Anläßlich der Neuausgabe seines „Museums der modernen Poesie“ sprach Hans Magnus Enzensberger mit der Märkischen Allgemeinen (29.1.03):
Im Nachwort sprechen Sie von „Illusionen und Irrtümern“, denen Sie bei der Erstauflage erlegen gewesen seien. Meinen Sie damit auch Ihren Begriff von der „Weltsprache der modernen Poesie“?
Enzensberger: Ja, sicherlich. Denn das gehörte natürlich auch zum Pathos des Neuanfangs. Wir standen in diesem nicht nur kulturellen und literarischen, sondern generellen Trümmerfeld der Nachkriegszeit. Da hat man dann vielleicht in diesem Pathos manchmal etwas zu hoch gegriffen, denn „Weltsprache“ würde ja implizieren, dass man tatsächlich sämtliche Kulturen dieser Welt vorstellt. Und das hätte meine Möglichkeiten gesprengt.
Nico Bleutge bespricht für die SZ, 29.1.03:
RICHARD DOVE: Farbfleck auf einem Mondrian-Bild. Gedichte. Edition Thaleia, St. Ingbert 2002. 184 S., 14 Euro
Die FAZ präsentiert uns heute schöne kluge Sätze von Borges, wie diese:
Ich fürchte, hier nicht verstanden zu werden, und auch auf die Gefahr hin, die Angelegenheit allzusehr zu simplifizieren, möchte ich ein Beispiel suchen. Als Illustration mag uns diese aufgegriffene Metapher dienen: „Das Feuer, mit wüsten Kiefern, frißt das Feld.“ Ist diese Wendung verwerflich oder zulässig? Ich behaupte, das hängt allein von dem ab, der sie prägte, und das ist kein Paradoxon. Nehmen wir an, in einem Café der Calle Corrientes oder der Avenida [9 de Julio] präsentiert ein Literat sie mir als sein eigen. Dann werde ich denken: Metaphern machen ist jetzt wohl ein vulgärer Zeitvertreib geworden; „verbrennen“ durch „fressen“ ersetzen ist kein glücklicher Tausch; das mit den Kiefern mag den einen oder anderen verblüffen, es ist aber eine Schwäche des Dichters, sich durch das redensartige „verzehrende Feuer“ hinreißen zu lassen, ein Automatismus; insgesamt: Null . . . Nehmen wir nun an, die Metapher wird mir präsentiert von einem chinesischen oder siamesischen Dichter stammend. Dann werde ich denken: Bei den Chinesen wird alles zum Drachen; und ich werde mir ein Serpentinenfeuer vorstellen, hell wie ein Fest, und es wird mir gefallen. Nehmen wir an, der Augenzeuge eines Brandes verwendet diese Metapher oder, noch besser, einer, dessen Leben durch die Flammen bedroht war. Ich werde denken: Diese Vorstellung eines Feuers mit Kiefern hat wahrlich etwas von Albtraum, von Grauen, und gibt einem bewußtlosen Ereignis etwas von abscheulicher menschlicher Bosheit. Der Satz ist beinahe mythologisch und ungeheuer kraftvoll. Nehmen wir an, man sagte mir, der Vater dieser Redewendung sei Aischylos und gesprochen habe sie Prometheus (somit sei sie wahr) und der angekettete Titan, von den beiden schlimmen Vollstreckern namens Kraft und Gewalt an einen Felsvorsprung gebunden, habe sie dem Okeanos gegenüber deklamiert, einem alten Caballero, der in einem Wagen mit Schwingen kam, sein Mißgeschick zu betrachten. Dann erschiene mir der Satz gut, sogar vollkommen, in Anbetracht der beiden außerordentlichen Dialogpartner und des (schon poetischen) entlegenen Ursprungs. Ich werde das gleich tun wie der Leser, der ohne Zweifel sein Urteil zurückhält, bis er sich vergewissert hat, von wem der Satz stammt. / FAZ 28.1.03
Anm. der FAZ: Der bisher auf deutsch unveröffentlichte Text von 1927 ist dem Band „Eine neue Widerlegung der Zeit und 66 andere Essays“ entnommen, der im Februar als 218. Band der „Anderen Bibliothek“ im Eichborn Verlag erscheint.
