77. Erlösung durch Nymphen

„Abgesehen von den im Jahr drei bis vier glücklichen Monaten, in denen ich arbeiten kann, quäle ich mich herum in der Hoffnung, dass etwas geschieht, das mich genug fasziniert, um darüber zu schreiben“, bekannte Wolf Wondratschek in dem erwähnten Interview mit André Müller. An dieser Mühsal scheint sich nicht allzu viel geändert zu haben, wie diesem konfusen, auch kalauernden Prosawerk zu entnehmen ist. Wondratschek, der elegante Stilist, wartet wie der Waldgott in Stéphane Mallarmés Gedicht „Nachmittag eines Fauns“ auf den Musenkuss, die Erlösung durch die Nymphen. / Katrin Hillgruber, Tagesspiegel

76. Gepflegte Sätze

Der Aufstieg Gottfried Benns zum wichtigsten deutschen Nachkriegsdichter ist eines der erstaunlichsten Comebacks der Literaturgeschichte. Denn Benn, der als Expressionist bekannt geworden war, unter anderem mit seinen schockierenden „Morgue“-Gedichten (1912) wie der „Krebsbaracke“, war 1945 gleich doppelt auf dem Abstellgleis gelandet. Weil er der nazistischen Machtergreifung 1933 zunächst positiv gegenüberstand (auch in seiner kulturpolitischen Funktion in der Preußischen Akademie der Künste), hatte er sich in den Augen vieler Regimekritiker und Emigranten desavouiert.

(Ja, und Gott erhalte uns unsre alten Klischees und bewahre uns vor neuen! Schockierende Morgue-Gedichte? Krebsbaracken gibt es, Krebsbaracken gibt es. Ein ketzerischer Gedanke befällt mich: Könnte es sein, daß der Aufstieg Benns nach 1945, ob man das Comeback nennen kann, steht dahin, auf der Angst des Publikums vor  Klischeewechsel beruht? Das würde auch erklären, nächste Drehung der Schraube, daß noch heute Studenten aus den „Neu-BL“ signifikant seltener angeben, in der Schule was von Benn gelesen zu haben, als „Alt-BRDler“.)

Ich suche nach weniger klischeehaften Sätzen aus dem Artikel von „rik“ in der Welt, vielleicht diese, ja. Am besten sind die letzten zwei Sätze:

Seine 1916 unter dem Titel „Gehirne“ veröffentlichten „Rönne-Novellen“ sind ein Musterbeispiel expressionistischer Prosa. Nach dem Zweiten Weltkrieg knüpfte Benn im „Ptolemäer“ und dem „Roman des Phänotyp“ daran an – Werke, die die herkömmlichen erzählerischen Formen überschreiten. „Der Ptolemäer“ ist die Ich-Erzählung eines Schönheitssalonbesitzers mitten in den Trümmern des Berlins nach 1945. In die fiktionalen Fragmente sind assoziative philosophische und kulturkritische Passagen eingewoben, die eine Diagnose der Zeit und der Menschheitsgeschichte abliefern – ohne sich allerdings zu einer kohärenten Philosophie zu bündeln: „Zugegeben: Panoptikum, Bilder, – Fragmente, von meinen Fragen koloriert! Aber das Zusammenhang suchende Denken scheint mir noch viel unvollkommener.“

Aber vielleicht echauffiere ich mich eh umsonst und dieser Artikel hat nur die Funktion, den Onlineleser zum Klicken zu bewegen. Unter dem Wort „Bilder“ im Bennzitat liegt ein Link auf die „Welt“-Bildergalerien, die zwar nichts mit Benn zu tun haben, sondern mit Themen wie „Kelly Brooks üppiges Dekolleté im Bikini“ oder „Was trägt Frau so zum Staatsbesuch“ mit je 185 klickbaren Bildern, aber dann paßt es vielleicht doch wieder zu Benns Kulturkritik. Er kannte sein Publikum und wußte, daß er mit gepflegt schönen Gedichten und einem Bißchen gepflegter kulturkritischer Prosa besser ankommt als mit Gedichten von Pathologen und Krebsärzten.

