Als Wolfgang Hilbig 1965 bei einem Zirkel schreibender Arbeiter mitmachte und bei Lyrikseminaren der DDR-Arbeiterfestspiele, war ziemlich klar, dass es bald zu Unstimmigkeiten kommen würde. „Einmal habe ich die DDR-Nationalhymne parodiert, das hieß dann bei mir: ,Auferstanden aus Urinen und dem Wohlstand zugewandt.‘ Da war ich dann von Verhaftung bedroht“, erzählt er heute lauthals lachend beim zweiten Glas Weißwein. / Susanne Messmer, taz 26.10.02
Es sei der Versuch gewesen, «den Ort der Poesie zu nennen». So hat Hilbig einmal in Anlehnung an Stéphane Mallarmé die «Abwesenheit» aus seinem ersten Gedichtband kommentiert. Er wollte die «Abwesenheit» weniger als Anspielung darauf verstanden wissen, dass seine Texte (damals noch) in der DDR nicht erscheinen konnten. Vielmehr sollte der Begriff die Selbstvergewisserung des Schriftstellers leisten; er sollte den Raum für die Kunst unter den Bedingungen des real existierenden Sozialismus im Sinne der Moderne neu definieren: Anders als aus der Position einer radikalen Abwesenheit heraus schien dies Hilbig weder denkbar noch möglich, nicht damals, doch auch heute nicht. / Roman Bucheli, NZZ 26.10.02
Wolfgang Hilbig hat den wohl exzentrischsten Dialekt, den je ein Büchner-Preisträger gehabt hat. Seine verrauchte, gutturale Stimme lässt er am Satzende nicht sinken, sondern steigen. Auf diese Weise entsteht eine Melodie, die aus fernen Regionen und archaischen Sphären aufzusteigen scheint; aus den vergifteten Halden der „Zone“, die sich im Handumdrehen in Traumlandschaften verwandeln. / Ina Hartwig, FR 28.10.02
Georg Klein hielt eine nur schwer bekömmliche, Ehrfurcht und Egozentrik manieriert verschmelzende Laudatio auf den Büchnerpreisträger; Hilbig seinerseits begann wunderbar, evozierte die Tage seines Lebens als Heizer und berichtete packend, wie er in der glücklichen Einsamkeit des Heizkesselraums der Gewissheit teilhaftig wurde, er wolle und müsse Schriftsteller werden, rutschte dann aber ab in eine flache Medienkritik, welche die magischen Momente seines Vortrags nachträglich ruinierte. / Joachim Güntner, NZZ 29.10.02
Mehr zur Preisverleihung:
FZA.Net spendiert ein kleines Dossier – ebenso der MDR. – Frankfurter Neue Presse 26.10. («Und ich bekomme immer einen Preis, wenn Volker Braun mir vorangegangen ist») – Frankenpost 27.10. – St. Galler Tagblatt 26.10. – Thüringer Allgemeine 26.10. (Gespräch) – Thüringische Landeszeitung 26.10. – Spiegel .de – Felicitas von Lowenberg berichtet in der FAZ vom 28.10. – SZ 28.10. – Die FAZ bringt am 29.10. Kleins und Hilbigs Reden. – Berliner Zeitung 29.10. –
Auswahlbibliographie
Der Geruch der Bücher (2002)
Anlässlich der Verleihung des Büchnerpreises erschien die CD „Der Geruch der Bücher – Wolfgang Hilbig liest Prosa und Gedichte“
Der Audio Verlag, Berlin, 78 min, 14.95 Euro
Bilder vom Erzählen (2001/ 02)
25 neue Gedichte von Wolfgang Hilbig, illustriert mit Radierungen des Berliner Buchkünstlers Horst Hussel. Großformatige Ausgabe zum 60. Geburtstag des Autors am 31. August 2001 in limitierter Auflage.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main.
ISBN 3-10-033628-3
Preis: 24,90 EUR
Abriß der Kritik. Frankfurter Poetikvorlesungen. (1995)
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main.
ISBN 3-596-22383-0
Preis: 8,00 EUR
Zwischen den Paradiesen. Gedichte und Prosa (1992)
Reclam, Leipzig
ISBN: 3379014192
Die Versprengung. Gedichte. (1986)
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main.
ISBN 3-596-15407-3.
Preis: 7,90 EUR
Stimme Stimme. Gedichte und Prosa. (1983)
Reclam, Leipzig
Abwesenheit. Gedichte. (1979)
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main.
