21. Glossen und Speicher

Milautzcki und kein Ende. roughblog dokumentiert einen Kommentar Milautzckis auf fixpoetry.com zu einem Gedicht von Konstantin Ames. Die Einleitung bei roughblog:

Frank Milautzcki hat auf fixpoetry einen Kommentar zu einem Gedicht von Konstantin Ames veröffentlicht, der selber zumindest an Ort und Stelle nicht wieder kommentiert werden kann. Wir wiederholen hier seinen Kommentar und laden zu weiteren Kommentaren ein

In der Tat bedarf es der Amtshilfe, da fixpoetry offenbar die Kommentarfunktion abgeschaltet hat. (Die Anonymität des World Wide Web begünstigt Schmähworte, jeder im Netz Veröffentlichende kennt das Problem. Abschalten ist aber wohl keine Lösung, es sei denn, man will keine Widerworte zulassen.)

Die verdienstvolle Literaturseite von Julietta Fix ist ein Füllhorn mit vielen Façetten*. [Autsch, denke ich, schon lieferst du M. eine Steilvorlage. Bei Molière – Achtung, Bildungsprotz – gibt es eine Figur namens „Monsieur Jourdain, bourgeois“. Diesem wird einmal erklärt, was „Prosa“ ist, nämlich freiweg so zu sprechen wie Monsieur Jourdain, und er staunt über sich selbst, daß er seit über 40 Jahren Prosa spricht, ohne es zu wissen! Das kann ich auch! Ohne es zu wollen, habe ich 6 f-Anlaute in einen einzigen Satz gebaut, ich weiß sogar das Fremdwort, „Alliteration“, was sagen Sie dazu, Monsieur Jourdain? Und obendrein mit einem kleinen „ç“ meine Fremdsprachenkenntnisse** angedeutet!]

Milautzckis Text (und mit Einschränkung Ames‘, die Einschränkung sind 2 typographische Abweichungen auf den 4 letzten Zeilen) wird so angekündigt:

[hintun]

 Autor:

Konstantin Ames
Besprechung:
Frank Milautzcki

Folgt man dem Link, findet sich eine weitere Genrebezeichnung: „Interpretation“. Es ist aber weder das eine noch das andere. Milautzckis erster Satz zeigt die Methode, die gleiche, der er sich auch in verschiedenen hingeworfenen Kommentaren in der Lyrikzeitung bediente: eine starke Behauptung aussprechen und dann so tun, als wäre etwas bewiesen. „Besprechung“, „Interpretation“ oder auch „Kritik“, „Analyse“, da müßte etwas hinzukommen, das er wegläßt. Man ahnt schnell, warum. Milautzcki ist belesen, er kann gut schreiben und er hat sich offenbar zu einem Feldzug gegen mißliebige Schreibweisen entschlossen. Was liegt näher, als seine Belesenheit und Formulierungskunst in den Dienst der Sache zu stellen. „Glosse“ paßt vielleicht am ehesten. Im Netz finde ich diese Definition:

Glosse


Wie der Kommentar ist die Glosse eine meinungsäußernde journalistische Darstellungsform. Obwohl sie oft als leicht lesbarer Text daherkommt, muß ihr Autor eine große Sachkenntnis über den zu glossierenden Gegenstand besitzen und über ein sehr gutes Ausdrucksvermögen verfügen. Denn in erster Linie unterscheidet sich die Glosse vom Kommentar nicht im Thema, sondern in ihrer sprachlichen Form. Hier wird polemisch oder satirisch eine (meist) aktuelle Nachricht des Tages aufs Korn genommen. Die Glosse zeichnet sich durch Eleganz in der Formulierung, eine schlagende Beweisführung und überraschende Pointen aus. Eines der beliebtesten Stilmittel von Glossenschreibern ist die Ironie, die freilich auch zur Quelle von Mißverständnissen werden kann. …

© SR (Steffen Richter)

„Meinungsäußernd“, „gutes Ausdrucksvermögen“, „leicht lesbar“, „Pointe“, „Ironie“, alles da. Aber wie steht es mit „Sachkenntnis“, mit „Beweisführung“? Der Glossenschreiber nutzt sein Ausdrucksvermögen, um seinen Gegenstand tödlich zu treffen. Der gewandte Ausdruck ist der Schlüssel zum Ganzen: er suggeriert überlegenes Wissen und Können des Schreibers. Milautzcki schreibt:

Zwei Minuten habe ich gebraucht, um in der Bastelstube von Konstantin Ames mitzumachen und einen Text zu erzeugen, der aus seinem hervorgeht und offensichtlich nicht den allerschlechtesten.

