112. Zöpfl vs. Leitner

Literarischer Komödienstadl oder ein Biotop bayerischer Schriftstellerei? Bei den Münchner Turmschreibern finden sich ganz unterschiedliche Autoren. Wolfgang Görl berichtet in der SZ vom 19.4.:

In den ersten Jahren waren die Turmschreiber ein kleiner privater Kreis, dessen Mitglieder mehr oder weniger im eigenen Saft schmorten. Das änderte sich spätestens Ende der Siebziger, als der Bühnenmensch Kurt Wilhelm die Regie übernahm. Wilhelm sorgte dafür, dass seine Schreiberlinge vom Turm hinabstiegen und ihre Werke vor größerem Publikum lasen, im Künstlerhaus und vor allem in der Kleinen Komödie. Zum Star der Dichtertruppe avancierte in der Folgezeit der Pädagogikprofessor Helmut Zöpfl. Der dichtende Wissenschaftler schreibt vorzugsweise in bayerischer Mundart, auch Reime und ein regelmäßiges Versmaß setzt er gerne ein, um seinen Gedichten eine traditionelle Form zu geben: ‚Jeda nennt’s,/koana kennt’s/’s Glück.(…) Oiwei ziagt/und verfliagt/’s Glück.‘ Lebensweisheiten wie diese finden sich häufig in Zöpfls Lyrik. Vor allem bei einem konservativ gestimmten Publikum kamen diese Gedichte hervorragend an. Wenn Zöpfl oder sein Dichterkollege Franz Ringseis – hinter dem Pseudonym verbirgt sich der 1997 gestorbene Philosophieprofessor Anton Neuhäusler – ihre Werke lasen, war die Bude voll.

Den Turmschreibern brachte die so gewonnene Popularität nicht nur Ruhm ein, sondern auch den Ruf, sich am literarisch Geschmack eines dörflichen Pfarrfamilienabends zu orientieren. So jedenfalls sahen es ihre Kritiker, die, sofern sie selber schrieben, sich dem Kreis um den eigenwilligen Verleger Friedl Brehm anschlossen. Brehm, der 1983 starb, war ein ewiger Rebell, dem es ein Gräuel gewesen wäre, im Lodenanzug zu stecken, und der stattdessen in Jeans, offenem Hemd und mit einem großen Peace-Zeichen über der blanken Brust herumlief. Seine Autoren dichteten im Geiste eines aufmüpfigen Bayerntums, schräge, sperrige Verse waren das, und ihr Lebensgefühl glich dem eines Wilderers im geordneten bayerischen Staatsforst.

Kaum etwas war ihnen verächtlicher als die Turmschreiber, allen voran Helmut Zöpfl, den sie als Hofdichter der CSU betrachteten. Wenn der Friedl-Brehm-Autor Helmut Eckl in den Münchner Kleinkunstbühnen auftrat, lief das selten ohne den viel belachten Spruch ‚Der Zöpfl is a Zipfl‘ ab. Zöpfl selbst wehrt sich vehement dagegen, in die Ecke ‚bayerntümelnder Deppen‘ (Zöpfl) gestellt zu werden. Er sieht sich durchaus als kritischen Dichter, der immer versucht habe, ‚ein bisserl reinzuhauen, wenn mir etwas stinkt‘. Nur mache er es eben nicht so hart wie andere. ‚Meine Botschaften sind ganz einfach: anderen helfen, Nächstenliebe, gegen Bürokratisierung.‘ Vielleicht kann man es so formulieren: Zöpfl beklagt in seinen Gedichten die Verwerfungen der Moderne aus der Perspektive des katholisch geprägten, in der altbairischen Tradition verwurzelten Mannes.

Egal, ob man ihn als oppositionellen Dichter oder hausbackenen Bavarica-Autor betrachtet – Platz wäre für beides bei den Turmschreibern. Aber Zöpfl ist nicht mehr dabei. Sie haben ihn rausgeworfen, gut ein Jahr ist das her. Herbert Burger und Herbert Rosendorfer haben die Turmschreiber daraufhin freiwillig verlassen – aus Protest gegen den Rausschmiss Zöpfls. Dieser hat inzwischen eine Turmschreiber GmbH gegründet. ‚Die ist alles andere als eine Konkurrenz. Ich wollte sie nur ärgern.‘

Jooß und Göttler sind auch so verärgert genug. Sie werfen ihrem einstigen Turmschreiber-Kollegen diverse Verfehlungen vor, am schwersten aber dürfte die Anschuldigung wiegen, er habe hinterrücks Kollegen schlecht gemacht und gegen sie intrigiert. Einer derjenigen, die sich von Zöpfl diffamiert fühlen, ist der Lyriker Anton G. Leitner, der seit Herbst 2009 zum Kreis der Turmschreiber gehört. Leitner, Jahrgang 1961, ist unter anderem Herausgeber der Zeitschrift Das Gedicht, er verfügt in der literarischen Szene über einen durchaus guten Ruf, auch oder gerade weil seine Gedichte nicht ganz so leicht zugänglich sind: ‚Müdigkeit/zwischen den/Beinen ist ein/Himbeereis/vom Italiener/um die Ecke‘ – so beginnt beispielsweise sein Gedicht ‚Isarsommer‘. Wer den Satz getreu dem Wortsinn liest, wird nicht so recht schlau daraus. Aber da ist ja noch der Klang der Worte, das sind die Assoziationen, die sie wecken. ‚Müdigkeit‘, ‚Himbeereis‘, ‚Italiener‘ – gewiss gibt es Leser, die da die Sommerhitze am Flaucher spüren. Zöpfl jedoch kann mit Leitners Lyrik rein gar nichts anfangen. ‚Ich verstehe seine Gedichte nicht‘, sagt er. Genau das habe er einmal seinem Freund Hans Zehetmair, dem ehemaligen bayerischen Kunstminister gesagt, das Gespräch sei belauscht worden, ‚und seitdem führt der Leitner gegen mich einen Kreuzzug‘.

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