Jedes Gedicht ist öffentlich in dem Sinn, daß es sich an ein eingeschriebenes Publikum richtet. Aber manche Öffentlichkeit ist öffentlicher als andere. Die meisten zeitgenössischen Dichter zum Beispiel sprechen zu einem Publikum, das aus engen Freunden und vereinzelten Berufslesern sowie griffigen Abstraktionen wie dem idealen Leser oder der Nachwelt besteht. Diese Art Öffentlichkeit ist viel kleiner und homogener als die der Käufer der Romane von Zadie Smith oder Jonathan Franzen. Und natürlich verblassen beide Öffentlichkeiten vor „Der Öffentlichkeit“, jenem Menschenmeer, das seine Stimme abgibt, Super Bowl schaut und insgesamt Amerika zu dem macht, was es ist, im Guten wie im Schlechten. Die Lyrik hat es selten mit dieser großen Öffentlichkeit zu tun. Ihr einziger „öffentlicher“ Auftritt in jüngerer Zeit war die Lesung Elizabeth Alexanders bei Präsident Obamas Amtseinführung, die erwartungsgemäß bei Teilen der spezifischen Gedichtöffentlichkeit geteilte Reaktionen hervorrief.
Doch wenn die Dichter so selten vor einem Millionenpublikum stehen, heißt das noch nicht, daß sie keine nationalen Angelegenheiten ansprechen. Die Frage ist, welches Publikum jene öffentlichen Gedanken zu hören bekommt – und wie öffentlich sie denn genau sind?
So leitet David Orr eine Besprechung mehrerer Gedichtbände in der Aprilausgabe der ehrwürdigen Zeitschrift Poetry ein.
Thomas Sayers Ellis’s Skin, Inc., Timothy Donnelly’s The Cloud Corporation, C.D. Wright’s One with Others, and Elenor Wilner’s Tourist in Hell.
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Weil seine Gedichte sowohl leicht als auch schwer zu lesen sind, weil sie ein bestehendes Gedichtverständnis verwerfen und ein neues postulieren. Ece Ayhan ist unter den Lyrikern der 1950er-Generation jener, der als Erster zu nennen ist, wenn es darum geht, sich und das Gelesene zu hinterfragen. Seine Lyrik weckt bei jedem Leser Befremden. (…)
Seine Gedichte erklären tatsächlich nichts. Sie deuten lediglich etwas an und ziehen sich wieder zurück, bevor sie es erklären. (…)
Neben einer Lyrik, die mit Leib und Seele und lebendig erzählt, lässt sich die gleichzeitige Existenz einer Lyrik, die das Gedicht als reine Kunst- und Dichtform begreift, nicht abstreiten. Wir können diese Form auch eine Art ‚intellektuelle Dichtung‘ nennen, die aber das Gefühl nicht völlig verneint. Jene, für die Lyrik in erster Linie Ausdruck des Lebendigen und des Gefühls ist, werden Ayhans Gedichte nicht als eine Bereicherung der türkischen Dichtkunst begreifen.
Aus: Doğan Hızlan, Vom Vernebeln und Verdecken (1968). In: Mark Kirchner (Hrsg.): Geschichte der türkischen Literatur in Dokumenten. Hintergründe und Materialien zur Türkischen Bibliothek. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 2008, S. 154f. (Deutsch von Nayhan Özdemir)
Nazım Hikmet schreibt für sich und für den Leser. Ece Ayhan hingegen schreibt nur für sich und übernimmt keine missionarische Verantwortung für seine Gedichte, was in seiner Aussage ‚Ich werde nicht dienen‘ zum Ausdruck kommt.
Aus: Edip Cansever, Mit der Sprache spielen (1967). In Mark Kirchner, a.a.O. S. 152. (Deutsch von Nayhan Özdemir)
Ece Ayhan (1931-2002) wird neben İlhan Berk zur hermetischen Richtung der sogenannten „Zweiten Neuen“ gerechnet, die eine Gegenbewegung zum sozialistischen Realismus und zur Garip (der Ersten Neuen) war. Er selbst lehnte diese Bezeichnung ab und zog es vor, von „Ziviler Dichtung“ zu sprechen.