Letzteres gehört in den abendlichen Krimi und bitte nicht ins Gedicht zum Sonntag.
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75. Gedicht

 VEREINIGUNGEN, TROST, DAS MEER IM FLUR
Wenn du nicht gehen willst, ich kann dich schleppen
Durch Gassen, über Kinderwagentreppen
Doch hinterher von Kindern keine Spur

Gestank von Kleiderständern, falls die riechen
Die Mantelränder, umgenäht, sind länger
Mit Feuchtigkeit versehen, stinken strenger
Verbeugen wir uns tief genug und kriechen

Durch den Palazzo, neben Küchenzeilen
Tapetensalz und Badesteinen lang
Auf diesem Boden will ich alles machen

Es ist gleich fünf, wir müssen uns beeilen
Fantina mit den Eimern, mach mich krank
Das Meer noch nicht im Flur, das Licht geht krachen

Von Thomas Kunst (Leipzig)

74. Splitter

Zu einem Lyriklexikon, wie es mir vorschwebt, gehören nicht nur „seriöse“ lexikalische Artikel, sondern unbedingt Splitter, poetologische Gedichte oder Gedichtstellen, Aphorismen pp. Auch auf die Gefahr der Uferlosigkeit: die braucht man im Wiki nicht zu fürchten. Hunderte Aphorismen von Novalis? Na und, sie fressen kein Brot und lassen sich durch Verschlagwortung auffinden, wenn man sie braucht.

Ich experimentiere mit der Lexikonform. Habe gerade einen Splitter verfaßt (und hoffe jetzt und in Zukunft auf die Meinung und Mitarbeit der Lesenden).

Gestern (Mandelstam)

Oft bekommt man zu hören: Das ist gut, aber das ist von gestern. Ich dagegen sage: Das Gestern ist noch gar nicht geboren. Das gab es noch gar nicht richtig. Mich verlangt es wieder nach Ovid, Puschkin, Catull, und der historische Ovid, Puschkin, Catull befriedigt mich nicht. (…) Catulls silberne Trompete:
Ad claras Asiae volemus urbes*
quält und beunruhigt stärker als alle futuristischen Rätsel. Das gibt es nicht auf Russisch. Aber das müßte es doch auf Russisch geben.

Ossip Mandelstam, Über Dichtung. Essays. Leipzig und Weimar: Gustav Kiepenheuer 1991, S. 11f.

  • ) Asia: Kleinasien samt den vorgelagerten Inseln. Volemus,von volare, „fliegen“ im Sinne von schnell reisen

Carl Fischer: Flieg zu Asiens hochberühmten Städten! In: Catullus, Sämtliche Gedichte. lateinisch und deutsch. München: dtv 1987, S. 55.

73. Wunschlos schauen

Der schönste Beitrag im neuen „Ostragehege“ ist indes eine poetologische Miniatur der Dichterin Kerstin Preiwuß, eine Art Präludium zu einem dort abgedruckten Gedicht-Zyklus der Autorin mit kafkaesken „Stilleben“. In einer Meditation über ein Bild von Henri Matisse beschreibt Preiwuß die überwältigende Evidenz, die beim Betrachten eines Kunstwerks eintritt, jenes Heraustreten aus allen Zwanghaftigkeiten, das einen Zustand fast schwerelosen Glücks ermöglicht: „Kein Geräusch ging von diesem Bild aus“, so Kerstin Preiwuß, „und dieses Bild erzeugte auch kein Geräusch in mir… Ich hatte kein Verlangen mehr als das, immerzu zu schauen und dabei wunschlos zu sein.“  / Michael Braun, Poetenladen

Ostragehege Nr. 61
c/o Axel Helbig, Birkenstr. 16, 01328 Dresden. 84 Seiten, 4,90 Euro.

Ich ergänze aus dem Editorial:

Das neue OSTRAGEHEGE könnte getrost als Lyrikanthologie angekündigt werden. Denn insgesamt 25 lyrische Handschriften – Poeme, Zyklen, Gedichtsammlungen und Einzelgedichte – werden in diesem Heft ausgebreitet. Dabei geht die Reise einmal mehr quer durch Europa. Längst sind nicht alle Texte der sogenannten Klassiker der Moderne übertragen. So können sich die Leser des neuen Heftes auf neue Übertragungen aus dem Werk von Francis Ponge (1899-1988) und Vladimir Holan (1905-1980) freuen. Una Pfau, eine der bedeutendsten Übersetzerinnen aus dem Französischen, bringt uns das Poem La Guêpe/Die Wespe von Francis Ponge nahe. Urs Heftrich, seit 2003 Mitherausgeber der Gesammelten Werke von Vladimir Holan, stellt zwei neu übersetzte Zyklen des Hauptvertreters des tschechischen Poetismus der dreißiger Jahre vor. Neben neuen Gedichten aus Irland (Pat Boran und Dennis O’Driscoll) und Bosnien/Herzogowina (Marko Vešović, Mile Stojić, Bisera Alikadić und Amir Brka) sind es vor allem die längeren Zyklen von Jan Kuhlbrodt und Tom Schulz sowie die Sammlung neuer Gedichte von Franz Hodjak, welche einer intensiven und zugleich lustvollen Lektüre empfohlen sein sollen. Schließlich möchte die Redaktion auf die 37. Folge der Rubrik Lagebesprechung – Junge deutschsprachige Lyrik hinweisen, in welcher Nico Bleutge die Leipziger Lyrikerin Kerstin Preiwuß vorstellt.

