4. Deutsche Lyrik im Ausland

Zum Tag der deutschen Einheit lesen „namhafte zeitgenössische Dichter wie Björn Kuhligk, Jan Wagner, Tom Schulz und Nico Helminger“ im luxemburgischen Esch-sur-Alzette, meldet die Saarbrücker Zeitung.

3. „Sjaman Ailo Gaup er død“

Ich fand diese Überschrift in einer norwegischen Quelle. Ailo Gaup war ein norwegischer – samischer – Schamane und Schriftsteller. Er lebte in Oslo, wo er an der Gründung eines samischen Theaters beteiligt war. Er schrieb seine Stücke, Romane und Gedichte aber auf Norwegisch. Am 24.9. starb er im Alter von 70 Jahren.

Wikipedia-Artikel über ihn gibt es u.a. auf Englisch, Französisch, Ungarisch und Serbisch, aber bisher nicht auf Deutsch.

2. Olga Martynova mit dem Berliner Literaturpreis ausgezeichnet

Die Stiftung Preußische Seehandlung hat auf Beschluss ihrer Preisjury die Schriftstellerin Olga Martynova mit dem Berliner Literaturpreis ausgezeichnet. Der Preis ist mit 30.000 Euro dotiert. Die Autorin nimmt die mit dem Preis verbundene Berufung der Freien Universität Berlin auf die „Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik“ im Sommersemester 2015 an. Seit 2005 bietet der Preis mit der „Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik“ am Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität Berlin den Preisträgern jeweils im Sommersemester ein Forum für Textarbeit mit Studierenden der Universitäten und Hochschulen in Berlin und Brandenburg. Bisherige Preisträger und Dozenten waren Herta Müller, Durs Grünbein, Ilija Trojanow, Ulrich Peltzer, Dea Loher, Sibylle Lewitscharoff, Thomas Lehr, Rainald Goetz, Lukas Bärfuss und Hans Joachim Schädlich. Der Jury des Berliner Literaturpreises 2015 gehören Peter-André Alt, Sonja Anders, Jens Bisky, Kristin Schulz und Thomas Wohlfahrt an.

In der Begründung für die Preisvergabe heißt es:

„Die Spirale der Geschichte ruiniert die Zentren, indem sie sich durch die Randzonen mahlt. (Heiner Müller) Olga Martynova (geboren 1962 bei Krasnojarsk, aufgewachsen in Leningrad, seit 1991 in Deutschland lebend) schreibt aus diesem Mahlstrom von Geschichte heraus, den die nach-sozialistische Ära ausmacht. Mit überbordender Phantasie und traumwandlerischer Leichtigkeit gelingt es ihr in ihren Romanen Sogar Papageien überleben uns (2010) und Mörikes Schlüsselbein (2013), gängige Themen wie Herkunft, Liebe oder Familie in ein trans-historisches Universum zwischen St. Petersburg, Berlin, Frankfurt, Chicago und Sibirien zu übersetzen, in das sich die Protagonisten fügen und finden und das dem Leser den eindimensionalen Plot verweigert. Wir begegnen Schneemenschen und Schamanen, Untergrunddichtern und Kagus, Philemon und Baucis. Sie alle erwehren sich poetisch der Funktionsschemata und Gegebenheiten des Kalten Kriegs, um wie nebenbei beispielsweise in einer Spionage-Science-Fiction zu landen. Besonders in ihrer Lyrik Brief an die Zypressen (2001), In der Zugluft Europas (2009) und Von Tschwirik bis Tschwirka (2012) offenbart sich Martynovas verschroben anarchischer Witz und ihr erfrischend respektvoll-respektloser Umgang mit literarischen Traditionen, weil wendig mit Welt-Geschichte als wechselnder Gesellschafts- bzw. mythologischer Formiertheit hantiert und geschichtete Vermächtnisse anders begründet werden – u. a. um den unter Stalin umgekommenen Avantgardekünstlern Daniil Charms oder Alexander Wwedenski gerecht zu werden. Martynovas Handhabung von Sprache ist höchstsensibel und genau, gerade weil sie ihre Suchbewegungen in der Nicht-Muttersprache – deutsch – bekennt und Instrument von Spracherkundung werden lässt. Aus dieser poetischen Weltanschauung und -aneignung blitzt die vergangene als nicht vergehende Zeit auf, deren rätselhaft magische Vexierbilder den Leser dauerhaft in den Bann ziehen und bleiben, indem auch sie sich verändern.“

