134. Lyrikpreis München 2011

Am 27. Mai 2011 benannte die Abendjury drei Kandidatinnen für das Finale des Lyrikpreises München

Marie T. Martin, Köln
Sandra Trojan, Leipzig
Janin Wölke, Berlin

Die Juroren am 27. Mai 2011:

Eva-Elisabeth Fischer, Redakteurin SZ
Prof. Rolf Grimminger, Germanist
Dr. Ludwig Steinherr, Lyriker, Lehrbeauftragter für Philosophie
Stein Vaaler, Lyriker

Nominiert waren

Lydia Daher, Augsburg
Ute Eisinger, Wien
Marie T. Martin, Köln
Tibor Schneider, Tübingen
Sandra Trojan, Leipzig
Janin Wölke, Berlin

Sechs/sieben der Einreichungen werden von einer Vorjury ausgewählt. [verstehe ich nicht, M.G.]

Die Vorjury setzt sich 2011 zusammen aus:

Hans-Karl Fischer, Lyriker und Scherenschneider www.hanskarlfischer.de
Kristian E. Kühn, Lyriker, Essayist, Filmemacher
Ulrich Schäfer-Newiger, Lyriker, Mitherausgeber des „TORSO“
Stein Vaaler, Lyriker

Bericht über den ersten Leseabend hier

Die Einreichfrist für die zweite Lesung ist der 30. Juni 2011

133. Experiment und Existenz

Hier seien „alle wichtigen Stimmen des lyrischen Experiments in der Gegenwartsliteratur“ versammelt, renommierte das Frankfurter Lyrikfestival. Es waren ja tatsächlich sehr schätzenswerte Autoren vertreten, aber „alle“? Das verbuche ich unter „Westdeutsch for you“, Abteilung „Alles über…“: wonach die nächstbeste Zeitschrift 15 Seiten mit großformatigen Bildern zum Thema XYZ auf dem Titel ankündigt mit „ALLES ÜBER XYZ“.

Wie dem auch sei, leider konnte ich nicht hin, weil ich in Vorpommern gebraucht wurde. Jetzt lese ich im FAZ-Bericht so etwas wie den Soundtrack zum Werbefilmchen. Als Kronzeugen werden nacheinander Gottfried Benn, Durs Grünbein und Michael Lentz aufgerufen. Benn bezeugt:

Bis auf weiteres werde das abendländische Gedicht durch Worte und Formen zusammengehalten, nicht durch Rülpsen und Husten

und sprach von

„rezidivierendem Dadaismus“ .

Die vortragenden Dichter schienen dem zu widersprechen und die anhaltende Faszination zu bezeugen, die von „dieser Art“ ausgeht. Aber die Zeugen treten vor und relativieren. Kurt Schwitters sei

 weit radikaler als der Mainstream heutiger Lesebühnen

befand Zeuge Grünbein und hat völlig recht. Vielleicht wenig logisch im Bezug auf Schwitters folgert er:

Es gebe heute keine Regeln, fasste Grünbein zusammen, möglicherweise mit einer Ausnahme. „Es gibt vielleicht eine Fundierung des Schreibens in der Existenz.“

Vor tritt der Zeuge Lentz:

er bemühe sich um eine Wende vom Experimentellen zum Existentziellen [sic].

Womit sich der Kreis schließt und der abendländische Dichter Recht behält. Jetzt wissen wir alles über experimentelles Schreiben heute. [Hat nicht Paulus Böhmer vorgetragen? Franz Mon? Barbara Köhler? Ulf Stolterfoht?]

Stille. – „Was für eine Stille?“ (mehr)

Vgl. L&Poe 2011 Mai #119. Schwester Scham und Bruder Duden in Frankfurt

132. Sein erstes Gedicht. Guntram Vesper zum 70.

Geboren am 28. Mai 1941 in Frohburg in Sachsen, wuchs Vesper in die politischen Verwerfungen der frühen DDR hinein. Einen in krakeliger Schrift geschriebenen Kalendereintrag vom 17. Juni 1953 bezeichnete er später als sein ‚erstes Gedicht‘, ‚Sätze, deren Anfang und Ende ich suchen musste‘: ‚In der DDR alle Arbeiter gestreikt. Die Polizei mit Waffen vertrieben. Regierung war machtlos.‘ / Helmut Böttiger, Süddeutsche Zeitung 28.5.

