Lyrik-Preis

Wolfsberg. – Im kommenden Jahr wird es wieder einen Christine Lavant-Lyrikpreis geben. Um diesen können sich deutschsprachige Autoren bewerben, die zumindest einen Lyrikband veröffentlicht haben. Eine Jury wird nach einer Vorauswahl sechs Autoren ermitteln, die von 25. bis 27. September 2003 nach Wolfsberg eingeladen werden. Dort werden in einer öffentlichen Veranstaltung der Christine Lavant-Lyrikpreis (7000 Euro), der Lavant-Förderungspreis (3000 Euro) und der Lavant-Publikumspreis (1500 Euro) vergeben. Einsendungen sollten maximal zehn Gedichte enthalten. Einsendeschluss ist der 28. Februar 2003.

/ 10.10.02

Arts & Letters gone

Eine traurige Nachricht und vielleicht ein böses Omen für alle, die das WWW als universelle Informationsquelle nutzen: Der Zeitungsausschnittdienst Arts & Letters Daily ist abgeschaltet. Auf der Homepage (im linken oberen Rand dieser Seite) finden sich nur noch ein Archiv und ein paar Verweise. Für die Lyrik-Zeitung werden die Wege wieder länger, an gute Nachrichten wie die folgenden, last pick, zu kommen:

No one today would dare claim that poetry is dead, says Dana Gioia. The ancient unkillable phoenix has risen from the ashes and magnificently taken flight… [ more ]

Poetry “makes nothing happen,” said W.H. Auden. He didn’t mean that art was worthless. He thought it was useless, which is a very different idea. Adam Gopnik explains… [ more ]

Biography loves Sylvia Plath. She was married to Ted Hughes. She killed herself. Death and marriage fed and fueled her writing, but now they cramp her style… [ more ]

The child who dwells inside us trusts that somewhere are wise men who know truth, says Czeslaw Milosz. This idea gives beauty and passion to intellectual life… [ more ]

(Gegen Monatsende kommt Entwarnung: anscheinend ist die Seite gerettet!!)

/ 10.10.02

Der Lyrik eine Gasse – 25 Jahre Frankfurter Anthologie

Seit mehr als einem Viertel Jahrhundert wird in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) jeden Samstag ein Gedicht eines bekannten Lyrikers von einem anderen namhaften Autor interpretiert. „Frankfurter Anthologie“ heißt die von Marcel Reich-Ranicki begründete Reihe. Seit 25 Jahren veröffentlicht der Insel- Verlag jedes Jahr einen Band mit den neuen Folgen der Anthologie. Am 20. Oktober laden FAZ, Insel-Verlag und der Hessische Rundfunk um 11 Uhr in den Sendesaal des Hessischen Rundfunks zur Veranstaltung „Der Lyrik eine Gasse – 25 Jahre Frankfurter Anthologie“. Der Insel-Verlag stellt dabei seine zwölfbändige Sonderedition vor: 1400 Deutsche Gedichte und ihre Interpretationen, herausgegeben von Marcel Reich-Ranicki. Während der Veranstaltung wird auch der Preis der Frankfurter Anthologie verliehen. Er geht diesmal an den Dichter Harald Hartung, die Laudatio hält Hubert Spiegel. dpa / FR 10.10.02

Wiener Schule für Dichtung 10

Festveranstaltung „10 Jahre Schule für Dichtung“ am 10.10.02
Österreichische Nationalbibliothek, Prunksaal, Josefsplatz 1, 1010 Wien
Beginn: 19:00, Eintritt frei

Mehr im Wiener Kurier(10.10.02) und auf der Webseite:
Schule für Dichtung http://sfd.at/

