105. Krutschonych, Erb & Co.

Textfassung eines Rundfunkbeitrags von Michael Gratz, der am 15.4. in der Literatursendung Plattform auf Radio 98,1 gesendet wurde

Die Buchmesse in Leipzig hat sich nach anfänglichen Unsicherheiten gehalten neben der in Frankfurt. Als Besonderheit der Leipziger Messe, die geschäftlich ja eher die kleine Schwester der Frankfurter ist, hat sich ihr Charakter als Lesefest etabliert. Während der vier Messetage finden von Morgens bis zum späten Nachmittag in den Messehallen und dann noch am Abend in Sälen, Galerien, Buchhandlungen und Gaststätten überall im Stadtgebiet Autorenlesungen statt, und erstaunlicherweise scheinen sie alle ein Publikum zu finden. Daniela Seel, die Verlegerin, die mit ihrem 2003 gegründeten Verlag kookbooks den Lyrikbetrieb aufgemischt und einer ganzen neuen Dichtergeneration zum Durchbruch verholfen hat, debütierte jetzt mit dem ersten eigenen Gedichtband und einer beeindruckenden Performance zusammen mit dem jungen Dichter Rick Reuther.

Im Café Europa konnte man serbische Schriftsteller und Historiker hören im Disput über die Gründe für den Zerfall Jugoslawiens und die Rolle des Staatsgründers Tito. Müßte man ihn nicht heute vor ein UN-Gericht wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit stellen, wurde gefragt. Die Antwort: Ja, aber dann müßte man auch de Gaulle oder Churchill vor Gericht stellen. (Ich würde vorschlagen, daß wir uns auf lebende Kriegsverbrecher konzentrieren, die es nicht nur in Afrika oder Asien gibt…).

Serbien war der diesjährige Messeschwerpunkt, zum dritten Mal ein Land des ehemaligen Jugoslawien nach Kroatien und Slowenien in den letzten Jahren. Aus diesem Anlaß wurden neue Übersetzungen von Romanen und Gedichten serbischer Autoren präsentiert. Junge serbische Lyriker stellten sich vor mit einem Originaltext und einer Übersetzung, eine vielfältige Welt, die es zu entdecken gilt. Schon einmal zur Zeit Goethes war Deutschland ein Vermittler der serbischen Literatur. Seither haben wir Boden verloren, aber vielleicht läuft ja ein Revival.

Der junge Leipziger Verlag Reinecke und Voß, den wir in einer Sendung im vergangenen Herbst schon einmal vorgestellt haben, präsentierte neue Übersetzungen hierzulande unbekannter Quellen der modernen Literatur. Jürgen Buchmann übersetzte einen Band mit Prosagedichten, das ist eine in Frankreich traditionsreiche Dichtungsform, der sich auch die Klassiker der modernen Lyrik bedienten wie Charles Baudelaire und Arthur Rimbaud. Aloysius Bertrand heißt der bei uns bislang wenig bekannte Autor, von dem man erfahren kann, daß zum Beispiel der „Erfinder“ des Surrealismus André Breton ihn für einen der Vorläufer der Bewegung hielt.

Die andere bedeutende Entdeckung dieses Verlages ist eine Programmschrift eines der Pioniere des russischen Futurismus, der in Moskau und St. Petersburg vor und während des 1. Weltkrieges in neue Horizonte vorstieß. Wir kennen Wladimir Majakowski. Er war Futurist, zumindest bevor er sein Schaffen in den Dienst der russischen Revolution stellte, seinem Lied auf die Kehle tretend, wie er sagte. Wir wissen, daß es ihm nicht gut bekam. Die neue Gesellschaft konnte ihn nicht brauchen. 1930 schoß er sich eine Kugel in den Kopf. In dem futuristischen Poem „Wolke in Hosen“ hatte er das 15 Jahre vorher prophezeit: „Wärs nicht besser, auf die Stirn einen Schlußpunkt aus Blei zu setzen“, hieß es da.

In den 70er Jahren wurde im Westen, zu dem von Rußland aus gesehen auch die DDR gehörte, in beiden Teilen Deutschlands also ebenso wie in Amerika und Westeuropa der Dichter Welimir Chlebnikow bekannt und berühmt als der „Vorsitzende des Erdballs“, wie er sich nannte, ein Erforscher und Erfinder von Sprachen. Eine „Sternensprache“ wollte er erfinden und erfand sie in seinen Gedichten. Es handelt sich um Lautgedichte, die die Russen vor den Dadaisten erfanden. Eine Sprache jenseits des Verstandes wollte man finden, auf Russisch heißt das Sa-um.