(Damit ist die lange Woche der türkischen Poesie 2011 beendet. Ich plane das Projekt fortzusetzen, vielleicht jeweils im April oder Mai mit einer Woche der xxx Poesie. Vielleicht auch mit „analogem“ Anteil, sprich einer Veranstaltung im Falladahaus. Vielleicht hat ja jemand Lust, mitzumachen. – 2012 gibt es, letztes „Vielleicht“, eine „Woche der altgriechischen Poesie“. –
Eigentlich wollte ich auch aus der Quelle des Logos schöpfen. Aber Möglichkeiten gibt es ja immer.)

Der Wein bedeutet nicht das alkoholische Getränk aus Trauben und die inbrünstige Liebe nicht Eros und Sex. Und doch, wären die Metaphern verständlich und wahrhaftig, wenn es nicht den wirklichen Wein und die wirkliche Liebe gäbe? Das gilt vom Hohen Lied der Bibel, das seine Metaphern von der ältesten individuellen Liebeslyrik borgt, der altägyptischen. Das gilt ebenso von islamischen und christlichen Mystikerinnen.
Zwei Episoden aus einer Biographie des Dichters Rumi, der im Jahr 1207 in Belkh im Lande Khorasan im heutigen Afghanistan geboren wurde und im Alter von 5 Jahren über Mekka nach Anatolien kam. Er starb 1273 im anatolischen Konya. Sein Grab wird jährlich von über einer Million Menschen besucht.
1
Als der Prophet Mohammed die Nähe Seines geliebten Wesens erreichte und Er die Bedeutung der Verse Allahs Subhan (der nicht Fehlerhafte) verstand und alles göttliche Geheimnis und Wahrheit vollständig begriff, bot man Ihm (fsmi*) zwei Gläser an und gebot ihm, eines auszuwählen. In einem war Wein und im anderen Milch. Der Prophet Mohammed (fsmi) wählte das Glas Milch. Er (fsmi) überließ das andere, das Glas Wein, dem hervorragendsten Gelehrten unter seinen Anhängern. (S. 80)
2
Rumi hatte einen geliebten Freund, Shams. Als der nach einer Trennung zurückkehrte, wurde Mawlana sehr glücklich. Die höchste Vereinigung streifte die Bande des brennenden Verlangens ab und wurde frei. Die Freunde begannen wieder in Abgeschiedenheit zu leben. Sie wurden zwei Seelen in einem einzigen Körper. In seinem berühmten Buch Mathnawi erzählt Mawlana die spirituelle Gemeinschaft, die ihn mit Shams verband, in folgenden Versen:
Jemand kommt und klopft an die Tür seines Geliebten.
Der Geliebte sagt: Wer klopft an die Tür?
Ich bins, antwortete der Liebende. Der Geliebte sagte: Geh! Komm nicht jetzt! Ein Tisch wie meiner kann nicht das Heiligtum eines spirituell Unreinen sein.
Der Mann ging, und ein Jahr lang brannte er wie eine Kerze in Sehnsucht nach seinem Geliebten. Nachdem er höhere Spiritualität erreicht hatte, kam er zurück und lief um das Haus seines Geliebten. Er fürchtete sich vor gemeinen Worten und klopfte ganz sanft an die Tür.
Wer ists? fragte der Geliebte.
Du hast mir mein Herz gestohlen, antwortete der Liebende.
Wenn du ich bist, komm herein, sagte sie**, in meinem Haus ist kein Platz für zwei.
/ Osman Behçet: Mawlana Jalal al-din Rumi. His Life and His Path. Konya 2007, S. 17f
*) fsmi: Friede sei mit ihm!
**) sic. Vielleicht sollte man „den Geliebten“ im ganzen Text feminin übersetzen. Im Persischen ist die Form nicht unterschieden. Aber in dieser Geschichte ist das wohl unwesentlich. Shams, der geliebte Partner Rumis, aber wurde 1247/48 offenbar von Neidern oder Eiferern ermordet.