131. Hölderlins Hauptwort

In Uwe Kolbes Essayband auch ein

… Brief an eine Eberswalder Schülergruppe, die sein Gedicht ‚Der Glückliche‘ gelesen hat und fragt, was es mit dem in Vers 10 erwähnten ‚Hauptwort Hölderlins‘ auf sich habe. Der Dichter antwortet: Es ist ‚das kleine Wort ,Aber“. Er hat es an den Anfang von Sätzen getan, an den Anfang von Versen, an den Anfang von Strophen. Es setzt nicht wirklich entgegen, es hat gar nichts gemein mit dem Aber des Trotzes. Es bedeutet so viel wie ,Aufgepasst“ oder ,Aufgemerkt“ oder ,Aufgewacht“ oder – und vor allem: Lasst uns weitergehen und schauen.‘ Es werden viele Bücher zum 50. Jahrestag des Mauerbaus erscheinen. Ein schmales, gehaltvolles ist jetzt schon erschienen. / LOTHAR MÜLLER, Süddeutsche Zeitung 26.5.

UWE KOLBE: Vinetas Archive. Annäherungen an Gründe. Wallstein Verlag, Göttingen 2011. 224 Seiten, 19,90 Euro.

130. Nobelpreis für Dylan?

Um Dylan als das auszuzeichnen, was er ist, müsste die Schwedische Akademie nicht die sperrangelweite Tür noch einmal einrennen, die früher mal zwischen ‚Hochkultur‘ und ‚populärer Kultur‘ geschlossen war. Sie müsste sich auch nicht eine Liste von Zitaten von T.S. Eliot oder Robert Burns und besonders kryptischen ’surrealistischen‘ Texten (Rimbaud-Connection etc.) vorlegen lassen. Sie müsste sich nur daran erinnern, dass sie die Schwesterkünste der Literatur schon häufig mitgewürdigt hat. Winston Churchill erhielt 1953 den Preis nicht nur für seine Bücher, sondern auch für ‚die glänzende Redekunst, mit welcher er als Verteidiger von höchsten menschlichen Werten hervortritt‘. Warum sollte ihn Dylan nicht als glänzender Songwriter erhalten, der unter anderem durch die Elektrifzierung der Bibel, des Blues und der Ballade hervorgetreten ist? / LOTHAR MÜLLER, Süddeutsche Zeitung 24.5.

129. Gestorben

Der Lyriker, Dramatiker und Übersetzer Edwin Honig starb nach langer Krankheit im Alter von 91 Jahren. Seiner Großmutter, die kaum Englisch, aber Spanisch, Arabisch und Jiddisch sprach, verdankte er sein lebenslanges Interesse am Spanischen und Portugiesischen. 1944 übersetzte er den einige Jahre vorher von Francos Truppen ermordeten Federico García Lorca. In Portugal wurde er für seine Pessoaübersetzungen geehrt und auch der spanische König zeichnete ihn aus. / Richard C. Dujardin, Providence Journal

128. Sagenhaftes Island

Sehr zur Kümmernis der Isländer hatte Dänemark, das lange die Oberhoheit über die Insel besaß, viele Handschriften in seine Museen entführt. Erst 1971 wurden sie an den isländischen Staat zurückgegeben, die Heimkehr geriet zum Volksfest: „Wir standen an den Straßen mit der Nationalflagge in der Hand.“

Island ist Gastland der Frankfurter Buchmesse vom 12. bis 16. Oktober. „Sagenhaftes Island“ heißt das vielversprechende Motto für dieses bisher größte Panorama der isländischen Kunst und Kultur in Deutschland, schreibt die FR.

