Jahrhundert eröffnet nicht mit einem programmatischen Jahrzehnt der Lyrik. So etwas gab es auch nur einmal: Das Jahrzehnt des Expressionismus von 1910 bis 1920*). Aber was historisch gilt, muss im Einzelnen nicht zutreffen. Eine Anthologie des Kritikers Michael Braun und des Lyrikers Hans Thill verblüfft nicht nur mit einem exzentrischen Titel: „Lied aus reinem Nichts. Deutschsprachige Lyrik des 21. Jahrhunderts“. Sie ist auch eine weiterführende Verlockung. Diese Auswahl beispielhafter Gedichte widerspricht inhaltlich den „Thesen zur Poesie“ von Michael Lentz, die der zeitgenössischen Lyrik einen Mangel an „Sprachüberraschungen“ und „verqueren Inhalten“ anlasteten. Nun gut, man muss nicht gleich an Stefan Georges „Kraft der Ausdruckserneuerung“ denken.
Es stimmt, Momente der Spracherneuerung und ein abrufbares Potential für Provokation treten seltener in den Vordergrund. Auch gibt es keine literarischen Stimmführer mehr, eher stehen Namen für Repertoire. Die Sattelplätze der Dichterschulen liegen verwaist. Und Erwartungen an einen Kanon müssen grundsätzlich enttäuscht werden. / Jürgen Verdofsky, Badische Zeitung
Michael Braun / Hans Thill (Herausgeber): Lied aus reinem Nichts. Deutschsprachige Lyrik des 21. Jahrhunderts. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2010. 246 Seiten, 26,80 Euro.
*) Na, von 2010-2020 wissen wir noch nicht so viel.
Marianne Rein hätte vielleicht ein große Schriftstellerin werden können. Schon in jungen Jahren schrieb sie Lyrik und Prosa, die sich zu ihren Lebzeiten aber nicht durchsetzen konnten, denn Marianne Rein war Jüdin. 1911 geboren, lebte sie mit ihrer Mutter seit 1917 in Würzburg, wo sie etwa um 1936 zu schreiben begann. Aus Anlass ihres 100. Geburtstags ist im Würzburger Ergon Verlag ein Buch mit Gedichten, Prosatexten und Briefauszügen erschienen. / Main Post
Beim Marianne-Rein-Abend im Theater (Würzburg) wird das Buch mit CD am 27. Januar zum Sonderpreis von 19 Euro erhältlich sein, danach kostet es im Buchhandel 25 Euro.
Das Buch: Rosa Grimm (Hrsg.), Kai C. Moritz (Red.), Marianne Dora Rein – Das Werk, Ergon Verlag, Würzburg 2011, 184 Seiten, mehrere SW-Abbildungen, 25 Euro, ISBN 978-3-89913-829-0
Vor allen Dingen erweitert das Dichterschicksal Georg Hoprichs die doch recht einseitige Sicht auf die rumäniendeutsche Literatur, die leider meist nur mit den Namen des einstigen Vorzeigeehepaars der rumäniendeutschen Literatur, Herta Müller und Richard Wagner, sowie mit der deutschsprachigen Aktionsgruppe Banat erwähnt wird. Georg Hoprich wurde dank der mutigen Herausgebertätigkeit von Stefan Sienerth – 1983 erschien im Kriterion Verlag Bukarest dessen einziger Gedichtband mit dem schlichten Titel „Gedichte“ – schon in der alten Heimat wiederentdeckt. Hoprich war von allem Anfang an zeitgenössisch, wie seine vielleicht unbefangenste autobiographische rumäniendeutsche Kindheitsschilderung schlechthin im Gedicht „Erinnerung“ I zeigt: „Aus blauen Augen sah ich Kind,/ Wie durch Regen und Sonne und Staub und Wind/ Die Zeit trottete./ – Der erste Winter, der mir bekannt,/ War rauh./ Der Vater schlief am Rand,/ Ich in der Mitte, die Mutter an der Wand,/ das Bett war eng./ – Der Sommer brachte zu uns Soldaten,/ Sie kamen in Autos – russische Soldaten./ Mein Vater hinkte zu ihnen und reichte jedem die Hand./ Meine Mutter gab ihnen Wasser, ich erhielt ein rotes Band/ Und verlor die Furcht vor Mitja./ – Ein lichter Frühling wehte dann,/ Es kaufte mein Vater, der hinkende Mann/ Sich einen Holzfuß. Dann und wann/ War in der Suppe auch Fleisch“ (1959).