In der FR gibt Karin Ceballos Betancur Tips anläßlich des kubanischen Nationaldichters und Freiheitshelden José Martí:
Wir möchten den Geburtstag von José Martí, der heute 150 Jahre alt geworden wäre, nutzen, um dem verwirrten Musikfreund, der Freiheit und Gerechtigkeit liebt, zu raten, die Versos sencillos als Buch zu lesen [statt als Guantanamera-Sound zu hören], Havana Club statt Bacardi Rum zu trinken und eine andere Platte mit anderen schönen Guajiras zu hören. So toll ist „Guantanamera“ sowieso nicht. /FR 28.1.03
Sogar die taz kommt uns heute lyrisch:
Konsequenterweise ist so mancher Text auch ein Stück erotischer Lyrik: „wo dies so fruchtet; zungenfertig, uns dran säugend,/ wie leib- uns, nahrhaft fassen im anreichern, -schwellen,/ in eignen saft lauthals geraten uns, frisch erzeugend/ zur neige flößen ein uns sattsam zu erhellen“.
Das ist barocke Sprachlust in moderner Diktion und darüber hinaus (darf man das sagen?) zeitlos schön. Elementare Gedichte eben: geschrieben mit poetischem Feuer, mit allen theoretischen Wassern gewaschen; sie stehen mit beiden Beinen auf der Erde und tragen den Kopf in den Lüften – so hoch, dass sich künftige Sonettierer ganz gehörig danach recken müssen.
/NICOLAI KOBUS, taz 28.1.03 über
Franz Josef Czernin: „elemente, sonette“. Hanser Verlag, München
2002, 160 Seiten, 17,90
am 26. Januar 2003 startete das Internetkulturmagazin satt.org – der bunte Zauberwürfel mit mehr als sechs Seiten – die Gedichtanthologie Lyrik.Log. Die vom Berliner Dichter Ron Winkler herausgegebene Lyriksammlung präsentiert jede Woche jeweils ein Gedicht eines zeitgenössischen Autors (samt kurzen biographischen Angaben). Beiträge zugesagt haben bislang unter anderem Frans Budé (NL), Gerhard Falkner, Hartwig Mauritz (NL), Bert Papenfuß und Maren Ruben.
Bei den Gedichten handelt es sich größtenteils um deutschsprachige Erstveröffentlichungen. Selbstverständlich werden bei Übersetzungen auch die Gedichte in der Originalsprache mitveröffentlicht.
Herausgeber Ron Winkler verbindet mit dem Projekt folgende Ziele:
Lyrik.Log wird zunächst für einen Zeitraum von einem halben Jahr versuchen, die Vielgestaltigkeit der Poesie zu beweisen. Wöchentlich mit einem weiteren Gedicht angereichert, ist die so wachsende Anthologie ein Pulsschlag des zeitgenössischen Gedichts und Fingerzeig auf dessen Inhalte, Energien und Potenziale. Lyrik.Log ignoriert Generationszeiträume, Altersstufen und Szenegrenzen, um eine möglichst weit gespannte Galerie der Gedichte aufzuspannen und Nachricht zu geben vom Entwicklungsstand der ältesten literarischen Gattung.
Lyrik.Log wird jeden Sonntag aktualisiert. Ein übersichtliches Archivsystem
bietet einen einfachen und schnellen Zugriff auf alle zurückliegenden
Eintragungen. Die erste Folge von Lyrik.Log stammt von dem in Berlin lebenden Dichter Andreas Altmann.
<http://www.satt.org/lyrik-log/>.
(25.1.03) In der NZZ: der argentinische Dichter Santiago Kovadloff. – – – In der FAZ stellt Peter von Matt Günter Eichs Gedicht „Latrine“ vor (in dem sich „Hölderlin“ auf „Urin“ reimt). – – – In Rolf Schneiders Berliner Anthologie ein Gedicht von Henryk Bereska (Berliner Morgenpost).
Zum 80. Geburtstag von Eva Zeller am 25.1.03 gratulieren die Süddeutsche und die FAZ. – – – Für die SZ-Rubrik „Deutsche Landschaften“ schreibt Lutz Seiler über seine Thüringer Heimatgegend. – – – Die Berliner Zeitung schreibt über das Cellokonzert „Tout un monde lointain“ von Henri Dutilleux, dessen fünf Sätzen jeweils Verse aus Baudelaires Gedichtsammlung „Les fleurs du mal“ vorangestellt sind.
Die Übersetzung befindet sich fast immer auf dem idealen Mittelweg von Textnähe und Textferne, der eine gelungene Adaption auszeichnet. Lars Vollert verfügt über ein Stilgespür, das seine Übersetzung wohltuend von manchem eher uninspirierten Zugriff abhebt. Wenn sie zuweilen etwas altbackener klingt als das unprätentiöse Original, ist dies den rhythmischen Erfordernissen des Deutschen anzulasten. / Jürgen Brôcan, NZZ 23.1.03
Robert Frost: Promises to keep. Gedichte. Amerikanisch und Deutsch. Übersetzung und Nachwort von Lars Vollert. Verlag Langewiesche-Brandt, Ebenhausen 2002. 160 S., Fr. 24.40.
