30. Centogedichte

Texte, die nur aus Zitaten anderer Texte bestehen, nennt man meist Plagiate. Viele Forscher lehnen auch die lateinische Centodichtung der Spätantike – Cento bedeutet Flickenteppich – als literarisch wertlos ab. Doch in den letzten Jahren nahm das Interesse an Centopoesie zu, und eine Dissertation der Universität Gothenburg in Schweden hat jüngst gezeigt, daß diese Gedichte innovativ sein und zu denken geben können.

Sara Ehrling untersuchte zwei Centos, die nur aus Zitaten Vergils zusammengesetzt sind, eines der berühmtesten Dichter der Römer, der u.a. die Äneide schrieb. Die beiden Texte sind Hochzeitsgedichte, eins stammt von Ausonius aus dem späten 4. Jahrhundert und das andere von Luxorius 100 Jahre später. Es zeigt sich, daß man im Cento eine Quelle für eigene Zwecke nutzen kann. / eurekalert.org

John Lemprières „Classical Dictionary“ von 1788 (Reprint 1994 nach der revidierten Ausgabe von 1850) schreibt über Ausonius Decimus Magnus:

ein Dichter, der im 4. Jahrhundert in Bordeaux in Gallien als Sohn des Julius Ausonius geboren wurde, (…) Sein Werk besteht aus Epigrammen teilweise nach griechischen Vorlagen, aus Grabinschriften (parentalia) auf Freunde und Verwandte, Idyllen, Grabschriften auf die Helden des Trojanischen Krieges, poetischen Episteln usw. Er verfaßte auch die consular fasti (Konsullisten) Roms, ein nützliches, heute verlorenes Werk. Manche vermuten, daß er zum Christentum übertrat; aber das erscheint zweifelhaft. Sein Stil ist manchmal obszön, und seine ausschweifenden Verse, die er aus neu zusammengesetzten Textstellen Vergils komponierte, stigmatisieren sein Andenken auf ewig. (…)

Hier eine Werkausgabe Lateinisch-Englisch von 1919 (Pdf, die Volltextversion sehr fehlerhaft)

29. Literaturpreis an Fitzgerald Kusz und Christian Schloyer

Der diesjährige August Graf von Platen Literaturpreis Ansbach wird verliehen an: Fitzgerald Kusz.
Der Förderpreis zum August Graf von Platen Literaturpreis Ansbach geht an: Christian Schloyer.
Zu Begründung der Jury

/Literaturblog Bayern

28. Einsendeschluss für den 19. open mike

Am 15. Juli 2011 ist Einsendeschluss für den 19. open mike – Internationaler Wettbewerb junger deutschsprachiger Prosa und Lyrik. Der open mike wird ausgeschrieben von der Literaturwerkstatt Berlin und der Crespo Foundation und mit insgesamt 7.500 EUR dotiert.

Teilnehmen können deutschsprachige Autorinnen und Autoren, die nicht älter als 35 Jahre sind und noch keine eigene Buchpublikation vorzuweisen haben. Berücksichtigung finden kurze Prosa, ein in sich geschlossener Auszug aus einem längeren Text ODER Lyrik.
Lektoren aus renommierten Verlagen wählen die Teilnehmer aus, die am 5. und 6. November 2011 zu einer öffentlichen Lesung nach Berlin eingeladen werden. Die Autoren-Jury vergibt einen Preis für Lyrik und zwei Preise für Prosa in der Gesamthöhe von 7.500 EUR.

Kurzbeschreibung der Teilnahmebedingungen:
Der Umfang der eingereichten Texte muss in etwa einer 15-minütigen Lesezeit entsprechen. Formatvorgabe: A 4-Format, einseitig bedruckt, Schriftgröße 12, Zeilenabstand 1,5. Die Manuskripte müssen in zweifacher Ausfertigung als lose Blätter (ohne Heftung) eingesandt werden. Auf den Manuskriptseiten darf weder der Name des Absenders noch ein Zahlencode, Kennwort o. ä. erscheinen. Eine kurze Biographie mit Adresse, Telefonnummer und E-Mail-Adresse ist beizulegen. Eine Rücksendung der Manuskripte kann leider nicht erfolgen.

Genaue Teilnahmebedingungen für den 19. open mike im Internet unter www.literaturwerkstatt.org

Einsendeschluss der Texte: 15. Juli 2011 (Datum des Poststempels)

Einsendungen unter dem Kennwort „open mike“ an:
Literaturwerkstatt Berlin
Knaackstraße 97 (Kulturbrauerei)
10435 Berlin

27. Grenzgänger in Solothurn

Die auf Walserdeutsch und Italienisch schreibende Autorin Anna Maria Bacher las aus ihren Gedichten, die in einer aussterbenden Sprache von verlorenen Dingen erzählen und Spuren des Verschwundenen für die Nachwelt zu konservieren versuchen. …

Wortmusik trug auch der Sprachekstatiker Christian Uetz vor, und Juri Andruchowytsch liess seine ukrainischen und teilweise auf Deutsch vorgetragenen Gedichte musikalisch von Vera Kappeler am Klavier und Peter Conradin Zumthor am Schlagzeug begleiten. Hier gewann freilich die Musik die Oberhand; die Gedichte wirkten zumal in der Übersetzung blass. Erst als Andruchowytsch wie die Wölfe zu heulen begann, kamen Sprache und Musik zusammen.