Bei Reinecke und Voß erschien jetzt zum erstenmal separat auf Deutsch ein Buch des Dritten im Bunde, oder Vierten neben Chlebnikow, Majakowski und David Burljuk. Alexej Krutschonych schuf das älteste Lautgedicht oder Sa-um-Gedicht dieser Bewegung. Das war durchaus nicht nur eine ästhetische Spielerei. Mit diesen Texten konnte man damals zum Beispiel Stummfilme klanglich untermalen. Der Tonfilm war ja noch nicht erfunden. Die Kunst der Avantgarde wollte die Grenzen zwischen Kunst und Leben niederreißen.

In diesem Sinn ist der Titel des Buches zu verstehen: „Phonetik des Theaters“. In unserer ästhetischen Sicht der postavantgardistischen Zeit ist das mißverständlich. Theater ist hier nicht der Kunsttempel, sondern der Marktplatz, die Straße und der Kinosaal. Es ging um die Theorie für eine ins Leben eingreifende Kunstform. Dieses Buch wurde von Valeri Scherstjanoi übersetzt. In einer Galerie und einem Laden für Kunst- und Literaturzeitschriften, um den ich Leipzig beneide, stellte Scherstjanoi, der selber von manchen als der letzte Futurist bezeichnet wird, das Buch vor und trug Lautgedichte von Alexej Krutschonych als wahre Klangkonzerte vor, die auch den skeptischen Zuhörer überzeugten.

Eine andere erstaunliche Autorin war zweimal auf bzw. während der Messe zu erleben. Elke Erb ist eine Lyrikerin der sogenannten „Sächsischen Dichterschule“ aus der Generation von Adolf Endler, Sarah Kirsch oder Volker Braun. Ihre Texte haben seit den 60er Jahren ihre Leser in den Bann gezogen, mehrmals war sie auch in Greifswald zu hören.

Vor allem aber ist sie Mentorin und verehrte Meisterin schon mindestens der zweiten Generation junger Dichter. In den 80er Jahren setzte sie sich in der DDR für die Dichter des ostdeutschen Underground ein, wie sie im Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg und auch in Städten wie Dresden und Leipzig lebten.

Heute ist Elke Erb Anregerin und bewundertes Vorbild einer neuen Generation junger Dichter, die vergangenes Jahr sogar in Leipzig eine Elke-Erb-Gesellschaft gründeten, um sich für die Verbreitung ihres Werkes und die Förderung zeitgenössischer Poesie einzusetzen. Bei einer Lesung in der Gaststätte Waldfrieden brachten junge Dichter ihr ein literarisch-musikalisches und sogar tänzerisches Ständchen und stellten ein neues Buch vor, in dem sich junge Schriftsteller auf Texte von Elke Erb ihren eigenen Reim machen. „Meins“ hieß ein Buch von Elke Erb in der Buchreihe roughbooks des Schweizer Verlegers Urs Engeler. Der jetzt präsentierte Huldigungsband trägt den passenden Titel „Deins“, ebenfalls bei roughbook erschienen und unter www.roughbook.ch erhältlich. Bei der Veranstaltung gab es auch die Uraufführung eines „rough“-Songs, den man hier von Christian Filips und den Besuchern der Lesung in Leipzig gesungen hören kann.

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104. Vor 125 Jahren wurde Kurt Pinthus geboren

Ruhm auf einen Schlag erntete Kurt Pinthus 1919 für die Herausgabe der Anthologie „Menschheitsdämmerung“. Zwanzigtausend Exemplare der Sammlung expressionistischer Lyrik verkauften sich binnen zwei Jahren. Bis heute genießt das Opus, in dem sich die „schäumende, chaotische, berstende Totalität“ einer Ära bricht, den Ruf eines Standardwerkes moderner Poesie. Die ersten Auflagen erschienen im Kurt-Wolff-Verlag, mit dem sich das Schicksal von Pinthus eng verknüpfte. …