Der Berliner Literaturpreis wird am 18. Februar 2015 in Berlin im Roten Rathaus verliehen. Der Präsident der Freien Universität wird die Berufung auf die Heiner-Müller-Gastprofessur vornehmen. Die Laudatio auf die Preisträgerin hält Elke Erb. / FU

1. American Life in Poetry: Column 497

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

I’d guess everybody reading this has felt the guilt of getting rid of belongings that meant more to somebody else than they did to you. Here’s a poem by Jennifer Maier, who lives in Seattle. Don’t call her up. All her stuff is gone.

Rummage Sale

Forgive me, Aunt Phyllis, for rejecting the cut
glass dishes—the odd set you gathered piece
by piece from thirteen boxes of Lux laundry soap.

Pardon me, eggbeater, for preferring the whisk;
and you, small ship in a bottle, for the diminutive
size of your ocean. Please don’t tell my mother,

hideous lamp, that the light you provided
was never enough. Domestic deities, do not be angry
that my counters are not white with flour;

no one is sorrier than I, iron skillet, for the heavy
longing for lightness directing my mortal hand.
And my apologies, to you, above all,

forsaken dresses, that sway from a rod between
ladders behind me, clicking your plastic tongues
at the girl you once made beautiful,

and the woman, with a hard heart and
softening body, who stands in the driveway
making change.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2013 by Jennifer Maier from her most recent book of poems, Now, Now, University of Pittsburgh Press, 2013. Poem reprinted by permission of Jennifer Maier and the publisher. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

104. Wie politisch soll Literatur sein?

„Projekt: Brentano“ – „Wie politisch soll Literatur sein?“: Podiumsgespräch mit Thea Dorn, Katharina Hacker und Burkhard Spinnen

Gastgeber: Literaturhaus Wiesbaden Villa Clementine

Im Rahmen des interdisziplinären Literaturfestivals „Projekt: Brentano“ findet am Donnerstag, 2. Oktober um 19.30 Uhr auf Einladung des Literaturhauses ein Podiumsgespräch zum Thema „Wie politisch soll Literatur sein“ mit den Autoren Thea Dorn, Katharina Hacker und Burkhard Spinnen statt. Die Leitung des Gesprächs übernimmt Lothar Müller, SZ. Die Veranstaltung findet im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst statt.

Ausgehend von Bernard von Brentanos Roman „Theodor Chindler“ steht an diesem Abend die Frage nach dem Politischen in der Literatur im Zentrum. Wie sieht es aus, das Verhältnis von Literatur und Politik? Wie ist es um den politischen Gehalt im Gegenwartsroman bestellt? Taugt der Familienroman weiterhin als Spiegel der Gesellschaft?

Lothar Müller diskutiert mit der Autorin und Fernsehmoderatorin Thea Dorn („Die deutsche Seele“), der Schriftstellerin Katharina Hacker („Die Habenichtse“) und dem Schriftsteller Burkhard Spinnen („Zacharias Katz“) auch darüber, ob der Roman heutzutage überhaupt noch eine zeitgemäße Form der politischen Meinungsäußerung ist oder diesen Platz längst Essays und Zeitungsartikel füllen. Dabei soll auch der Frage nach der Relevanz des Feuilletons für gesellschaftspolitische Debatten (damals wie heute) nachgegangen werden. Denn nicht zu vergessen ist: Bernard von Brentano galt neben Joseph Roth oder Siegfried Kracauer als einer der begabtesten, jungen Feuilletonisten der Weimarer Republik.