„Offensichtlich nicht den allerschlechtesten“. In der Mathematik sagt man am Schluß q.e.d., was zu beweisen war. In Milautzckis Glosse wird am Anfang gesagt, das ist so kraft meines überlegenen Urteils, und das nachgereichte „offensichtlich“ bringt den eventuell noch zweifelnden Leser zum Schweigen, wer will schon als Blinder dastehen. Ist es offensichtlich? Ich bin sicher, daß man solche Texte verfassen kann, das ist ja „offensichtlich“, man kann sie auch selber drucken oder vielleicht jemanden finden, der sie publiziert, aber ich bin auch ziemlich sicher, nach annähernd 20jähriger Beschäftigung mit Engeler-Erzeugnissen, daß dieser Verleger, der in seiner Zeitschrift und seinem Verlag durchaus nicht nur das publizierte, was den Beifall des Publikums heischende Kritiker gern „experimentell“ nennen, (man muß nur lesen), daß Engeler dankend ablehnen würde. Nicht alles was „experimentell“ aussieht, ist auch „spannend“. Meine „Sicherheit“ steht oft in Anführungszeichen, zu genau weiß ich, daß auch aufmerksame Leser etwas übersehen und in falsche Hälse kriegen können, aber eine gewisse Sicherheit erwirbt man doch in einem langen Leseleben. „Spannung“, nicht unbedingt im Krimisinn, ist vielleicht der richtige Ansatz. Nicht immer wird man nach 2 Minuten sicher sein, ob Weiterlesen lohnt, aber doch oft. Wenn was rüberkommt, liest man weiter. (Als Kritiker, als Juror muß man auch weiterlesen, wenn nichts rüberkommt, wie es mir bei Lehnert ging, wo ich nach wenigen Seiten den Eindruck hatte, es mit pathetisch-rhetorischem Schwung ohne Mehrwert zu tun zu haben. Anderen geht es anders: selbstverständlich!).

Will sagen, Texte wie die von Ames lese ich nicht, weil sie von Michael Braun gelobt werden, sondern weil sie für mich den „suspense“ haben. Texte wie den von Milautzcki gebastelten Vierzeiler würde ich skeptischer lesen und eher weglegen.

„Offensichtlich“ ist also „offensichtlich“ nicht das richtige Wort in puncto Inhalt: es steht ja auch nur da wegen der Rhetorik. Milautzcki weiter:

Mit etwas poetologischem Basispomp kann man das, was mir hier ein paar Momente Spaß gemacht hat, auch zur großen Kunst erheben. Da sind Reime (die bei ihm versteckt sind – denn das Verstecken ist „die Kunst“), Assoziationen, die bei ihm da „hinta“ sind – all das kann man hervorholen, oder eben auch nicht.

„Poetologischem Basispomp“: der Glossenverfasser will nicht abwägen, sondern töten. Ein Leser, der Argumente herbeisuchen will, wird mit dem Wort „Pomp“, verschärft durch den Zusatz „Basis“, zum Schweigen gebracht. Milautzcki nennt 2 poetologische Basismerkmale: versteckte Reime [er teilt den nächsten tödlichen Streich aus: das Verstecken ist „die Kunst“] und da“hinta“ lauernde Assoziationen. Probieren Sie es ruhig, es muß nicht mit Ames sein, Rilke, Benn oder Goethe gehen auch: ein paar versteckte Reime, ein paar ebenso versteckte Assoziationen, meinetwegen nehmen Sie als Drittes auch versteckte Zitate, aus Literatur, Politik oder Fernsehen, bauen Sie so versteckt wie möglich „ich abe fertich“ ein oder „da werde Sir geholfen“, verfremden sies noch weiter in Lautung, Orthografie, Grammatik, das kann Spaß machen – aber Engeler wirds nicht drucken, Michael Braun sicher nicht loben.

