Frauen wie Angela Merkel

Angela Merkel zeigt der Welt, wie leistungsfähig Frauen sind – phänomenal. Deutschland ist das politisch und wirtschaftlich stärkste Land Europas. Es ist auch das Land, das in den vergangenen Monaten am meisten Flüchtlinge aufgenommen hat. Es hat seine Nazi-Vergangenheit hinter sich gelassen und klärt die Kinder in der Schule früher als überall sonst über die Entstehung und die Gefahren des Faschismus auf. Deutschland verdankt seinen Erfolg seinem Bildungssystem und der Tatsache, dass Frauen wie Angela Merkel Führungsrollen spielen. / Erica Jong im Interview mit der FR

Bewegung Schwarzer Menschen in Deutschland

An einem Winterabend betreten eine kleine alte Dame und ein alter Herr am Stock eine Bühne in Frankfurt. Sie reden über ihr Leben, dann brandet Applaus auf. Rund 300 Menschen erheben sich von ihren Sitzen zu standing ovations für Marie Nejar und Theodor Wonja Michael: geboren 1930 und 1925, deutsch – und schwarz. Zeitzeugen und Überlebende einer Epoche, in der Menschen wie sie nicht erwünscht waren. Für jene, die sie nun so sichtlich ergriffen beklatschen, sind sie daher ganz besondere Vorbilder dafür, wie schwarze Menschen sich gegen den strukturellen Rassismus einer mehrheitlich weißen Gesellschaft behaupten können – und würdige Schirmherren der an diesem Abend begangenen 30-Jahr-Feier der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD).

Jene 30 Jahre, auf die die Bewegung Schwarzer Menschen in Deutschland zurückblicken kann, lässt die ISD nun auch in einem beim Orlanda Verlag erschienenen Sammelband Revue passieren. „Spiegelblicke. Perspektiven Schwarzer Bewegung in Deutschland“ heißt der von mehr als 50 Autorinnen und Autoren gefüllte Band, in dem auch Nejar und Michael porträtiert werden, genauso wie Menschen, die ihre Enkel und Urenkel sein könnten.

Die durch das fast 300 Seiten starke Werk gestreuten Kurzporträts schwarzer Menschen stehen neben stilistisch sehr vielfältigen Beiträgen, die von Gedichten über Erfahrungsberichte und Interviews bis hin zu Sach-Analysen reichen. Sie sind ein Verweis auf jenes ebenfalls bei Orlanda verlegte und für die Bewegung so wichtige Buch, das der neue Band vielfach zitiert: das von May Ayim und Katharina Oguntoye herausgegebene „Farbe bekennen. Afrodeutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte“ aus dem Jahr 1986, in dem schwarze Deutsche erstmals in dieser Form für und über sich selbst sprachen.

(…) „Spiegelblicke“ ist so ein inhaltlich wie stilistisch vielfältiges und sachkundiges Kompendium Schwarzer deutscher Geschichte und Gegenwart geworden. Es stellt sich der ISD-internen Diversität, etwa durch Beiträge ostdeutscher, gehörloser, queerfeministischer, transgeschlechtlicher oder muslimischer Menschen. Und es thematisiert so unterschiedliche Aspekte wie die Stärkung von Kindern gegen Diskriminierungserfahrung, die Aufarbeitung deutscher Kolonialvergangenheit oder Debatten aus Medien und Kulturlandschaft. / Marie-Sophie Adeoso, FR

Diverse Herausgeber: Spiegelblicke. Perspektiven Schwarzer Bewegung in Deutschland. Orlanda Verlag 2016, 302 Seiten, 19,50 Euro.

Mesmerizing women poets?

… a word to the wise: beware the allure of the mesmerizing women poets — their language will pull you in, and you’ll fall utterly in love with their beautiful poetic imagery, and the next thing you know you’ll be writing extra-long analytical essays and getting lines like “Hope” is the thing with feathers – / That perches in the soul tattooed on the inside of your right arm. Or, you could just not beware, and totally indulge in the obsession. Like I have.