ISBN 3-596-22308-3
Preis: 5,01 EUR
In der vierten Folge der SZ-Serie „Deutsche Landschaften“ präsentiert Thomas Kling den Niederrhein / SZ 26.10.02 – – – In der Stuttgarter Zeitung schreibt Nico Bleutge über José Olivers neuem Lyrikband „nachtrandspuren“ (26.10.). – – – Die Kieler Nachrichten schreiben über den 1930 in Hinterpommern geborenen, seit 1950 in der BRD lebenden Lyriker Hans-Jürgen Heise. – – – Über Hundelyrik des allseits beliebten Robert Gernhardt berichtet (nicht unkritisch) die FR (26.10.) – – – Und auch dies: Sanddornlyrik (Schweriner Volkszeitung 26.10.02)
Am Sonntag wäre Sylvia Plath 70 Jahre alt geworden. Ihre komplizierte Ehe mit Ted Hughes war überschattet von ihren Depressionen – und einer Konkurrentin, der charismatischen Deutsch-Russin Assia Wevill / Eilat Negev und Yehuda Koren, Die Welt 26.10.02
Lokal aus München:
Quadratisch, gut
Neue Literaturzeitschrift „ Münchner Hefte“
Endlich eine gute Nachricht für Studenten. Außer Wohnungsknappheit und überfüllte Hörsäle hat ihnen der Semesterbeginn eine neue Literaturzeitschrift gebracht. Sie heißt „Münchner Hefte“ und liegt kostenlos vor allem in und um die Uni herum aus. Auf 50 sorgfältig gelayouteten Seiten im Quadratformat bieten die Hefte ein Forum für junge Helden der Lyrik, der Prosa und des Essays, die irgendwo zwischen Poetry Slam, ernsthaften literarischen Absichten und der schüchternen Schubladenproduktion entlang formulieren. Das Chef-Trio Dennis Ballwieser, Holger Zapf und Verena Richter – Studenten, um die 20 Jahre alt – finden ihre Autoren per Schneeballsystem und über E-Mail-Zuschriften ( http://www.muenchner-hefte.de ). jt / SZ 26.10.02
Selbst- und schreibvergnügt spasste der Autor der «Fröhlichen Wissenschaft» in seinem «Vorspiel in deutschen Reimen»:
«Die Feder kritzelt: Hölle das! Bin ich verdammt zum Kritzeln-Müssen? – So greif‘ ich kühn zum Tintenfass Und schreib‘ mit dicken Tintenflüssen. Wie läuft das hin, so voll, so breit! Wie glückt mir Alles, wie ich’s treibe! Zwar fehlt der Schrift die Deutlichkeit – Was thut’s? Wer liest denn, was ich schreibe?» / NZZ 26.10.02
Friedrich Nietzsche: Werke. Kritische Gesamtausgabe. Abteilung IX. Der handschriftliche Nachlass ab Frühjahr 1885 in differenzierter Transkription. Herausgegeben von Marie-Luise Haase und Michael Kohlenbach in Verbindung mit der Berlin- Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Bd. 1-3 plus CD-ROM, bearbeitet von Marie-Luise Haase, Michael Kohlenbach, Johannes Neininger, Wolfert von Rahden, Thomas Riebe und René Stockmar, unter Mitarbeit von Dirk Setton. Verlag Walter de Gruyter, Berlin 2001. Insges. 640 S., Fr. 341.-
Rezensent Heinrich Detering nennt Harald Hartungs Gedichtband „ein wunderbar abgründiges Buch“ und fordert, den Autor endlich zu den „derzeit wichtigsten Lyrikern im Lande“ zu zählen. / FAZ 26.10.02
Hartung, Harald
„Langsamer träumen“ Gedichte
Carl Hanser Verlag, München 2002, ISBN 3446202374
Gebunden, 96 Seiten, 13,90 EUR
In der Frankfurter Anthologie (gleiche Ausgabe) stellt Wulf Segebrecht ein Gedicht Hartungs vor.
„Volker Braun is brash and strident“, schrieb der Kritiker der TLS dereinst (also hastig, schrill, unüberlegt, scharf, dreist, durchdringend, grell, unverschämt…) Wieviel mehr das alles für Brasch, Thomas, Brasch is brash? Über ihn schrieb Michael Braun für die Baz:
«So lief ich durch das Finster in meinem Schädelhaus»
Es ist ein sehr einsamer Dichter, der hier seine Lebensstrecke vermessen will. Als Melancholiker starrt er auf die immergleiche Leere, in der das Leben verrinnt. Die gelebte Biographie schrumpft zu Spiegelungen der eigenen Verlassenheit. … “ (24.10.02).
(Der Schlüssel bedeutet: Weiterlesen dürfen Sie erst, wenn Sie Ihr Abonnement bezahlt haben. Oder eine gute Bibliothek in der Nähe.)
Als Trostpflaster für die anderen hier ein frühes Gedicht von Brasch:
Wie viele sind wir eigentlich noch.