103. Finalisten des Open Mike

Die Finalisten des 22. open mike stehen fest

22 Autoren konnten sich für das Finale des Literaturwettbewerbs open mike qualifizieren, das vom 7. bis 9.11. im Heimathafen Neukölln in Berlin stattfindet.

Von den Finalisten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sind 15 Autoren für Prosa und 7 für Lyrik nominiert. Folgende Autoren sind eingeladen:

Lyrik: Kathrin Bach (Aarbergen), Özlem Özgül Dündar (Solingen), Eva Maria Leuenberger (Biel), Arnold Maxwill (Münster), Felix Schiller (Freiburg), Walter Fabian Schmid (Solothurn) und Robert Stripling (Frankfurt am Main)

Prosa: Doris Anselm (Berlin), Jenifer Johanna Becker (Hannover), Gerasimos Bekas (Berlin), Marie Gamillscheg (Graz), Anna Gräsel (Wien), Lara Hampe (Tutzing), Simon Kalus (Leipzig), Simone Kanter (Berlin), Nora Linnemann (Hildesheim), Pascal Richmann (Hildesheim), Alexandra Riedel (Leipzig), Mareike Schneider (Hildesheim), Astrid Sozio (Hamburg), René Weisel (Berlin) und Michael Wolf (Hildesheim)

Bewerben konnten sich junge Autoren bis 35 Jahre, die noch kein Buch veröffentlicht haben. Die Auswahl der Finalisten haben sechs Lektoren aus renommierten Verlagen getroffen. Diana Stübs (Rowohlt Verlag), Susanne Krones (Luchterhand Verlag), Gunnar Cynybulk (Aufbau Verlag), Jörg Sundermeier (Verbrecher Verlag), Günther Eisenhuber (Jung&Jung) und Hans Jürgen Balmes (Fischer Verlag) wählten aus knapp 600 eingesandten Texten ihre Favoriten aus.

Beim open mike-Finale am 8. und 9.11. stellen sie die Teilnehmer dem Publikum und der Jury vor. Die Juroren Andreas Maier, Marion Poschmann und Björn Kuhligk können bis zu drei Preisträger küren. Einer der Preise wird für Lyrik vergeben. Für die Preisträger steht eine Gewinnsumme von insgesamt 7500 EUR zur Verfügung. Außerdem wird der Preis der taz-Publikumsjury verliehen, der Gewinnertext wird in der taz veröffentlicht.

Aktuelle Infos zu den Kandidaten und rund um den open mike finden Sie in den kommenden Wochen auf dem open mike-Blog und auf www.literaturwerkstatt.org.

Die Wettbewerbstexte erscheinen als Anthologie im Allitera Verlag und sind ab dem 5.11. in den Buchhandlungen Anakoluth, Prenzlauer Berg, und Hugendubel bei Karstadt am Hermannplatz, Kreuzberg, und während des open mike zu erwerben, danach im Buchhandel oder unter www.allitera.de.

Am 16.11.2014 um 0:05 Uhr sendet Deutschlandradio Kultur die Reportage „22. open mike“.

Fr 7.11. – So 9.11.2014

22. open mike

Internationaler Wettbewerb junger deutschsprachiger Prosa und Lyrik

Ort: Heimathafen Neukölln, Karl-Marx-Str. 141, 12043 Berlin

Eine Gemeinschaftsveranstaltung der Literaturwerkstatt Berlin und der Crespo Foundation in Kooperation mit dem Heimathafen Neukölln und dem Allitera Verlag. Mit freundlicher Unterstützung des Fachbereichs Kultur des Bezirksamtes Neukölln.