In seiner Frühphase huldigte Pinthus, der am 29. April 1886 in Erfurt geboren wurde, in Versen eifrig dem typisch expressionistischen Pathos: „Wir: rascher rauschend im Raum und glühen als lichte Kometen. / Wir: Kenner seltner Weine, Früchte, Geflügel, sanfter Pasteten. / Wir tragen vor brüllenden Menschenmassen aufreizende Fahnen. / Wir fliegen höhnend auf in zartgeäderten Aeroplanen. / Wir hüllen uns zitternd in tausend Schleier der Einsamkeit.“ / Ulf Heise, Märkische Allgemeine

103. Tomas Tranströmer 80

Der letzte Band Gedichte, den Tomas Tranströmer veröffentlichte, erschien auf Schwedisch im Jahr 2004 und enthält ausschließlich Haikus: ‚Großer und langsamer Wind / Aus der Bibliothek des Meeres. / Hier darf ich ruhen.‘ Das ist schlicht, dunkel und doch von großer Evidenz. Man stellt sich einen gebildeten Menschen dazu vor, einen ebenso nüchternen wie poetischen Zeitgenossen, der eine flüchtige Stimmung in ein paar Wörter fasst, so exakt und so unauffällig wie möglich. / Thomas Steinfeld, SZ 15.4.

102. Jimmy RJH, aufstrebender Dichter

Sein richtiger Name ist Jimmy Hermann Rakotomalala, als Künstler nennt er sich Jimmy RJH. Er ist ein junger Dichter aus Madagaskar, 24 Jahre alt. Mit 14 begann er schreiben, als er im Malagasyunterricht ein Gedicht des Dichters Rado hörte. Ihm gefiel die Vortragsweise des Lehrers, und kurze Zeit später schrieb er ein Gedicht als Antwort auf Rado. Seit 2006 hat er mehrere Gedichtbände veröffentlicht. / Vonihanitra Raholimalala, L’Express de Madagascar 22.4.

Rado, eigentlich Georges Andriamanantena (1923-2008) war ein malagassischer Dichter und Journalist, Maler und Musiker, Akademiemitglied, bekannt als „Dichter der Freiheit und Brüderlichkeit“.

101. Stimmts?

Seine ersten Gedichte veröffentlichte er in expressionistischen Periodika. 1912 erregte er großes Aufsehen bei Publikum und Kritik durch seinen provokanten Lyrik-Zyklus „Morgue und andere Gedichte“, der ihn zu einer kontrovers diskutierten Berühmtheit machte. / Radio Bremen, Bennabend

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100. „dass wir immer weiter graben“

Der schottische Autor John Burnside, in Großbritannien seit langem als eine der wichtigsten Stimmen der Gegenwartsliteratur etabliert, ist durch Romane wie „Die Spur des Teufels“ oder „Glister“ in den letzten Jahren endlich auch bei uns als der Erzähler von Weltrang, der er ist, bekannt geworden. Mit dieser zweisprachigen Auswahl von zwei Dutzend Texten aus seinen bislang zehn Gedichtbänden der zurückliegenden zwei Jahrzehnte haben wir jetzt die Gelegenheit, ihn auch als Lyriker kennenzulernen. Er zeigt sich darin gleichermaßen als entschiedener Naturlyriker, der beständig eine Sprache für organische Prozesse sucht, wie als ein Poeta doctus, der seinem Lukrez nachfolgt, wenn er über die Natur der Dinge schreibt, und der doch weiß, dass Sprache letztlich immer ihrer eigenen Natur folgt und natürliche Gegebenheiten niemals recht begreift. In dieser produktiven Verschränkung von literarischer Gelehrsamkeit mit programmatischer Bodenständigkeit steht er dem irischen Lyriker Seamus Heaney, eine Generation älter, in nichts nach: Beide haben ihre Arbeit als einen beständigen Prozess des Grabens und des Ausgrabens beschrieben, um den Dingen auf den Grund zu gehen. Bei Burnside heißt es dazu, „dass wir immer weiter graben, auch wenn es / anscheinend nichts mehr zu finden gibt – nichts / als Gespenster und unerhörte Gebete“. / Tobias Döring, FAZ.net 20.4.

John Burnside: „Versuch über das Licht“. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Iain Galbraith. Hanser Verlag, München 2011. 138 S., geb., 14,90 Euro.