Mehrmals, an diesem Nachmittag in Bussum, zitiert er eigene Gedichte, unendlich langsam, dunkel und genau. Eines, es heißt „Dawidy“, endet so: „Verwaist, was bleibt: als wäre er nie gewesen, mein Vater – / hieß Max, trug später den verordneten Namen Israel, / mit Würde. / Hat nicht viel erzählt, hab ihn zu wenig befragt. / Keine Spuren mehr im Rauchfang der Lüfte – / sprachloser Himmel . . .“
Hans Keilson hat wunderbare Gedichte geschrieben. Einige hat er immer wieder überarbeitet, hat sie um und um gedichtet. Die Gedichte über seinen Vater vor allem – ein Leben lang. Keilsons Werk ist nicht sehr umfangreich. Die Werkausgabe, die vor einiger Zeit erschien, umfasst tausend Seiten. / Volker Weidermann, FAZ
Im Alter von 101 Jahren hat Hans Keilson ein neues Buch veröffentlicht:
Hans Keilson: „Da steht mein Haus“. Erinnerungen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011, 130 S., geb.,16,95 Euro
In New York wurden die Gewinner der Pulitzerpreise bekanntgegeben. Nicht weniger als 13 verschiedene journalistische Sparten werden ausgezeichnet, während Literatur, Schauspiel und Musik zusammen mit ganzen 7 auskommen – drei davon an Geschichte, Biographie und „General Nonfiction“, also möglicherweise auch an Journalisten. (Rate mal, wer das so gedreht hat). Wie dem auch sei: Der Pulitzerpreis 2011 für Lyrik geht an
„The Best of It: New and Selected Poems“ by Kay Ryan (Grove Press)
Mehr (wenn auch nicht mehr als die jeweilige Nennung)
Mittwoch, 20. April 2011, 19:30 Uhr, Eintritt frei!
Lettrétage Methfesselstraße 23-25, 10965 Berlin
Telefon 030 692 45 38
Boris Schapiro im Gespräch mit HEL Toussaint
Die Gesprächs- und Lesereihe Überlandleitung präsentiert Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die sowohl persönlich als auch von ihren Texten her zwischen Sprachen schreiben und leben. Dabei soll aufgezeigt werden, wie Literatur fremde Sprache und Kultur näherbringen kann, ob und wie literarische Texte über die Sprachen, aus denen sie gemacht sind, hinausweisen.
Boris Schapiro, geboren in Moskau. Herausgeber und Publizist. Gedichte, Erzählungen und Übersetzung von Lyrik ins Russische und ins Deutsche. 2008 Puschkin Goldmedaille der Akademie für Russische Sprache und Literatur.
HEL Toussaint, geboren in Eupen. Mitherausgeber der Zeitschriften „Zirkular am Zeitstrand“ und „Zirkular“. 1994-2000 Organisator der Berliner Lesebühne „SchwarzlesereY“. Letzte Publikation Das süße Land (SuKuLTuR, 2009).
www.ueberlandleitung.wordpress.com
Die Reihe wird unterstützt vom Berliner Senat, dem Staat Luxemburg. Medienpartner ist die tageszeitung.
Die vielleicht ungewöhnlichste Neuerscheinung ist der Band PENG. Was muss man sich unter Tina Gintrowskis »Lyrikstories« vorstellen?