Der dort an der Kreuzung stand,
war das nicht von uns einer.
Jetzt trägt er eine Brille ohne Rand.
Wir hätten ihn fast nicht erkannt.
Wie viele sind wir eigentlich noch.
War das nicht der mit der Jimi-Hendrix-Platte.
Jetzt soll er Ingenieur sein.
Jetzt trägt er einen Anzug und Krawatte.
Wir sind die Aufgeregten. Er ist der Satte.
Wer sind wir eigentlich noch.
Wollen wir gehen. Was wollen wir finden.
WelchenNamen hat dieses Loch,
in dem wir, einer nach dem andern, verschwinden.
Als dieses Gedicht 1975 in einem 90-Pf-Heftchen der Reihe Poesiealbum erschien, lebte Brasch noch im Land DDR, das es nicht mehr gibt. Brasch leider auch nicht.
In der Zeit würdigt Jens Jessen die Berliner „Lange Nacht der arabischem Poesie“ mit dem Gipfeltreffen Adonis/ Darwisch und die gerade erschienene neue Nummer der Poesiezeitschrift „Diwan“, in der u.a. eine Umfrage zum hema Exil und Heimat steht. Mitherausgeberin Amal Al-Jubouri schreibt dort:
In der arabischen Welt, besonders in meinem Heimatland, ist Heimat etwas, das unsere Persönlichkeit unbarmherzig zwingt, in der Gemeinschaft aufzugehen und zum Teil einer Herde zu werden. Die Stimme des einzelnen Autors kann nur im Rahmen der Stimme der gesamten Nation existieren, und diese ist das Produkt der Politiker und der Geistlichen.
Jessen berichtet über die Diskussion:
Es war kein Zufall, dass diese innerarabische Diskussion in Berlin stattfand. Denn zur Erinnerungslast gehört auf israelischer Seite vor allem der Holocaust. Mit Nachdruck erinnerte der moderierende Iraner Navid Kermani daran, dass unweit vom Tagungsort, am Bahnhof Grunewald, die Juden deportiert wurden. Die Frage ist nur: Was können die Palästinenser dafür? „Warum müssen wir“, fragte Darwisch, „mit unserem Land für eine historische Katastrophe bezahlen?“ Es war eine rhetorische Frage, in die sich die depressive Einsicht kleidete, dass jenes deutsche Verbrechen noch immer Unheil fort und fort zeugt. „Vielleicht“, sagte Darwisch, „wurden die Palästinenser tatsächlich ausersehen, wiederum eine Art Juden zu sein.“ Das Problem sei nur: „Die Israelis wollen keine anderen Juden.“ Und in der Tat, aus einem Kampf der Opfermythen ist natürlich kein Ausstieg möglich. / Die Zeit 44/2002
Knapp vierzig Jahre später sind nun bei intermedium records Jandls Debütarbeiten für das Radio erstmals auf CD erschienen, die „13 radiophonen texte“, die Jandl 1966 im Auftrag der BBC London produziert hatte. Die Sprechgedichte, wie sie Jandl titulierte, ergänzt das auf Schallplatte lange vergriffene Hörspiel „das röcheln der mona lisa“ aus dem Jahr 1970. Beide Stücke beweisen, dass Jandl kein Erneuerer der deutschen Literatur (und speziell des Hörspiels) war, sondern ihr radikaler Kritiker, der Entwerter eines verstockten Literaturverständnisses, das den Suhrkamp Verlag in den fünfziger Jahren dazu bewogen hatte, Jandl zu bescheinigen, er sei ein „Dichter ohne Sprache“. …
Jandl, der „Sternenarchitekt der Silben“ (H. C. Artmann), war ein verspielter Analytiker dessen, was sich der menschliche Planetenbewohner in seiner Sprache antut, aus vermeintlich freien Stücken. Wo heute alles kommuniziert wird, die Ware, die Politik, das Leben, wo, so Adorno, der „Schwindel der Kommunikation“ den Schleier über die Welt legt, die in einem Universum der Manipulation, geboren aus Fernsehen und Marketing, rotiert, das parallel zur Wirklichkeit liegt, lag Jandl richtig: sinnfern unprätentiös, abgeklärt, desillusionierend: „talk – bla bla bla bla / bla bla bla / bla bla bla bla / bla bla bla / bebb / bebb / bebbebb / bebbebbebbbebebb / bebb / bebb / bebbebb / bebbebbebbbebebb / bla bla bla“.
Ernst Jandl: „13 radiophone texte“ & „das röcheln der mona lisa“, intermedium records/Strunz! enterprises 2002, 67 Min., unverb. Preisempfehlung: 18,90 Euro.