102. Zuß der Wimpernknecht

Dienstag, 30.09.2014
20:04 bis 21:00 Uhr Saarländischer Rundfunk SR2

Konstantin Ames: „Zuß der Wimpernknecht“
Literatur im Gespräch

(Mitschnitt der Lesung vom 11. August 2014 im Saarländischen Künstlerhaus)

Konstantin Ames wurde 1979 in Völklingen geboren und ist in Saarlouis, Dillingen und einem kleinen Dorf an der saarländisch-lothringischen Grenze aufgewachsen. Ein Studium der Kommunikations- und Medienwissenschaft, Philosophie und Komparatistik an den Universitäten Greifswald und Leipzig schloss er ab mit einer Magisterarbeit zum Johannes R. Becher-Literaturinstitut und dessen Zusammenarbeit mit dem Mitteldeutschen Verlag in DDR-Zeiten.

Ames ist außerdem Absolvent des Deutschen Literaturinstituts Leipzig. In der Reihe roughbooks sind zwei Lyrikbände von Ames erschienen, zuletzt (2012) der Band sTiL.e(ins) Art und Weltwaisen. Ames ist Mitherausgeber des Onlinemagazins karawa.net und lebt als freier Autor und Übersetzer mit seiner Familie in Kreuzberg. In diesem Jahr erhielt Ames eins der Alfred-Döblin-Stipendien der Akademie der Künste.

101. Invented Languages

Bei Dazed Digital „Ten of the weirdest invented languages in literature“. Darunter A Book From the Sky des Künstlers Xu Bing (1988), das aussieht wie Chinesisch, aber jedes Zeichen erfunden:

 

Ferner Klingonisch, Þrjótrunn des Isländers Henrik Theiling (2007), Alex‘ vom Russischen inspirierte Sprache in A Clockwork Orange, das mysteriöse Voynich-Manuskript und mehr. Lesens- und Ansehenswert.

100. American Life in Poetry: Column 496

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

One of Grant Wood’s earliest paintings is of a pair of old shoes, and it hangs in the art museum in Cedar Rapids, Iowa, where Wood grew up. Here’s a different kind of still life, in words, from Jim Daniels, who lives in Pittsburgh. The shoes we put on our feet gradually become like the person wearing them.

Work Boots: Still Life

Next to the screen door
work boots dry in the sun.
Salt lines map the leather
and laces droop
like the arms of a new-hire
waiting to punch out.
The shoe hangs open like the sigh
of someone too tired to speak
a mouth that can almost breathe.
A tear in the leather reveals
a shiny steel toe
a glimpse of the promise of safety
the promise of steel and the years to come.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem reprinted from Show and Tell, Univ. of Wisconsin Press, 2003, courtesy of the University of Wisconsin Press. Copyright ©2003 by the Board of Regents of the University of Wisconsin System. Jim Daniels’ most recent book of poems is Birth Marks, BOA Editions, Ltd., 2013. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

99. Utz Rachowski erhält den Nikolaus-Lenau-Lyrikpreis 2014

Der Schriftsteller und Essayist Utz Rachowski erhält für seinen beeindruckenden wie berührenden Gedichtband „Miss Suki oder Amerika ist nicht weit“ den Nikolaus-Lenau-Lyrikpreis des Jahres 2014. Die Vergabe des Preises setzt an das auszuzeichnende Werk voraus, „[…] seine Offenheit gegenüber neuen Entwicklungen, seine Zeitbezogenheit, seine Begegnung mit anderen Nationen, sein Geist der Verständigung mit den östlichen Nachbarn, vor allem aber seine literarische Qualität.“ All diese Maßstäbe erfüllte der Dichter Utz Rachowski in allen seinen bisherigen literarischen Veröffentlichungen. Er ist, wie der große Kollege Hans-Joachim Schädlich schreibt, „ein Schriftsteller sui generis. Das zeigen seine Erzählungen ebenso wie seine Essays und seine Gedichte.“ Ich gratuliere!