99. Der Rezensent, der einen Eid geschworen hat…

Was als erstes ins Auge springt, wenn man in diesem schweren, schön gemachten, eigenwilligen Buch blättert, das sind die Zeichnungen. Mit größter Sorgfalt scheint ihr Gestrichel Gegenstände wiederzugeben, die irgendwie dem Bereich der Botanik oder eines untergegangenen Handwerks zugehören, nicht allzu groß, aus einem harten, aber bildsamen Stoff gefertigt, von einem schlichten Grundmodell her zu hoher Komplexität getrieben. An verholzte Fruchthülsen erinnern sie, an jene Futterale, die zurückbleiben, nachdem man Paranüsse oder Sternanis daraus entfernt hat. Aber man könnte beim besten Willen nicht sagen, was man hier sieht; es sind Produkte einer ebenso präzisen wie fantastischen Konkretion. Hier hat der Stift etwas geschaffen, das Anspruch erhebt, daraufhin unwiderruflich in der Welt zu sein.

Wenn man diese Grafiken eine Zeitlang auf sich hat wirken lassen, ist man vorbereitet auf die Texte, die ihnen Oswald Egger beigegeben hat. Denn mit seinen Wörtern und Worten verfolgt er ganz ähnliche Absichten wie mit seinem Zeichenstift. Man schlage den Band auf, wo man will. Immer und abwechslungsfrei stößt man auf Sätze wie diese:

‚Die Felberpappel wispelt fast, und ein Wasserfall aus Mond- und Nebensonnen spierlt lichte Fäden in den Fäng`chen und Fingern schwarzgrauer Arven. Ich weiß, im Schatten dieser Vogelkiefern habe eine fast Kannen-Karawane von Schnäbeln verkauert, fransenbeschwänzt, mit einer Harpe von Krallen zerfedert und übertrommelt.‘

(…)

Der Rezensent, der einen Eid geschworen hat, niemals die Lyrik von Paul Celan und ‚Finnegan“s Wake‘ anzufassen, hat sich hier, was er sonst nie tut, gestattet, es bei der Partiallektüre zu belassen, etwa fünfzehn Prozent des Gesamtumfangs (mehr ging einfach nicht) – aber nicht, ohne sich hinlänglich überzeugt zu haben, dass Eggers Werk nach der allerersten keine weiteren Überraschungen bereithält.

Und dennoch: Oswald Egger hat sichtbar etwas gewollt, etwas Falsches und Unmögliches zwar; aber dieses Scheitern gehört ihm unverwechselbar (was mehr ist, als sich von den meisten deutschen Romanciers der ungefährdeten Mittellage behaupten lässt). Die Trauer darüber, dass es so hat kommen müssen, nimmt bei ihm die Form des Zitats an, merkwürdig genug bei einem, der sich sonst der bezuglosen sprachlichen Setzung verschrieben hat. Er holt die spätantike Theologie und Philosophie herbei, hebt an mit Augustinus und endet mit Boethius; und beide Passagen haben es mit der Gebrechlichkeit der Zeit zu tun, die es den Wesen nicht erlaube, jemals ganz da und zur Stelle zu sein, sondern sie zum Stückwerk der Sukzession verdamme, im Gegensatz zur einzig vollkommenen Ewigkeit Gottes. Auch der Titel des Buchs, ‚Die ganze Zeit‘, erscheint da auf einmal im Licht der Dringlichkeit. / BURKHARD MÜLLER, SZ 13.4.

OSWALD EGGER: Die ganze Zeit. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 741 Seiten, 44,80 Euro.

98. Sanktionen oder Wenn die Wirtschaft brummt

Erfahrungsgemäß erfreuen sich Meldungen über Statistik besonderer Aufmerksamkeit. Hier eine besondere Statistik, die nicht ohne Lyrikrelevanz sein dürfte, wiewohl Genaueres schwer zu erfahren ist.