Here are 11 beautiful poetry collections by women poets to get you started. / E. Ce Miller, bustle.com

Gegendarstellung

Eine solche schrieb der Übersetzer Rainald Simon, der in einer Rezension der Übersetzung des Schijing (Schiking) von Raffael Keller scharf kritisiert wurde. Zitat:

Sehr geehrter Herr [oder eine (leicht) vergiftete Retourkutsche auf die Sonntagsergüsse des Herrn Bibliothekars] Raffael Keller,

nach der Lektüre Ihrer Brachial-Kritik meiner Shijing-Übersetzung wende ich mich in Form eines philologischen und durchaus polemischen Schreibens an Sie, obwohl ich Sie nicht kenne (nur diese Kritik & zeitgemäß aus dem Netz natürlich) und –entschuldigen Sie – auch Ihre offenbar wochenendlich erarbeiteten Übersetzungen nicht.

Die von Ihnen als Ausweis meines „Haderns mit der chinesischen Sprache“ herangezogenen Zeilen in Lied Nr.65 können unterschiedlich verstanden werden. Ich beschränke mich auf die Kurzanalyse der 5. Zeile: 知我者 zhī wǒ zhě: der Satz ist durch 者 zhě nominalisiert und kann als Relativsatz übersetzt werden, „Das, was..“oder „Derjenige, der…“ oder dann sicher auch „Wer…“. Meine Lösung beruht auf der Lesung in Umstellung von 我知者 wǒ zhī zhě „Das, was ich weiß…“. meine Begründung: Die im Altchinesischen (AC) des Shijing mögliche Umstellung betont das Verb 知 zhī, indem es an den Anfang gestellt wird. [folgt eine Gegenkritik der von Keller vorgeschlagenen Variante]

Rainald Simon (Hg.)
Shijing / Das altchinesische Buch der Lieder
Reclam
2015 · 856 Seiten · 49,95 Euro
ISBN:
978-3-15-010865-9

Transit

Franz Mon schreibt bei Hundertvierzehn über die Anthologie Transit von Walter Höllerer, die der Aktion Hundertvierzehn Gedichte des Blogs von S. Fischer zum Vorbild diente. Drei Auszüge.

Über K. O. Götz:

Kontur und Zug meiner poetischen Basis hatte ich gewonnen durch die Bekanntschaft mit dem Maler und Dichter Karl Otto Götz, den ich 1950 in der Zimmergalerie Klaus Franck kennengelernt hatte. Götz hatte dort eine Ausstellung und war vernetzt mit der Künstlergruppe COBRA und der Pariser Kunstszene. Um die in Gang befindliche aktuelle junge Kunst und Poesie bekannt zu machen, gab er eine winzige Zeitschrift ›META‹ – ursprünglich ›Metamorphose‹ – heraus, die er im Einmannbetrieb zusammenstellte, redigierte, drucken ließ und vertrieb. Die Hefte waren in einem weiten internationalen Horizont an den neusurrealen und informellen Tendenzen orientiert. Er selbst schrieb in diesem Duktus Gedichte, zunächst unter dem Autorennamen André Tamm.

Über Höllerers Anthologie:

Im Vergleich mit zeitnahen anderen Anthologien wie Wolfgang Weyrauchs drei Jahre später erschienenen ›Expeditionen. Deutsche Lyrik seit 1945‹, vermisst man in ›Transit‹ nur wenige Namen, etwa Erich Arendt, Johannes Bobrowski, Stephan Hermlin, was durch die politisch bedingte Informationssperre bewirkt ist, oder die Wiener Autoren Gerhard Rühm, Ernst Jandl, Friederike Mayröcker, die nur vor Ort wahrgenommen wurden. Die Autoren der literarischen Revolte vor 1914, wie Heym, van Hoddis, Holz, Stramm, Trakl, auf deren Schultern auch die jüngeren stehen, blendet Höllerer bis auf wenige Beispiele aus. Zu diesen gehören Hesse, Benn, Arp, Brecht und Britting, die noch unmittelbar literarisch wirksam waren. Den Schwerpunkt bildet die Generation, die etwa 1915 einsetzt, sich um den Jahrgang 1920 vitalisiert mit Krolow, Celan, Heißenbüttel, Höllerer u.a. und in die Breite wächst mit den nach 1925 Geborenen. Der Jüngste unter ihnen ist Peter Hamm, Jahrgang 1937. So krass auch der Kulturbruch des sogenannten »Dritten Reiches« war, der diese Generation, ohne dass sie es merkte, literal strangulierte, sie entfaltet sich mit 76 der ingesamt 118 Autoren des Buches. (…)

Ich konnte dank meiner Kontakte und Wahrnehmungen während der Kombinationsarbeit seinen Fundus anreichern durch die surreal gepolten, in der Zeitschrift ›META‹ veröffentlichten Autoren Johannes Hübner und Lothar Klünner sowie Max Hölzer, durch Klaus Demus, auf den mich Celan aufmerksam gemacht hatte, Rainer M. Gerhardt und Klaus Bremer von der Freiburger Gruppe, Anneliese Hager, Katja Hajek, Britta Titel u.a.