Hombroich-Elegie

Wenn die Geschichte ihre Richtung wechselt, ist die Kennung manchmal überdeutlich, so wenn selbst Raketenhorste umgewidmet werden. Wen wundert es, dass Thomas Kling in der aufgegebenen Raketenstation Hombroich Quartier bezogen hat? „ein ausgeglühtes gebiet, / kegel, / das fernsicht / ermöglicht. gehör von weitem: // waldkante, in die der wind fährt. ein / ohrenbetäubender schneefall hier. / jagdplatz, fluchtartig verlassen. warum.“ Da sind Reste vom Heerlagerspeck und die Natur erobert alles zurück. Und so gibt es bei Kling jetzt nach Wespe und Biene auch Specht und Distelfink, Turmfalke und Fuchs. „anwachsende kulisse. / achtung, leute: alles aufgeforstet! / die fichte hamse hierzulande / preußenbaum genannt.“
Kein selbstgenießerischer Schlenker weicht diese Gedichte auf. Keine Idylle, mehr „Hombroich-Elegie“: Die Katze läuft in die Mähmaschine und die Kröte ereilt der Spatentod. / Jürgen Verdofsky, FR 9.10.02

Thomas Kling: Sondagen. Gedichte. DuMont Verlag, Köln 2002, 140 Seiten, mit einer CD, 19,90 Euro.

Reimender Leistungskomiker

Darf man über diesen feuilletonistisch heilig gesprochenen und allseits geliebten Lyrik-Klassiker der Jetztzeit überhaupt noch etwas Frevelhaftes sagen? Die frenetische Robert Gernhardt-Bejubelung hat ja seit dem annus mirabilis 1997, als der Dichter sein 60. Lebensjahr vollendete, derart Schwindel erregende Ausmaße erreicht, dass als griesgrämiger Spielverderber erscheint, wer sich der spröden literaturkritischen Profanierung des Meisters widmet.

fragt Michael Braun (FR 9.10.02) und tuts:

Der Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen ist oft verschwindend klein.
Wenn Gernhardt so verblüffend formsicher die altehrwürdigen Volksliedstrophen, Sonette, Couplets oder Balladen reaktiviert, ist das nicht immer ein Akt großartiger Anverwandlung. Allzu oft gibt sich Gernhardt willig einer poetischen Routine hin, die im Bewusstsein handwerklicher Solidität Gedichte am Fließband hervorbringt. Diese Routine erlaubt es ihm auch, leichthändig ein Sonett über die Ereignisse des 11. September zu produzieren und dabei „von eignen Gnaden“ auf „Usama Bin Laden“ zu reimen. Bei einem sakrosankten Dichter ist eben kein gnädiges Lektorat mehr da, das vollkommen uninspirierte Gedichte wie die über den Formel 1-Stumpfsinn des „Großen Preises von Canada“ oder über den „Klassiker Deutschland-Holland“ verhindern würde. Gnadenlos schlechte Gedichte, die sich an einer Tagesthemen-Sendung entzünden („Scheiß drauf! Ob es auch anderen schwerfällt, / beim Anblick der Stealthbomber cool zu bleiben?“), kann sich ungestraft nur noch ein Gernhardt leisten.

Robert Gernhardt: Im Glück und anderswo. Gedichte.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2002, 284 Seiten, 19,90 Euro

Lyrische Schweiz

Doch entdeckt werden wollen (und sollen) vor allem die hierzulande weniger Präsenten: etwa Erika Burkarts „Familienballade“, die einem Zustand zustrebt, „in dem sich das Schweigen / ein neues Gehör schafft“, oder Lajser Ajchenrands Trauer- und Gedächtnistexte über den Holocaust in jiddischer Sprache, diverse Mundart- und Dialektdichtungen (u.a. von Manni Matter, Franz Hohler, Berti Jütz), Silja Walters Verse, schön und zerbrechlich wie ein Tanz aus Glas, Armin Sensers rauschhaftes poetologisches Langgedicht „Großes Erwachen“ oder auch Jürg Federspiels Humoreske „Hinterlass ein Zeichen“: „Mal einen Strich. Und schreib: Wer so hoch / pinkeln kann, melde sich bei der Feuerwehr“. …  Die wunderbarste Leistung dieser „schönsten Gedichte der Schweiz“ wirkt paradox: Rasch vergisst man nationale Zugehörigkeiten und versinkt statt dessen in die grenzenlose Schönheit der Poesie. Oft sind es die kleinen Verlage, die großartige Bücher hervorbringen. / Thomas Wild, SZ 9.10.02

PETER VON MATT und DIRK VAIHINGER (Hrsg.): Die schönsten Gedichte der Schweiz. Verlag Nagel & Kimche, München / Wien 2002. 260 Seiten, 16,90 Euro.