Kam zu den Lesungen von Uetz und Andruchowytsch am späten Abend im Kreuz-Saal jeweils verhältnismässig wenig Publikum, so platzten die Säle am Sonntagmittag fast aus allen Nähten, als sich die Mundartdichter anschickten, allen Kosmopoliten die Schau zu stehlen. Zunächst traten Ernst Burren und Pedro Lenz in einen Wettstreit der Dichter. Nur wenige Kilometer trennen die Wohnorte der beiden, ihre Mundarten aber klingen, als würden Welten dazwischenliegen. …

Schliesslich fanden sich zum unbestrittenen Höhepunkt der diesjährigen Solothurner Literaturtage Raphael Urweider am Klavier sowie Achim Parterre, Beat Sterchi und noch einmal Pedro Lenz an den Mikrofonen zu einer hinreissend komischen Hommage an Ernst Eggimann, den 1936 geborenen Mitbegründer der «modern Mundart». / Roman Bucheli, NZZ 7.6.

26. DAS ENDE VOM LIED

Eine Liedertafel mit Ursula Krechel und Katia Tchemberdji

Dienstag, 7. Juni · 21:00 – 23:00

Villa Elisabeth, Invalidenstr. 3, Berlin-Mitte

„Die Krise der Ballade ist vorbei!“, befindet die Dichterin Ursula Krechel in ihrem 2010 erschienenen Gedichtband „Jäh erhellte Dunkelheit“. Doch solcher „Überschwang währt niemals lang“. Schon wenige Seiten später taucht ein trauriger Schneider auf, der am Rande der Autobahn spazieren geht und sogleich überfahren wird. Ist die Ballade vom Schneider also ihr eigenes „Ende vom Lied“?

Katia Tchemberdji hat sich dieser Vorfälle angenommen und zu Texten von Ursula Krechel eine Chorballade für 8-stimmigen Chor a cappella komponiert, nach deren Erklingen die Krise wirklich vorbei sein könnte. Wie die Balladen klangen, bevor sie überhaupt in die Krise gerieten, das zeigt die Aufführung von Ferdinand Hillers Gesängen der Geister und der Parzen nach Texten von Goethe.

 

Ab 22 Uhr: Gespräch bei Käse und Wein

 

Kammerchor der Sing-Akademie zu Berlin

Dirigat: Annette Diening, Christian Gössel, Uwe Schamburek

(Prüfungskonzert im Rahmen der Ausbildung zum Kirchenmusiker)

 

Mit freundlicher Unterstützung der UdK Berlin

25. „Kook“ für „Spinner“, Preis für Seel

Mit dem Hölderlin-Förderpreis der Stadt Bad Homburg ausgezeichnet wurde die in Idstein und Berlin lebende Lyrikerin und Verlegerin Daniela Seel. FR berichtet knapp:

Kulturdezernentin Beate Fleige brach eine Lanze für „das Gedicht in der Epoche der Generation Google“. Seel erzähle von sich, ihrem Körper, ihrer Sprache und die Grenzen zwischen allen Dreien. Damit spreche sie auch junge Menschen an. Ihre Gedichte seien „erfrischend kurz, sehr präzise, die Worte genau gesetzt“. Mit ihrem Verlag „kookbooks“ – eine Anspielung auf das englische Wort „kook“ für „Spinner“ – schaffe sie in der deutschen Verlagslandschaft neue Räume für Lyrik.

24. Meine Anthologie: Dialog zwischen zwei Vögeln

Wie ticken chinesische Gedichte? Der Spiegel berichtete vor einiger Zeit über ein Gedicht von Mao Tse-tung, in dem der große vorsitzende Dichter über den „Revisionisten“ Nikita Chrustschow spottete (Chrustschow war der Parteichef, der in einigen vorsichtigen Riesenschritten begann, das Erbe Stalins abzutragen und dafür 1964 von dem Hardliner Breschnew abgelöst wurde.) Die Besonderheit des Gedichts für das chinesische Publikum bestand darin, daß der Diktator, der Tabubrecher nicht zimperlich behandelte, ein mächtiges Tabu brach, indem er das Wort „Furz“ verwendete. Ein ungeheurer Tabubruch! Da es von Mao war, mußten es die Zeitungen auf der ersten Seite drucken und die Volkschöre im ganzen Land singen. Aber wie erklärt man dem Volk den unerklärten Tabubruch? Wie singt man einen Furz? Die Untertanen ließen sich etwas einfallen. Mao spottete über sein devotes Volk, mutmaßen manche. 