Andreas Heidtmann: Es gibt für mich immer wieder Bücher, deren radikaler Ansatz mich so überzeugt, dass für mich Buchmarkt und Kritikererwartungen keine Rolle spielt. Ein Gedichtband von David Lerner war das zum Beispiel oder eben Tina Gintrowskis »Lyrikstories«. Das sind bissig-böse, dabei aber spielerische Gedichte, die sich nicht einfach in die Lyriklandschaft einpassen lassen. Tina ist zwar Open-Mike-Preisträgerin, aber als Lyrikerin bislang nicht hervorgetreten. Da trifft es sich gut, dass sie erstmals auch im »Jahrbuch der Lyrik« zu finden ist. / Tubuk
Ich habe mich nie über Nelly Sachs und ihre Lyrik geäußert. Aber ich habe sie doch im Februar 1965 in Stockholm besucht. Von Freunden aus dem Goethe-Institut wurde ich gewarnt: Das Gespräch werde schwierig und nicht ergiebig sein. Denn ihr psychischer Zustand sei sehr bedenklich, ihre Zurechnungsfähigkeit stark eingeschränkt. Ich ließ mich nicht abschrecken. / Marcel Reich-Ranicki, FAS

Die türkische Literatur stand lange Zeit unter der Vorherrschaft der klassischen arabischen und persischen Muster. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts beginnen nach der Erfahrung der napoleonischen Ägyptenexpedition Reformbemühungen auf militärischem und politischem Gebiet. 1876 erzwingen die „Jungtürken“nach Studentenprotesten die Einführung einer Verfassung. In diesem Rahmen wird auch an einer Modernisierung und „Nationalisierung“ der türkischen Literatur gearbeitet. Die Frontlinien verliefen auch durch die Metrik. In seinem Buch „Die Grundlagen des Türkismus“ (Türkçülüğün Esasları, Ankara 1339 / 1923) beschreibt der Schriftsteller und Soziologe Ziya Gökalp den Kampf um das „nationale Versmaß“ unter Bezug auf die Kultur und Dichtung der „frühen Türken“ in Mittelasien. Ihre Statuen und Bauwerke brauchten den Vergleich mit Griechenland und dem Westen nicht zu scheuen. Später sei die türkische Kultur hinter der der europäischen Länder zurückgeblieben und bedürfe der „Veredelung“. Über die Metrik schreibt er:
„Das Versmaß der frühen Türken war silbenzählend. (…) Die tschagataiischen* und osmanischen** Dichter hingegen kopierten das Metrum der Perser. In Turkestan hat Nawai und in Anatolien Ahmet Paşa das quantitierende Versmaß eingeführt. In den Palästen maß man diesem einen hohen Wert bei, doch das Volk konnte mit diesem Versmaß nichts anfangen. Deshalb fuhren die Volksdichter fort, in der alten silbenzählenden Weise zu dichten. Dichter, die den mystischen Orden nahestanden, wie Ahmet Yesevi, Yunus Emre und Kayguzus oder Wanderbarden wie Aşık Ömer, Dertli oder Karacaoğlan behielten die silbenzählende Dichtung bei. Zu der Zeit, da sich die nationaltürkische Bewegung zu entwickeln begann, existierten beide metrischen Formen nebeneinander. Vermeintlich war die erste die Form der Gebildeten, die zweite die des gemeinen Volkes. Da das Türkentum der Zweigleisigkeit der Sprache ein Ende bereitet hat, kann man dieser Dualität in der Dichtung nicht mehr gleichgltig gegenüberstehen. Besonders weil die persischen grammatikalischen Strukturen und das metrische Versmaß untrennbar miteinander verbunden sind, musste man über diese beiden osmanischen Traditionen gleichermaßen entscheiden. Deshalb entschieden sich die Vertreter der national-türkischen Bewegung dazu, sowohl die persischen Strukturen als auch das quantitierende Versmaß aus unserer nationalen Literatur zu verbannen. Die unverfälschte türkische Sprache eignet sich nicht recht für das quantitierende Versmaß.“
Aus: Mark Kirchner (Hrsg.): Geschichte der türkischen Literatur in Dokumenten. Hintergründe und Materialien zur Türkischen Bibliothek. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 2008, S. 40
Das osmanische Türkisch (auch Türkei-Türkisch, türk. Osmanlıca, Osmanlı Türkçesi, Eigenbezeichnung: تركچه / Türkçe und تركی / Türkî, ab der Tanzimat mit dem Aufkommen des Osmanismus لسان عثمانى / lisân-i Osmânî oder عثمانلیجه / Osmanlıca) war jene Ausprägung der türkischen Sprache, die für administrative und literarische Zwecke im Osmanischen Reich verwendet wurde. Osmanisch basiert auf dem Anatolischtürkischen (Oghusisch) und nahm gegen Ende des 15. Jahrhunderts in immer stärkerem Maß arabische und persische Elemente auf. Osmanisches Türkisch war Amts- und Literatursprache des Osmanischen Reichs und ist eine Varietät des Westoghusischen, die sich in Anatolien entwickelte, nachdem Anatolien ab dem 11. Jahrhundert von Türken (Oghusen) besiedelt war.