Auch die allzu vornehme Bezeichnung „Sanktionen“ läßt mehr Lücken als sie füllt. Wievielen Leuten wurden 25, 50, 100 % ihrer „Bezüge“ für wie lange gestrichen? Wieviele Lyriker, Lyrikkritiker und andere Arbeitsscheue sind betroffen?* Wie hoch ist die insgesamt eingesparte Summe? Wohin geht das eingesparte Geld: zurück an den Steuerzahler? An die StarmVau (Staatliche Armutsverwaltung)? Prämien für Einsparer? Für Einheizer? Anreize für private Armutsvermittler? Anzeigen zur Unterstützung der notleidenden Presse? Die jedenfalls meldet:

Die Arbeitsagenturen haben im vergangenen Jahr so viele Strafen gegen Hartz-IV-Empfänger verhängt wie noch nie. Die „Bild“-Zeitung berichtete unter Berufung auf eine Statistik der Bundesagentur für Arbeit, 2010 seien 828.708 Sanktionen verhängt worden. Das waren 14 Prozent mehr als 2009.

Termin versäumt: Fast 500.000 Hartz-IV-Empfänger sind 2010 nicht wie vereinbart bei den Arbeitsämtern erschienen

Sanktionen gegen Hartz-IV-Empfänger 2010

Anzahl zwischen Januar und Dezember 2010 neu festgestellter Sanktionen

  • Deutschland: 828.708
  • Westdeutschland: 555.651
  • Ostdeutschland: 273.057

Mehr als die Hälfte der Sanktionen (498.504) wurden wegen Meldeversäumnissen ausgesprochen. Betroffen waren unter anderem Hartz-IV-Empfänger, die zu vereinbarten Terminen in der Arbeitsagentur nicht erschienen.

Zirka 142.000 Strafen wurden wegen Verletzung der Pflichten aus der Eingliederungsvereinbarung verhängt. Dies betraf etwa Hartz-IV-Empfänger, die keine Bewerbungen geschrieben haben, obwohl sie sich dazu verpflichtet hatten. In 102.631 Fällen wurden Sanktionen ausgesprochen, weil sich die Betroffenen weigerten, eine als zumutbar eingestufte Arbeit, Ausbildung oder einen Ein-Euro-Job anzunehmen.

Der stellvertretende Vorsitzende der Unions-Bundestagsfraktion, Michael Fuchs (CDU), befürwortete gegenüber „Bild“ das härtere Vorgehen der Arbeitsagenturen gegen Hartz-IV-Empfänger.

Das große Quiz: Was Arbeitnehmer dürfen – und was nicht**

„Wenn die Wirtschaft brummt, muss man von den Arbeitslosen verlangen können, dass sie angebotene Stellen auch annehmen“, sagte er der Zeitung. „Wer vom Staat gefördert wurde, muss sich auch fordern lassen. Das heißt: Angebotene Arbeit muss angenommen werden, Termine bei den Arbeitsagenturen darf man nicht grundlos platzen lassen.“

*) L&Poe ist bereit, Erfahrungsberichte Anonymer Hartzer (AHas) zu veröffentlichen. Im Ernst!

**? Anklicken auf eigene Gefahr (gilt für die Zeitung und erst recht für ihre BILD-Strecken und Quizzen.

97. Stuttgart: Videolesung mit Reynold Reynolds und Gerhard Falkner

Videokunst und Lyrik ermöglichen nicht nur einen poetischen Zugang zu bewegten Bildern, sondern auch eine unkonventionelle Form der Zusammenarbeit. Der Schriftsteller und Lyriker Gerhard Falkner und der Videokünstler Reynold Reynolds geben ein Beispiel für so ein Gemeinschaftprojekt. Im Mittelpunkt ihrer Zusammenarbeit stehen die zwei Kurzfilme „Stadtplan“ und „Letzter Tag der Republik“. Der „Stadtplan“ basiert auf einem Gedicht von Falkner und entstand im Berliner Künstlerhaus Bethanien während eines Arbeitsaufenthaltes von Reynolds. Auch der zweite Kurzfilm wurde von dem in Alaska geborenen Videokünstler konzipiert und von Falkner mit einem lyrischen Text unterlegt. Er erzählt die Geschichte des Palasts der Republik, dessen öffentliche Eingangshalle einst das Zentrum des sozialen Lebens in Ostberlin war und trotz vehementer Demonstrationen 20 Jahre nach dem Mauerfall abgerissen wurde. / art

Die Videopräsentation und Lesung findet am 27. April, um 20.00 Uhr in der Akademie Schloss Solitude statt.