Die Vergabe findet am 5. Oktober 2014 in Esslingen statt.

Axel Reitel

98. Buchmesse 2014: Irans Nullpunkt der Literatur

Von Susanne Baghestani

Seit Jahren fristet die unabhängige iranische Literaturszene ein Schattendasein. Besonders in Ahmadinedjads zweiter Amtsperiode (2009 bis 2013) wurden renommierte Verlage wie Nashr Cheshmeh, Nashr-e Ney, Ghoghnous oder Roshangaran auf die schwarze Liste gesetzt oder mit Publikationsverbot belegt.

Schon 2011 berichtete der Internationale Verlegerverband IPA, manche ihrer iranischen Mitglieder hätten für rund 70 Buchmanuskripte noch keine Druckerlaubnis vom Ershad, dem berüchtigten Ministerium für Islamische Führung und Kultur. Angesichts relativ kleiner Programme bedeutet das den finanziellen Ruin der nicht-subventionierten Verlage.

Hinzu kamen verschärfte Zensurmaßnahmen bei der Internationalen Teheraner Buchmesse. Mussten missliebige Aussteller früher nur einzelne Titel von ihren Messeständen entfernen, so wurden sie im Frühjahr 2012 komplett verbannt. Zur Veranschaulichung des Sachverhalts stelle man sich die Frankfurter Buchmesse ohne Suhrkamp, Beck oder Hanser vor.

Die prekäre Situation der Unabhängigen hat sich auch unter dem neuen, als moderat gepriesenen Präsidenten Rouhani nicht verbessert. Shahla Lahiji, die engagierte Verlegerin von „Roshangaran“, klagte im Frühjahr, 55 ihrer Buchmanuskripte warteten immer noch auf die Druckfreigabe. Mangels Neuerscheinungen ist der auf Frauenthemen und feministische Literatur spezialisierte Verlag wieder nicht bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse vertreten.

Statistiken belegen den staatlich verordneten Kahlschlag: 2013 wurden 300 neue iranische Buchtitel zugelassen, dieses Jahr sind es nur noch 200. Im vergangenen Jahr waren 42 Verleger präsent, dieses Jahr haben sich laut IBNA (Iranian Book News Agency) lediglich 31 Verlage aus Iran angemeldet. Auch 2014 bleiben unabhängige Verleger weitgehend ausgeschlossen.

Ein Blick auf die diesjährige Buchmessenpräsenz Irans ist aufschlussreich: zugelassen sind 6 religiöse Verlage oder Institutionen, 6 Kinderbuchverlage und 3 Kochbuchverlage. Vier Verleger präsentieren iranische Kultur und Geschichte. Bei den übrigen handelt es sich um staatliche Organisationen für Buchvertrieb, Verlagswesen und internationale Messen, Universitätsverlage sowie das gleich doppelt vertretene Dokumentationszentrum des Islamischen Parlaments.

Mangels akzeptabler Neuerscheinungen wird der angesehene Hushang Golshiri-Preis in diesem Jahr nicht vergeben. Dies kündigte Farzaneh Taheri, Witwe des im Jahr 2000 verstorbenen Schriftstellers und Initiatorin des nach ihm benannten Literaturpreises, erst kürzlich an.

Eine Verbesserung der Lage ist offenbar nicht in Sicht. Immer mehr iranische Autoren lassen deshalb ihre Werke bei einschlägigen Online-Verlegern im westlichen Ausland erscheinen.

97. Wir halten / das offene Ohr an die Erde, / sehr schwach

Roland Erbs neuer Gedichtband „Trotz aller feindlichen Nachricht“ hätte auch den einfachen Titel „Ausgewählte Gedichte“ tragen können. Doch fanden der Autor und die Herausgeber einen besseren: Sie nahmen die Überschrift eines Gedichts und formten diese zum Standpunkt, von dem aus der Leser einen renitenten Blickwinkel auf die Textinhalte gewinnen kann; auch wenn das gleichnamige Gedicht gar nicht im Zentrum des Bandes steht.