Praktisch betrachtet gab es (mindestens) drei Varianten der osmanischen Sprache:
Die jeweiligen Varianten wurden je nach sozialem Kontext ausgewählt: Ein Schreiber verwendete bei seiner Arbeit beispielsweise das arabische asel ( عسل ) für „Honig“; auf dem Markt fragte er aber mit dem türkischen bal ( بال ) danach.
Paul Violi, ein Dichter mit flüssigem Plauderton und einer Neigung zur Satire, der geheimnisvolle historische Versformen erneuerte und eigene erfand in Gedichten, die Glossarien, Druckfehler, Reisebroschüren und Bewerbungsschreiben nachahmen, starb am 2. April in Cortlandt Manor, N.Y. im Alter von 66 Jahren an Krebs.
Er begann unter dem Einfluß der New York School zu schreiben. Das Interesse an gegenwärtigem Sprechen, visuellen Künsten und urbaner Kultur verband ihn mit ihr, aber bald ging er eigene Wege.
Sein am häufigsten in Anthologien aufgenommenes Gedicht „Index“ besteht aus Indexeinträgen, gefolgt von Seitenzahlen, die auf das bizarre Leben des Malers und Dichters Sutej Hudney anspielen. „Wurde verhaftet, weil er leichtgläubigen Bauern Säcke mit Wind verkaufte“, lautet ein Eintrag. Ein anderer liefert den kryptischen Hinweis: “Umstritten ist die Zuschreibung der Verse: ‘I have as large supply of evils/as January has not flowerings.’ ”
Und selbst die dunklen Nachwirkungen der Angriffe von 9/11 hinderten ihn nicht daran, in das Gedicht “Sept. 13, 2001” einen sarkastischen Kommentar aufzunehmen:
I stop
At the West End, keep a weak joke about Oswald Spengler
to myself, and ask Jay to translate
what he’s chalked up
on the slate board behind the bar.
Veni, Vidi, Velcro:
“I came, I saw, I stuck around.
Seine elegischen oder lyrischen Ausflüge nahmen unausweichlich eine absurde Wendung, während weit hergeholte Bilder zu Passagen zarter Beschreibung oder lyrischen Ausbrüchen führen konnten. In dem kurzen Gedicht „Tanka“ wechselt er abrupt vom Haikuton zum Erpreserbrief:
Where the blossoms fall
like snow on the dock
bring fifty thousand in cash
or you’ll never see your baby again.
/ WILLIAM GRIMES, New York Times 15.4.
Links zu Onlinetexten
Neue Nachrichten aus Heslach (?) für neugierige Nord- und Südländer gibt es hier:
– BRUETERICHs Hochtempel eines radikalen Pietismus (Heslacher Bekenntnis nach Wagenblast) steht in der Nachfolge der Sozietät der Mutter Eva (Buttlarsche Rotte) und tritt ein für eine befreite, promiskuitive Sexualität. Der Bann des Tempels hingegen trifft Schlachthöfe, TV-Geräte und ölbetriebene PKWs.
Die Kirche der 1000 Tage rechnet für den 5. Juni 2013 mit einer großen, globalen Verknöcherung und empfiehlt, die verbleibenden Tage in ihrem Schoße zu verbringen, idealerweise befaßt mit Lyrik, Gitarren- und Cellospiel, Malerei sowie allseitigem Geknutsche. Dies ist – wie gesagt – nur eine Empfehlung.
