Rückblende L&Poe Dezember 2001

Der Dichter Christian Saalberg lebt und begeht seinen 75. Geburtstag:

Doch es war vor allem die surreale Lektüreerfahrung, die Saalberg „unmerklich veränderte, zu einem anderen Menschen machte“. Allerdings sah die Kunstironie des Nachkriegsschicksals für Deutschland kaum mehr die surreale Strömung vor (obwohl oder gerade weil sich alle horriblen und abstrusen Erfahrungen ebenso abstrus und horribel abbilden lassen). Und dennoch arbeitet sich Saalberg nun schon vier Jahrzehnte bruchlos an den surrealen Gedankenbrüchen ab. Dass er dabei immer wieder überrascht vor seinen eigenen Werken steht, kann der verstehen, der seine Texte kennt. Doch „man schreibt auch, um zu wissen, was in einem steckt“, sagt Saalberg. …
Saalbergs Texte feiern die Welt als ein Rätsel, dessen Lösung kein Sanktnimmerleinstag je offenbaren mag und dem nur ebenso gelassen wie respektlos entgegenzutreten ist. Dies tut der Dichter gern mit großen Worten, die sich über subtile Umwege wieder mit ihrer eigenen Suggestivkraft paaren, um dann ein Paradox als Wahrheit auszuspucken. Etwa im Gedicht: DIE WAHRHEIT DAUERT. Dreifach legt / der Mittag hiervon Zeugnis ab / schweigend, brennend, regungslos. / Bevor der Sämann kommt, ist schon / der Schnitter da, vor dem Stern die / Finsternis, das Nein vor dem Ja.
Heute feiert Christian Saalberg seinen 75. Geburtstag; man kann nur wünschen und hoffen, dass Stadt, Land und Fluss wissen, was sie an diesem Mann haben. / Max Drathmann, Kieler Nachrichten 10.12.01

Geträumte Gedichte

Ulrike Draesner träumt manchmal Gedichte. Halbwach, erinnert sie sich an die Abfolge langer und kurzer Zeilen. Sie weiß auch: Es war ein schönes Gedicht. „Aber die Wörter sind weg“, sagt sie. „Es ist wie eine Berührung mit einer inneren Quelle. Ich könnte die Struktur aufzeichnen, sie bleibt als inneres Bild.“ Sie könnte in diese Form sogar ein Gedicht hineinschreiben. Doch das geträumte Gedicht wäre es nicht.

Monika Rinck wacht nachts des öfteren auf mit dem Gefühl, „einen großartigen Gedanken“ zu haben. Sie macht sich eine Notiz. Aber gelegentlich staunt sie am nächsten Morgen. Neulich, erzählt sie, „hatte ich dann neben meinem Bett einen Zettel: Es gibt 41 Gründe, warum Deutsche Sozialhilfe beziehen“. Ganz gewiss gehört Humor dazu, solche Fehlzündungen zu ertragen und trotzdem weiterzumachen. Aber es ist wohl nicht so, dass man (oder frau) einfach aufhören kann mit dem Gedichte-Schreiben. Träume wie diese bezeugen gerade die Antriebe aus dem Unbewussten. / Mehr im Kölner Stadtanzeige r, 28.12.01

Wolkenlesen

Richard Anders lebt und schreibt in der NZZ über hypnagoge Literatur:

Dass hypnagoge Halluzinationen Autoren zu literarischen Werken inspirieren können, ist oft bezweifelt worden. Ein Hauptgrund ist, dass sie sich jeder sprachlichen Festlegung entziehen, wie es Edgar Allan Poe in seinen «Marginalien» beklagt: «Doch gibt’s da auch noch Phantasien von exquisiter, zartester Feinheit, die man nicht als Gedanken bezeichnen kann und angesichts deren mir’s bisher unmöglich gewesen, das passende Sprachkleid zu finden.» Samuel Taylor Coleridge wurde bei der Niederschrift seines im Opium-verstärkten Wachtraum (?) «empfangenen» Gedichtes «Kubla Khan» durch Besuch gestört. Danach war alles gelöscht, und das Gedicht blieb Fragment. / Richard Anders , NZZ 22.12.01

(Der Beitrag steht in einem Dossier der NZZ zum Thema Schlaf und ist die Zusammenfassung eines umfangreichen Essays, der 2002 als Hauptbeitrag eines Essaybandes im Verlag des Wiecker Boten erscheint. ( «Wolkenlesen. Über hypnagoge Halluzinationen, automatisches Schreiben und andere Inspirationsquellen» )

Liebeswahn

Der Wahn, den Lavant hier beschwört, ist – psychiatrisch gesprochen – ein Liebeswahn. Auch für ihn gibt es – ebenso wie für den Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik – eine reale Erfahrung im Leben der österreichischen Autorin. Sie hat wesentlich dazu beigetragen, dass Lavant die „Aufzeichnungen“ so angstvoll zurückhielt. Sich und den geliebten Mann wollte sie schützen – nicht vor der Wahrheit, sondern vor dem Geifern der Öffentlichkeit. So schloß sich Lavant, die vielen Lesern eher als Lyrikerin bekannt ist, mit ihrem Schreiben vom Leben der selbsternannten Normalen aus und konnte zugleich nur durch ihr Schreiben als einer „Not-wendigkeit“ im Leben bleiben. Die „Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus“ sind ein faszinierendes und bestürzendes Zeugnis dieses fundamentalen Konflikts. / Gabriele Michel Donaukurier , 30.11.2001

Christine Lavant : Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus, Otto Müller Verlag, Salzburg-Wien, 160 Seiten, 29,50 Mark.