96. Adolfs Wiegenfest

Pünktlich zum Geburtstag Adolf Hitlers wurde die erst vor wenigen Wochen abgedrehte Neonazi-Homepage Alpen-Donau am Mittwoch vorübergehend wieder online gestellt. Wie gehabt liegt die Seite auf einem Server in den USA, man wechselte nur den Bundesstaat: Von „Dreamhost“ in Kalifornien ging man zu „Wild West Domains“ in Arizona. Angemeldet wurde die Seite schon vier Tage zuvor, am 16. April. Begrüßt wird die „treue“ Leserschaft mit einem Gedicht, das „Adolfs Wiegenfest“ gewidmet ist. Ein Gereime, das unter der Kronen Zeitung-Kolumne „In den Wind gereimt“ von Wolf Martin just am 20. April 1994 erschien. Erst in der letzten Zeile des Gedichts steht die Auflösung, welcher Adolf, der als „Patriot mit jedem Nerv“ beschrieben wird, gemeint ist: „Das war ein Mann der Doktor Schärf!“ / Der Standard

Hier die 1994er Fassung des Martinschen Ständchens. L&Poe berichtete über eine Variante von 2004, hier in der „Rückschau“ zitiert

95. Blüten des Augenblicks

Er nennt sie „Blüten des Augenblicks“ – 185 Zen-Gedichte, die der südkoreanische Autor Ko Un verfasst hat, und die jetzt im Suhrkamp-Verlag erschienen sind. …

,Ich bin gekommen, Liebste, der strenge Winter, der ist vorbei.’ – Das Grab seiner Frau lachte leise.“ / Nassauische Neue Presse

Blüten des Augenblicks von Ko Un in der Übersetzung von Dr. Hans-Jürgen Zaborowski ist im Suhrkamp-Verlag erschienen und kostet 15,90 Euro

94. Wirre, wunderliche Worte

Er ist einer der beliebtesten deutschen Schauspieler und von ganzem Herzen Romantiker: „Ein Leben ohne Gedichte, diese kleinen Leuchtfeuer in der Dunkelheit, ist mir heute nicht mehr vorstellbar.“

Ulrich Tukur hat seine Sammlung der deutschen Liebesgedichte „Wehe, wirre, wunderliche Worte“ herausgegeben. Katharina John hat dafür in ihren Photographien tanzende Paare eingefangen, die illustrieren sollen, dass im Tanz – wie im Gedicht – der Mensch eine leichte, spielerische Form findet, die Einsamkeit, Distanz und Sprachlosigkeit aufhebt. / Hamburg-Magazin

Ullstein Verlag, 176 Seiten, Preis: 14,- Euro

Das in Tukurs  Titel zitierte Gedicht (der Schauspieler schmuggelte ein paar eigene Verse in die Sammlung) stammt von Alfred Lichtenstein (1889-1914), ich nehms aus Anlaß der Wiederbegegnung in meine Anthologie:

Alfred Lichtenstein

Der Rauch auf dem Felde

Lene Levi lief am Abend
Trippelnd, mit gerafften Röcken
Durch die langen, leeren Straßen
Einer Vorstadt.

Und sie sprach verweinte, wehe,
Wirre, wunderliche Worte,
Die der Wind warf, daß sie knallten
Wie die Schoten,

Sich an Bäumen blutig ritzten
Und verfetzt an Häusern hingen
Und in diesen tauben Straßen
Einsam starben.

Lene Levi lief, bis alle
Dächer schiefe Mäuler zogen,
Und die Fenster Fratzen schnitten
Und die Schatten

Ganz betrunkne Späße machten –
Bis die Häuser hilflos wurden
Und die stumme Stadt vergangen
War in weiten

Feldern, die der Mond beschmierte …
Lenchen nahm aus ihrer Tasche
Eine Kiste mit Zigarren,
Zog sich weinend

Aus und rauchte …

Alfred Lichtenstein: Dichtungen. Zürich: Arche 1989, S. 16

Das Gedicht besteht aus vierzeiligen Strophen, deren erste drei Verse vierhebig und die vierte jeweils zweihebig sind, ausnahmslos alle Zeilen mit zweisilbiger (weiblicher) Kadenz. Das Gedicht scheint reimlos, jedoch weist es durchgehend in jeder Strophe mindestens zwei durch Assonanz verbundene Verse auf. Die Assonanz (die im Deutschen oft gar nicht als Reim erkannt wird) ist ein Halbreim, bei dem die letzte betonte Silbe den gleichen Vokal hat, während die Konsonanten abweichen. Vierzeilige Strophen aus vierhebigen Trochäen mit Assonanz statt (Voll-)Reim heißen Romanzenstrophe, die spanische Entsprechung zur deutschen Volksliedstrophe. Die deutschen Romantiker bürgerten die Form ins Deutsche ein.