Milautzcki weiter:

Je nachdem, ob man mit dem Kopf anklopft und der Sesam öffnet sich. „uuildu noh“ schreibt er dann. Ich gestehe: Ich will nicht. Denn danach fragt der Satz: er stammt aus einem mittelalterlichen Gedicht-Bruchstück namens „Hirsch und Hinde“, es befindet sich in einer alten Handschrift in der Bibliotheque Royale in Brüssel – jedenfalls kann man das im Reallexikon der germanistischen Altertumskunde so nachlesen. Im Ernst: entlegenere Quellen kann man in einem Gedicht nicht zitieren. Unverstandener kann etwas nicht bleiben. Ames sammelt das, je rätselhafter, umso mehr Punkte für den Kandidaten bei der Überzeugungsarbeit ein echter Literat zu sein.

Ah, jetzt kommt das Bildungsprotz-Argument. Jedenfalls „kann man das im Reallexikon der germanistischen Altertumskunde so nachlesen“, aha. (Na immerhin.) Je rätselhafter, je entlegeneren Orts hergeholt, desto Kunst!

Aber es geht auch einfacher, der Glossist argumentiert erst einmal gern damit, um sich dann doch das Argument selbst aus der Hand zu schlagen:

Aber von alleine ist er nicht drauf gekommen. Sein Gedicht datiert vom 11.07.2009 und genau einen Monat zuvor schickte Gregor Koall seine Lyrikmail Nr. 1996 (in der „Szene“ von allen abonniert), nämlich exakt am 10.06.2009, durch die Lande, darin präsentierte  Dr. Martin Schuhmann von der Universität Frankfurt/Main aus seiner Reihe „Texte aus mittelhochdeutscher und althochdeutscher Zeit in Original und Übersetzung“ folgende althochdeutsche anonyme Randnotiz namens „Hirsch und Hinde“

„In der Szene von allen abonniert“ ist der Schlüssel. Er mußte „nicht einmal“ das Reallexikon aufsuchen, er bekams ja frei Haus. Wie alle potentiellen Leser! Gregor Koalls Lyrikmail hat eine fünfstellige Abonentenzahl. Ames‘ angeblich weit hergeholtes Bildungszitat ist auch seinen potentiellen Lesern ins Postfach geschickt worden. Der Kunstwert sinkt beträchtlich, folgt man Milautzckis Argumentation.

Schule und Wissenschaft reden uns ja gern ein, das Verstehen von Kunstwerken setze das Erkennen aller darin „versteckten“ Zitate voraus. Die Rede hat verhängnisvolle Wirkung. Wir sehen ein, daß die hohe Kunst nichts für uns ist und überlassen sie den Fachidioten, die dicke Bücher drüber schreiben, mit denen sie die Originale verdecken ad infinitum. Verantwortungsbewußte „Lehrer“ versuchen zum eigenen Lesen zu verführen. Ein probates Mittel ist das Bekanntmachen mit „entlegenen“ Kunstwerken aus aller Damen und Herren Ländern und Zeiten. Ein provenzalisches Gedicht über nichts, ein althochdeutsches Fragment, ein Mayagesang, ein rätselhafter Celanspruch. Wer vieles vorgesetzt bekommt, an dem geht manches vorbei, aber vielleicht nützt ihm oder ihr der Vorrat doch einmal? „Sprachspeicher“ nannte das Kling. Wir brauchen nicht weniger sondern mehr Sprachspeicher. Vielfältige sind besser als einfältige. Auch Ames‘ sprachwütige und sprachlustige ernste Spiele sind Sprachspeicher, ich zweifle nicht, daß sie in dem und jenen anklingen können und wer weiß besseres stiften als vergnatzte Kommentare oder inhaltsfreie Glossen. Auch das Fixative ist ein solcher Sprachspeicher. (Die Glosse will töten, der Speicher bereitstellen).

(Übrigens Ames oder seine Leser mußten nicht auf die Lyrikmail warten oder im altgermanistischen Seminar sitzen, um das Fragment von der „Hinte“ zu finden. Karl Wolfskehl und Friedrich von der Leyen rückten es vor beinah 100 Jahren in eine Anthologie, aus der es auch in ein Inseltaschenbuch kam: hohe Auflage garantiert. Es steht also in vielen Bücherregalen und liegt wohl auch mal in Grabbelkisten. Es fand auch vor 10 oder 11 Jahren in meine Anthologie, öffentlich im Netz. Im November 2009 rückte ich es neu hier ein:

58. Meine Anthologie 4: Hinde

Und zitiere es gern mal in neugermanistischen Seminaren. Das tue ich auch mit Amestexten. Vielleicht findet sich ja jemand, den es trifft.

