Christa Reinig
* 6. August 1926 in Berlin; † 30. September 2008 in München
DER TRAUM VOM WESTEN
Ich träumte heute nacht, ich sei im Westen.
und wachte auf und war —
im Westen.
Aus dem Band Schwalbe von Olevano (1969). Zitiert nach Christa Reinig: Sämtliche Gedichte. Düsseldorf: Eremiten-Presse, 1984, S. 96
Christa Reinig floh 1964 aus der DDR – von Ostberlin nach München.
flanzendörfer
(Frank Lanzendörfer) * 30. Dezember 1962 in Dresden-Oberpoyritz; † 5. August 1988 in Marienwerder)
Aus: flanzendörfer: unmöglich es leben. texte bilder fotos. Zusammengestellt von Peter Böthig und Klaus Michael. Berlin: Janus press / Basisdruck, 1992
Aus: Ingrid Mössinger, Brigitta Milde (Hrsg.): … eine nahezu lautlose Schwingungs-Symbiose. Die Künstlerfreundschaft zwischen Franz Mon und Carlfriedrich Claus. Briefwechsel 1959–1997. Visuelle Texte. Sprachblätter. Kunstsammlungen Chemnitz. Kerber-Verlag Bielefeld/Berlin 2013, S. 47
Carlfriedrich Claus (* 4. August 1930 in Annaberg; † 22. Mai 1998 in Chemnitz)
Johanna Ambrosius
* 3. August 1854 in Lengwethen bei Ragnit, Ostpreußen; † 27. Februar 1939 in Königsberg
In ihrem Elternhaus hingen keine Gainsboroughs und standen keine Goethe- und Schillerbände. Das zweite von 14 Kindern eines Handwerkers, ärmliche Verhältnisse, Dorfschule, Arbeit als Magd, Bäuerin. Aber sie dichtete, ohne Schulung, »Naturdichterin« nannte man sie, »Volksdichterin«. Ihre Werke wurden gedruckt, für kurze Zeit wurde sie berühmt im In- und Ausland. Führende Kritiker und Schriftsteller lobten sie, trafen sie, wechselten Briefe. Sie wurde ins Englische übersetzt und in Chicago als »German Sappho« gefeiert. Aber bald ließ man von ihr ab. »Der Tod ist in Deutschland der beste Empfehlungsbrief für die Dichter«, schrieb sie, aber auch das war ihr nicht vergönnt. 1939 starb sie in Königsberg, längst in Vergessenheit gefallen. Bei der Flucht der Angehörigen aus Ostpreußen sechs Jahre später ging ihr Nachlaß verloren. Ihr Grab ist in Königsberg, das es auch nicht mehr gibt. Die Universität Chicago digitalisierte ihre Bände.
Ein Gedicht aus dem zweiten Band ihrer Gedichte, erschienen 1898 in siebenter Auflage.
Meine Seele
Habt ihr gesehn ein alt’ verfall’nes Haus?
So sieht auch meine Seele aus!
Zerplatzt die Wände, blinde Fensterlein,
kein lust’ger Fuß geht weder aus noch ein,
Kein süßer Ton durchhallt den öden Raum,
Nur die Vergessenheit spinnt leis’ im Traum;
Und kommt die Nacht, krächzt drin des Uhu Schrei,
Der liebe Mond selbst geht geschwind vorbei,
Und Totenfalter fliegen ein und aus;
So sieht’s in meiner armen Seele aus!
Friederike Mayröcker
würde alles tun für dich wenn
du nur lebtest!
als erstes würden wir zur Albertina,
ins Museumscafé dann zum FELDHASEN, 1 Blick
in dein Auge würde mir sagen ob du müde
bist oder ob es noch weitergeht. Weinen
würden wir trotzdem oft, weil
der Abschied noch vor uns läge —
Ernst Jandl
bibliothek
die vielen buchstaben
die nicht aus ihren wörtern können
die vielen wörter
die nicht aus ihren sätzen können
die vielen sätze
die nicht aus ihren büchern können
die vielen bücher
mit dem vielen staub darauf
die gute putzfrau
mit dem staubwedel
Aus dem Band die bearbeitung der mütze. In: Ernst Jandl: Werke in 6 Bänden. Bd. 3. München: Luchterhand, 2006, S.130
Angelika Janz
Wie die Bilder abrutschen Unsere Gedanken aneinander: noch kindheitsbeatmet - und atembrüchig die erinnerten Lachrhythmen im Gleichschritt . Im Hörschatten leise zerdehnte Rufe nach jedwelcher Sprache, Glossolalien . Nun, öffne dich - ab heute hörn wir zum Tee Schreie in der Sprache fast schon verdrängter Symbole . Die Ausgesteuerten so federflüchtig zerstoben: ihre Camerablicke verstofflicht aus weichen, nein gleichen Gedanken, zerrieben zu feinem Flimmern, zu feinem Flaum. Sie sind in den Lüften bald wieder vernetzt. Sag’s: Nie mehr geerdet . Es bleiben: Normierte ErbMassen, gegeneinander getriebene Gier- modelle, totverschlossene Werbepanzer unter irdisch und sag’s nun auch : „Unkaputtbar ist so was, an Verlustlust gescheitert, es wird uns immer angehören . Wie der Mensch gilt als ewig reißfestes Gewebekonstrukt ein Aschespiegel schon lange verglühter Sterne.