Die Expressionisten benutzen den vierhebigen Trochäus gern (auch Georg Trakl, der wie Franz Kafka die Bezeichnung Expressionist für sich wohl nicht akzeptierte). Die Form ist so häufig, daß ich von „expressionistischem Trochäus“ spreche.

Meine Vermutung über den „expressionistischen Trochäus“  ist, daß die Form sich im Deutschen anbietet, weil man vier zweisilbige Wörter, die im Deutschen in der Regel auf der ersten Silbe betont werden, unverbunden nebeneinander stellen kann. Alte Plätze sonnig schweigen. Vier „schwere“ Wörter nebeneinander füllen den Vers perfekt und ohne Füllsel. Die Kompaktheit der Zeilen erinnert mich an manche expressionistischen Gemälde mit starken Konturen.

Ein paar Beispiele von Lichtenstein:

  • tödlich blauen blanken Himmel 57
  • sieben geile Männlein rannten 29

(ein anderes Gedicht von Lene Levi: der Name paßt exakt in den vierhebigen Trochäus, ist schon die Hälfte).

und von Trakl:

  • Kläglich eine Amsel flötet 9
  • Nächtens übern kahlen Anger 10
  • Schatten gleiten übers Kissen 11
  • Wolken über stummen Wäldern 11
  • Alte Plätze sonnig schweigen 15

Expressiv wird der Vers bei Lichtenstein auch durch weitere sprachliche Mittel. Markante Alliterationen schaffen zusätzliche Klangverbindungen, so gleich am Anfang und im Innern noch einmal: Lene Levi lief, so mehrmals im Innern und dann ganz besonders in der zweiten Strophe der vier- oder sogar fünffache W-Anlaut: ver-weinte wehe wirre wunderliche worte (auch hier dreimal hintereinander die trochäischen Zweisilber weinte wehe wirre…).

Der Bau des Trochäus aus vier zweislibigen Wörtern schafft einerseits Geschmeidigkeit, ein leichtes Vorangleiten. Die meisten Zweisilber gleiten dahin, wie auf „langen leeren Straßen“. Nur wenige Einzelwörter sperren sich mit ihrem Klangmaterial, hier das „Trippelnd“ der zweiten Zeile. Zunächst sind es die Konsonantenverbindungen, die den Bewegungsfluß des leichten Metrums hemmen: tr-pp-lnd. Die vielen Konsonanten sind nicht nur für Ausländer vielleicht eine Schwierigkeit, auch der Muttersprachler kann das Wort nicht so schnell aussprechen. Das hat auch einen metrischen Effekt: obwohl es im Deutschen nicht wie im alten Griechischen klar wahrnehmbare Silbenquantitäten gibt, die alten Griechen „maßen“ die Silbenlänge, daher der Name Metrik, wie Meter von Messen, wir „wiegen“ die Silben nach Gewicht (Betonung), der Trochäus ist also im Griechischen lang-kurz, bei uns stark-schwach. Auch bei trippeln ist die erste (die Stamm-)Silbe stark, die Endungssilbe schwach. Wir neigen dazu, die schwachen Endungssilben zu verschlucken, was Auswirkungen auf das Metrum hat. Wir sin-gen nicht, sondrn singn: viele Wörter werden also gesprochen einsilbig, und das Metrum geht flöten. Die gehäuften Konsonanten bremsen das Verschlucken aus. Mit einem Meßgerät könnte man nachweisen, daß man für die „schwache“ Silbe „pelnd“ mehr Zeit braucht als für „tri“: es ist mindestens ein Laut mehr zu sprechen. Der zur Regelmäßigkeit neigende vierhebige Trochäus kommt hier zum ersten Mal ins Stocken. Spannung entsteht zwischen dem dahingleitenden Rhythmus und den Sprachhemmern. Hämmern! Den Rhythmus hemmend wirkt auch die Verkürzung der vierten Verse jeder Strophe. Und hier das gleiche rhythmische Phänomen in dem Strophenschlußwort „Vorstadt“. Zwar betonen wir korrekt die erste Silbe, aber das -stadt hat mehr Laute und zusätzlich das Gewicht des selbständigen Substantivs. Trippelnd und Vorstadt sind nicht stark-schwach, sondern stark-stark.