Hier findet man den korrekten Text zum Lesen und Anhören

*, **) bzw. Façaden, um die „cedille“ zu rechtfertigen – gleichzeitig ein gutes Beispiel für den bei Dichtern und Lesern so beliebten Formalismus à la „das raffinier-/ te Tier / tats um des Reimes willen“. Dabei wollte ich gar nicht sagen, daß Frau Fix „Façaden“ oder Fassaden errichtet – die Sprache zwingt mich, hélas!

11 Comments on “21. Glossen und Speicher

  1. jetzt haben wir uns gestern noch so nett unterhalten und da muss ich nun doch arg schlucken. Kritik ist das eine, aber das ist schon arg bösartig, nicht weil es trifft, sondern weil die Parodie soweit getrieben wird, dass sie persönlich treffen und lächerlich machen will und vor Publikum Grundsätzliches abspricht. Parodieren und lächerlich machen kann man aber letztendlich jedes Gedicht, eine Parodie ist keine Beweisführung sondern schlicht Polemik. Sie ist im Umgang mit Lyrik eine Waffe, kein Instrument. Und wenn ein Text so sehr missfällt, dass man ihn nicht mehr für ein Gedicht hält, dann sollte man ihn nicht als Gedicht besprechen, sondern ignorieren oder das ehrliche Etikett „Rezension“ wählen.

    Wenn man dann noch den Originaltext daneben setzt – also zuvor (einerseits hoffentlich, andererseits unverschämter Weise) Rechte eingeholt hat, beim Autor selbst? – dann ist ein solcher Begleittext geradezu hinterrücks. Dergleichen kann man nämlich nur mit Autoren ohne größeren Verlag machen. Versuch mal ein solches Vorgehen mit einem Verlag, der die Rechte seiner Autoren schützt. Du hast Dir für eine Rezension (einen Verriss) die Interpretation als Cover ausgesucht, damit Du den Originaltext daneben stellen kannst. Ein solches Vorgehen würde jeder Verlag unterbinden, indem er dir die Abdruck/veröffentlichungsgenehmigung nicht gibt. Ein Verriss muss ohne den Autor als Zeugen in der Ecke auskommen. Sonst wird es entwürdigend. Die Textgattung Interpretation ist immer auch eine Würdigung des Textes, sie kann und darf kein Verriss sein. Das sind elementare Spielregeln im literarischen Miteinander.

    Und muss Dein grundsätzliches Anliegen wirklich an einem jungen Autor ausexerziert werden? Warum nicht an Ulf Stolterfoht oder Friederike Mayröcker ranwagen, wenn man schon so unbedingt einen Feldzug starten will… Ich fürchte, die Sache war ein ziemlich übles Eigentor.

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    • Christian, bei mir hat niemand wegen Veröffentlichungsrechten angefragt. So much for fairplay!

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  2. How to create a lose-lose situation – ein paar schäfische Gedanken:

    – Lieber Michael, kleiner Hinweis: Fixpoetry bietet seit jeher keine Kommentarfunkton unterm Text. Es gibt stattdessen ein Gästebuch, das scheint weiter offen, oder täusche ich mich? (Nicht ausprobiert.)

    – Allgemein betrachtet: die Besprechung/Glossierung (wasimmer) eines einzelnen Textes eignet sich glücklicherweise nicht wirklich, eine ganze Denkschule ernsthaft zu diskreditieren. Ich sehe in Frank Milautzckis Fixativ (Frank, du liest gewiß hier mit:) gleichzeitig Momente der Entzauberung/Erklärung eines hermetisch wirkenden Textes und Momente der Überheblichkeit. Es gibt meines Erachtens seit Jahren zu wenige gute Lyrikkritiker in Dland. Aber ob Dichterkritiker dieses Manko wirklich kompensieren?

    – Das Elchfänomen: es gibt eine Grundhaltung unter nicht wenigen Kritikern, die ich seit Jahren schätze, auch wenn sie mich betrifft: „Texte, die ich nicht mag, werden garnicht erst besprochen.“ (Habe vor langer Zeit im Überschwang einen üblen Verriß geschrieben, der mich bis heute reut, nicht in der Sache, aber in der böswilligen Art, selbst wo keine öffentlichen Reaktionen darauf kamen. Eine rein persönliche Gewissensfrage.)