Wie dem auch sei, der Spiegel brachte ein Faksimile der Handschrift Maos, und ich bat den chinesischen Studenten Jin Ling (heute in Frankfurt/ Main) um eine Wort-für-Wort-Übersetzung. Hier seine Interlinearfassung, oben fast wörtlich, unten sinngemäß. Im Anschluß gebe ich die sinngemäße Übersetzung noch einmal im Zusammenhang.

Dem chinesischen Gedicht liegt nicht nur eine völlig andere Grammatik zugrunde, sondern auch eine andere Ästhetik und Hermeneutik als die im Westen seit Baudelaire verbreitete. Das Gedicht hat eine eindeutig von der Form abzuhebende Botschaft, hier und nicht da kann man klar benennen, was wofür steht. Der stolze am Himmel schwebende Vogel steht für, und ist, Mao und sein „Volks“-China und der häßliche Spatz (bekanntlich gab es in den späten 50er, frühen 60er Jahren in Maos China eine Kampagne, bei der die lästigen Spatzen durch ohrenbetäubenden Lärm zu Tode erschreckt wurden. Haben sie sich eigentlich davon erholt?) für den Stalins Erbe verratenden Revisionisten Chrustschow. Das Wort Gulaschkommunismus kam damals in Mode, es trifft auch die Linie des Moskauer Parteichefs. „Bei uns gibt es sogar Rindfleisch“, prahlt der Russe. „Hör auf zu furzen“, bescheidet ihn  der Chinese. (Sein Volk wagt nicht zu denken, daß Rindfleisch besser schmeckt als eine Kulturrevolution, die Mao damals vorbereitete). Die Hölle ging los.

 

念奴娇·鸟儿问答 niàn nú jiāo: niǎo er wèn dá (niàn nú jiāo: Dialog zwischen zwei Vögeln)

Kun Peng ausbreitet Flügel, neun zehntausend Meter , schraubt Fú yáo Yáng jiǎo (Name eines Wirbelwinds)

kūn péng zhǎn chì jǐu wàn lǐ fān dòng fú yáo yáng jiǎo

鲲 鹏 展 翅, 九 万 里, 翻 动 扶 摇 羊 角。

Kun Peng(ein sagenhafter Vogel) flattert 90 tausend Meter in die Höhe, schraubt am Himmel.

Rück zu Himmel nach unten gucken, alles sind irdische Städte

bēi fù qīng tīan cháo xià kàn dōu shì rén jīan chéng gūo

背 负 青 天 朝 下 看, 都 是 人 间 城 郭。

Er schaut nach unten, liegen kleine und grosse Staedte.

Geschützfeuer verbindet Himmel, Einschuss überall, erschreckt Spatz

pào hǔo lían tīan dàn hén biàn dì xià dào péng jīan què

炮 火 连 天, 弹 痕 遍 地, 吓 倒 蓬 间 雀。

Geschützfeuer erreicht den Himmel, Einschüsse überall, der Spatz erschrickt.

Oh mein Gott, ich will fliegen

zěn men dé lǐao, ai ya wǒ yào fēi yuè

怎 么 得 了, 哎 呀 我 要 飞 跃。

„Oh mein Gott, was soll ich machen, ich will fortfliegen.“ sagt der Spatz.

Darf ich fragen du gehst wohin, der Spatz sagt es gibt Märchenland

Jìe wèn jūn qù hé fāng, què ér dá dào yǒu xiān shān qióng gé

借 问 君 去 何 方, 雀 儿 答 道: 有 仙 山 琼 阁。

Mein Freund, wohin geht die Reise? “, „Ins Märchenland“, sagt der Spatz

Nicht siehst vorletztes Jahr Herbst, unterschreiben drei Seiten Vertrag

jiàn qián nián qiū yuè lǎng, dìng le sān jiā tiáo yuē

不 见 前 年 秋 月 朗, 订 了 三 家 条 约。

Weisst du nicht? Voriges Jahr haben wir den „Drei-Seiten-Vertrag“ (Vertrag über das Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser) unterschrieben.