127. Freiheit und Demokratie für das syrische Volk

Aufruf deutschsprachiger Autorinnen, Autoren und Kulturschaffender

Friedliche Demonstranten, die sich für Freiheit und Demokratie einsetzen, werden in Syrien von einem verbrecherischen Regime verhaftet, gefoltert oder auf der Straße ermordet.
Seit Wochen werden die Städte Daraa, Banias, Homs u.a. von der Außenwelt abgeschnitten und belagert.
Dieses gleiche Regime, das seit Jahrzehnten das Land ausgeraubt, seine politischen Kritiker inhaftiert und gefoltert hat, verhindert jetzt jede friedliche Reform und steuert das Land in einen Bürgerkrieg.
Wir, die UnterzeichnerInnen solidarisieren uns mit dem syrischen Volk und seinem Einsatz für Freiheit und Demokratie und verurteilen das brutale Vorgehen des Assad-Regimes gegen die Zivilbevölkerung.

Wir appellieren an die syrische Regierung, das Blutvergießen zu beenden und eine friedliche und demokratische Lösung des Konflikts herbeizuführen.

Wenn Sie unseren Aufruf mit Ihrer Unterschrift unterstützen möchten, bitten wir Sie uns entweder unten im Kommentarbereich oder aber auch über Email (syrischefreiheit@googlemail.com) Ihren Namen und Ihre Stadt mitzuteilen.

Senden Sie uns einfach Ihren Namen und Ihren Wohnort. Ihre Unterschrift wird innerhalb von 48 Stunden auf der Liste aufgenommen.

Wir danken Ihnen für Ihre Solidarität!

http://syrischefreiheit.wordpress.com/

126. Neue Lyrik 1962-1965

Goethe schrieb eine Rezension der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“, in der er zu den über 200 Gedichten des Bandes „das unterhaltende Geschäft [übernahm], sie alle der Reihe nach, so wie es uns der Augenblick eingibt, zu charakterisieren“. Da heißt es „Lieblich konfus und deshalb Phantasie erregend“ oder „Katholisches Kirchentodeslied. Verdiente, protestantisch zu sein.“ oder auch mal kurz „Glücklicher Einfall“.

In der sehr preiswerten Neuausgabe der Killy-Anthologie „Epochen der deutschen Lyrik“, die jetzt „Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart“ heißt und in 10 Bänden auf über 4000 Seiten chronologisch geordnet eine gar nicht kanonische Sammlung für weniger als 20 Euro erhält (!), gibt es einen nicht von Killy stammenden Nachtragsband der Lyrik von 1961 bis 2000. Ich werde den mir bisher neuen Band auf diese Weise erkunden: Lesen und spontan eine kurze Notiz aufschreiben. (Selbst wenn die spontane Notiz mal herb ausfällt auch zu Texten und Autoren, die ich sehr schätze). Ein unterhaltendes und ja vielleicht auch (für mich) lehrreiches Geschäft.


Teil 1 (1961) hier

Heute die Jahre 1962-1965

 

1962

Johannes Bobrowski: Hölderlin in Tübingen – wenn nicht alles täuscht, auch einer, den wir nicht brauchen wollen

Rolf Dieter Brinkmann: Kulturgüter – Zeitgenosse Bobrowskis, fertigt Stockhausen, Böll, Andersch, Benn and the lot in nur 14 Atemzügen ab

Heinz Czechowski: Theresienstadt – wohin dein Fuß auch tritt, hat Deutschland „Schmerz bereitet“

Rolf Haufs: Gespräch mit dem Baum – Brechts Bäume verfolgen ihn

Peter Huchel: Winterpsalm – Klassiker der Zeugenschaft

Peter Huchel: Der Garten des Theophrast – Gespräche wie Bäume

Christine Lavant: Meiner hat mich nie angerührt – den Unberührten helfen auch Priester und Engel nicht

Christoph Meckel: Gedicht über das Schreiben von Gedichten – hat fast genausooft (7) das Wort Wort wie Bachmann (9). Warum kommt es mir hier härter, konkreter vor? Liegt es etwa am Reim?

Peter Rühmkorf: Auf eine Weise des Joseph Freiherrn von Eichendorff – vom Mühlenrad zum Kollergang

Volker von Törne: Amtliche Mitteilung – nicht nur für die Seele ist gesorgt, nehmt es zur Kenntnis!