    – Als Autor, der vergleichsweise übermäßig auf die Rechtesituation achtet, beanstande ich (bisher stets erfolgreich) unautorisierte Veröffentlichungen – solang sie in kommerziellem Rahmen stattfinden. Die nonkommerziellen Verbreiter dürfen mirwegen machen, was sie wollen, notfalls bekommen sie ein gepfeffertes Statement, damit hat sichs für mich.

    – Zum Kollegen-Bashing: „So lang wir uns die Köpfe abschlagen, fühlen wir uns stark.“ (Alter Gewerkschaftsslogan.) Kampf dem Irrsinn! Kampf der Liebe unter Einsatz derselben! Kampfer! Kampfer!

    – In diesem Sinne geh ich jetzt erstmal elektronische Vögel bauen und auswildern, um zu eruieren, ob sich das Prinzip auf elektronische Winzdichter ausweiten läßt.

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  3. mit christians kritik kann ich durchaus etwas anfangen und nehme sie mir zu herzen.
    auch in stans sätzen sind wichtige hinweise, die ich sehr ernst nehme.

    Erlaubt seien an dieser Stelle ein paar Originalzitate von Konstantin Ames aus der jüngsten Vergangenheit:

    “viele Hohlköpfe!” über Hörer, die eine Lesung verlassen, weil sie den Texten nichts abgewinnen

    Und über dieselben:
    “U-25-Jährige mit Restalkohol im Blut”

    über Milautzcki
    “Die Borniertheit und Spekulierlust eines Langweilers”

    Herr Ames über Leser von herkömmlichen Gedichten
    “die Gemeinde der Gläubigen und Ausblancierten”

    „Disziplinlosigkeit und Denkfaulheit, die alles Sperrige abtut” über Rezensenten wie Milautzcki

    alles in der lyrikzeitung.

    christian: natürlich hätte ich wahllos einen text von ulf stolterfoht nehmen können –
    ich hatte kürzlich in einem nebensatz (in klammern gesetzt) seinen namen erwähnt – und gratz hat mir dann im anschließenden kommentar den stolterfoht zigmal um die ohren gehauen, als würde ich immer nur über ihn schreiben und hat schließlich die diskussion punktum beendet.
    es geht ja tatsächlich um mehr als um stolterfoht oder ames, es geht um ein altes bis veraltetes verfahren, das zwar recht einfach funktioniert und texte generiert, die nach gedichten aussehen und zwar nach sehr komplexen gedichten. sie sind von prozessen in uns gesteuert, die sehr menschlich sind und lustvoll, wenn man sie in sich wirksam werden läßt, aber mitunter auch von prozessen, die weniger dem gedicht dienen sollen, als dem verfasser. das kann man bei diesen verfahren nicht mehr sicher unterscheiden.
    deshalb mag ich texte, wo erkennbar bleibt, daß der verfasser “drin” ist, selbst wenn sie noch so schwierig sind. Wenn ich das gefühl habe, da ist etwas nur zusammengebastelt worden, dann ist das für mich zu wenig. Mein gefühl kann mich täuschen. Vielleicht soll mich mein gefühl täuschen? Versteht man das unter sperrig? Warum soll ich nicht wissen dürfen, was hinter einem gedicht steckt? Welchen grund hat das gedicht, sich vor mir zu verstecken? Ist dann der ganze zauber weg? Eigentlich sollte er sich mehren, je mehr ich hinter das Gedicht komme!

    Die antwort, die ich mir im falle “hintun” gebe (ich bin übrigens kein abonnent bei gregor koall) ist eine von vielen. Das liegt aber meines erachtens am text. Der läßt diese antwort ausdrücklich zu.

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    • Lieber Frank Milautzcki,
      ich finde gerade – und daher Ihre Hinwendung zu Konstantin Ames Gedicht so unfreiwillig schön – sehr „viel Verfasser“, gerade in/hinta genau diesem. Vielleicht erfordert das eine komplexere Auffassung von Person.. Textperson halt, fehlbar, womöglich missverständlich. Umso hinreißender ist es doch, Textvorgänge freizulegen, meinetwegen teilweise als Selbstzweck, siehe Sex. Und ja: dass „Ihr Gefühl“ Sie täuscht bleibt doch wohl grundsätzlich zu hoffen. Sonst blieb ja nur auf die „Gänsehaut-pur“-Poetik Dieter Bohlens zu verweisen, aber der mochte schließlich auch nichts in die KSK einzahlen..
      Mir scheint, Sie werden eben nicht warm mit den Verfahren dieses Gedichts (und nur diesen; welche, Sie sprechen ja sogar von nur einem einzigen: welches Verfahren Ihnen da vorliegt, unter dem sich alle von Ihnen kritisierten Ansätze zusammenfassen lassen, würde mich sehr interessieren!) – aber alles, was Sie daran in Ihrer liebevollen Akribie anprangern, spielt meiner Lesart total zu. Hm..