Weitere Besprechungen in der SZ-Literaturbeilage vom 9.10.02:

MIODRAG PAVLOVIC : „Einzug in Cremona“. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2002. 184 S., 22,90 Euro.

die Oktoberausgabe der Zeitschrift Akzente (litauische Lyrik) Carl Hanser Verlag, München 2002, 7,30 Euro

Er hätte zum Götterliebling

der Nachkriegslyrik werden können. Kein zweiter Jungdichter der beginnenden fünfziger Jahre verstand sich so souverän auf das lyrische Rollenspiel mit mythischer Maskerade. Da war die traumwandlerische Sicherheit beim Umgang mit den Beständen der römischen Kulturgeschichte und der christlichen Heiligenlegenden. Und da war das bildungsstolze Bewusstsein, dass all die kulturhistorischen Materialien im Zeitalter des «grössten Synkretismus, den es je gab», zur uneingeschränkten Verfügung stehen. / Michael Braun über Kuno Raeber, BAZ 8.10.02

Avantgarde der Individualisierung

«Wir haben ein Land aus Worten» – so viel Tribut an die Rolle des Nationaldichters muss sein. Aber Vorsicht: Den Halbvers verschattet Enttäuschung. Kein Land haben die Vertriebenen, nur Worte, einen poetischen Selbstentwurf, gewiss, doch der Weg wird lang und länger. Darwish hat auf diesem Weg das Persönliche und dessen Entgrenzung ins Universale entdeckt. Vier Prosagedichte eröffnen den Band als «private Anschriften» – eine Kampfansage an jede Lektüre, die ihn nur als Volkes Stimme begreift. …

Der Mann, dessen Gedichte so machtvoll die verlorene Heimat beschworen, der ein «Land aus Worten» schuf, muss nach der Heimkehr feststellen, dass er sich durchs Dichten der Heimat beraubt hat: Die dem modernen Gedicht eigene Selbstreflexion hat ihn auf eine Suche nach dem eigenen Ich geschickt, die ihn dem Kollektiv entfremdet. Literatur wird hier zur Avantgarde einer Individualisierung im Zeichen der Kulturvermischung, die der arabischen Gesellschaft noch bevorsteht./ Ludwig Ammann, NZZ 8.10.02 über

Mahmud Darwisch
Wir haben ein Land aus Worten
Gedichte. Arabisch und deutsch.
Aus dem Arabischen übersetzt und mit einem Nachwortversehen von Stefan Weidner.

Etwa 220 Seiten. Englische Broschur.
EUR (A) 17.40/ EUR 18.50 / CHF 29.50
ISBN 3250300136

Gedicht für Stotterer

Eine schon etwas ältliche Nachricht (aber nicht schlecht):
Der hannoversche Dada-Künstler Kurt Schwitters (1887-1948) ist Schulpate geworden. Der Avantgarde- Maler, Bildhauer und Lyriker leiht seinen Namen der „Rheinischen Schule für Sprachbehinderte“ des Landschaftsverbandes in Düsseldorf. Das teilte der Landschaftsverband Rheinland (LVR) am Montag in Köln mit. Nach Ansicht der Schulleitung gebe es „fast direkte Bezüge“ zwischen der Arbeit der Schule und den Sprachexperimenten des Künstlers, der auch ein „Gedicht für Stotterer“ geschrieben hat.
Hannoversche Allgemeine 8.10.02

Paul Wühr

Der Münchner Lyriker Paul Wühr erhält den diesjährigen Hans- Erich-Nossack-Preis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft. Die mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung wird am Samstag verliehen. Neben Paul Wühr aus München werden noch weitere Autoren, Künstler und Musiker ausgezeichnet. Begleitet wird die Tagung von Lesungen, Konzerten und einer Kunstausstellung mit preisgekrönten Werken. (sda/dpa) / St. Galler TAGBLATT vom Samstag, 5. Oktober 2002