Emily Brontë
(* 30. Juli 1818 in Thornton, Yorkshire; † 19. Dezember 1848 in Haworth, Yorkshire) – 200. Geburtstag
Stark steh ich hier, hab wohl erlitten
Wut, Haß und Hohn — ein bittres Weh
Stark steh ich, lache, wenn ich seh
Wie alle Welt mit mir gestritten
Mächtiger Schatten, wie ist mir
Verhaßt die ganze Menschelei
Befrei mein Herz, den Geist befrei
Wink mir und ich folge dir
Irrgeleitet dummes Ding,
Denk nicht von der Welt gering
Sonst sinkst du niedrige Kreatur
Tief unter andre Würmer nur
Elende — in Vermessenheit
Fragst du frech mich um Geleit
Mit Bescheidenen will ich gehen
Übermütige laß ich stehen
Aus dem Englischen von Wolfgang Held. Aus: Emily Brontë: Ums Haus der Sturm. Gedichte. Englisch und deutsch. Ausgewählt, übertragen u.m.e. Nachwort versehen von Wolfgang Held. Leipzig: Insel, 1998, S. 35
Strong I stand, though I have borne
Anger, hate, and bitter scorn;
Strong I stand, and laugh to see
How mankind have fought with me.
Shade of history, I condemn
All the puny ways of men;
Free my heart, my spirit free,
Beckon, and I’ll follow thee.
False and foolish mortal know,
If you scorn the world’s disdain,
Your mean soul is far below
Other worms, however vain.
Thing of Dust, with boundless pride,
Dare you ask me for a guide?
With the humble I will be;
Haughty men are naught to me.
November 1837.
Simon Dach
(* 29. Juli 1605 in Memel, Herzogtum Preußen, Königreich Polen; † 15. April 1659 in Königsberg, Herzogtum Preußen)
Horto recreamur amoeno
Der habe Lust zu Würfeln und zu Karten,
Der zu dem Tanz und der zum kühlen Wein,
Ich liebe nichts, als was in diesem Garten
Mein Drangsalstrost und Krankheitartzt kann sein,
Ihr grünen Bäume,
Du Blumen Zier,
Ihr Haus der Reime,
Ihr zwinget mir
Dies Lied herfür.
Mir mangelt nur mein Spiel, die süße Geige,
Die würdig ist, daß sie mit Macht erschall‘
Hie, wo das Laub und die begrünten Zweige
Am Graben mich umschatten überall,
Hie, wo von weiten
Die Gegend lacht,
Wo an der Seiten
Der Wiesen Pracht
Mich fröhlich macht.
Was mir gebricht an Geld und großen Schätzen,
Muß mein Gemüt und dessen güldne Ruh
Durch freies Tun vnd Fröhlichkeit ersetzen,
Die schleußt vor mir das Haus der Sorgen zu.
Ich will es geben
Um keine Welt,
Daß sich mein Leben
Oft ohne Geld
So freudig hält.
Gesetzt, daß ich den Erdenkreis besäße,
Und hätte nichts mit guter Lust gemein,
Wann ich der Zeit in Angst und Furcht genösse,
Was würd es mir doch für ein Vorteil sein?
Weg mit dem allen,
Was Unmut bringt!
Mir soll gefallen,
Was lacht und singt
Und Freud erzwingt.
Ihr alten Bäum‘ und ihr noch junge Pflanzen,
Ringsum verwahrt vor aller Winde Stoß,
Wo um und um sich Freud und Ruh verschantzen,
Senkt alle Lust herab in meinen Schoß.
Ihr sollt imgleichen
Durch dies mein Lied
Auch nicht verbleichen,
So lang man Blüt
Auf Erden sieht.
Rajzel Żychliński
di schpet-nachtike musik
a. glanz-lejelessn
di schpet-nachtike musik
fun jener sajt want
firt mich zu erter,
zu schtet,
woss wundern sich kejnmol nischt
wen ich kum on,
un schmejchlen lib wen ch´gej awek.
ch’wejss nischt wer ss’wojnt
fun jener sajt want,
a froj zi a man?
is si jung?
is er alt?
un efscher wojnt dort un ss’benkt dort
schopen?
bajtog is dort schtendik schtil — — —
MUSIK SPÄT IN DER NACHT
Für Aaron Glanz—Lejeless
Musik spät in der Nacht
hinter der Wand
führt mich an Orte,
in Städte,
die sich nie wundern,
wenn ich sie besuche,
und herzlich lächeln,
wenn ich wieder geh.
Ich weiß nicht, wer
wohnt hinter der Wand —
eine Frau, ein Mann?
Ist sie jung? Ist er alt?
Und vielleicht wohnt da und sehnt sich
Chopin?
Tagsüber ist es dort immer still.