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  4. Herr Milautzcki, ich habe eine völlig andere Sicht auf einige Dinge, auch auf den Verlauf dieser Fehde: Wer was zuerst gesagt bzw. geschrieben hat.

    An einer sachlichen Auseinandersetzung zwischen uns darüber, was veraltete und was nicht-veraltete Dichtungskonzepte sein könnten, bin ich interessiert.

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  5. Was veraltete und was nicht-veraltete Dichtungskonzepte sind, lässt sich unter Umständen recht schnell feststellen. Aber wen interessierts? Mich persönlich machen gute Gedicht an und jung.

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  6. verstehe, herr milautzcki: die anderen sind schuld. ames hat am sonntag ein bißchen rumgemotzt, und deshalb haben sie zuvor einen fixative-beitrag geschrieben.

    und gratz hat eine bemerkung gegen stolterfoht gerügt, deshalb mußten sie schnurstracks gegen ames schreiben.

    wenn sie das selber glauben, ist soweit alles in ordnung. daß ich es zb nicht glaube, sollte sie nicht wundern, und wenn, kann ich auch nicht abhelfen.

    lieber herr milautzcki, ich sehe nachwievor nicht ein, warum nicht jeder über stolterfoht, ames und lehnert seine meinung haben und auch äußern kann, und der nächste hält mit einem argument dagegen. ich habe schon texte von ihnen gelesen, die so verfahren. die ames-„kritik“ gehört nicht dazu, und ihre einwürfe in diverse debatten auch nicht. daraus spricht überheblichkeit und massiver unwillen zur auseinandersetzung. sie haben sich angewöhnt, wie einer zu sprechen, der recht hat. das schneidet diskussion ab, die die lyrikszene brauchte. die braucht wahrlich verschiedene stimmen. aber hören sie da noch hin? suche in den kommentaren bringt diese blütenlese zutage, originalton mIlautzcki:

    31.5. 11: Christian Filips, Monika Rinck, Ulf Stolterfoht, Franz Tröger & Bo Wiget mit Klamauk statt Poesie, dünne verkopfte Texte aufgepeppt mit Tralala.
    31.5. 11: ich habe mich beim vortrag von ulf stolterfoht für die rückständigkeit der zeitgenössischen lyrik geschämt – das ist intelligentes klugsein und kaum poesie.
    10.5.11: ich könnte versuchen zu zeigen, daß stolterfoht in meinen augen nur ein beispielhaftes symptom ist und der zitierte satz auf einem weitverbreiteten folgenreichen denkfehler fußt
    10.5. 11: ad stolterfoht:
    es ist eine besondere form menschlicher arroganz, die menschliche sprache als allein zuständig für die welt zu erklären. das ist ein weit verbreitetes phänomen und tatsächlich von gestern.
    2.1.11: lieber theo, ich will dir die frage beantworten, ob das lücken sind – du weißt selbst, es sind keine lücken, sondern räume, die man wahrnimmt oder nicht.
    22.8.10: Es tut regelrecht weh, diesen scheiß von wilhem fink zu lesen.
    26.4.10: lentz ist kein poet. er ist ein spröder modellbaubastler.

    (sie müßten zugeben, ich hab lange gewartet mit einer antwort. daß sie in essays immer wieder explizit oder implizit auf stolterfoht eingehen, kann man als marotte belächeln, uns es wird ihn wenig jucken, lentz auch nicht. die rüden angriffe auf breuer und fink und jetzt auf rinck, filips und ames waren was anderes, das letztere wollte ich nicht unkommentiert stehen lassen.)

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  7. hätten sie damit nicht soeben anfangen können? ich hätte gern ames‘ adresse mitgeteilt als letzten botendienst. bleiben wir dann beim punktum. sie ihrs, ich meins.

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