Im Hinblick auf meine Vorstellung der kunst- und literaturübergreifenden Tendenz der Zeit kamen auch die Außenseiter Kandinsky, Schwitters und Klee mit ihren Gedichten in die Auswahl. Sie waren mir, damals ein Glücksfall, zugänglich geworden durch die 1946 in der Schweiz erschienene Anthologie ›Poètes à l’Ecart / Anthologie der Abseitigen‹ von C. Giedion-Welcker.

Über das letzte Kapitel und eine lustige Strategie des Herausgebers beim Verlag (die mich an Kriegslisten in der DDR agierender Herausgeber denken läßt):

Er pointiert dieses Kapitel, indem er die von mir empfohlenen Autoren mit surrealer Diktion mit meinen eigenen und den satz- und wörterstrukturellen Texten Heißenbüttels, Kandinskys und Klees kombiniert. Damit dreht Höllerer das letzte Kapitel aus der thematischen Orientierung der vorangegangenen. Er wittert allerdings, dass diese ungewöhnliche poetologische Perspektive im Hause Suhrkamp auf Widerspruch stoßen könnte, und wird vorsichtshalber bei der Präsentation des druckreifen Manuskripts eine Reihe dieser Gedichte zurückhalten und erst wieder einfügen, wenn es in die Herstellung geht.

Sibylla Schwarz 395

Heute vor 395 Jahren (im protestantischen Pommern galt da noch der julianische Kalender und es war Aschermittwoch, der 14. Februar) wurde in Greifswald in der Baderstraße 2 eine Tochter des Bürgermeisters Christian Schwarz geboren. Sie wurde in St. Nicolai auf den Namen Sibylla getauft. Ihr blieben nur 17 Jahre und 5 Monate, aber wie hat sie die kurze Zeit genutzt! Ihre Bücher und Manuskripte sind verlorengegangen, aber ihr Werk, 100 Texte, ist uns geblieben und leuchtet mit Phantasie, Ideenreichtum und Formenvielfalt bis heute und verzaubert immer noch die Leser, die bereit sind, ihr offen zu begegnen. Wer in Greifswald ist: ab 14 Uhr feiern wir vor ihrem Geburtshaus bei strahlendem Sonnenschein.

O Daß Jch steigen möcht auß diesen tieffen Hölen /
Bis an des Himmels Dach / zu den verklährten Sehlen /
Nur einmahl anzusehn / was oben ist bereit /
Was uns erfrewen wirt nach dieser trüeben Zeit !
Jch weiß nicht / wor ich bin / mein Hertz begint zu funcken /
Durch ungewohnten Brandt / die Sinnen werden truncken /
Der Geist steht auf den Sprunck / die Sprach ist ungehemt /
Die Feder ist vol Safft und gäntzlich ungezähmbt.
Jch scheide von dem Fleisch / und leg es gantz beyseiten /
Jch klimme nun hinauff ans Hauß der Ewigkeiten /
Jch komb schon an das Liecht / und an den hellen Tagk /
Dahin der bleiche Todt den Pfeil nicht schießen magk.
Jch flieg itzt ausser mir / ich fliege von der Erden /
Jch fliege Himmel an mit ungezähmbten Pferden /
(…)

Hundertvierzehn Gedichte

114 Gedichte werden von sechs Leserinnen und Lesern, einem Zeichner und den Autorinnen und Autoren der Gedichte durch Randnotizen (bis zu 500 Zeichen) kommentiert. Auch die Randnotizen können kommentiert werden.