Sonst Essen Kartoffeln gekocht dann plus Rindfleisch

Hái yǒu chī de, tǔ dòu shāo shú le, zài jiā niú ròu

还 有 吃 的, 土 豆 烧 熟 了, 再 加 牛 肉。

Früher aßen wir gekochte Kartoffeln, jetzt mit Rindfleisch.“

Nicht erlaubt Furz guck mal welterschütternd

bù xū fàng pì! shì kà tiān dì fān fù

不 须 放 屁! 试 看 天 地 翻 覆

Furz nicht, schau mal, die Hölle ist los.“  

 

 

Dialog zwischen zwei Vögeln

Kun Peng flattert in 90 tausend Metern Höhe, er wirbelt am Himmel.
Er schaut nach unten, da liegen kleine und grosse Städte.
Geschützfeuer bis zum Himmel, Einschüsse überall, der Spatz erschrickt.
„Oh mein Gott, was soll ich machen, ich will fortfliegen.“ sagt der Spatz.
„Mein Freund, wohin des Wegs? “ „Ins Märchenland“, sagt der Spatz.
„Weisst du nicht, voriges Jahr haben wir den ‚Drei-Seiten-Vertrag‘ unterschrieben.
Früher aßen wir nur gekochte Kartoffeln,  jetzt haben wir Rindfleisch.“
„Hör auf zu furzen, schau mal, die Hölle ist los.“   

"Helft alle mit, die Spatzen zu bekämpfen"

 

 

 

 

 

23. American Life in Poetry: Column 324

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

 

Here’s a fine poem by my fellow Nebraskan, Barbara Schmitz, who here offers us a picture of people we’ve all observed but haven’t thought to write about.

Uniforms

It is very hot—92 today—to be wearing
a stocking cap, but the adolescent swaggering
through the grocery store automatic door
doesn’t seem to mind; does not even appear
to be perspiring. The tugged-down hat
is part of his carefully orchestrated outfit:
bagging pants, screaming t-shirt, high-topped
shoes. The young woman who yells to her friends
from an open pickup window is attired
for summer season in strapless stretch
tube top, slipping down toward bountiful
cleavage valley. She tugs it up in front
as she races toward the two who have
just passed a cigarette between them
like a baton on a relay team. Her white
chest gleams like burnished treasure
as they giggle loudly there in the corner
and I glance down to see what costume
I have selected to present myself to
the world today. I smile; it’s my sky blue
shirt with large deliberately faded Peace sign,
smack dab in the middle, plus grey suede
Birkenstocks—a message that “I lived through
the sixties and am so proud.” None of the
young look my way. I round the corner and
walk into Evening descending.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2005 by Stephen C. Behrendt from his most recent book of poetry,History, Mid-List Press, 2005. Reprinted by permission of Stephen C. Behrendt and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

22. Lyrisches Quartett

Lyrische Neuerscheinungen zum Tagesgespräch in der Münchner Öffentlichkeit zu machen – dazu will eine neue Reihe beitragen, die das Lyrik Kabinett Ende Juni beginnt: „Das lyrische Quartett“. Dreimal im Jahr werden drei ausgewiesene Lyrik-Kenner – Heinrich Detering, Harald Hartung und Kristina Maidt-Zinke – gemeinsam mit einem Dichter oder einer Dichterin ausgewählte neuere Lyrikbände diskutieren. Außerdem soll ein wichtiger Band der Vergangenheit einem ‚Haltbarkeitstest‘ unterzogen werden. Die besprochenen Bücher werden jeweils mit einiger Vorlaufzeit auf unserer Internetseite bekanntgegeben.

 

Der erste Abend dieser Reihe findet am Dienstag, den 28.6.2011, um 20 Uhr in unseren Räume statt.  Der Dichter-Gast ist diesmal Nico Bleutge.

 

Besprochen werden:

  • Elke Erb, Meins. Gedichte. roughbooks 2010
  • Kurt Drawert, Idylle, rückwärts.  Gedichte aus drei Jahrzehnten, Beck 2011
  • Ulrike Almut Sandig, Dickicht. Gedichte, Schöfflling & Co. 2011.
  • Lutz Seiler, im felderlatein. Gedichte, Suhrkamp 2010.
  • Und im Haltbarkeitstest: Günter Eich, Botschaften des Regens, 1955.

 

Weitere Abende der Reihe sind am 5. Oktober und am 30. November 2011 geplant.

21. Glossen und Speicher

Milautzcki und kein Ende. roughblog dokumentiert einen Kommentar Milautzckis auf fixpoetry.com zu einem Gedicht von Konstantin Ames. Die Einleitung bei roughblog:

Frank Milautzcki hat auf fixpoetry einen Kommentar zu einem Gedicht von Konstantin Ames veröffentlicht, der selber zumindest an Ort und Stelle nicht wieder kommentiert werden kann. Wir wiederholen hier seinen Kommentar und laden zu weiteren Kommentaren ein

In der Tat bedarf es der Amtshilfe, da fixpoetry offenbar die Kommentarfunktion abgeschaltet hat. (Die Anonymität des World Wide Web begünstigt Schmähworte, jeder im Netz Veröffentlichende kennt das Problem. Abschalten ist aber wohl keine Lösung, es sei denn, man will keine Widerworte zulassen.)