Hier gelingt es Georg Hoprich, die Geborgenheit des intakten Familienlebens in einem siebenbürgisch-sächsischen Dorf gerade auch in gesellschaftlichen Umbrüchen zu thematisieren. Die Geborgenheit einer Dorfgemeinschaft, die nicht nur durch die protestantische Arbeitsmoral, sondern auch durch den lutherischen Familiensinn geprägte siebenbürgisch-sächsische Gemeinde zusammenhielt, fasst Hoprich in die Verse, die seinem Heimatdorf Thalheim/Daia bei Hermannstadt als Symbol des siebenbürgisch-sächsischen Dorfes ein Denkmal setzen. / Ingmar Brantsch, Siebenbürgische Zeitung
Bei der algerischen oder französisch-algerischen Tribune ein Artikel von Mohamed Bouhamidi mit der Überschrift „Die Tunesier erfinden ihre Geschichte neu“, der mit einem nicht genannten Dichter beginnt und endet:
Das Volk findet seinen Dichter wieder. Seinem Dichter, der uns lehrte, daß, „wenn das Volk eines Tages das Leben verlangt / Sich das Schicksal nur fügen / Die Nacht sich nur zerstreuen / Und die Fessel sich nur lösen kann“, hat das Volk Recht gegeben. Er hatte den Weg bereitet, indem er die Ketten der poetischen Tradition zerbrach und das Volk zusammen mit einigen Vorläufern zur Poesie einlud und kommende Revolten ankündigte. Prophetische Poesie der Tyrannendämmerung.
(Der Dichter ist offenbar so allbekannt, daß man seinen Namen gar nicht nennen muß? Falls ihn jemand kennt: Hinweise sind immer willkommen.)
DU BRAUCHST DICH NIEMALS MEHR FÜR MICH ZU SCHÄMEN.
Ich werde nicht mehr vor den Schulen stehen,
Zu wenig Bildung für ein Wiedersehen,
Nur Neigungen von Brot bis Czeslaw Niemen.
Ich habe dich wohl leider nie beschissen
Genug behandelt, daß es für uns langte,
Ich weiß es nicht, woran ich mehr erkrankte,
Am Tod oder am Handy unterm Kissen.
An deinen freien Tagen bist du wer,
Mit facebook, web.de und wer-kennt-wen,
Nur sag mir rechtzeitig, um wen du wirbst.
Rod Stewart ist schon viel zu lange her,
Erspare mir, euch einkaufen zu sehen
Und melde dich erst wieder, wenn du stirbst.
(Thomas Kunst, Leipzig)
Ist es erlaubt, Michael Krüger einen Naturlyriker zu nennen? Eigentlich war er uns als solcher bis jetzt nicht so recht gegenwärtig – auch wenn Adolf Muschg ihn einmal zu Recht einen „lyrischen Landschafts- und Wettermaler erster Güte“ nannte. Aber Meteorologie lässt sich auch in der Stadt betreiben („November war es wie in einem schlechten Film“ – Verse gleich diesen bleiben im Gedächtnis). Und Landschaft, bei Krüger beileibe kein herausgehobenes Sujet, zeigt in seinen Gedichten eine starke Tendenz ins Sinnbildliche, Allegorische. Was für Naturlyrik, die in der wirklichen Landschaft gern Landschaften der Seele spiegelt, nicht gerade typisch ist. / Hans-Dieter Fronz, Mannheimer Morgen
Michael Krüger: Ins Reine. Suhrkamp Verlag. 120 S., 16,90 Euro.