Im Auge behalten…

Vom 4.-8. begann unter diesem Logo meine zweite „Woche der türkischen Poesie“. Dieses Projekt startete ich im vergangenen Jahr nach kurzen zwei Wochen im Süden und Südwesten der türkischen Halbinsel. Der Plan, die Reise dieses Jahr zu wiederholen, zerschlug sich, aber die „Woche“ startete erneut, passend zum US-amerikanischen „National Poetry Month“. (Mein Problem, daß der Anfang des April gleichzeitig Semesterbeginn und damit relativ arbeitsinternsiv ist). Ich denke über das Projekt einer Poesiewoche nach, das vielleicht von Sprache zu Sprache wandern kann und im Frühjahr liegt, wenn auch vielleicht etwas später.
In diesem Jahr jedenfalls wird die Türkische Woche nach einer Auszeit heute und morgen fortgesetzt. Hier zunächst mit eine „Zwischennotiz“ von Achim Wagner, dem ich für Unterstützung danke.
Zwischennotiz
die literarische tradition des orients liegt in der lyrik; oder wie es der befreundete istanbuler dichter metin kaygalak bei einem gespräch zu jahresanfang (2011) umfassender formulierte: „die lyrik ist das gedächtnis des orients“. hierbei ist wiederum zu sehen, dass die lyrik bis ins 19. Jahrhundert selten notiert, eben mündlich weiter gegeben, überliefert wurde, und so einen „einmaligen“ stellenwert erlangte.
sie erreichte – und erreicht noch – ein publikum quer durch die gesellschaftsschichten; in fast jeder türkischen buchhandlung finden sich mehrere – meist zweimonatlich erscheinende – lyrikzeitschriften. auch sind die zahlreichen jährlichen lyrikfestivals manifester ausdruck der nach wie vor lebendigen und wahr genommenen lyrikszene.
bestimmend für die türkische gegenwartslyrik sind immer noch die aus der als „ikinci yeni“ (zweite neue) bezeichneten bewegung (der u.a. dichter wie cemal süreya und turgut uyar angehörten) mitte des 20. jahrhunderts entstandenen positionen. im wesentlichen lehnten die dichter der „zweiten neuen“ eine einfache sprache ab, sahen sie das verhandeln von gesellschaftlichen thematiken in ihren gedichten als nicht erforderlich an (was – und das sei zwingend angemerkt – durchaus einer politischen aussage gleich kam, weil sie sich damit bewusst nicht nur gegen den sozialistischen realismus ihrer unmittelbaren vorgänger, sondern auch gegen die kemalistischen leitbilder der noch jungen türkischen republik stellten.)
bei einem weiteren gespräch mit der ankaraner literaturwissenschaftlerin nesrin eruysal erwähnte diese, dass das hohe sprachliche niveau, das die „zweite neue“ vorgegeben habe, zwar von den nachfolgenden dichtergenerationen gehalten werden konnte, es aber bislang nicht gelungen sei, eine andere, eigenständige poetik zu entwerfen, die stark genug wäre, eine neue bewegung hervor zu bringen.
Anfangszeile eines Gedichts von Johann Christian Günther (1695-1723), das erst 150 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht wurde (und auch dann noch zensiert!).
Von Günther wurden zu Lebzeiten nur verstreute Einzeltexte gedruckt. Eine erste Teilsammlung vom Herausgeber Fessel erschien erst nach seinem Tod 1724, weitere folgten bis 1735. 1742 erschien eine Nachlese von Arletius, die 1751 bereits die dritte Auflage erfuhr. Daraus entstand der Nachruhm Günthers als kraftvolles Genie, das sich aber nicht „zu zähmen“ wußte:
„Ein entschiedenes Talent, begabt mit Sinnlichkeit, Einbildungskraft, Gedächtnis, Gabe des Fassens und Vergegenwärtigens, fruchtbar im höchsten Grad, rhythmisch bequem, geistreich, witzig und dabei vielfach unterrichtet; genug, er besaß alles, was dazu gehört, im Leben ein zweites Leben durch Poesie hervorzubringen, und zwar in dem gemeinen wirklichen Leben. Wir bewundern seine große Leichtigkeit, in Gelegenheitsgedichten alle Zustände durchs Gefühl zu erhöhen und mit passenden Gesinnungen, Bildern, historischen und fabelhaften Überlieferungen zu schmücken. Das Rohe und Wilde daran gehört seiner Zeit, seiner Lebensweise und besonders seinem Charakter oder, wenn man will, seiner Charakterlosigkeit. Er wusste sich nicht zu zähmen, und so zerrann ihm sein Leben wie sein Dichten.