Für „Ausgewählte Gedichte“ spricht die Versammlung von Texten aus verschiedenen Schaffensperioden Erbs; einige Texte erschienen bereits in den beiden Vorgängerbänden „Die Stille des Taifuns“ (Aufbau-Verlag, 1981) und „Märzenschaf“ (Hellerau-Verlag, 1995). Die Gedichte sind auf sechs titellose Kapitel verteilt; hier finden diese thematische und stilistische Schnittpunkte, ohne jedoch streng sortiert zu sein. Auf die Entstehungsdaten oder eine chronologische Ordnung wurde verzichtet, doch Erbs Gedichte fassen oftmals Fuß im Zeitgeschehen der letzten Jahrzehnte, so dass dies eine bewusste, vielleicht sogar schwere Entscheidung gewesen sein muss. Für ein Kind der 90er Jahre erfordert es ohnehin einige Mühe, den Ernteeinsatz im märkischen Sand (S.10) oder das Gefühl der Verfremdung einer alten, geliebten Kopfsteinpflasterstraße durch Asphaltierung und gesprengte Gebäude (S.11) nachzuempfinden. Doch die Gedichte Erbs verorten und verzeitlichen sich meist von selbst oder legen willentlich falsche Fährten. Hier liegt eine Stärke des Bandes: Nach Abschluss der Lektüre gewinnt der Leser unweigerlich an (Fremd-)Erfahrung dazu.

Schnell fiel das Gedicht „Walpurgis“ in meinen Blick; Jan Kuhlbrodts Hinweise am Ende des Bandes, insbesondere auf die Stadt Nordhausen und deren Historie, das Kyffhäuser- und eben jenes Harzgebirge mit dem Brocken als sagenhaften Ort der Walpurgisnacht, führten dazu. Hier wuchs der 1943 geborene Roland Erb auf, legte das Abitur ab und ging anschließend zum Studium nach Leipzig.

Im gewendeten Besenschrank steht
mein unerwarteter Stoßtrupp,
der springt staubdürstend durchs Zimmer,
stößt mich, klopft mich, entführt mich,
wirbelt hinaus […] (S. 14)

So beginnt „Walpurgis“. Das Schrankinventar zieht zum Blocksberg und es wird nicht deutlich, ob es auf seinem Weg „geflutete[…] Straßen“ , den „Lärm“ und das „zerfetzte[…] Gebein“ erzeugt oder eben „staubdürstend“ seinem Verwendungszweck nachgeht und jeglichen Tumult bereinigt. Letztendlich erweist sich die Erscheinung als „Trugbild“ . Das Gedicht bleibt in der Schwebe zwischen Zerstörung und Erneuerung.

Wie in vielen von Erbs Gedichten hat man das Gefühl, das dichterische Ich sei dem Autor sehr nah, als gewinne man einen persönlichen Eindruck, als webe man sich beim Lesen in die Privatsphäre eines anderen. Die Texte tändeln zwischen Aufbruch und dem Zurücklassen, ohne dabei Ruhe zu finden. Aufbruchsangst und -hoffnung spuken ebenso durch Erbs Gedichte wie die Bilder der Vergangenheit.

Der Leser hat mit dieser Sammlung die Chance, sowohl das Vergangene als auch dessen Abbild in der Gegenwart, dessen Auf- und Abtauchen an neuen und wiederbesuchten Orten wahrzunehmen. Die Sprache ist stets einfach gehalten, verfällt selten in hohe Töne und wandelt zwischen einer Fülle von Stimmen umher, deren Spektrum dabei über brausend, sanft oder beschwingt weit hinaus reicht, so dass man oft gewillt ist, die eigene in diesen Stimmen entdecken zu wollen, allen „feindliche[n] Nachrichten“ zu trotzen. Spätestens bei dieser Erkenntnis erspürt man die Übersetzertätigkeit Erbs, seine Fähigkeit, einen eigenen vielseitigen Ton zu schaffen und immer den passenden zur Vermittlung des Inhalts zu wählen.

