The Raven

Edgar Allen Poes Wunsch, lieber das beste Lied einer Nation als dessen bestes Epos verfasst zu haben, ging mit seinem oft vertonten Gedicht „Eldorado“ schon fast in Erfüllung; mit Lou Reeds „The Raven“ aber hat er ein neues, ein zeitgemäßes und völlig überraschendes Denkmal für Edgar Allan Poe, den Songwriter, erhalten. / KARL BRUCKMAIER, SZ 8.2.03

Das Tal der Rituale

Für die FAZ bespricht Harald Hartung, 8.2.03:

Fuad Rifka

„Das Tal der Rituale“
Ausgewählte Gedichte, arabisch-deutsch

Straelener Manuskripte Verlag, Straelen 2002, ISBN 3891070497
Gebunden, 128 Seiten, 26,00 EUR

Gedichte zum Sonnabend

Klaus Merz, NZZ 8.2.03 – – – Stéphane Mallarmé , ebd . – – – Friedrich Schiller, FAZ 8.2.03

Orangenkalzit

In der Textgalerie des Freitag vom 7.2.03 stellt Michael Braun ein Gedicht von Ralf Rothmann vor:

Das schöne Rätsel dieses Gedichts beginnt schon im ersten Vers, mit einem Wunschbild des Dichters. An wen ist es adressiert? Ist es eine Bitte, die hier vorgetragen wird, oder schon ein Gebet? Wer könnte für die Erfüllung des Wunsches nach den Essentialien des Dichterischen, nach »Stimme und Gedichte«, zuständig sein? Die Musen, die einst als göttlicher Hauch verstandene »Inspiration« oder gar eine veritable transzendente Instanz? Das Dichterische wird jedenfalls mit den illuminierenden Energien eines Steins gleichgesetzt. Der Orangenkalzit ist ein Stein von farbintensiver Transparenz, dem man in der esoterischen Heilkunde außerordentliche Wirkungen auf das innere Gleichgewicht und die Stabilisierung des Ich zuschreibt.

Metamorphosen des Ovid

Martin Bauer bemüht Ovid aus aktuellem Anlaß:

Auch in die kleinste Auswahl der Grundbücher der abendländischen Zivilisation gehören die „Metamorphosen“ des Ovid. Annähernd 20 000 lateinische Verse handeln von einer Götter- und Menschenwelt, die von ständigem Wandel beherrscht wird. Es sind diese Verwandlungen, aus denen sich Konflikte ergeben. Zugleich führen die Verwandlungen aber auch zur Lösung der Konflikte. Die Aufgabe, vor die Ovid sein Publikum stellt, besteht also darin, in der Ursache von Konflikten die Instrumente ihrer Bewältigung zu erkennen. Man kann Ovids Vertrauen in die zivilisierende Macht der Metamorphose belächeln, als die Marotte eines Intellektuellen abtun, der sich so über das Elend seiner Verbannung hinwegtrösten wollte. Aber der Mythos hat immer Recht. / Berliner Zeitung 5.2.03

Gegen „Surenpingpong“,

das Herauslösen einzelner Zitate aus dem Koran durch Freund und Feind, schreibt Navid Kermani, SZ 4.2.03:

„Der Koran ist eine Schrift zwischen zwei Buchdeckeln, die nicht spricht; es sind die Menschen, die mit ihm sprechen“, sagt Imam Ali. Die Offenbarung bedarf der Interpretation, und erst mit Blick auf ihre realpolitische Wirkung lässt sich über den Islam sprechen. Dass sein Bild in der Gegenwart erschreckend aggressive Züge aufweist, darüber darf nicht geschwiegen werden und es sollte muslimische Denker mehr beunruhigen als westliche Klischees; wer jedoch in der Intoleranz einen Wesenskern speziell des Islams zu erkennen meint, leugnet die gewalttätigere Geschichte des Christentums.

(Ihm antwortete der Orientalist Rainer Brunner am 17.2.03 SZ)

Nationalbibliothek?