Litauen als terra incognita,

das war schon immer so, aber gerade dieses Andere zog auch die Träume, Wünsche und Sehnsüchte vieler Intellektueller an. Zwischen endlosen Wäldern und sanften Hügel, zwischen Seen und Sümpfen, da, wo eben noch Feen, Nixen und Zwerge gehaust hatten, schien der Ursprung zum Greifen nah. Je sichtbarer der Fortschritt um sich griff, desto mehr wurde dieser Mythos zur Utopie: Goethe und Herder verehrten die Lieder der litauischen Fischer und Bauern, Thomas Mann suchte und fand in den Dünen von Nida das «Erlebnis des Elementaren», Johannes Bobrowski betrieb in seinen Gedichten und Romanen die Suche nach der verlorenen Zeit der litauischen Kindheit, wie es polnischerseits Czeslaw Milosz («Das Tal der Issa») und Tadeusz Konwicki («Das Loch im Himmel») taten. Polens romantische Dichter kultivierten die litauische Saga besonders enthusiastisch, und ausgerechnet der polnische Nationaldichter Adam Mickiewicz sollte der grösste Sänger Litauens werden – wobei mit «Litauen» freilich das hoch patriotische Phantasma eines dem Kronland Polen überlegenen litauisch-polnischen Grossreiches gemeint war. / Andreas Breitenstein, NZZ 5.10.02

Weitere Beiträge zu Litauen:

Too little too late
Was die litauische Literatur an «harter Währung» hergäbe

Das vierte Mal oder Litauische Metamorphosen

Arbeit am Mythos
Ein kurzer Überblick über die litauische Literaturgeschichte

Wer war Else?

Die FAZ präsentiert heute ein unbekanntes Gedicht und eine unbekannte Liebe von Gottfried Benn. Das Gedicht beginnt so:

Liebe –

dies Wort wollen wir garnicht in die Diskussion werfen
ich bleibe ja doch in mir allein
aber ich sehe dich gern an
ich fühle dich gern an
ich esse gerne mit dir
wir sprechen so freundschaftlich mit einander
sind den ganzen Tag auf einer zärtlichen Ebene
ach – morgen
weisst du was davon / FAZ 5.10.02

Tod eines Dichters

Zuerst starb am 5. Juli in Los Angeles der fünfundneunzigjährige Bernardas Brazdzionis . Seit er 1944 vor der Roten Armee in den Westen geflohen war, hatten seine Gedichte nur ein Thema: die unterdrückte Nation und ihr Streben nach Freiheit. Als er 1989 nach Litauen zurückkehrte, wurden solche Verse benötigt. Um Literatur ging es dabei nur in zweiter Linie – die Auftritte von Brazdzionis waren politische Demonstrationen, seine Gedichte die Losungen dazu. Diese Reihenfolge gilt für sein ganzes in der Emigration entstandenes Werk: Es stand im Dienst einer Sache, die ihm wichtiger war als literarisch-ästhetische Kriterien. Sein Verständnis von der Rolle des Dichters und der Dichtung faßte Brazdzionis vergangenes Jahr in einem Satz zusammen, mit dem er ankündigte, daß er keine Gedichte mehr schreiben werde: „Meine Mission ist erfüllt.“ / FAZ am 5.10.02 in einem Beitrag zur litauischen Literatur aus Anlaß der Buchmesse

Das kleinste Teilchen des Gedichts

sei mithin in der Lage, alles zu bedeuten. Das ist die Zuspitzung eines Satzes, mit dem Czernin unlängst einen manifestartigen Text in der Wiener Literaturzeitschrift «kolik» (Heft 18) begann: «So bedeutet jedes Gedicht nicht weniger als alles . . .» Und vermutlich ist derselbe Sachverhalt berührt, wenn es in dem Gesprächsbuch «Voraussetzungen» heisst: «Deshalb kann eine Dichtung ja auch nichts Bestimmtes bedeuten und verweist immer auf den, der etwas bedeuten lässt.» / Leopold Federmair, Neue Zürcher Zeitung, 3. Oktober 2002

Franz Josef Czernin: elemente.sonette. Verlag Carl Hanser, München 2002. Fr. 31.20
Franz Josef Czernin: Voraussetzungen. Vier Dialoge (= Essay 49). Literaturverlag Droschl, Graz 2002. EUR 12.-.