Einige Texte enthalten derart präzise Beobachtungen, dass diese nahezu als Vorahnungen verstanden werden müssen oder in solchen gipfeln, wie z.B. in dem Gedicht „Die Beobachtung“ :

Du, diese Geste
des Zigarettenanzündens,
als gäb es nur das,
wenn etwas hell, etwas finster,
wenn etwas unwiderruflich vorbei.
Du, diese Geste, die Geste,
als gäb es nur das, ach,
als gäb es nur das! (S. 76)

Es ist schwer, in wenigen Zeilen die reichhaltige Lyrikproduktion eines Autors über vier Jahrzehnte hinweg auf den Punkt zu bringen. Genau aus diesem Grund liegt uns nun Roland Erbs neuer Gedichtband mit einem guten Umfang von 124 Seiten vor. Zu loben ist dabei auch die Gestaltung des Buches. Ein robuster, orangefarbener Einband umfasst die kräftigen Seiten. Haptisch ansprechend und schlicht ansehnlich ist der von Miriam Zedelius entworfene Umschlag.

Ein beachtenswertes Gedicht ist dem Band vorangestellt. Zum Glück fehlt auch hier eine Entstehungszeitangabe; der zarte Ton könnte seinen harschen Gehalt sowohl in den 1980ern als auch in den letzten Wochen empfangen haben.

Das Ohr

Wir halten das offene Ohr
an die Erde, sehr schwach
dringt ein Beben herauf
wie von hastig stampfenden Hämmern
weit über Land oder
Panzerketten, die blindwütig
Dörfer einebnen, wir halten
das offene Ohr an die Erde,
sehr schwach (S. 5)

Christoph Georg Rohrbach
Greifswald, 16. September 2014

Roland Erb: Trotz aller feindlichen Nachricht. Gedichte. Hrsg. von Jayne-Ann Igel, Jan Kuhlbrodt und Ralph Lindner (Reihe Neue Lyrik, Bd. 7). Leipzig (Poetenladen) 2014. 128 S., 16.80 Euro.

96. Wolkenformeln im „ausland“

JAN VOLKER RÖHNERT: „WOLKENFORMELN“ – BUCHPREMIERE
5.10.  20:00
Geöffnet ab 20:00 Uhr, Beginn um 20:30 Uhr (mehr)

Jan Volker Röhnert stellt seinen neuen Lyrikband „Wolkenformeln“ vor, der frisch im ersten Programm des neugegründeten Verlags edition faust erschienen ist.

Aus diesem Anlass lesen außerdem als Gäste:

Ulrike Almut Sandig & Ron Winkler!

Moderation: Tom Schulz

Verlagsankündigung zu Wolkenformeln:

In seinen bisher acht Lyrikbänden hat Jan Volker Röhnert einen eigenen Ton herangebildet, eine unaufdringliche Eleganz, die zwischen Sehnsüchten, Beobachtungen und realitätsüberschreitenden Phantasien vermittelt. Intensiver und umfassender den Augenblick festzuhalten, als eine Fotografie das vermag, dazu ist der Himmel vonnöten, eine Hingabe an die Situation und eine enorme Fähigkeit, Wahrnehmung und Empfindung in geglückten Sprachbildern zu bündeln. Röhnerts Gedichte schwingen dem Lesen noch lange nach.
Die Gedichtfolgen des Bandes »Wolkenformeln« sind durchdrungen vom Licht und bedacht gefüllt mit Farben, die den Landschaften und Tageszeiten entnommen sind.