72. Kino im Kopf

Schrott Ist die Studie nicht auch ein Kniefall vor dem positivistischen Zeitgeist?

Schrott Einerseits stimmt das natürlich. Das Geheimnisvolle, Unsagbare und Geniale der Poesie wird zugunsten des Messbaren ausgesetzt – doch nur um sich ihr einmal von der Seite der Pragmatik nähern zu können.

Wie groß ist denn die Gefahr, dass Lyrik dadurch entzaubert wird?

Schrott Null. Sie gewinnt dadurch nur. Kein Gedicht wird zerstört, indem man hinter den Vorhang schaut. Was man dann wahrnimmt, ist weitaus interessanter und kann die Wirkung des Gedichts nur erhöhen. Damit kann man auch mit dem Vorurteil aufräumen, Gedichte seien „schwierig“.

Was haben Sie aus neurologischer Sicht Neues über das Gedicht lernen können?

Schrott Dadurch, dass ein Gedicht Bild, Musik und Information synchron liefert und im Grunde ein Kino im Kopf ist, wird es zum menschlichsten und komprimiertesten Zeugnis unseres Denkens und unserer Wahrnehmung. Man erkennt, dass das Gedicht in einer Zeit, in der es noch keine Schrift gab, mit seiner musikalisch gebundenen Sprache die einzige Möglichkeit war, sich Informationen über größere Strecken zu merken.

Der Rhythmus ist es also.

Schrott So ist es. Über die verschiedenen und doch miteinander verknüpften Speichermöglichkeiten der Musik und des Inhalts verfügen wir über die doppelte Kapazität. Wenn wir ein Lied trocken aufsagen, kommen wir drei Zeilen weit; wenn wir es singen, gelangen wir bis zur nächsten Strophe. So fußt bereits die Erfindung des Gedichts auf Pragmatik: nämlich als Erinnerungsspeicher zu fungieren.

Was stellt das Gedicht – in seiner schriftlichen Form – in unserem Gehirn an?

Schrott Die Erfindung der Schrift ist zweifelsohne einer der revolutionärsten Entwicklungsschritte in der Menschheitsgeschichte. Sie hat unsere Wahrnehmung radikal verändert. Mündlich funktioniert die Sprache über den Klang, in dessen Mitte wir stehen. Das Lesen dagegen stellt uns an den Rand, lässt uns die Worte wie Dinge betrachten und macht das Visuelle dominant. Vorher war das Wort als Klang ein Ereignis, beim Lesen ist es ein Objekt, wird verschiebbar und vor allem beliebig wiederholt lesbar. Plötzlich hatten wir Begrifflichkeiten, mit denen wir wie mit Legosteinen hantieren konnten. / Rheinische Post

Raoul Schrott / Arthur Jacobs, „Gehirn und Gedicht“, Hanser, 544 S., 29,90 Euro

71. Das kann doch wohl nicht sein

Auch zum Thema Lyrik-Debut: Stefan Heuer über die Erwartungshaltung von Lyriker/innen mit wenig oder gar keiner Erfahrung beim Publizieren:

[…] Eine große Anzahl unangeforderter Lyrikbände findet seinen Weg in meinen Briefkasten. Und ich muss es sagen, wie es ist: Die Gedichte werden dadurch nicht besser, dass man sie mir schickt – wenn dies so wäre, würde ich mir das patentieren lassen! Die in diesem Zusammenhang bislang allerschönste Mail, gerade eine gute Woche alt: »Herr Heuer, wie mir zu Ohren gekommen ist, haben Sie einige Dichter sogar bereits mehrfach besprochen, meinen Debütband jedoch nicht. Das kann doch wohl nicht sein!« Doch, lieber Mensch, dessen Namen ich an dieser Stelle nicht nennen möchte und werde: Das kann sein! Und zwar deshalb, weil mir viel zu viele wirklich gute Lyrikbände in die Hände kommen, zu denen ich viel lieber was schreibe als über ein Buch, das mich in keiner Weise interessieren konnte. […] / Titel-Magazin

(Es folgt eine Rezension zu Andreas Nogas neuem Band „Lücken im Lärm“ [kein Debüt].)