« Die Dichter haben immer Recht »

Da zögerte sogar Stalin:

Ossip Mandelstam (1891-1938) war der Dichter, der die sittliche Konstante der Poesie entdeckt hat, und es ist verblüffend zu sehen, wie lange das «Jahrhundert der Wölfe» (Nadeschda Mandelstam) gezögert hat, ihn zu vernichten. Noch im Juni 1934 warnt Bucharin Stalin brieflich: «Die Dichter haben immer Recht. Die Geschichte steht auf ihrer Seite», und der lenkt ein, nachdem er sich bei Boris Pasternak telefonisch versichert hatte: «Er ist doch ein Meister, nicht wahr?» Es folgen, verhältnismässig milde nach den «Epigrammen gegen Stalin», drei Jahre Verbannung nach Woronesch. / Gregor Wittkop, Basler Ztg 1.11.01

Extrem subjektiv

Die FAZ lobtThomas Klings “ Sprachspeicher “ als „extrem subjektives, geschmäcklerisches und autoritäres Korrektiv zum herkömmlichen Lyrikkanon“.

Gestorben

Der „Dichter der Négritude“ Léopold Sedar Senghor ist im Alter von 95 Jahren in Paris gestorben. Er war nicht nur ein großer Dichter, sondern auch „einer der wenigen afrikanischen Staatsoberhäupter, die freiwillig zurücktraten“, schrieb die Frankfurter Rundschau.

Als Beispiel für die Senghorsche Vision einer universellen Kultur kann das Gedicht «New York» gelten, in dem es heisst: «New York! Ich sage dir: New York lass schwarzes Blut zufliessen deinem Blut / Dass es die Stahlgelenke dir mit Lebensöl entroste / Dass deinen Brücken es den Schwung von Kruppen schenke und die Biegsamkeit der Lianen. / Da kommen die uralten Zeiten zurück, die wiedergefundene Einheit, Versöhnung von Löwe, Stier und Baum.» / Heinz Hug, NZZ 22.12.01
(Außerdem schreibt in der NZZ Marc Zitzmann über die „heikle Liebe“ zwischen Senghor und Frankreich).
Zum Tod des Dichters und Staatsmanns schreiben heute auch die taz („Ein schwarzes Athen“) und die FAZ („Ja, Herr, verzeihe Frankreich“ und „Marabu des Worts“).

Probleme mit dem „Neger“ nicht nur aber auch auch bei den Linken. In der Süddeutschen Zeitung erinnert sich Thomas Steinfeld:

Als Léopold Senghor 1968 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wurde, hatte diese Auszeichnung von vornherein etwas Paternalistisches: Dieser Afrikaner, der da, Goethe zitierend, von Wilhelm Lübke in der Paulskirche geehrt wurde, wurde als gelungener Empfänger des eigenen moralischen Engagements gefeiert, als idealer Adressat eines protestantischen Normenkatalogs. Vor der Paulskirche verteilte der SDS Flugblätter, in denen Senghor als „sensibler Poet“ beschimpft wurde, dessen „lyrisierendes Geschwätz die weißen Werte der Faschisten als schwarze Kultur der Neger verkauft“. Unter einem guten Afrikaner wollte man sich den Chef einer Guerillatruppe vorstellen. / Süddeutsche 24.12.01

Ein Gedicht von Osama bin Laden

bringt die taz vom 15.12.

Ich war Zeuge, dass sie gegen die scharfe Klinge
stets Schwierigkeiten gegenüberstanden und zusammenstanden . . .
Wenn die Dunkelheit über uns kommt und wir von einem scharfen Zahn gebissen werden, sage ich . . .
“Unsere Häuser waren mit Blut überflutet und der Tyrann
schreitet frei in unseren Häusern“…
Und vom Schlachtfeld verschwanden
das Leuchten der Schwerter und der Pferde . . .
Und über Klagerufe hören wir jetzt die Schläge von Trommeln und Rhythmus
Sie stürmen seine Festungen
und rufen: „Wir werden unsere Angriffe nicht beenden,
ehe ihr nicht unsere Länder befreit.“

Franz Fühmann sei

einer der wenigen DDR-Dichter, die überdauern werden, hat im Zusammenstoß mit Leben und Lyrik Trakls den eigenen poetischen Sinn entdeckt und den ideologischen Sumpf trockengelegt, dessen Opfer er vor und nach 1945 geworden war. Das Protokoll seines verzweifelten Bildungsromans mit Georg Trakl hat er 1982 in der Bundesrepublik unter dem Titel „Der Sturz des Engels“ publiziert. Das Buch wurde viel gelobt, ging aber in der Flut der Neuerscheinungen unter. Jetzt hat es Klaus Löwitsch unter dem Titel „Offenbarung und Untergang“ (Vertrieb: Aktivraum). / Gert Ueding. Die Welt 17.12.01

Was Gedichtbände abwerfen,

ist mehr als mager. Eine dreitausender Auflage gilt hier schon als hoch. Im Schnitt um die fünf Prozent erhält der Autor als Anteil von jedem verkauften Exemplar. Den Verkaufspreis des „Apollo“ von knapp 20 Mark gesetzt, wäre das eine Mark. Bei drei Jahren Produktionszeit (1998 war Thomas Rosenlöcher in Wiepersdorf, dort entstanden die ersten Ideen) käme man bei vollständig verkaufter Auflage auf ein Jahresgehalt von tausend Mark. So eine Rechnung macht keiner auf, aber sie würde jeden Angestellten eines Sozialamtes zu Tränen rühren. / Dresdner Neueste Nachrichten 17.12.01

Thomas Rosenlöcher: Am Wegrand steht Apollo, Insel Verlag Leipzig, 19,80 Mark

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