Die Gedichte werden wöchentlich in Gruppen veröffentlicht (zuerst 39 Gedichte am 24.2., dann drei Mal je 25 Gedichte am 2., 9. und 16. März), die Randnotizen täglich erweitert. Die Autorinnen und Autoren werden erst in einem Anhang genannt. / 114. Online-Magazin S. Fischer

Dichterinnentreffen in Basra

Während Tausende aus dem Irak fliehen, tagen ein paar unerschrockene Dichterinnen in dem kriegsversehrten Land. Ulla Lenze berichtet für die Zeit. Auszug:

Allmählich fällt mir auf, dass hier dennoch der Traum vieler Literaturveranstalter in Erfüllung geht: Es sitzen mehr Männer als Frauen im Publikum. Und das bei hauptsächlich Lyrik und ausschließlich Frauen auf dem Podium. Was ist hier los? Ich begreife es, nachdem ich von der Toilette zurückkomme. Meinen Platz in der ersten Reihe habe ich an einen breitschultrigen Herrn in nougatbraunem Anzug verloren. Meinen Mantel finde ich in der Reihe dahinter wieder. Das Thema männliche Dominanz wird später in der Diskussion auftauchen. Man kann es aber vor Ort direkt studieren. Die erste Reihe, für die Kamera besonders gut einsehbar, ist von Männern belegt. Der ägyptische Konsul, der Bürgermeister und Regierungsvertreter. Die Tagung ist ein social event, und darüber hinaus wollen die Männer wohl auch prüfen, was die Frauen so machen. Zur Not sie beschützen. Sie lauschen also weiblicher, teils rebellischer Lyrik, aber vielleicht, so hoffe ich, hat das ja einen Effekt wie beim Trojanischen Pferd.

„Das weiße Kleid, das du so magst, ziehe ich nie wieder an / ich schweige nicht mehr, um dir zu gefallen / nein, ich schweige nur noch aus Trauer“, liest Salima Sultan Nur, eine Universitätsdozentin aus Kerbela, die in Literatur promoviert wurde (durchweg alle Autorinnen sind Akademikerinnen). Als die Diskussion zum ersten Mal für das Publikum geöffnet wird, meldet sich ein älterer Herr zu Wort: Diese Lyrik sei ja sehr schön, aber doch sehr feministisch. Sein Aber löst leises Gelächter bei den Frauen aus. Was sei denn mit den nicht feministischen Frauen, hakt er nach, die dürfe man doch nicht ausgrenzen?

Das wird spitz gekontert mit dem Hinweis: „Die schreiben nicht. Oder wenn, dann unter Pseudonym und auch dann eher religiöse Erbauungsliteratur.“

Auszeichnung für Schöffling

Der Frankfurter Verlag Schöffling & Co. erhält den mit 50.000 Euro dotierten Binding-Kulturpreis 2016. Der Verlag sei „ein überregional weithin geachteter Leuchtturm der literarischen Welt, dessen Strahlkraft auch der Stadt Frankfurt Glanz verleiht“, begründet das Kuratorium der Binding-Kulturstiftung seine Entscheidung.

„Mit dem Frankfurter Verlag Schöffling & Co. wird ein unabhängiges Unternehmen ausgezeichnet, das mit seinem Programm seit über 20 Jahren konsequent auf literarische Qualität und Autorenpflege setzt“, so die Binding-Kulturstiftung weiter. „Wie bei wenigen anderen Verlagen gehört dazu an zentraler Stelle die Pflege der zeitgenössischen Dichtung.“

(…)

Die Binding-Kulturstiftung würdigt mit dem Binding-Kulturpreis seit 1996 jährlich Kulturschaffende aus Frankfurt und dem Rhein-Main-Gebiet, deren Wirken und Schaffen über die Region hinaus Aufmerksamkeit und Anerkennung finden. Unter Vorsitz von Dr. Christoph Graf Douglas gehören dem Kuratorium an: Dr. Andreas Bomba (Hessischer Rundfunk), Dr. Ina Hartwig („Frankfurter Allgemeine Zeitung“), Hannes Hintermeier („Frankfurter Allgemeine Zeitung“), Dr. Julia Voss („Frankfurter Allgemeine Zeitung“) und Peter Michalzik („Frankfurter Rundschau“).

Die Preisverleihung findet am Samstag, den 2. Juli, um 11 Uhr im Kaisersaal des Frankfurter Römer statt. / Börsenblatt

Binding-Kulturpreis

Das geht nicht

Ein Intellektueller kann kein Gedicht schreiben.

Warum nicht?