Durch ein unfertiges Betragen hatte sich Günther das Glück verscherzt, an dem Hof Augusts des Zweiten angestellt zu werden, wo man, zu allem übrigen Prunk, sich auch nach einem Hofpoeten umsah, der den Festlichkeiten Schwung und Zierde geben und eine vorübergehende Pracht verewigen könnte.“
Goethe: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit, Siebtes Buch hier
In der auch im Erstdruck 1879 noch weggelassenen sechsten Strophe kulminiert der blasphemische Ansatz in einem Fluch auf Vater und Mutter, die ihn auf die Welt brachten:
Was wird mir nun davor? Ein Leben voller Noth.
O daß doch nicht mein Zeug aus Rabenfleisch entsproßen,
O daß doch dort kein Fluch des Vaters Lust verboth,
O wär doch seine Kraft auf kaltes Tuch gefloßen!
O daß doch nicht das Ey, in dem mein Bildnüß hing,
Durch Fäulung oder Brand der Mutter Schoos entgieng,
Bevor mein armer Geist dies Angsthaus eingenommen!
Jezt läg ich in der Ruh bey denen, die nicht sind,
Ich dürft, ich ärmster Mensch und gröstes Elendskind,
Nicht stets bey jeder Noth vor größrer Furcht umkommen.
In der Reclamausgabe von 1879 ließ Litzmann den Titel „Als er durch innerlichen Trost bey der Ungedult gestärket wurde“ weg und „normalisierte“ Schreibweise und Interpunktion.
Über seinen zensierenden Eingriff in den Text sagt er:
„Dies bisher noch ungedruckte Gedicht findet sich in einer Abschrift Güntherscher Gedichte, die zum Zweck einer Ausgabe im 18. Jahrh. zusammengestellt worden, auf der Stadtbibliothek zu Breslau. Es ist so sehr im Geiste und Tone seiner sonstigen Gedichte, daß über seine Autorschaft ein Zweifel kaum obwalten kann. Doch mag der blasphemisirende Ton und vor allem der Inhalt der 6. Strophe (die auch in dieser Ausgabe weggelassen werden mußte) bei dem damaligen Herausgeber Anstoß erregt und so die Aufnahme in die Sammlung verhindert haben.“ (S. 112)
Erst 1880 druckte Litzmann in seiner Dissertation den vollständigen Text in (vermeintlicher) Originalschreibweise. Allerdings enthält sein Text allein in der sechsten Strophe nicht weniger als 20 Abweichungen von der Fassung in der sechsbändigen Werkausgabe von 1930/37. Ja sogar der Titel ist bei Litzmann verstümmelt: statt „innerlichen“ heißt es dort „mündlichen“ Trost. Heute kann man das anscheinend nicht mehr überprüfen, da das Original der Abschrift Jacobis nach Angaben von Bölhoff 1997 „größtenteils verloren“ ist.
Litzmann merkte zum Abdruck in der Dissertation an:
„mit Rücksicht auf die weiteren Kreise, für die jene Ausgabe bestimmt war, musste … die sechste Strophe, deren crasser Inhalt allen Gesetzen der Aesthetik – von der Moral ganz zu schweigen – ins Gesicht schlägt, unterdrückt werden“
Interessant, daß der Eingriff immer zuerst mit „allen Gesetzen der Ästhetik“ begründet wird.
Literatur:
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