Durch die Unterstützung von Sponsoren wird zum 100. Geburtstag des Hagener Lyrikers Ernst Meister (1911 – 1979) erstmals seit 2008 der nach ihm benannte Preis wieder verliehen. Die Kulturstiftung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), die Kulturstiftung der Provinzial Versicherungen und die Thalia Buchhandlungen ermöglichen die Auslobung des mit 13.000 Euro dotierten Hauptpreises und der zwei Förderpreise (je 2250 Euro).
Ausgezeichnet werden Autoren und Nachwuchsschriftsteller, die aufmerksam und kreativ mit Sprache umgehen. Einsendeschluss für die Bewerbungen ist am 5. April, die Verleihungszeremonie soll am Geburtstag Meisters, den 3. September 2011, stattfinden. / Westfalen heute
Aus dem Programm zur Ausstellung in Berlin-Pankow, galerie parterre
Donnerstag, 20.01.2011, 20.00 Uhr
VORTRAG | LESUNG Ernst Fuhrmanns Weltwende
Bert Papenfuß, Andreas Hansen, Rex Joswig
Donnerstag, 17.03.2011, 20.00 Uhr
LESUNG | GESPRÄCH Fox Tönende Wochenschau Nr. 26/1954
Chris Hirte, Matthias Friedrich und Detlef Opitz im Gespräch;
moderiert von Karsten Hoffmann
Sonntag, 20.03.2011, 20.00 Uhr
FINISSAGE | PERFORMANCE Tohm di Roes: ICHs Apokalyptus
anschließend
A.S. POP-Kommentare »Das Schweigen der Kunst«
DJ: Marc Gröszer, Frank Diersch
Ein Mitarbeiter des Amsterdamer Stadtarchivs hat mehrere Gedichte sowie einige Bücher und Jahrbücher aus der Sammlung des Archivs gestohlen. Dies berichtete gestern die niederländische Zeitung De Volkskrant. Entdeckt wurden die Diebstähle, die bereits 2009 stattgefunden hatten, Anfang letzten Jahres, als der Mann versuchte die Stücke an Antiquare zu verkaufen. Mitarbeiter der Universität von Amsterdam hatten sich zunächst für einige der Gedichte interessiert, wurden dann jedoch skeptisch, was letztlich zur Entdeckung der Diebstähle geführt hatte.
Der Mann stahl mehrere Gelegenheitsgedichte aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Diese Gedichte wurden meist zu Familienanlässen wie z.B. Hochzeiten, Geburten oder Beerdigungen geschrieben. „Die Stücke wurden gedruckt und herausgegeben, manchmal als kleine Bücher. Es sind keine äußerst seltenen Stücke. Aber die Tatsache, dass nicht besonders viele Stücke aus dieser Zeit erhalten geblieben sind, macht sie zu einem interessanten Material“, erklärte Emmy Ferbeck, Leiterin der Abteilung Archiv und Sammlung des Stadtarchivs in Amsterdam. / uni-muenster.de
Jede Generation hat ein Gedicht, das sie eint. Allan Ginsberg schenkte der Beat Generation in Howl ein poetisches Werk, das noch deren Enkel so bewegt, dass sie es gerade in den Kinos anschauen können. In dem Film Trainspotting spricht Ewan McGregor eine Startsequenz, die zum Ausdruck eines Protestgefühls Mitte der 1990er Jahre wurde und noch heute Menschen bewegt.
Diesen popkulturellen Bogen muss man aufspannen, um zu verstehen, was RTL am Montag abend (hier zum Nachschauen) aus dem australischen Dschungel sendete. Versteckt zwischen als Dschungelprüfungen bezeichneten Ekel-Aufgaben und kleinlichem Gezänk angeblich prominenter Menschen verbreitete der Sender ein poetisches Werk, das die im Ruhrgebiet geborene Casting-Kandidatin Sarah Knappik unter Tränen vortrug.
Es handelt sich vordergründig um die Klage eines Models (8. Platz in der dritten Staffel von Germanys Next Topmodel). In Wahrheit sind diese poetischen Worte aber eine Anklage gegen die Leistungsgesellschaft, gegen das System (in Knappiks Worten „die Brangsche“) und den permanenten Druck, der sogar gesundheitliche Schäden („irgendwelche Explosionen“) billigend in Kauf nimmt. / dirk-vongehlen, SZ
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