Renaissance der Experimentellen

Michael Lentz nimmt das Dichten sportlich, mit spielerischer Intelligenz und logischem Scharfsinn. Er probiert vieles von dem aus, was Jean Cocteau seinerzeit schon, umgeben von einer überhitzten Phalanx neoromantischer bis surrealistischer Ausdrucksartisten, den jungen Dichtern zur Abkühlung riet: «verkehrt herum schreiben, die Buchstaben untereinander verbinden, schreiben und das Blatt im Spiegel betrachten, eine geometrische Zeichnung anfertigen, die Worte an die Kreuzpunkte der Linien setzen und die Lücken anschliessend auffüllen, einen berühmten Text umkehren, indem man den Sinn herumdreht . . .» So würde ihr Geist Muskeln ansetzen. Beherzigt haben es wenige, doch immerhin genug, um eine fast hundertjährige Tradition experimenteller Lyrik zu begründen. Gegenwärtig feiert diese Kunstrichtung eine weltweit vernetzte Renaissance, und zwar nicht in klandestinen Poetenzirkeln, sondern auf den grossen Bühnen der Städte, eng verbunden mit der jungen Musikszene. «Aller Ding» ist ein temperamentvolles Kompendium experimenteller Lyrik des 20. Jahrhunderts. Michael Lentz erfindet nichts Neues, aber seine lyrischen Muskelspiele boxen Auswege frei aus der ewigen Aporie zwischen konventioneller Poesie und Avantgarde.

Beatrix Langner, NZZ 13.3.03

Michael Lentz: Aller Ding. Gedichte. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2003. 193 S., Fr. 33.60.

S.a. SZ 31.3.03

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