70. Bauernjunge aus Mantua

Dieser Bauernjunge aus der Gegend von Mantua, immer ein wenig kränkelnd und sich deswegen der Rhetorik und den Wissenschaften widmend, hat zuerst wunderbare Lyrik geschrieben, die der Natur verbunden war. Er kam ja vom Land. Im 4. Gesang seiner Hirtengedichte zum Beispiel hat er die Geburt eines Kindes beschworen, was beim Lesen der Zeilen in späterer Zeit den Eindruck erwecken konnte, hier sei bereits ein christlicher Dichter am Werk. Vielfach wurde er somit falsch eingereiht und manipuliert. / Klaus Grunenberg

69. Buch ohne Staben

Wenn er, wie er sagt, wirklich keinen Plan von Kunst hat, dann liegt es vielleicht daran, dass er selbst Kunst ist. Raver-Frisur, ungarischer Bart, Pullunder und Adidas-Sneaker – der Lyriker und Performer Dr. Peter Treznok an sich macht Spaß, da kann sein so genanntes stabiles Buch, das er am Freitag in der Walpodenakademie vorstellte, kein allzu großer Schund sein. In der Sammelausstellung „Materialschlacht“, die am Freitag in der Walpodenakademie in der Neubrunnenstraße eröffnete, präsentieren bis zum 8. Mai auch drei weitere Künstler ihre Arbeiten.

Ist ein stabiles Buch das Gegenteil zu einem labilen Buch? Gibt es ein Buch ohne Staben oder Staben ohne Buch? Diese Fragen beschäftigten Dr. Treznok während des einjährigen Schaffensprozesses an seinem stabilen Buch. Den Inhalt – Treznoks eigene dadaistische Lyrik – druckte der Wahl-Mainzer „mit einer ollen Handnudel“ und Bleisatz auf Tapetenmuster. 50 Exemplare stellte Treznok her. „Die Frage ist“, so Treznok, „warum kostet jedes davon 200 Euro?” / Wiesbadener Tagblatt

68. Radiosendung mit „Geistersehen“ und rough-Song

Heute 20 – 21 Uhr auf Radio 98,1  (im Raum Greifswald, live im Internet auf www.98eins.de) die neueste Sendung der Plattform-Redaktion mit Berichten von der Leipziger Messe u.a. über die Uraufführung des rough-Songs am ersten Messeabend in der Gaststätte Waldfrieden durch Christian Filips und den Waldfrieden-Chor  – lohnt sich!, außerdem eine Rezension des huchelpreisgekrönten Bandes „Geistersehen“ von Marion Poschmann. (Wers verpaßt: wird danach, spätestens am Montag, auf der Website zum Download bereitstehen, also die Sendung).
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67. Clemens Schittko hat einen Preis

Der zweite „Lauter Niemand Preis für politische Lyrik“ wurde kürzlich in Berlin vergeben. Eine Verteidung des Siegertextes von Stefan Schmitzer, The Gap:

Der „Lauter Niemand Preis für politische Lyrik“ ist lustig dotiert (400 € – gerade so viel, dass es noch als „echtes“ Preisgeld durchgeht) und von einer Literatur-Zeitschrift gestiftet, die im ihrem Namen (Lauter Niemand) schon ihr Programm umreißt (etwa: Hinzens und Kunzens Privatpoetiken in fruchtbarem Nebeneinander mit den Patent-Kapazundern des „neuen deutschen Lyrik-Hypes“).

Zum Anlass gab es eine Lesung der Autoren der „engeren Wahl“, eine Diskussion  und die Bekanntgabe des Preisträgers. Dass der Clemens Schittko heißt und den Preis für sein Gedicht „Who is who / Is who or what“ gekriegt hat, erfüllt mich mit Genugtuung. Weil:

Diesen Monstertext, diese 24 Seiten füllende Litanei über Geschichte und Farce der deutschen Gegenwart, dieses  genial einfach konstruierte Ding kenne ich schon länger (seit „Perspektive“#64). Habe ihn/ sie/ es auch bei zwei Anlässen als „extrem super“ bezeichnet und musste dann den Doppelvorwurf „zu lang! und unterkomplex!“ lang und breit entkräften. Stimmt halt einfach nicht. Das hab ich jetzt, dank der Lauter Niemand-Jury, quasi schriftlich.

