sei mithin in der Lage, alles zu bedeuten. Das ist die Zuspitzung eines Satzes, mit dem Czernin unlängst einen manifestartigen Text in der Wiener Literaturzeitschrift «kolik» (Heft 18) begann: «So bedeutet jedes Gedicht nicht weniger als alles . . .» Und vermutlich ist derselbe Sachverhalt berührt, wenn es in dem Gesprächsbuch «Voraussetzungen» heisst: «Deshalb kann eine Dichtung ja auch nichts Bestimmtes bedeuten und verweist immer auf den, der etwas bedeuten lässt.» / Leopold Federmair, Neue Zürcher Zeitung, 3. Oktober 2002
Franz Josef Czernin: elemente.sonette. Verlag Carl Hanser, München 2002. Fr. 31.20
Franz Josef Czernin: Voraussetzungen. Vier Dialoge (= Essay 49). Literaturverlag Droschl, Graz 2002. EUR 12.-.
Immer wieder klaubt Krier zerbrochene Redensarten auf, auch Bruchstücke von Zitaten, aus der Bibel, von Beckett, Hölderlin oder Enzensberger, Goethe, Novalis oder Verlaine. Französische Sprachfetzen werden neu eingebunden. Die Perspektive der Texte ist die erhaschte Spur aus dem Augenwinkel, ihre akustische Aufmerksamkeit bleibt auf Neben- und Störgeräusche gerichtet. Doch unter dem Firnis von Bedrohung und Verlust glänzt als heimlicher paradoxer Grund das poetische Gelingen: «Lass uns / einen Leuchtturm bauen, wo keiner ihn sieht -». / Angelika Overath, Neue Zürcher Zeitung , 2. Oktober 2002
Jean Krier: Tableaux – Sehstücke. Mit Bildern von Max Neumann. Gollstein-Verlag, Blieskastel 2002. 96 S., Fr. 29.50.
In der Zeit-Literaturbeilage bespricht Susanne Riedel (Koeppenpreis 2002) Dieter M. Gräf und Thomas Kling bespricht Tomas Venclova („Odysseus vom Mare Balticum“). Uwe Kolbe berichtet über eine Übersetzerwerkstatt für litauische Texte (Akzente 5), und Olga Martynova stellt eine litauische Anthologie vor.
Dieter M. Gräf : Westrand Gedichte; Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002;
158 S., 15,- €
Tomas Venclova : Vor der Tür das Ende der Welt Gedichte; aus dem Litauischen von Rolf Fieguth, interlinear von Claudia Sinnig-Lucas; Hanser Verlag, München 2002;
95 S., 13,90 €
Litauische Poesie der Gegenwart Edition Akzente, Heft 5, Okt. 2002; Hanser Verlag, München 2002;
7,30 €
diverse : Vierzehn litauische Dichter Anthologie; Vaga Verlag / Athena Verlag, Vilnius / Oberhausen 2002;
152 S., 16,90 €
/ 2.10.02
ZEIT: Sie sagen, es gebe in der arabischen Kultur einzigartige Qualitäten. Welche?
Adonis: Die liegen immer außerhalb der Regierungen. Das beginnt mit der vorislamischen Poesie. Sie ist außergewöhnlich und hat das Niveau der großen griechischen, indischen und chinesischen Dichtung. Eine Poesie der Freiheit, der Liebe, des Körpers. Abu Nawas hat zur Zeit der Abessiden dasselbe getan wie Baudelaire: Er hat die Stadt in neuem Licht gesehen, das Alltagsleben – den Wert des Vergänglichen und des Ewigen. Er sagte immer: Mich interessiert nur das Verbotene. Das Verbotene ist mein Königreich. …
Immer wenn die Religion nichts vorschreibt, ist die arabische Kultur großartig. Poesie, Philosophie, Musik, Kunst – warum war die arabische Architektur so absolut außergewöhnlich? Weil es keine religiösen Referenzen und Vorschriften gab. Alles, was in der arabischen Kultur frei davon ist, ist außergewöhnlich.