/ Jürgen Roth, FR 22.10.02
in Wien. Nick Cave mit düsteren Balladen, die junge Autorin Ayu Utami aus Jakarta mit provokanten Attacken, der österreichische Schrammel-Musiker Roland Neuwirth mit deftigen Dialektversen – vielstimmig und vielsprachig, jung und traditionell, gereimt und ungereimt erklingt ein internationales Ständchen. Schüler und Meister des gesprochenen, gesungenen oder geschriebenen Wortes feiern mit Konzerten und Performances im Oktober den 10. Geburtstag der «schule für dichtung» in Wien.
«Es gibt Akademien für alles und jedes, nur nicht für Lyrik», war die Ausgangsüberlegung des Wiener Schriftstellers Christian Ide Hintze, als er 1992 die ungewöhnliche Lehranstalt mit dem Kürzel sfd aus der Taufe hob. Dabei signalisiert bereits das Logo, für das Christian Morgensterns Gedicht «Fisches Nachtgesang» Pate stand, die inhaltliche Ausrichtung. Das erste konkrete Gedicht der Literaturgeschichte, das nur aus Betonungszeichen besteht, verweist auf die akustische und optische Dimension der Sprachkunst. / Leipziger Volkszeitung 21.10.02
(eine dpa-Meldung, die die Lokalzeitungen landesweit nachdrucken; die Großen: kommen bestimmt noch?)
Über Gedichte aus der Gefühlswelt des Dichters Gert Heidenreich berichtet die Augsburger Allgemeine am 21.10.02 – Die Aachener Nachrichten kündigen den neusten Lyrikgipfel an (mit Draesner und Hummelt). – Die Nordbayrischen Nachrichten berichten über den Nürnberger Mundartdichter Fitzgerald Kusz.
Adonis, wie Mahmud Darwisch ein Star der Abende, las aus einem Prosagedicht von 1971, aus „Grab für New York“, das den arabischen Antiamerikanismus jenseits der Religion als Kritik der Moderne beschreibt. „Der Wind weht ein zweites Mal aus dem Osten, er entwurzelt die Wolkenkratzer wie die Zelte“, heißt es in der Übersetzung von Stefan Weidner. Und: „Die Tat ist eine Richtung, ein Moment, das Wort aber ist jede Richtung.“ Intellekt statt Terror.
In einem Interview mit der Zeit beklagte Adonis kürzlich, dass die Amerikaner in politischen Fragen nie mit arabischen Oppositionellen sprechen. Er selbst hat als Dichter nämlich durchaus etwas vor: „Ich will eine neue arabische Kultur, eine neue Geschichte und Zivilisation begründen.“ / FR 21.10.10
Michel Boy trägt die beiden Gedichte, die unbekümmert um Genreschranken oft wie aufgeregte und dramatisch zugespitzte Erzählungen daherkommen, vor, wie sie unbedingt vorgetragen werden müssen: Er tritt nicht als Rezitator auf, sondern verkörpert einen Sprecher, der sich zuerst in Rage redet und dann, von der eigenen Suada mitgerissen, den roten Faden fast verliert. Tatsächlich gibt es zumal in Crosse en l’air (das ist der Bischofsstab in der Luft) die abenteuerlichsten Verwicklungen; kein noch so ernstes Thema hindert Prévert , den Eigenbewegungen der Wörter nachzugehen und etwa um einer Verkettung von Assonanzen willen immer neue Situationen zu erfinden und manchmal geradewegs in den schönsten Dada-Nonsens abzudriften. / FR 21.10.02
Bei dem Titel handelt es sich um die erste und bislang einzige Monographie über den jüdisch-mährischen Autor Hugo Sonnenschein (1889-1953). Darin untersuche ich Sonnenscheins frühe Lyrik und arbeite heraus, dass sie eng mit tschechischsprachigen Texten verknüpft ist, beispielsweise mit den Schlesischen Liedern von Petr Bezruc oder mit Dichtungen Otokar Brezinas. Außerdem enthält das Buch erhellende Hinweise auf Sonnenscheins umstrittene Biografie; in diesem Zusammenhang zitiere ich aus Dokumenten, die das 1947 vom Außerordentlichen Volksgericht in Prag gegen Sonnenschein ausgesprochene Verdikt, er sei Konfident der Gestapo gewesen, sehr fragwürdig erscheinen lassen. Die Publikation basiert auf mehrjährigen Archivstudien in Tschechien und Österreich und verarbeitet umfangreiches Quellenmaterial, das der Forschung zum Teil erst seit Anfang der 90er Jahre zugänglich ist. / 20.10.02
Dieter Wilde: Der Aspekt des Politischen in der frühen Lyrik Hugo Sonnenscheins. Frankfurt am Main 2002
Verlag Peter Lang
ISBN 3-631-38551-X
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