 

1963

Ilse Aichinger: Widmung – im Gedicht stirbts sich leicht

Thomas Bernhard: Jetzt im Frühling – relativ sanft

Paul Celan: Tübingen, Jänner – gestotterte Klassik

Günter Eich: Nicht geführte Gespräche – ich habe nichts zu sagen, und ich sage es relativ lakonisch

Bernd Jentzsch: Die grünen Bäume starben in uns ab – frühreif

 

1964

Hans Magnus Enzensberger: middle class blues – prophetisch

Helmut Heißenbüttel: Gedicht über Hoffnung – Lichterbündelbänder dazwischen Doppelsinn Wortdinger

 

1965

Hans Arp: Glühen und Blühen – gefährliches Wortspiel

Horst Bingel: Fragegedicht (Wir suchen Hitler) – Hitler ist eine Erfindung, wie schon Goethe ahnte

Friedrich Christian Delius: Hymne – Deutschland ist eine Erfindung

 

Walter Killy: Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart. 10 Bände. dtv, München 2011, 4064 Seiten, 19,90 Euro.


125. Gestorben

Die Musikwelt trauert um den Dichter und Musiker Gil Scott-Heron, der im Alter von 62 Jahren in einem Krankenhaus in New York starb. Sein Album The Revolution Will Not Be Televised (1974) bahnte der Rap- und Hip-Hop-Kultur den Weg. / The Guardian

Scott-Heron nahm in den 1970er Jahren in Harlem den legendären Song „The Revolution Will Not Be Televised“ auf – ein klassischer Protestsong, in dem Scott-Heron zu afrikanischen Trommeln Sprechgesang vortrug. Zwar lehnte der Musiker selbst die Bezeichnung „Godfather of Rap“ ab, doch sollte er mit diesem Stil maßgeblich die kommende Rap- und Hiphop-Bewegung beeinflussen – lange bevor dies Grandmaster Flash oder die Sugarhill Gang taten. / Süddeutsche Zeitung

124. Katalanische Lyrikreihe

Teresa Pascuals Gedicht „Frag mich warum“, das der Mutter gewidmet ist, spricht von einem Erbe „aus einer Epoche der Angst, des Krieges und unmöglicher Fragen“ und erinnert damit an den versuchten Genozid an den Katalanen unter Franco. Das einstige Verbot des öffentlichen Gebrauchs katalanischer Sprache und Schrift wirkte lange nach. Umso bemerkenswerter ist die neue Katalanische Lyrikreihe der Edition Delta. Nach Gedichten von Miquel Martí i Pol, Joan Margarit und Maria-Mercè Marçal sind soeben Verse von Teresa Pascual erschienen, jener Poetin, die den Gegensatz von Denken und Fühlen im Gedicht aufheben will. / Dorothea von Törne, Die Welt

Teresa Pascual: Die geordnete Zeit & Rebellion des Salzes – El temps en ordre & Rebel·lió de la sal. Gedichte, zweisprachig: Katalanisch/Deutsch. Aus dem Katalanischen von Juana und Tobias Burghardt. Stuttgart : Edition Delta 2011. ISBN 978-3-927648-37-1, 161 Seiten, 17,50 Eur[D] / 18,00 Eur[A] / 30,00 sFr

123. Dichten für Kinder

Lyrik ist ein Schwerpunkt der Europäischen Kinder- und Jugendbuchmesse in Saarbrücken, zu der Autoren wie Arne Rautenberg anreisen – Poet, Bildkünstler, Journalist und Lehrbeauftragter an der Kieler Muthesius-Kunsthochschule. Sein Buch „der wind lässt tausend hütchen fliegen“  evoziert ungewöhnliche Bilder, die die Lust am Wort befeuern. SZ-Mitarbeiterin Ruth Rousselange hat mit ihm darüber gesprochen, was beim Dichten für Kinder wichtig ist. / Saarbrücker Zeitung

122. Botswanischer Dichter gestorben

Malikongwa wartete nie darauf, daß jemand von außen kommt und sein Werk würdigt. Er war Pionier im Kampf gegen Ignoranz, Analphabetismus, „literary poverty, non-history and non-being“ – literarische Armut, Geschichtslosigkeit und Nicht-Existenz.