Die verdienstvolle Literaturseite von Julietta Fix ist ein Füllhorn mit vielen Façetten*. [Autsch, denke ich, schon lieferst du M. eine Steilvorlage. Bei Molière – Achtung, Bildungsprotz – gibt es eine Figur namens „Monsieur Jourdain, bourgeois“. Diesem wird einmal erklärt, was „Prosa“ ist, nämlich freiweg so zu sprechen wie Monsieur Jourdain, und er staunt über sich selbst, daß er seit über 40 Jahren Prosa spricht, ohne es zu wissen! Das kann ich auch! Ohne es zu wollen, habe ich 6 f-Anlaute in einen einzigen Satz gebaut, ich weiß sogar das Fremdwort, „Alliteration“, was sagen Sie dazu, Monsieur Jourdain? Und obendrein mit einem kleinen „ç“ meine Fremdsprachenkenntnisse** angedeutet!]

Milautzckis Text (und mit Einschränkung Ames‘, die Einschränkung sind 2 typographische Abweichungen auf den 4 letzten Zeilen) wird so angekündigt:

[hintun]

 Autor:

Konstantin Ames
Besprechung:
Frank Milautzcki

Folgt man dem Link, findet sich eine weitere Genrebezeichnung: „Interpretation“. Es ist aber weder das eine noch das andere. Milautzckis erster Satz zeigt die Methode, die gleiche, der er sich auch in verschiedenen hingeworfenen Kommentaren in der Lyrikzeitung bediente: eine starke Behauptung aussprechen und dann so tun, als wäre etwas bewiesen. „Besprechung“, „Interpretation“ oder auch „Kritik“, „Analyse“, da müßte etwas hinzukommen, das er wegläßt. Man ahnt schnell, warum. Milautzcki ist belesen, er kann gut schreiben und er hat sich offenbar zu einem Feldzug gegen mißliebige Schreibweisen entschlossen. Was liegt näher, als seine Belesenheit und Formulierungskunst in den Dienst der Sache zu stellen. „Glosse“ paßt vielleicht am ehesten. Im Netz finde ich diese Definition:

Glosse


Wie der Kommentar ist die Glosse eine meinungsäußernde journalistische Darstellungsform. Obwohl sie oft als leicht lesbarer Text daherkommt, muß ihr Autor eine große Sachkenntnis über den zu glossierenden Gegenstand besitzen und über ein sehr gutes Ausdrucksvermögen verfügen. Denn in erster Linie unterscheidet sich die Glosse vom Kommentar nicht im Thema, sondern in ihrer sprachlichen Form. Hier wird polemisch oder satirisch eine (meist) aktuelle Nachricht des Tages aufs Korn genommen. Die Glosse zeichnet sich durch Eleganz in der Formulierung, eine schlagende Beweisführung und überraschende Pointen aus. Eines der beliebtesten Stilmittel von Glossenschreibern ist die Ironie, die freilich auch zur Quelle von Mißverständnissen werden kann. …

© SR (Steffen Richter)

„Meinungsäußernd“, „gutes Ausdrucksvermögen“, „leicht lesbar“, „Pointe“, „Ironie“, alles da. Aber wie steht es mit „Sachkenntnis“, mit „Beweisführung“? Der Glossenschreiber nutzt sein Ausdrucksvermögen, um seinen Gegenstand tödlich zu treffen. Der gewandte Ausdruck ist der Schlüssel zum Ganzen: er suggeriert überlegenes Wissen und Können des Schreibers. Milautzcki schreibt:

Zwei Minuten habe ich gebraucht, um in der Bastelstube von Konstantin Ames mitzumachen und einen Text zu erzeugen, der aus seinem hervorgeht und offensichtlich nicht den allerschlechtesten.

„Offensichtlich nicht den allerschlechtesten“. In der Mathematik sagt man am Schluß q.e.d., was zu beweisen war. In Milautzckis Glosse wird am Anfang gesagt, das ist so kraft meines überlegenen Urteils, und das nachgereichte „offensichtlich“ bringt den eventuell noch zweifelnden Leser zum Schweigen, wer will schon als Blinder dastehen. Ist es offensichtlich? Ich bin sicher, daß man solche Texte verfassen kann, das ist ja „offensichtlich“, man kann sie auch selber drucken oder vielleicht jemanden finden, der sie publiziert, aber ich bin auch ziemlich sicher, nach annähernd 20jähriger Beschäftigung mit Engeler-Erzeugnissen, daß dieser Verleger, der in seiner Zeitschrift und seinem Verlag durchaus nicht nur das publizierte, was den Beifall des Publikums heischende Kritiker gern „experimentell“ nennen, (man muß nur lesen), daß Engeler dankend ablehnen würde. Nicht alles was „experimentell“ aussieht, ist auch „spannend“. Meine „Sicherheit“ steht oft in Anführungszeichen, zu genau weiß ich, daß auch aufmerksame Leser etwas übersehen und in falsche Hälse kriegen können, aber eine gewisse Sicherheit erwirbt man doch in einem langen Leseleben. „Spannung“, nicht unbedingt im Krimisinn, ist vielleicht der richtige Ansatz. Nicht immer wird man nach 2 Minuten sicher sein, ob Weiterlesen lohnt, aber doch oft. Wenn was rüberkommt, liest man weiter. (Als Kritiker, als Juror muß man auch weiterlesen, wenn nichts rüberkommt, wie es mir bei Lehnert ging, wo ich nach wenigen Seiten den Eindruck hatte, es mit pathetisch-rhetorischem Schwung ohne Mehrwert zu tun zu haben. Anderen geht es anders: selbstverständlich!).