(Man muß das nicht bemerken, um die Wirkung zu erfahren. Lautes Sprechen, möglichst ohne Verschlucken, genügt.)

Die Zeilen von Lichtenstein zitiert aus der genannten Ausgabe, die von Trakl aus: Georg Trakl, Das dichterische Werk. dtv 1972, 11. Aufl. 1987

93. LCD

Düsseldorf war noch nicht oft Gegenstand in L&Poe-Meldungen, gerade einmal 4 Beiträge meldet die Schlagwortsuche. Vielleicht ändert sich das jetzt?

Der LCD ist eine neue literarische Experimentierbühne in Düsseldorf. Ab April 2011 laden wir jeden ersten Dienstag im Monat Literatinnen und Literaten aus NRW und ganz Deutschland ein, im >Salon des Amateurs< ihre Texte zu präsentieren. Dabei möchten wir der freien Szene, etablierten und auch noch unbekannteren Autorinnen und Autoren ein neues Spielfeld bieten.

Den LCD – Literaturclub Düsseldorf organisieren:

jeden 1. Dienstag im Monat im >Salon des Amateurs<

Grabbeplatz 4, 40213 Düsseldorf [U Heinrich-Heine-Allee]

Einlass 20:00 Uhr, Beginn 20:30 Uhr
Eintritt 5 Euro

Aktuell

3.Mai

marie t. martin (köln)
monika rinck (berlin)
daniela seel (berlin)
moderation: swantje lichtenstein

Einlass: 20:00h, Beginn: 20:30h

92. Spricht die Dichtung zur Öffentlichkeit, und wenn ja, wie viele?

Jedes Gedicht ist öffentlich in dem Sinn, daß es sich an ein eingeschriebenes Publikum richtet. Aber manche Öffentlichkeit ist öffentlicher als andere. Die meisten zeitgenössischen Dichter zum Beispiel sprechen zu einem Publikum, das aus engen Freunden und vereinzelten Berufslesern sowie griffigen Abstraktionen wie dem idealen Leser oder der Nachwelt besteht. Diese Art Öffentlichkeit ist viel kleiner und homogener als die der Käufer der Romane von Zadie Smith oder Jonathan Franzen. Und natürlich verblassen beide Öffentlichkeiten vor „Der Öffentlichkeit“, jenem Menschenmeer, das seine Stimme abgibt, Super Bowl schaut und insgesamt Amerika zu dem macht, was es ist, im Guten wie im Schlechten. Die Lyrik hat es selten mit dieser großen Öffentlichkeit zu tun. Ihr einziger „öffentlicher“ Auftritt in jüngerer Zeit war die Lesung Elizabeth Alexanders bei Präsident Obamas Amtseinführung, die erwartungsgemäß bei Teilen der spezifischen Gedichtöffentlichkeit geteilte Reaktionen hervorrief.

Doch wenn die Dichter so selten vor einem Millionenpublikum stehen, heißt das noch nicht, daß sie keine nationalen Angelegenheiten ansprechen. Die Frage ist, welches Publikum jene öffentlichen Gedanken zu hören bekommt – und wie öffentlich sie denn genau sind?

So leitet David Orr eine Besprechung mehrerer Gedichtbände in der Aprilausgabe der ehrwürdigen Zeitschrift Poetry ein.

Thomas Sayers Ellis’s Skin, Inc., Timothy Donnelly’s The Cloud Corporation, C.D. Wright’s One with Others, and Elenor Wilner’s Tourist in Hell.

91. Gute Frage

  • Helmut Seethaler

    Niemand von FB ist erreichbar!Wie kanni fragen,was die meinen?Mails+postings kommen“unzustellbar“retour:
    BITTE sagens mir:welcher beitrag das ist,damiti NICHTMEHR gegen regeln verstosse!facebook wurd fuer meine kunst sehr wertvoll:Bitte mi googeln.WAS meinen sie?WOMIT verstossi gegen regeln?

  •  Helmut Seethaler

    Facebook verwarnt mi.Bitte sagt,womiti gegen FB-regeln verstiess?
    Hallo
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