(Thomas Kling urteilte in der Zeit-Literaturbeilage vom 12.12.02 weniger freundlich über die Übersetzung).
The Robert Frost Web Page (dort kann man Dateien mit Frosts Stimme hören/ herunterladen)
Der Münchner Poet Albert Ostermaier hat einen Gedichtzyklus für ein Streichquartett geschrieben, die couragierte Hamburger Saitenspielformation String Thing hat ihn vertont, und der Regisseur Helmut Danninger, in langjähriger Zusammenarbeit mit dem Modern String Quartet zum Spezialisten für inszenierte Musik gereift, hat ein Bühnenereignis daraus gemacht. / SZ 22.1.03
Über zwei Wiener Peter-Altenberg-Ausstellungen berichtet der „Kurier“, 22.1.03 – – – Auf die junge, 1942 in einem faschistischen Arbeitslager ums Leben gekommene Czernowitzer Dichterin Selma Meerbaum-Eisinger weist die Leonberger Kreiszeitung am 22.1.03 hin. – – – Über den Mecklenburger Arzt und Lyriker Armin Richter berichtet die Schweriner Volkszeitung. – – – Die angolanische Lyrikerin Ana Paula Tavares trägt am 6.2.03 aus der gerade erschienenen Anthologie »Antilopenmond« ihre Gedichte vor – auf dem Frankfurter Festival „Afriva Live 2003“ (Frankfurter Neue Presse). – – – Wie Elfriede Gerstl nun in Wien zu Ehren kommt, berichtet die Wiener Zeitung.
Ein repräsentativer Auswahlband liegt unter dem Titel «Einzug in Cremona» nun auch auf Deutsch vor, betreut von Peter Urban, der bereits 1968 in der «Edition Suhrkamp» mehrere Dutzend Gedichte des Serben ediert und übertragen hatte. Einiges wurde wieder aufgegriffen – dabei lassen sich die übersetzerischen Revisionen studieren, sehr aufschlussreich. Pavlovic beherrscht viele Tonfälle: den lakonischen und den psalmodierenden, den erzählerischen und den elegischen, den ironischen und den reflexiven. /
Ilma Rakusa, NZZ 21.1.03 über
Miodrag Pavlovic: Einzug in Cremona. Gedichte. Aus dem Serbischen übersetzt von Peter Urban. Mit einem Nachwort von Peter Handke. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2002. 177 S., Fr. 39.50.
Heute außerdem: Sibylle Birrer bespricht
Sarah Kirsch: Islandhoch. Tagebruchstücke. Steidl-Verlag, Göttingen 2002. 104 S., mit 42 Aquarellen, Fr. 31.-.
„Wooroloo“ ist eine Übung in familiärem Exorzismus. Das geht nicht ohne Paradoxien ab. Am auffälligsten ist die, in der Öffentlichkeit gegen die Öffentlichkeit anzuschreiben. Und doch muss ein Gedicht wie „Leser“ zu denken geben: Ihren eigenen toten Babies wollten sie Leben einhauchen, / Da nahmen sie ihre Träume und lasen Worte auf von einer, / Die für sie gelitten hatte. // Mit jedem von ihr geschriebenen Stück / Fingerten sie durch ihre Seelen-Unterwäsche. Wollten sie nackt. / Wollten wissen, woraus sie gemacht war. // Dann versuchten sie, den Vogel wieder neu zu befiedern. // (… ) Während ihre Mütter in stillen Gräbern lagen, / Rechtwinklig markiert durch grünen, zugeschnittenen Kiesel / Und Blumen in einem Einmachglas, gruben sie meine aus. // Bis hinunter zu den Muscheln, die ich auf ihren Sarg gestreut hatte. // Sie wendeten sie hin und her wie Fleisch auf Kohlen, / Um die Geheimnisse ihrer verdorrten Schenkel / Und eingefallenen Brüste zu erkunden. /
MEIKE FESSMANN, SZ 21.1.03 über die Tochter von Ted Hughes und Sylvia Plath. Die Rezensentin urteilt:
Dennoch wäre dieser Gedichtband auch ohne seine Aura beachtlich – mit ihr wird er zum Abenteuer.
FRIEDA HUGHES: Wooroloo. Gedichte. Englisch-Deutsch. Übertragen von Jutta Kaußen. DuMont Verlag, Köln 2002. 123 Seiten, 17,90 Euro.
Unter der Überschrift „Nachrichten von der Poesie. Neue Gedichte“ präsentiert Joachim Sartorius in der SZ vom 21.1.03 Ulrike Draesner.
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