Geld

Zweifellos gibt es Dinge, über die Kurt Drawert besser Bescheid weiß als über das Internet. Geld & Gedichte auch, völlig unironisch:

Martina Weber: Beim Qualitätsausleseprozess geht es nicht nur um eine ideelle Anerkennung, sondern es geht – ganz besonders in der Lyrik – bei der Vergabe von Literaturpreisen und Stipendien auch um die Verteilung von Geldern und damit finanziellen Mitteln, die es einer Autorin / einem Autor mitermöglichen, sich eine Zeitlang weiter auf das Schreiben zu konzentrieren oder auch darum, weiter in der Künstlersozialversicherung mit ihren günstigen Konditionen versichert zu bleiben und den dafür erforderlichen Gewinn in Höhe von mindestens 3.900 Euro jährlich durch eine KSK-versicherungspflichtige Arbeit zu erzielen. Wir haben also grundsätzlich eine sehr interessante, vielfältige Lyrikszene (ich konzentriere mich auf die Lyrik, weil ich die Prosa nicht beobachte), aber die meisten Dichterinnen und Dichter verdienen mit ihrer Arbeit nur ein Taschengeld, wenn überhaupt. Der Herausgeber des Jahrbuchs der Lyrik, Christoph Buchwald, schrieb vor Jahren im Einladungstext, Lyrik sei derart unbezahlbar, dass sich der Verlag entschlossen habe, statt eines sowieso nur symbolischen Honorars von 10 Euro pro Gedicht gar kein Geld mehr zu bezahlen. Das Verhältnis von Gedichten zu Geld ist gnadenlos. Mir fällt gerade keine Tätigkeit ein, bei der der zeitliche und geistige Aufwand in einem derartigen Missverhältnis zum Honorar steht. In einem Wettbewerb um finanziell lukrative Tätigkeiten wäre das Schreiben von Gedichten wahrscheinlich bei den untersten Rängen zu finden. In deinem Gedichtband Frühjahrskollektion gibt es sogar ein Kapitel mit der Überschrift Geld & Gedichte. In einem Wettbewerb um ein allgemeines gesellschaftliches Prestige würde die Lyrik auch nicht so super abschneiden: Als ich vor einiger Zeit einmal ganz mutig einer Friseurin auf ihre Frage nach meiner Arbeit sagte, ich würde Gedichte schreiben, sagte sie, jetzt hätte ich aber bei ihr ganz viel an Ansehen verloren. Und das passiert nicht nur beim Friseur.

Kurt Drawert: Ich weiß nicht, ob ich von meinem Friseur Verständnis für meine Gedichte und meine soziale Rolle als Autor erwarte. So reich werden Friseure ja nun auch wieder nicht, dass sie es sich leisten könnten, über andere Arbeiter die Nase zu rümpfen. Dass Zeit gleich Geld ist, ist seit Benjamin Franklin, der es schon 1748 sagte, auch keine Geheimsache mehr. Und der Herr Buchwald, nun ja, also ich fürchte, er sah den Wald vor lauter Büchern nicht, als er diese zynische Bemerkung verlor wie andere ihren Verstand. Man stelle sich einmal vor, Unseld hätte seinerzeit, als er bei ihm als möglicher Nachfolger reüssierte, gesagt: »Verehrter Herr Buchwald, wissen Sie, Sie sind ein derart kompetenter, kluger und mit allen Wassern der Betriebskantine gewaschener Lektor, es beschämt mich zutiefst, Sie mit etwas so Gewöhnlichem wie Geld zu entlohnen. Ich dachte mir, vielleicht ein Freiexemplar von jedem neuen Titel des Suhrkamp-Verlages?« Ich glaube, darüber hätte er nun gerade nicht gelacht. Was mich betrifft, ich meine mich jetzt als einen primären Wirtschaftsfaktor für meine Familie, so verdiene ich mit Gedichten recht gut. Bei einer Auflage von etwa eintausend pro Band kommen keine Schulden zustande. Und mein Verlag überweist wirklich alles, Summen respektive, die unter dem Wert einer Briefmarke liegen. Geld zu haben ist sehr anstrengend, finde ich, belastend, irgendwie uncool. Fast so schlimm, wie keines zu haben. Aber kurz doch etwas ernster: mich nervt diese Frage unendlich, weil man natürlich sofort an Gottfried Benn denkt und weiß, dass alle es wissen und dass sich daran doch nie etwas ändert. Ich fühlte mich früher immer sehr allein gelassen, wenn ich so etwas Peinliches wie Geld überhaupt zu einem Thema werden ließ. Denn natürlich stinkt Geld, das weiß ja jeder, weil es die symbolische Ausscheidung aus einem Produktionsprozess ist, sein Abfall sozusagen. Aber dass es einen Wertzusammenhang von Lohn, Entlohnung und Leistung nun einmal gibt, das ist ja keine private Erfindung – und da sind wir naturgemäß die Deppen vom Dienst. Übrigens gibt es dazu einen grandiosen Essay von Gerhard Falkner, der vom »Unwert des Gedichtes« spricht, und das schon in den 1980er Jahren. Andererseits leben wir in Deutschland in einer Weise als Autoren gut, übertroffen vielleicht nur noch von Kollegen in Österreich und der Schweiz, dass jede Klage im Grunde auch etwas unanständig klingt. Ich meine, wir befinden uns in einem radikalen Utilitarismus, da wundert es gelegentlich, überhaupt noch da zu sein. Und vergessen wir nicht, dass es, und gerade bei uns, ein Fördersystem für Literatur gibt, das einzigartig ist auf der Welt. Die soziale Kränkung, durch Nichtbezahlung der Ware auf seine Überflüssigkeit im Kontext der Ökonomie andauernd hingewiesen zu werden, wiegt natürlich sehr schwer. Und dann kommt noch etwas hinzu: die Illusion einer exterritorialen Lebensform als Alternative zum puritanischen Funktionalismus. Manche übernehmen diese Rolle ganz gern und ziehen sich alte Klamotten an, wenn sie zu Lesungen gehen. Mich widert es an.

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