/ Interview mit dem syrischen Dichter, Die Zeit 41/2002
Wo der nördlichste Markierungspunkt auf Karin Sanders Stadtplan von New York platziert ist, in der 116. Straße in der Gegend des St. Harlem Marktes, hat Chaibou Harouna einen Laden für Handschuhe und Schals. Er spricht Hausa, die offizielle Sprache in Nord-Nigeria, und weil er sie nicht schreiben kann, hilft ihm seine Kollegin Linda. „Guten Morgen“ schreiben sie auf einen Zettel, aber das eigentliche Wort, das Karin Sander für ihr Projekt bei ihm einsammeln ließ, wird noch nicht verraten. Endgültige Gewissheit gibt erst die Ausgabe der New York Times am kommenden Freitag, die an diesem Tag auch einer bestimmten Anzahl der Mittagsausgabe der Frankfurter Rundschau (nur im Straßenverkauf an den großen Frankfurter Ausfallstraßen) beiliegen wird. …
Karin Sander, Jahrgang 1957, bat für ihr Projekt Word Search 250 eingewanderte Bürger der Stadt, ein für sie besonders typisches Wort in ihrer Muttersprache zu notieren. Die Vokabel-Ausbeute von Afrikaans bis Zulu lässt Sander auf einer Seite im Börsenteil der New York Times abdrucken. „Kunst statt Konjunktur“ formuliert Sander, die das vergängliche Medium für einen Tag zur linguistischen Sprachskulptur werden lässt und dabei Denkanstöße über Begriffe wie Kapital und urbanes soziales Gefüge geben will./ FR 2.10.02
Vgl. auch Lyrikzeitung & Poetry News 09/2002. Mehr über das Projekt bei Deutsche Bank – art.info .
5. ( 4. – 5. ) – 20 Punkte
FRANZ JOSEF CZERNIN: Elemente, Sonette
Carl Hanser Verlag, 17,90 Euro
Die Elemente der mythischen Welt verwandelt Czernin in moderne Sprache.
7. ( – ) – 19 Punkte
MATTHIAS HERMANN: Der gebeugte Klang
Gedichte.
Verlag Klöpfer & Meyer, 14,80 Euro
Das Unvorstellbare in Sprache fassen: den Holocaust.
‚Schwer stehen / Die Psalmen im / Gebeugten Klang.‘
Die Bestenliste im Internet:
www.swr.de/bestenliste
[Ingeborg Bachmann:] Die beiden römischen Briefe und das Nachtbild haben von daher eine Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit der Wahrnehmung, wie nur die Zugehörigkeit zum gleichen Leben sie vielleicht zu geben vermag. Ihr 1956 veröffentlichtes Gedicht «Scherbenberg» ist noch am stärksten von der Spannung zwischen dem gekannten Fremden und dem unbegriffenen Eigenen getragen, das schon Goethe in Rom eine Doppelrolle auferlegt hatte:
Vom Frost begattet die Gärten – Das Brot in den Öfen verbrannt – Der Kranz aus den Erntelegenden Ist Zunder in deiner Hand. Verstumm! Verwahr deinen Bettel, die Worte, von Tränen bestürzt, unter dem Hügel aus Scherben, der immer die Furchen schürzt. Wenn alle Krüge zerspringen, was bleibt von den Tränen im Krug? Unten sind Spalten voll Feuer, sind Flammenzungen am Zug. Erschaffen werden noch Dämpfe Beim Wasser- und Feuerlaut. O Aufgang der Wolken, der Worte, dem Scherbenberg anvertraut!
Norbert Miller, NZZ 28.9.02 über neuere Italienreisen deutscher Dichter (Huchel, Rühmkorf, Brinkmann, Grünbein). – Dort auch eine Besprechung seines Buchs über Goethes Italienreise.
NZZ druckt am 28.9.02 Gedichte von Stephane Mallarmé und Paul Valéry.
NZZ (28.9.02) berichtet über ein Basler Theaterprojekt um Adolf Wölfli, den «Nathurvorscher, Dichter, Schreiber, Zeichner, Componist, Landarbeiter, Melker, Handlanger, Gäärtner, Gipser, Zementter, Bahn-Arbeitter, Taglöhner, Scheeren-Schleifer, Fischer, Schiffer, Jäger, Welsch-Heuer, Tohthen-Gräber und Soldat des Emmenthaler-Battaillons 3. Kompanie, 3. Sektion. Ebjä!!»
