Kleine Sprengkaspeln

Der Titel des 2015 erschienenen Gedichtbandes »Ignatien – Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs« deutet an, dass nach 35 Jahren der lyrische Kraftakt vom Grat der sprachlichen Beherrschung zu stürzen droht. Jedes der 20 Gedichte, die den Ausbruch eines unkontrollierbaren Kollers mit Hilfe eines hochverdünnten Giftes, der Ignazbohne, sprich einer Ignatie, verhindern sollen, endet mit einem hochpoetischen Amalgam, einem Málagma: man wird weich, schmilzt dahin, obschon die Gedichte mitunter schroff beginnen und der Textrumpf zerrissen wird. Vermutlich Absicht. Auf die finale Vollkommenheit ist meist Verlass: »Unser glücklichster Sommer wird / wenn das so weitergeht auf Stelzen an uns vorbeitanzen / wie eine verstaubte Zirkusnummer«.

Eine beklemmende Videoprojektion von Reynold Reynolds, »der letzte Tag der Republik«, die die Demontage des Palastes der Republik in Berlin im Zeitraffer zeigte, verstärkte Falkner durch ein filmbegleitendes Gedicht. »Kleine Sprengkapseln«, wie er schreibt, um »die deutsche Neigung, immer das Kind mit dem Bade auszuschütten«, bloßzustellen.* / Su Tiqqun, junge Welt

Gerhard Falkner: Ignatien. Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs. Ins Englische übertragen von Ann Cotten. Mit Filmstills von Yves Netzhammer. Starfruit Publications, Nürnberg 2014, 130 Seiten, 19,90 Euro

*) Überschrift der Zeitung:“Zu“ kleine Sprengkaspeln

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