Kreativ-Schreiber, stille Poeten und – sollte es sie noch geben – Genies will die Nationalbibliothek des deutschsprachigen Gedichtes mit einem Wettbewerb entdecken. Zum sechsten Mal schreibt sie einen Gedichtwettbewerb aus. Es gibt Geld- und Sachpreise in Höhe von insgesamt 6000 Euro zu gewinnen. Zudem erhält jeder Teilnehmer ein Gutachten seines Werkes durch die Fachjury. Bei einem Lyrik-Festival werden die Siegergedichte öffentlich vorgetragen.

Wer darf mitmachen?

Jeder, der ein selbst verfasstes Gedicht in deutscher Sprache einsendet, nimmt am Gedichtwettbewerb 2003 der NATIONALBIBLIOTHEK DES DEUTSCHSPRACHIGEN GEDICHTES teil. Der Wettbewerb ist also wieder für jedermann offen, die Teilnahme ist kostenlos. Aufgefordert mitzumachen sind insbesondere auch solche Autoren, die bisher noch nie veröffentlicht haben. / 4.2.03

www.nationalbibliothek.de

Je rêve tellement fort de toi.

Das kritzelte der französische Journalist und Schriftsteller Robert Desnos (1900–1945) auf einen Zettel, nachdem er, von den Russen aus Theresienstadt befreit, in einem Krankenhaus im Sterben lag. Die Worte galten seiner Frau und Witwe Youki Desnos in Paris. Wie so viele junge Begabungen hatte auch er anfangs mit dem von Paul Claudel 1925 als Klub von Pädophilen denunzierten Kreis der Surrealisten um André Breton kokettiert; wie so viele zerstritt auch Desnos sich nur wenig später mit Bréton. Als die Deutschen Paris besetzten, brachen die verschiedenen Vorkriegsfraktionen Pariser Intellektueller, es kam zu wechselnden Bündnissen und abrupten Feindschaften. /

HANS JAKOB MEIER, SZ 4.2.03 über

PAUL SÉRANT: Dictionnaire des Ecrivains francais sous l’Occupation. Editions Grancher, Paris 2002. 348 Seiten, 22 Euro.

Mein Armloch

Im titel -magazin bespricht Klaus Hübner, 4.2.03

Rosa von Praunheim: Mein Armloch. Martin Schmitz Verlag. 2002. Broschur. 120 Seiten. € 14,50. ISBN 3-927795-36-4

Antilopenmond

NZZ lobt eine neue Anthologie afrikanischer Liebeslyrik

Und mit glücklicher Erschütterung spürt man dann plötzlich die Kraft und die Wut eines Syl Cheney-Coker (aus Sierra Leone) oder den Zynismus der grossartigen Ingrid Jonker aus Südafrika (* 1933), die sich 32-jährig das Leben nahm: «Ich steh zur Seite denen / die den Sex missbrauchen».

und verweist auf einen gewichtigen Mangel des Buchs:

Versammelt sind nur Gedichte, die in Englisch, Französisch oder Portugiesisch geschrieben wurden, in den Welt- und Kolonialsprachen. Bis auf Ausnahmen ausgespart blieben – weil nur schwer übertragbar – Verse aus afrikanischen Sprachen. Was aber wäre Afrikas Lyrik ohne ihre oralen Traditionen?

Uwe Stolzmann, NZZ 4.2.03

Peter Ripken und Véronique Tadjo (Hg.): Antilopenmond. Liebesgedichte aus Afrika. Mit Illustrationen von Juliane Steinbach. Aus dem Englischen von Thomas Brückner. Aus dem Französischen von Sigrid Gross. Aus dem Portugiesischen von Inés Koebel. Peter-Hammer-Verlag, Wuppertal 2002. 188 S., Fr. 30.80.

Außerdem: Genoveva Dieterich über die 1989 auf Spanisch erschienenen Erinnerungen der jüngsten Schwester des spanischen Dichters Federico Garcia Lorca , der 1936 von den Franquisten ermordet wurde.

Nachruf auf Annemarie Schimmel

Ms. Schimmel taught generations of students in a breathtaking style that included lecturing with her eyes closed and reciting long passages of mystical poetry from memory. She spoke Arabic, Farsi, Turkish, Urdu and Punjabi. / NYT 2.2.03

Mehr Nachrufe auf Annemarie Schimmel siehe Ausgabe Januar 2003.