Geschenkt: Wer von „Who is who…“ nur die erste halbe Seite liest, muss sich denken: Kennen wir schon, bringt uns nicht weiter. Ein einziges Formprinzip – hier die Aussage „A heißt jetzt B“ – über allerhand Sachverhalte zu spannen, ist wirklich weder neu noch originell. Und erinnert an die langweiligeren Gebilde von Erich Fried et al.

Aber je länger der Text läuft, desto mehr wird deutlich, was das nochmal heißt, dass dokumentarisch-didaktische Lyrik ihre Wurzeln genauso sehr in Lied und Zauberspruch hat wie jede andere. Einen Text zu bauen, der zum Mitgrölen – „Raider heißt jetzt Twix“ – genauso anregt wie zur Recherche von Detailfragen deutschen Versicherungsrechts oder zur Kontemplation verschobener Subjektbegriffe – das mache Schittko mal einer nach.

Dass Schittko noch keinen „eigenen“ Gedichteband hat, ist eine Frechheit. Wo es Zeug von ihm zu lesen gibt, steht andererseits eh hier.

Lauter Niemand. Berliner Zeitschrift für Lyrik und Prosa

www.lauter-niemand.de

66. Statistik

Apropos Zahlen – brandneu kommen diese an:

3sat.online 3satText

 3satText  14.04.11 20:34:47    S.505-1
                       Kultur
                       Nachrichten

 Dichter-Anzahl: Deutschland führt

 Deutschland ist, wie EU-Statistiker
 herausgefunden haben, immer noch ein
 Land der Dichter und Denker. Rund
 330.000 Schriftsteller und Künstler
 arbeiten in der Bundesrepublik, so
 viele wie in keinem anderen europäi-
 schen Land. Großbritannien kann 200.000
 Kulturschaffende vorweisen, Frankreich
 180.000 und Italien 120.000.

 Betrachtet man allerdings nicht die ab-
 soluten Zahlen, sondern die Künstler-
 dichte, sind in Deutschland 0,8 % aller
 Beschäftigten als Schriftsteller und
 Künstler tätig. In Schweden und Finn-
 land liegt ihr Anteil dagegen bei 1,5%.

   500 <-         Ausstellungen -> 515

65. Wie findet Lyrik heute eine Öffentlichkeit? TeaTimeLesungen und Gespräche

Sonntag, 17.4., 17.30 Uhr

„Gedichte sind kein Luxus, sie gehören zu unserem Existenzminimum“, schreibt Elisabeth Borchers. Sie ist fest davon überzeugt, dass Lyrik unverzichtbar ist, doch im letzten Jahr erschienen nur etwa 15 Lyrikdebüts*) im deutschsprachigen Raum, ein verschwindend geringer Anteil im Vergleich zu der stetig wachsenden Menge an Prosaliteratur.

„Wie findet Lyrik heute eine Öffentlichkeit?“ – ist Thema einer TeaTimelesung am Sonntag, 17.04., 17.30 Uhr, Literaturhaus, Schwanenwik 38

Idee, Konzeption, Moderation: Charlotte Ueckert .

Lesungen und Gespräche mit:

Autorin Nadja Küchenmeister zu ihrem vielversprechenden Debüt „Alle Lichter“ (Schöffling & Co.). Simone Kornappel und Philipp Günzel präsentieren ihr neues Literaturmagazin „randnummer“ und Julietta Fix informiert über ihr  Onlinemagazin  FIXPOETRY.COM und ihren neuen gleichnamigen Verlag.

Karten unter: Tel. 227 92 03 oder 207 69 037 oder Mailto: lit@lit-hamburg.de

Literaturzentrum Hamburg
Schwanenwik 38
22087 Hamburg
Internet: www.lit-hamburg.de

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*) nur 15 Debüts? Woher kommt diese Zahl? Glaub ich nie und nimmer. Was zählt man da mit? Wie wird das „ermittelt“? Hier meine Bitte und mein Aufruf an &Poe-Leser: Helfen Sie mir, eine etwas genauere Zahl von Lyrikdebüts 2010 und auch gleich 2011 zu ermitteln! Schreiben Sie mir per Mail oder hier im Kommentar einschlägige Titel, von denen Sie Kenntnis haben! Auch wenn Sie die Autorin oder der Autor oder Verleger sind! Ich stelle aus den Daten zusammen mit meinen eigenen Informationen eine Debütantentafel 2010 und 2011 zusammen. Bitte möglichst exakte Angaben, also wenn möglich inclusive Seitenzahl, Preis und wenn vorhanden ISBN-Nummer. Lassen Sie uns gemeinsam ein Stück Literaturbetrieb ein wenig aufklären!