Will sagen, Texte wie die von Ames lese ich nicht, weil sie von Michael Braun gelobt werden, sondern weil sie für mich den „suspense“ haben. Texte wie den von Milautzcki gebastelten Vierzeiler würde ich skeptischer lesen und eher weglegen.

„Offensichtlich“ ist also „offensichtlich“ nicht das richtige Wort in puncto Inhalt: es steht ja auch nur da wegen der Rhetorik. Milautzcki weiter:

Mit etwas poetologischem Basispomp kann man das, was mir hier ein paar Momente Spaß gemacht hat, auch zur großen Kunst erheben. Da sind Reime (die bei ihm versteckt sind – denn das Verstecken ist „die Kunst“), Assoziationen, die bei ihm da „hinta“ sind – all das kann man hervorholen, oder eben auch nicht.

„Poetologischem Basispomp“: der Glossenverfasser will nicht abwägen, sondern töten. Ein Leser, der Argumente herbeisuchen will, wird mit dem Wort „Pomp“, verschärft durch den Zusatz „Basis“, zum Schweigen gebracht. Milautzcki nennt 2 poetologische Basismerkmale: versteckte Reime [er teilt den nächsten tödlichen Streich aus: das Verstecken ist „die Kunst“] und da“hinta“ lauernde Assoziationen. Probieren Sie es ruhig, es muß nicht mit Ames sein, Rilke, Benn oder Goethe gehen auch: ein paar versteckte Reime, ein paar ebenso versteckte Assoziationen, meinetwegen nehmen Sie als Drittes auch versteckte Zitate, aus Literatur, Politik oder Fernsehen, bauen Sie so versteckt wie möglich „ich abe fertich“ ein oder „da werde Sir geholfen“, verfremden sies noch weiter in Lautung, Orthografie, Grammatik, das kann Spaß machen – aber Engeler wirds nicht drucken, Michael Braun sicher nicht loben.

Milautzcki weiter:

Je nachdem, ob man mit dem Kopf anklopft und der Sesam öffnet sich. „uuildu noh“ schreibt er dann. Ich gestehe: Ich will nicht. Denn danach fragt der Satz: er stammt aus einem mittelalterlichen Gedicht-Bruchstück namens „Hirsch und Hinde“, es befindet sich in einer alten Handschrift in der Bibliotheque Royale in Brüssel – jedenfalls kann man das im Reallexikon der germanistischen Altertumskunde so nachlesen. Im Ernst: entlegenere Quellen kann man in einem Gedicht nicht zitieren. Unverstandener kann etwas nicht bleiben. Ames sammelt das, je rätselhafter, umso mehr Punkte für den Kandidaten bei der Überzeugungsarbeit ein echter Literat zu sein.

Ah, jetzt kommt das Bildungsprotz-Argument. Jedenfalls „kann man das im Reallexikon der germanistischen Altertumskunde so nachlesen“, aha. (Na immerhin.) Je rätselhafter, je entlegeneren Orts hergeholt, desto Kunst!

Aber es geht auch einfacher, der Glossist argumentiert erst einmal gern damit, um sich dann doch das Argument selbst aus der Hand zu schlagen:

Aber von alleine ist er nicht drauf gekommen. Sein Gedicht datiert vom 11.07.2009 und genau einen Monat zuvor schickte Gregor Koall seine Lyrikmail Nr. 1996 (in der „Szene“ von allen abonniert), nämlich exakt am 10.06.2009, durch die Lande, darin präsentierte  Dr. Martin Schuhmann von der Universität Frankfurt/Main aus seiner Reihe „Texte aus mittelhochdeutscher und althochdeutscher Zeit in Original und Übersetzung“ folgende althochdeutsche anonyme Randnotiz namens „Hirsch und Hinde“

„In der Szene von allen abonniert“ ist der Schlüssel. Er mußte „nicht einmal“ das Reallexikon aufsuchen, er bekams ja frei Haus. Wie alle potentiellen Leser! Gregor Koalls Lyrikmail hat eine fünfstellige Abonentenzahl. Ames‘ angeblich weit hergeholtes Bildungszitat ist auch seinen potentiellen Lesern ins Postfach geschickt worden. Der Kunstwert sinkt beträchtlich, folgt man Milautzckis Argumentation.