Ein «sea lion» ist ein Seelöwe, darauf haben sich die amerikanische Lyrikerin Martine Bellen und ihr deutscher Übersetzer Hans Jürgen Balmes bald einmal geeinigt. Welch wunderliches Wesen freilich verbirgt sich hinter dem italienischen «foca da cucina»? Etwas gar prosaisch klingt der Übersetzungsvorschlag von Susanne Lippert: «Küchenseehund». Das Wortspiel zwischen «foca» und «fuoco» ist der in Rom lebenden Deutschen dabei offenbar aus dem Blick geraten. Entsprechend skeptisch reagieren die übrigen Teilnehmer des Übersetzungs-Workshops auf Lipperts Neologismus. Auch der Vater der «foca da cucina», der lombardische Poet Franco Buffoni, möchte zu phantasievolleren Nachschöpfungen anspornen. / NZZ 28.9.02
«Eine Oase inmitten der Wüste der Zivilisation» nannte sie Miguel de Unamuno, der 1924 vom Diktator Primo de Rivera hierher verbannt wurde. Unter den Kanarischen Inseln ist Fuerteventura … / weiter NZZ 28.9.02
Ich zitiere mal zur Abwechslung eine andere Quelle, auch mit einem feinen Hinweis:
In Karl Mickels Gedicht „Indianerfilm“ lautet der letzte Vers:
„Ein Hausboot aufm Styx will Schmidt“
Mickel lesen!
Gruß
Peter Sinram
So in der Arno-Schmidt-Mailing-Liste (ASML) am 27.9.02
«Irgendwo musste der Mensch schliesslich geboren werden. Nicht jeder konnte in Wilna zur Welt kommen», äusserte sich der polnische Dichter Tadeusz Rózewicz einmal ironisch ergeben über seinen Geburtsort Radomsko, ein hässliches Provinznest, das nichts von jener magischen Aura besitzt, die viele an der litauischen Hauptstadt rühmen. Eine Herkunft aus Wilna, wo sich die verschiedensten Kulturen, Religionen und Sprachen – Litauisch, Polnisch, Russisch, Jiddisch, Weissrussisch und Deutsch – begegneten oder auch zu verdrängen suchten, gilt in Polen noch heute als Auszeichnung, die alte Wilnaer mit Stolz tragen wie einen funkelnden Orden.
…
In diesem Sinn war es mehr als ein symbolischer Akt, dass sich der grosse litauische Dichter [Tomas Venclova] nach seiner Rückkehr aus den USA vor kurzem nicht etwa im heimatlichen Vilnius niederliess – sondern in der alten polnischen Königsstadt Krakau.
/ Martin Pollack, NZZ 27.9.02
Was Böhmers Lyrik auszeichnet, sind ihre abenteuerlichen und souveränen Reisen ins enzyklopädische Universum: Vom Vokabular aus Botanik, Anatomie, Psychologie, Kosmologie und Mythologie bis hin zum Alltag zwischen „Hertie und Hauptbahnhof“ ziehen die Texte, getrieben von dem Zwang, „gegen die Namen der Dinge“ sagen zu müssen, „was die Dinge sind“, alle sprachlichen Register. Die Welt, die Böhmer dabei entstehen lässt, gleicht dem, was Deleuze und Guattari einst „Chaosmos“ nannten: Man erkennt Strukturen, Wörter und Bilder, die sich wiederholen, parataktische Satzmuster und Rhythmen, sogar vereinzelt Reime, die aber nie selbstverständlich wirken, und zugleich scheint dieses gesamte System in permanenter Bewegung, jede Wiederholung auch eine Verschiebung, jedes Bild assoziativ weiterwuchernd, kein Rhythmus, der nicht auch arhythmisch gebrochen wäre. In diesem Chaosmos wird eine Welt des Verlusts, des körperlichen Verfalls und der Grausamkeit sichtbar. Litaneiartig, bisweilen geradezu apokalyptisch und ohne Scheu vor Pathos umkreisen Böhmers Verse immer wieder Schmerz, Krankheit, Tod.
Eva Demski verglich die Lektüre von Kaddish I-X mit einer Wanderung durch eine eisige Schnee- und Flusslandschaft, unter deren Oberfläche vor allem Gräber verborgen seien, neben den Gräbern aber auch künftige Sommer. Denn wie jeder Totengesang ist Böhmers Lyrik auch ein Lobgesang auf das Leben. / Sascha Michel, FR 27.9.02
Paulus Böhmers Poem Kaddish I-X erschien bei Schöffling & Co., 250 S., geb., 24,-
Neueste Kommentare