Das geht nicht. Er kommt nicht in den Zustand der Trance, wo Poesie sich ereignet. Das geht nicht. / Wolf Wondratschek, FAZ

Kleine Sprengkaspeln

Der Titel des 2015 erschienenen Gedichtbandes »Ignatien – Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs« deutet an, dass nach 35 Jahren der lyrische Kraftakt vom Grat der sprachlichen Beherrschung zu stürzen droht. Jedes der 20 Gedichte, die den Ausbruch eines unkontrollierbaren Kollers mit Hilfe eines hochverdünnten Giftes, der Ignazbohne, sprich einer Ignatie, verhindern sollen, endet mit einem hochpoetischen Amalgam, einem Málagma: man wird weich, schmilzt dahin, obschon die Gedichte mitunter schroff beginnen und der Textrumpf zerrissen wird. Vermutlich Absicht. Auf die finale Vollkommenheit ist meist Verlass: »Unser glücklichster Sommer wird / wenn das so weitergeht auf Stelzen an uns vorbeitanzen / wie eine verstaubte Zirkusnummer«.

Eine beklemmende Videoprojektion von Reynold Reynolds, »der letzte Tag der Republik«, die die Demontage des Palastes der Republik in Berlin im Zeitraffer zeigte, verstärkte Falkner durch ein filmbegleitendes Gedicht. »Kleine Sprengkapseln«, wie er schreibt, um »die deutsche Neigung, immer das Kind mit dem Bade auszuschütten«, bloßzustellen.* / Su Tiqqun, junge Welt

Gerhard Falkner: Ignatien. Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs. Ins Englische übertragen von Ann Cotten. Mit Filmstills von Yves Netzhammer. Starfruit Publications, Nürnberg 2014, 130 Seiten, 19,90 Euro

*) Überschrift der Zeitung:“Zu“ kleine Sprengkaspeln

Jidisch is hefker

„Prinz der jiddischen Ballade“ nannte man ihn, und Isaac Bashevis Singer sah in ihm einen „jiddischen Baudelaire“. Itzik Manger war einer der größten Dichter jiddischer Sprache. In der weltweit ersten Biografie Niemandssprache. Itzik Manger – ein europäischer Dichter (Jüdischer Verlag im Suhrkamp-Verlag, Berlin 2016) widmet sich die Literaturwissenschafterin Efrat Gal-Ed diesem außergewöhnlichen und zugleich tragischen Lebensschicksal. – Auszüge aus einem Interview, das sie dem Standard gab:

Er schaffte es, aus der Vermischung diverser Modelle der europäischen Literatur mit dem Jiddischen eine eigene Stimme zu entwickeln. In seiner Lyrik setzte er stilistische Elemente, wie man sie seit der Romantik kannte, ebenso ein wie Elemente aus dem Symbolismus und Expressionismus. Er leistete, was auch andere bedeutende Lyriker vollbrachten. Nur hatte er das Unglück, dies in einer Sprache zu tun, die heute nur noch wenige Menschen kennen. (…)

1925 war Manger gerade 24 Jahre alt, und er wollte seine Gedichte veröffentlichen. Aber es mangelte an Verlegern, an literarischen Bühnen und vor allem an Geld. Angesichts dieser Schwierigkeiten griff Manger zu dem emphatischen Ausdruck „hefker“, was „herrenlos“, „vogelfrei“ oder „gesetzlos“ bedeutet. „Jidisch is hefker“ nannte er 1925 seinen Selbstverlag. (…)

Jiddisch war das identitätsstiftende Medium der Minderheitskultur und die Voraussetzung der Zugehörigkeit zu Europa. Es entstand „Jiddischland“, eine „Wortrepublik“. Gerade heute, da wir in der Kulturwissenschaft von Transkulturalität und Transnationalität sprechen, erscheint dieses kosmopolitische „Jiddischland“, wie es damals gelebt wurde, als ein großartiges europäisches Konzept.

Gedichte mit Preis

Wondratschek wurde mit Texten wie „Früher begann der Tag mit einer Schusswunde“ oder „Mara“ berühmt, nun sind seine unbekannten Werke in einer kleinen Hinterhofwohnung im Berliner Stadtteil Schöneberg zu sehen: Die Ausstellung „Bin in einer Stunde zurück“ zeigt Lyrik, Collagen und typographische Arbeiten. Zitieren darf man die Gedichte nicht: Sie sollen ganz und gar ihrem neuen Eigentümer gehören – für 9800 Euro das Stück. Ein stolzer Preis, eine Summe, die kaum ein Verlag für einen ganzen Gedichtband zu zahlen bereit wäre, sei der Autor auch noch so berühmt.

