98. Buchmesse 2014: Irans Nullpunkt der Literatur

Von Susanne Baghestani

Seit Jahren fristet die unabhängige iranische Literaturszene ein Schattendasein. Besonders in Ahmadinedjads zweiter Amtsperiode (2009 bis 2013) wurden renommierte Verlage wie Nashr Cheshmeh, Nashr-e Ney, Ghoghnous oder Roshangaran auf die schwarze Liste gesetzt oder mit Publikationsverbot belegt.

Schon 2011 berichtete der Internationale Verlegerverband IPA, manche ihrer iranischen Mitglieder hätten für rund 70 Buchmanuskripte noch keine Druckerlaubnis vom Ershad, dem berüchtigten Ministerium für Islamische Führung und Kultur. Angesichts relativ kleiner Programme bedeutet das den finanziellen Ruin der nicht-subventionierten Verlage.

Hinzu kamen verschärfte Zensurmaßnahmen bei der Internationalen Teheraner Buchmesse. Mussten missliebige Aussteller früher nur einzelne Titel von ihren Messeständen entfernen, so wurden sie im Frühjahr 2012 komplett verbannt. Zur Veranschaulichung des Sachverhalts stelle man sich die Frankfurter Buchmesse ohne Suhrkamp, Beck oder Hanser vor.

Die prekäre Situation der Unabhängigen hat sich auch unter dem neuen, als moderat gepriesenen Präsidenten Rouhani nicht verbessert. Shahla Lahiji, die engagierte Verlegerin von „Roshangaran“, klagte im Frühjahr, 55 ihrer Buchmanuskripte warteten immer noch auf die Druckfreigabe. Mangels Neuerscheinungen ist der auf Frauenthemen und feministische Literatur spezialisierte Verlag wieder nicht bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse vertreten.

Statistiken belegen den staatlich verordneten Kahlschlag: 2013 wurden 300 neue iranische Buchtitel zugelassen, dieses Jahr sind es nur noch 200. Im vergangenen Jahr waren 42 Verleger präsent, dieses Jahr haben sich laut IBNA (Iranian Book News Agency) lediglich 31 Verlage aus Iran angemeldet. Auch 2014 bleiben unabhängige Verleger weitgehend ausgeschlossen.

Ein Blick auf die diesjährige Buchmessenpräsenz Irans ist aufschlussreich: zugelassen sind 6 religiöse Verlage oder Institutionen, 6 Kinderbuchverlage und 3 Kochbuchverlage. Vier Verleger präsentieren iranische Kultur und Geschichte. Bei den übrigen handelt es sich um staatliche Organisationen für Buchvertrieb, Verlagswesen und internationale Messen, Universitätsverlage sowie das gleich doppelt vertretene Dokumentationszentrum des Islamischen Parlaments.

Mangels akzeptabler Neuerscheinungen wird der angesehene Hushang Golshiri-Preis in diesem Jahr nicht vergeben. Dies kündigte Farzaneh Taheri, Witwe des im Jahr 2000 verstorbenen Schriftstellers und Initiatorin des nach ihm benannten Literaturpreises, erst kürzlich an.

Eine Verbesserung der Lage ist offenbar nicht in Sicht. Immer mehr iranische Autoren lassen deshalb ihre Werke bei einschlägigen Online-Verlegern im westlichen Ausland erscheinen.

One Comment on “98. Buchmesse 2014: Irans Nullpunkt der Literatur

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