Er war ein Fußsoldat im Krieg gegen die Hegemonie der Tswana-Kultur gegen Ikalanga, beim Verschweigen und Umschreiben der Geschichte der Einheimischen, in der Suche nach der Kalanga-Sprache und -Schreibkultur. Das sind schwere und einsame Kämpfe, man gewinnt sie nur mit jenem seltenen Geist der Selbstlosigkeit und Vision. Denn Tatsache ist, daß niemand kommen wird und die Geschichte für dich aufschreiben.

Die Wahrheit ist, wenn du der Macht die Wahrheit entgegenhalten willst, mußt du sie selbst aufschreiben und veröffentlichen. Wenn du daran interessiert bist, das Denken und Fühlen deiner Leute zu bewahren, bist du auf dich selbst angewiesen. Und wenn du Wissen weitergeben willst, das nicht in der Schule gelehrt wird, mußt du es selbst veröffentlichen und verbreiten, wie ich in der Einleitung zu seinem Gedichtband „Der Duft des Kuhdungs“ schrieb. / BAROLONG SEBONI: Remembering Malikongwa – Part 1, Mmegi online 27.5.

Der Dichter und Historiker Albert Malikongwa starb am vergangenen Sonnabend nach langer Krankheit in einem Krankenhaus in Gaborone. Malikongwa veröffentlichte auf Ikalanga und Englisch. Seine Gedichte wurden in zahlreichen Gedichtbänden gesammelt und in Zeitungen wie dem Guardian und Rundfunksendern wie Radio Botswana, Voice of America und der BBC verbreitet. / The Botswana Gazette

Tswana, Ikalanga: Bantuvölker im südlichen Afrika

Mehr: Botswana Guardian

121. Dichterliebe/Pierrot lunaire

„Habe Vorwort gelesen, Gedichte angeschaut, bin begeistert. Glänzende Idee, ganz in meinem Sinn. Würde das auch ohne Honorar machen wollen“, das notierte Arnold Schönberg 1912 in sein Tagebuch. Die Schauspielerin Albertine Zehme, die besonders für ihre Textrezitation zu Musik bekannt war, hatte ihn gebeten, „dreimal sieben Gedichte“ aus Albert Girauds „Pierrot lunaire“ in der Übersetzung von Otto Erich Hartleben für sie zu Melodramen zu vertonen. / Stefan Musil, Die Presse

Dichterliebe/Pierrot lunaire
Mit Barbara Sukowa
10. 8. 2011 im Haus für Mozart
www.salzburgfestival.at

120. Wörterrennen

Was eine Stampede ist, kann man in vielen Westernfilmen sehen: Eine Rinder- oder Büffelherde gerät in Panik und stiebt in wilder Flucht davon. Der munterste Teil des Bandes, listig mit „fuchsia“ (die Füchsin, die Fuchsie) überschrieben, bietet urbane Stampede-Gedichte. Ein fulminantes Wörterrennen hebt da an, ein Wort stößt das andere an und zugleich ab. „abstoßung. kippeln. tasten. kontakt.“: So geht es los und weiter. Dem Unheimlichen des Beginns und dem kaum Sagbaren des Endes kontrastieren im Inneren dieses Bandes mithin die Wortspiele einer Unbehausten, die einfach Freude hat am Sprachbeschleunigen und an der Geschwindigkeit, in der sich Assonanzen und Alliterationen wechselseitig jagen. In Panik gerät die „stampede“ der Daniela Seel indes nicht, die Dichterin weiß genau, dass jedes lyrische Wörterrennen auch ein Ziel braucht, um nicht wohlfeil zu erscheinen. Also macht eines der Gedichte an seinem Ende schlichtweg „klick“, ein anderes befiehlt „alle“ wieder „auf position“ und will noch einmal „von vorn“ beginnen. / Jochen Hieber, FAZ

Daniela Seel: „ich kann diese stelle nicht wiederfinden“. Gedichte. Kookbooks, Berlin 2011. 64 S., geb. 17,90 Euro.

Mehr: Dorothea von Törne, Die Welt