Schule und Wissenschaft reden uns ja gern ein, das Verstehen von Kunstwerken setze das Erkennen aller darin „versteckten“ Zitate voraus. Die Rede hat verhängnisvolle Wirkung. Wir sehen ein, daß die hohe Kunst nichts für uns ist und überlassen sie den Fachidioten, die dicke Bücher drüber schreiben, mit denen sie die Originale verdecken ad infinitum. Verantwortungsbewußte „Lehrer“ versuchen zum eigenen Lesen zu verführen. Ein probates Mittel ist das Bekanntmachen mit „entlegenen“ Kunstwerken aus aller Damen und Herren Ländern und Zeiten. Ein provenzalisches Gedicht über nichts, ein althochdeutsches Fragment, ein Mayagesang, ein rätselhafter Celanspruch. Wer vieles vorgesetzt bekommt, an dem geht manches vorbei, aber vielleicht nützt ihm oder ihr der Vorrat doch einmal? „Sprachspeicher“ nannte das Kling. Wir brauchen nicht weniger sondern mehr Sprachspeicher. Vielfältige sind besser als einfältige. Auch Ames‘ sprachwütige und sprachlustige ernste Spiele sind Sprachspeicher, ich zweifle nicht, daß sie in dem und jenen anklingen können und wer weiß besseres stiften als vergnatzte Kommentare oder inhaltsfreie Glossen. Auch das Fixative ist ein solcher Sprachspeicher. (Die Glosse will töten, der Speicher bereitstellen).

(Übrigens Ames oder seine Leser mußten nicht auf die Lyrikmail warten oder im altgermanistischen Seminar sitzen, um das Fragment von der „Hinte“ zu finden. Karl Wolfskehl und Friedrich von der Leyen rückten es vor beinah 100 Jahren in eine Anthologie, aus der es auch in ein Inseltaschenbuch kam: hohe Auflage garantiert. Es steht also in vielen Bücherregalen und liegt wohl auch mal in Grabbelkisten. Es fand auch vor 10 oder 11 Jahren in meine Anthologie, öffentlich im Netz. Im November 2009 rückte ich es neu hier ein:

58. Meine Anthologie 4: Hinde

Und zitiere es gern mal in neugermanistischen Seminaren. Das tue ich auch mit Amestexten. Vielleicht findet sich ja jemand, den es trifft.

Hier findet man den korrekten Text zum Lesen und Anhören

*, **) bzw. Façaden, um die „cedille“ zu rechtfertigen – gleichzeitig ein gutes Beispiel für den bei Dichtern und Lesern so beliebten Formalismus à la „das raffinier-/ te Tier / tats um des Reimes willen“. Dabei wollte ich gar nicht sagen, daß Frau Fix „Façaden“ oder Fassaden errichtet – die Sprache zwingt mich, hélas!

20. Harald Gerlachs Porträtgedichte

Selbst wenn Harald Gerlach nicht mehr als diese 100 Porträtgedichte hinterlassen hätte, wäre er ein bedeutender Lyriker zu nennen. Diese Sammlung ist aber nur ein kleiner Ausschnitt aus einem überaus umfangreichen Werk, das Gedichtbände, Romane und Dramen ebenso umfasst wie zahllose Essays und Radiofeatures.

Geordnet ist der von Bettina Olbrich (Leimen) und Ulrich Kaufmann (Jena) kompilierte und herausgegebene Band nicht in der Reihenfolge der Entstehung der Texte, sondern – das ist ein legitimes Verfahren – nach den Lebensdaten der Porträtierten. Den Auftakt bildet daher ein Gedicht auf Pontius Pilatus und den Abschluss ein autobiografisch-surreales Porträtgedicht, das mit einem Vers ausklingt, der auch dem Buch den Titel lieh: „aber du der ich / war“. Es finden sich ferner Texte auf Luther, Shakespeare,Johann Christian Günther, Johann Gottfried Seume, Schiller, Hölderlin, Bettina von Arnim,Nietzsche, Brigitte Struzyk und Wulf Kirsten. All diese und viele weitere Persönlichkeiten waren für Harald Gerlach Weggefährten im Geiste.

„aber du der ich war“ ist ein gewichtiger Gedichtband, der einen Beitrag leistet, dass man sich auch künftig an Harald Gerlach und seine Dichtung erinnert. / Kai Agthe Thüringische Landes-Zeitung

Harald Gerlach: aber du der ich war. 100 Porträtgedichte aus drei Jahrzehnten. Hrsg. vonBettina Olbrich und Ulrich Kaufmann. Wartburg-Verlag, Weimar, 151 S., 16 Euro

19. Buhen und Applaudieren

Konstantin Ames schreibt:

In der Online-ZEIT stehen Sätze über die Perfomance von Mara Genschel und Martin Schüttler im Rahmen des Festivals PROSANOVA.