64. Einsiedler-Existenzen

Gemeinsam mit seinen Mitstreitern Hans Arp, Richard Huelsen­beck, Marcel Janco und Tristan Tzara machte sich Ball allen Ernstes daran, mit seinen dadaistischen Aufführungen ein – wie er schrieb – „Gegenspiel zum Bolsche­wismus“ in Szene zu setzen. Alle literarischen Traditionen wurden auf den Prüfstand gestellt, die Grammatik sollte zersprengt, die Syntax aufgelöst, die poetische Ordnung auf den Kopf gestellt werden. Aber schon im Sommer 1916 distanzierte sich Ball von diesem turbulenten Treiben und erklärte den Expressionismus, den Dadaismus „und andere Mismen“ zur „schlimmsten Bourgeoisie“: „Das ›Cabaret Voltaire‹“, so polemisierte nun der Avantgardist auch gegen sich selbst, „ist nichts­nutzig, schlecht, dekadent, militaristisch, was weiss ich, was noch. Ich möchte so was nicht mehr machen.“ Bärbel Reetz zeigt in ihrem Almanach-Beitrag, dass Hugo Ball trotz seiner Abwendung vom „Cabaret Voltaire“ einigen seiner Freunde treu blieb, insbesondere Hans Arp, mit dem er später immer wieder im Tessin und in Italien zusammen traf, um mit ihm gemeinsam, wie es in einem Brief von Hans Arp heißt, „das gelobte Land des Schöpferischen zurückzugewinnen“. …

Von einigen freischwebenden Intelligenzen, die dereinst mit marxistischen Überzeugungen angetreten waren, später dann als Ketzer verfolgt wurden, berichtet auch das aktuelle März/April-Heft der Literaturzeitschrift „Sinn und Form“. Ein hier erstmals edierter Briefwechsel zwischen dem experimentellen Sprachkünstler und Grafiker Carlfriedrich Claus und dem Philosophen Ernst Bloch dokumentiert die Einsamkeit zweier undogmatischer Marxisten, die in der DDR ins Abseits gerieten, aber stets an einem Begriff der Utopie festhielten. Wie Hugo Ball führte auch Carlfriedrich Claus eine Einsiedler-Existenz, er lebte in selbstgewählter Klausur und großer Armut in Annaberg im Erzgebirge. Die Ernst Bloch-Lektüre wurde für den Mikroschriftbilder-Komponisten Claus zu einer Offenbarung, er schreibt in einem Brief von den „Stille-Punkten im Noch-Nicht-Gewordenen der Natur“, zu denen ihn die Bloch-Lektüre führte. / Michael Braun, Zeitschriftenlese im Poetenladen

Hugo Ball-Almanach. Neue Folge 2, 2011
Levelingstr. 6a, 81673 München. 216 Seiten, 16 Euro.

Sinn und Form 2/2011
Postfach 210250, 10502 Berlin. 160 Seiten, 9 Euro.

63. Gedicht

Von Thomas Kunst, Leipzig

 

ES SIND DIE LETZTEN SCHÖNEN TAGE HIER
Auf dieser Welt, ich weiß, was nötig wäre,
Mit einem Ascher, einer Gartenschere
Zertrümmer ich den Tisch mit Schalentier.

Wir hören Gieseking und warten lange,
Daß von den Ratten endlich Zeichen kommen
Und sie sich warnen, uns mal ausgenommen,
Bewegung mit Geruch in vollem Gange.

Gedächtnistraining ohne Instrument,
Die Einbeziehung des gesamten Arms,
Gaspard de la nuit in Zattere.

Das Licht, das uns von Heilgetränken trennt,
Die Fügeladern des Insektenschwarms,
Baronia brevicornis, flattere

 

(für Gaston Salvatore)

 

Neu: Thomas Kunst,  „Legende vom Abholen“, Gedichte. Edition Rugerup / Nimrod Förlag AB. ISBN: 978-3-942955-02-7. € 14.90 (tolles Buch – in die Hand nehmen! Lesen!)

Auch schön: Aloysius Bertrand: Gaspard de la Nuit – Phantasien in der Manier Callots und Rembrandts. Aus dem Französischen übertragen von Jürgen Buchmann mit einem Nachwort des Übersetzers. 150 Seiten. ISBN: 978-3-9813470-9-8. 11,90 Euro