Gedichte sind Musik

Diether de la Motte: Gedichte sind Musik. Musikalische Analysen von Gedichten in 800 Jahren. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2002. 202 S., Fr. 31.50.

Neue Zürcher Zeitung , 1. Februar 2003

So That´s What It´s Like

Naturgemäss gibt es Dichter, bei denen die Übersetzer besonders hart an ihre Grenzen stossen: Ein solcher Fall ist Tony Harrison, Poeta doctus aus dem Arbeitermilieu von Leeds, mit seiner erstaunlichen Verbindung vulgärer Kolloquialität mit der handwerklichen Meisterschaft im Gebrauch fester Formen wie des Sonetts. Alles in allem ein nützlicher, nötiger, vielfach gelungener Band; und den grossen Verlagen durchaus, wenn auch nicht unbedingt in gleicher Machart, zur Nachahmung empfohlen. / Werner von Koppenfels, NZZ 1.2.03

Wolfgang Görtschacher / Ludwig Laher (Hrsg.): So also ist das. So That’s What It’s Like. Eine zweisprachige Anthologie britischer Gegenwartslyrik. Haymon-Verlag, Innsbruck 2002. 250 S., Fr. 43.-.

Zum Tod von Annemarie Schimmel

Wer die kleine, zarte Gelehrte einmal in ihrer Bonner Wohnung erlebte, umstellt von jenen vielen Büchern, die ihren eigenen Kosmos in die Außenwelt transportierten, war über ihre glühende innere Energie erstaunt. Wer ihren detaillierten Ausführungen über das „schwarze Licht“ lauschte, welches die mittelalterlichen Sufis der persischen „Schule der Erleuchtung“ in ihren Meditationen zu sehen vermeinten, wußte, daß sie nicht ganz von dieser Welt war. Auch die Muslime, ja diese ganz besonders, werden sie betrauern. / WOLFGANG GÜNTER LERCH, FAZ 29.01.2003, Nr. 24 / Seite 33

Weitere Nachrufe: NZZ 29.1.03 / taz 29.1. / FR 29.1. / SZ 29.1. / Tagesspiegel 29.1.

Hughes´ Sinnfuchs

Das Eröffnungsgedicht, „Der Sinnfuchs“, legt eine klare Fährte mitten in das Zentrum von Dichtung, es beschreibt auf einer knappen Seite das, wozu andere vielleicht eine ausgearbeitete Poetologie benötigen, nämlich den mystischen Entstehungsprozess eines einzelnen Gedichts. „Ein bilde ich mir dieses Mitternachtsmomentes Wald: / Etwas andres außer mir lebt / Noch neben der Uhr Einsamkeit / und dieser leeren Seite, auf der meine Finger sich regen… / Kalt, zart wie der dunkle Schnee / Berührt eines Fuchses Nase Zweig, Blatt… / Bis er mit einem jäh scharf beißenden Fuchsgestank / Eintritt in die dunkle Höhle des Kopfs. / Sternlos das Fenster noch; die Uhr tickt, / Die Seite ist gespurt.“ Dank der geschickten Auswahl scheint sich Gedicht für Gedicht ein kurzer Abriss der Geschichte menschlicher Dichtung aufzubauen, wie sie sich Hughes darstellt und die er mit seinem eigenen Werk als Zeugnis belegt. / Cornelia Jentzsch, FR 29.1.03

Ted Hughes: Prometheus auf seinem Felsen. Gedichte. Englisch und Deutsch. Übertragen und mit einem Nachwort von Jutta Kaußen. Mit einem Bilderzyklus von Eva Clemens. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2002, 96 Seiten, 13,80 € .

Ted Hughes: Etwas muss bleiben. Gedichte. Englisch und Deutsch. Ausgewählt und übertragen von Jutta und Wolfgang Kaußen. Mit einer Gedenkrede auf Ted Hughes von Seamus Heaney. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002, 201 Seiten, 14,80 € .

In der gleichen Zeitung bespricht Jan Wagner den Gedichtband der Hughes/Plath-Tochter Frieda Hughes (vgl. Archiv 21.01.03 Kein Wunder bei den Eltern).