http://www.zeit.de/kultur/literatur/2011-05/prosanova-hildesheim-junge-literatur

„Manchmal scheitern diese Experimente auch. In dem Stück Play sind Neonröhren und Lautsprecher die Protagonisten, die Stimme der Autorin Mara Genschel ertönt vom Band. Aus verschiedenen Ecken, mal abgehackt, mal leise, dann wieder sehr laut. Es geht um Schlachtvieh und Kannibalen, und irgendwie auch um Medienkonsum („Ich googelte die Schweine!“). Die Zuschauer fühlen sich veräppelt und schleichen nach und nach aus der Halle.“

Ich war da – und fühlte mich nicht veräppelt, sondern provoziert. Und vielleicht ist die Darbietung schon deswegen nicht misslungen, weil es nicht wenigen so ging wie mir. Es ging ein Fünftel der Belegschaft. Früher gab es Saalschlachten nach Poesieakten der Avantgarde. Und selbst in den (mittlerweile) heiligen Hallen des Bürgertums, im Burgtheater, buhen die einen derweil die andern frenetisch applaudieren. Diejenigen, die ich habe gehen sehen, waren U-25-Jährige mit Restalkohol im Blut. Ein bisschen Konzentration muss schon sein, nicht nur Autorennationalmannschaft gucken und im „Schreibschulenkader“ spielen.

Es sollte mehr dieser Plays geben, die weder zum frenetischen Applaudieren noch zum vorzeitigen Gehen animieren.

Und: Kompliment an die Veranstalter von PROSANOVA, die guten Leuten wie Genschel/Schüttler, Erb/Filips und Zeller Gelegenheit zum Auftritt und zur Herausforderung gegeben haben.

Es gibt noch Hoffnung, den vielen Hohlköpfen zum Trotz(i)!

18. Konvertiten

Etwa 1919/20 wendet sich Ball wieder dem Katholizismus zu. Bald darauf legt er bei einem Priester in München eine Generalbeichte ab. Der «Simplizissimus» kommentiert den Schritt, ohne Balls Namen zu nennen, durch ein launiges Gedicht, «Byzantinisches Christentum» überschrieben: «Selig sind die Konvertiten, / die am Kirchentor sich raufen. / Und es machen Jesuiten / Überstunden schon im Taufen.» / Bernhard Lang, NZZ 4.6.

Hugo Ball: Byzantinisches Christentum. Drei Heiligenleben. Herausgegeben von Bernd Wacker. (Sämtliche Werke und Briefe, Band 7). Wallstein-Verlag, Göttingen 2011. 588 S., € 38

 

17. Meine Anthologie: existing and living, know and guess

Bei letzten Einkäufen im sommerwarmen Greifswald fiel mich über irgendwelche Assoziationsketten, die ich hier nicht aufdröseln mag, ein alter Bekannter an. Ich hab den Dichter Cummings vor fast genau 40 Jahren für mich entdeckt, irgendeine Chance auf Veröffentlichung solcher Texte in der DDR sah ich damals nicht. (Es kam 10, 12 Jahre später). In einer Ost-Tageszeitung Anfang der 50er spöttelte jemand darüber, schließlich habe Baldur von Schirach auch Gedichte geschrieben. Später fand ich die Art Pöbeleien auch in Westzeitungen, sie begleiten einen einfach. Die einschießende Zeile war „we shall, quoth gifted she“. Sie steht in diesem herrlich verkopften Gedicht – einem regelrechten Sonett, b.t.w., es nimmt nur statt Vollreimen Assonanzen und andere Halbreime, ich nenne sie mal Auslautreime:

the trick of finding what you didn’t lose
(existing’s tricky:but to live’s a gift)
the teachable imposture of always
arriving at the place you never left

(and i refer to thinking)rests upon
a dismal misconception;namely that
some neither ape nor angel called a man
is measured by his quote eye cue unquote.

Much better than which,every woman who’s
(despite the ultramachinations of
some loveless infraworld)a woman knows;
and certain men quite possibly may have

shall we say guessed?“

„we shall“ quoth gifted she:

and played the hostess to my morethanme
© E.E. Cummings 1963

16. Keine Empfindsamkeitslyrik

In den Reimen von Gil Scott-Heron brachen sich die Wut und die Empörung über Rassismus und Erniedrigung in der fiebrigen «Black Power»-Ära Bahn, als die Ghettos amerikanischer Grossstädte brannten. Der Musiker lieferte den Kommentar zu diesen Szenen. Seine Botschaft kulminierte in seinem bekanntesten Titel, «The Revolution will not be televised», der seine schwarzen Landsleute aufrief, auf die Strasse zu gehen und aufzubegehren. Seine Gedichte waren alles andere als Empfindsamkeitslyrik; sie schilderten die Realität so hart und brutal, wie sie sich auf den Strassen, in den Schlangen der Arbeitslosen, in den Suppenküchen und Crack-Häusern anfühlte. / Christoph Wagner, NZZ