„Wir haben in sehr sanfter Weise über den Preis nachgedacht“, sagte Wondratschek während der Vernissage am Samstagabend mit ebenfalls sehr sanfter Stimme, „und wir sind zu der Ansicht gelangt, dass die Gedichte so viel wert sind.“ / Tobias Lehmkuhl, Der Spiegel

Poetopie

nervös flackert der Blick des Vortragenden an den Gesichtern seiner schweigenden Zuhörer entlang

Hansjürgen Bulkowski

Chinas Buch der Lieder

Das chinesische „Buch der Lieder“ (Shijing) ist die älteste Lyrik-Anthologie Ostasiens und zählt zu den frühesten und bedeutendsten literarischen Zeugnissen der Menschheit. Die Sammlung von 305 Volksliedern und Texten ritueller Gesänge aus der Zeit zwischen dem 11. und 7. Jh. v. Chr. wurde der Legende nach von Konfuzius persönlich zusammengestellt und später in den konfuzianischen Kanon der „Fünf Klassiker“ aufgenommen. Ihr Stellenwert in der chinesischen Literaturgeschichte ist vergleichbar mit jenem der homerischen Epen für das Abendland. Da die bisher einzige deutsche Gesamtübersetzung durch Victor von Strauß (Schi-king, das kanonische Liederbuch der Chinesen) aus dem Jahr 1880 stammt, ist es sehr zu begrüßen, dass der Reclam Verlag nun eine neue Übertragung durch den Sinologen Rainald Simon vorlegt, die sich zudem zweisprachig samt phonetischer Umschrift präsentiert und mit detaillierten Anmerkungen, bibliographischen Angaben, einer Zeittafel und einem thematischen Register versehen ist. (…)

Wer des Chinesischen mächtig ist, muss feststellen, dass Simon nicht nur mit der deutschen sondern auch mit der chinesischen Sprache hadert und mancherorts schlicht falsch übersetzt, weil er offenbar selbst mit gängigsten Satzkonstruktionen und Bedeutungsnuancen des Altchinesischen nicht vertraut ist. Dadurch entstehen dann kryptische Zeilen wie jene in Lied Nr. 65, die bestenfalls noch zur Charakterisierung des eigenen Unvermögens taugt: „Was ich weiß, nenne ich meines Geistes Kummer, was ich nicht weiß, nenne ich mein Verlangen.“ Richtig übersetzt, hieße diese Stelle: „Die mich kennen, sagen, ich sei traurig. Die mich nicht kennen, fragen, was ich suche.“ Auch Victor von Strauß hat in diesem Sinn übersetzt, und man wundert sich, weshalb Simon nach jedem Gedicht buchhalterisch die bisherigen Übersetzungen in westliche Sprachen auflistet, wenn er die Arbeiten seiner Vorgänger gar nicht zur Kenntnis nimmt. Der betreffende Vers steht im Kontext eines Liedes, das wohl als Klage einer von ihrem Geliebten verlassenen Frau zu lesen ist. Bei Simon beginnt dieses Lied wie folgt: „Rispenhirse, üppig, so üppig / Hirsesprossen / Gehen, schreiten, gemach, gemach / innerlich unruhig, so unruhig“. Da es gerade im diffizilen Geschäft der Lyrik-Übersetzung billig ist, bloß Kritik zu üben, sei hier mit einem alternativen Übersetzungsvorschlag versucht, den Gehalt dieses Liedes deutlich zu machen:

Hängende Hirse, in die Ferne gereiht,
sieh die knospenden Ähren!
Schweren Schrittes geh ich dahin,
mein Herz kommt nicht zur Ruhe.
Die mich kennen,
sagen, ich sei traurig.
Die mich nicht kennen,
fragen, was ich suche?
O großer Himmel, so blau und so weit,
was für ein Mensch ist das nur?

(…) Zur Entlastung des Übersetzers muss immerhin gesagt werden, dass eine Übersetzung des Shijing, die diesen Namen verdienen würde, einen Spielraum an Zeit und Geduld (vom Lohn gar nicht zu reden) erforderte, wie ihn der heutige, mehr denn je vom Wettbewerb um Marktanteile bestimmte Literaturbetrieb wohl kaum mehr zu bieten vermag. Wer das Shijing auf Deutsch lesen möchte, bleibt darum auch nach 135 Jahren mit Victor von Strauß’ gereimter Fassung am besten bedient. / Raffael Keller, Fixpoetry

Rainald Simon (Hg.)
Shijing / Das altchinesische Buch der Lieder
Reclam
2015 · 856 Seiten · 49,95 Euro
ISBN:
978-3-15-010865-9

Die Übersetzung von Victor von Strauß und Torney bei zeno.org