Aus: Rajzel Żychliński: di lider. 1928-1991. Die Gedichte. Jiddisch und deutsch. Hrsg./Ü: Hubert Witt. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 2003, S. 842f
Rajzel Żychliński
(poln. Rajzla Żychlińska, jidd. רייזל זשיכלינסקא; geb. 27. Juli 1910 Gąbin, Polen; † 13. Juni 2001 in Concord, Kalifornien, USA)
di lewone
di lewone is doss ponem
fun ale mentschn
fun ale zajtn.
ajngeschlofn senen ale angsstn
zwischn schotnss fun tojte gedanken.
fun ale zwejflen —
ejn fuler zinischer schmejchl,
fun ale midigkajtn —
silberne ru.
DER MOND
Der Mond ist das Gesicht
aller Menschen
aus allen Zeiten.
Eingeschlafen alle Ängste
zwischen Schatten toter Gedanken.
Aus allen Zweifeln
ein volles zynisches Lächeln,
aus allen Müdigkeiten
silberne Ruh.
Aus: Rajzel Żychliński: di lider. 1928-1991. Die Gedichte. Jiddisch und deutsch. Hrsg./Ü: Hubert Witt. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 2003, S. 554f
Franziska zu Reventlow
(* 18. Mai 1871 in Husum; † 26. Juli 1918 in Locarno, Schweiz – 100. Todestag)
Treulos bin ich gewesen
und hab dich einst doch geliebt,
Kannst du mir vergeben,
wenn ich dein Leben getrübt?
Treu hatt‘ ich dir geschworen,
Liebe und ewige Treu.
Aber in wilden Stürmen
brach sie entzwei.
Als du heim aus der Fremde kehrtest,
war ich dein nicht mehr.
Ich lag in anderen Armen
von brennender Liebe verzehrt.
Wüßtest du, was ich gelitten,
könnt ich dir’s sagen:
Welten von Qual und Schmerz
in jenen Tagen.
Kalte Fernen
trennen jetzt unser Leben.
Ich folge anderen Sternen –
Kannst du mir vergeben?
Aus: Liebesgedichte von Frauen. Frankfurt/Main: Insel, 2003
Felix Philipp Ingold
Fortschritt (1) Als Betonkeiler schießt an jedem Ende ein "Wir sind!" empor, mit tollem Pathos und in blödem Einerlei nimmt das vereinte "Wir!", bevor "Ich bin!" zum letztenmal das Sagen hat, feist überhand und ist schon da und hält die Luft besetzt. Zu fragen, was "Ich bin!" dem "Wir sind!" noch an Da- sein ist, ist weit gefehlt, solang das Massenschwein, was schön und Frei- heit sei, allein bestimmt. "Wir sind!" meint Hang nach vorn, ist Stoß- und Saugwut, heißt dabei auch "Bin!", doch ohne Personalpronomen. "Sind wir?" (Striktes Tierverbot.) "NO MEN!"
Aus: Felix Philipp Ingold, Unzeit. Gedichte. Stuttgart: Klett-Cotta, 1981, S. 16
Ángeles Mora
Heb deine Manneskünste auf für andere
Entfernungen, subtilere.
Hier in der Offenheit
zwischen uns beiden bevorzuge ich
die Abwesenheit von Rhetorik.
Aus: Poetik. Drei Gedichte. Aus dem Spanischen von Maria Meinel. In: die horen 270 (2018), S. 156
Ángeles Mora, geb. 1952 in Rute (Spanien), ist Vorsitzende des Vereins für Frauen und Literatur Verso libre und Mitglied der Academia de Buenas Letras de Granada.
Lyrikwettbewerb um den Leonce-und-Lena-Preis und die Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise am 29. und 30. März 2019 in der Centralstation Darmstadt
Einsendeschluss für die Bewerbungen ist der 15.09.2018
„Mein Leben gähnt mich an wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus.“ Dieses Zitat stammt nicht etwa von einer angehenden Lyrikerin oder einem angehenden Lyriker, sondern es ist Georg Büchners Stück „Leonce und Lena“ entnommen. Nach diesem hintergründigen Lustspiel unseres großen Darmstädter Dichters haben wir den inzwischen renommiertesten deutschen Lyrikpreis* benannt.
Wer Georg Büchner kennt, weiß wie nah seine schöne, klare und vieldeutige Sprache an der Lyrik liegt. Nicht selten erscheinen seine Sätze wie Gedichten entnommen. Unter welch schwierigen Bedingungen der hochpolitische Büchner arbeiten musste, ist heute kaum vorstellbar. Zensur war noch das Geringste in einer Zeit, in der die kleinste Missbilligung der Obrigkeit mit drastischen Strafen geahndet wurde. Wer hier schrieb, der musste seine Kritik gut verschlüsseln, um nicht sofort in den Kerker zu wandern. So ist auch Büchners scheinbar nettes Lustspiel, nach dem der „Leonce-und-Lena-Preis“ benannt wurde, in Wirklichkeit eine Polit-Satire. (mehr)
*) schreiben die Veranstalter
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