Jan Volker Röhnert: Wolkenformeln. Gedichte. edition faust 2014.
ISBN 978-3-945400-02-9

Jan Volker Röhnert, *1976 in Gera, lebt nach mehreren Jahren in Jena, Weimar und Sofia seit 2011 in Braunschweig, wo er Literaturwissenschaft an der TU unterrichtet. Seit dem mit Lyrik-debütpreis des LCB prämierten Band „Burgruinenblues“ (2003) erschienen die Gedichtbände „Die Hingabe, endloser Kokon“ (2005) und „Metropolen“ (2007). „Wolkenformeln“ ist sein erster umfassender Band seit sieben Jahren.

Ulrike Almut Sandig, * 1979 in Großenhain (Sachsen), lebt als freie Autorin von erzählender Prosa und Gedichten in Berlin. Sie schrieb auch Hörspiele (SWR 2008, 2010, Transstar Europa 2014), gab die Literaturzeitschrift EDIT mit heraus und tourte mit Marlen Pelny im Programm „Dichtung für die Freunde der Popmusik“ durch Clubs und Literatur- häuser. Sie studierte Indologie, Religionswissenschaft und Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Zuletzt erschienen ihr Gedichtband „Dickicht“ und, gemeinsam mit Marlen Pelny, ihr Hörbuch „Märzwald“ (beide 2011). Im Frühjahr 2015 kommt ihr zweiter Erzählband „Buch gegen das Verschwinden“.

Ron Winkler, *1973, lebt am Zusammenfluss von Ich und Selbst und hat zuletzt den Gedichtband „Prachtvolle Mitternacht“ (2013) veröffentlicht.

95. American Life in Poetry: Column 495

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

We’re at the end of the gardening season here on the Great Plains, and the garden described in this poem by Karina Borowicz, who lives in Massachusetts, is familiar to tomato fanciers all across the country.

September Tomatoes

The whiskey stink of rot has settled
in the garden, and a burst of fruit flies rises
when I touch the dying tomato plants.

Still, the claws of tiny yellow blossoms
flail in the air as I pull the vines up by the roots
and toss them in the compost.

It feels cruel. Something in me isn’t ready
to let go of summer so easily. To destroy
what I’ve carefully cultivated all these months.
Those pale flowers might still have time to fruit.

My great-grandmother sang with the girls of her village
as they pulled the flax. Songs so old
and so tied to the season that the very sound
seemed to turn the weather.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright © 2013 by Karina Borowicz, whose most recent book of poems isProof (Codhill Press, 2014). Poem first appeared in the journal ECOTONE and is reprinted by permission of Karina Borowicz and the publisher Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

94. Miklós Radnóti in Chemnitz

Schon bald wurde er mit seinen Liebesgedichten bekannt. Wegen seiner jüdischen Abstammung kam Miklós Radnóti aber ab 1942 zum Arbeitsdienst und wurde 1944 in ein Arbeitslager gebracht – Gedichte schrieb er trotzdem.

Bei einem Gewaltmarsch Ende 1944 wurde der 35-Jährige erschossen. „Er hat viel unmenschliches erlebt. Doch seine Gedichte sind immer menschlich geblieben“, sagt Etelka Kobuß, Ausländerbeauftragte in Chemnitz. Deshalb widme der ungarische Kulturverein dem Dichter und seiner Frau Fanni im Rahmen der jährlichen Veranstaltung „Wortschatz“ eine Schau im Ikarus-Treff. Es werden Fotos und Gedichte von Miklós Radnóti und seiner Frau gezeigt. Radnótis bedeutendsten Werke werden heute in deutscher Sprache rezitiert. / Freie Presse

Die Veranstaltung des ungarischen Kulturvereins beginnt heute, 18 Uhr, im Ikarus-Treff in Chemnitz, Dr.-Salvador-Allende-Straße 34. Der Eintritt ist frei. Die Ausstellung ist noch bis Ende Oktober zu sehen.