Stress mit Brecht

Das Gedicht „Die Lösung“ galt als unpublizierbar. Brecht verspottete darin die Worte seines Kollegen KUBA zum 17. Juni, das Volk habe das Vertrauen der Regierung verscherzt und müsse sich darob schämen. „Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?“ Brecht hatte die Rechte an den Suhrkamp-Verlag vergeben, und der Aufbau-Verlag musste sich seine Brecht-Ausgabe im Westen lizenzieren lassen. Laut vertraglicher Regelung sollten die „Gesammelten Werke“ (von einer „Gesamtausgabe“ hatte man auf Grund der komplizierter Manuskriptlage abgesehen) identisch sein. Diese Auflage erfüllte für den Zensor den Tatbestand der Nötigung: Konnte der Leser doch Zeile für Zeile und Wort für Wort die ost- und westdeutsche Ausgabe miteinander vergleichen. Daher hat in der Geschichte der DDR-Zensur kein anderes einzelnes Problem den SED-Kulturpolitikern auch nur annähernd so viel Kopfzerbrechen bereitet wie die Zwickmühle der deutsch-deutschen Brecht-Edition. / Simone Barck, BZ 21.1.03

[Das Gedicht erschien bei Suhrkamp 1964, bei Aufbau 1969. Fünf Jahre gewonnen, mehr war nicht drin.]

Saudische Dichterin

Umso überraschender ist es, dass in diesem frauenfeindlichen Klima sich trotzdem Frauen in Kunst und Literatur einen Namen gemacht haben, auch über die Grenzen Saudiarabiens hinaus. Eine davon ist die Dichterin Fauzia Abu Khalid. Sie ist 1956 in der Hauptstadt Riad geboren, studierte in ihrer Heimat und in den USA Soziologie und lehrt heute an der Frauenuniversität Ibn Saud. Sie empfindet das Schreiben im Königreich als ständige Herausforderung: «Das kreative Schreiben benötigt ein Höchstmass an Freiheit. Man muss die Fesseln in sich selber überwinden. Aber es gibt noch weitere, äussere Fesseln. Nicht nur die politische Macht, sondern auch die gesellschaftliche Kontrolle, die mächtiger sein kann als die Politik. Die Menschen wachen eisern über ihre Traditionen.» In ihren Gedichten behandelt sie ihre Erfahrungen in der patriarchalen saudischen Gesellschaft. In einem Gedicht vergleicht sie das Schicksal der neugeborenen Mädchen mit dem altarabischen Brauch, Neugeborene lebendig zu begraben. Weil die Dichterin keine fremden Eingriffe in ihrer Lyrik duldet, veröffentlicht sie ihre Gedichte ausserhalb des Königreiches. …
So [muß] sie in die Nachbarländer Bahrain oder in die Vereinigten Arabischen Emirate fahren, um ihre eigenen Bücher zu kaufen und natürlich alles andere, was im Königreich verboten ist. / Mona Naggar, NZZ 20.1.03

Außerdem heute: ein Gedicht von Peter Horst Neumann.

Dichter und Pfarrer

Überhaupt tauchte das Thema Religion in den Reden der Laudatoren und Preisträger auffallend häufig auf. Am deutlichsten verständlicherweise in der Dankrede des Lyrikers Christian Lehnert, der einen der beiden mit 5500 Euro dotierten Förderpreise erhielt. Denn Lehnert, 1969 in Dresden geboren, sieht sich in einer „für die heutige Zeit seltsamen Doppelexistenz“ als Dichter und Pfarrer. Im Spagat zwischen diesen Welten entdeckt er etwas, was sie beide miteinander verbindet, und dies hat mit Grenzen zu tun. Religion, nicht zu verwechseln mit den Lehren und Riten einer Kirche, taste „über die Widersprüche und Zufälligkeiten des Lebens hinaus auf eine fremde Mitte zu, wo jedes Bild, jeder Begriff, jeder Name verstummt“. Darin aber berühre sie sich mit dem Schreiben, „denn Gedichte entstehen dort, wo die Sprache versagt, wo ich nichts mehr sagen und doch nicht schweigen kann“. Bezug nehmend auf den Aufklärer, der sich zeitlebens auch mit theologischen Streitfragen befasste, wagte Lehnert schließlich die These: „Vielleicht ist die zeitgenössische Lyrik – zu diesem Schluss eben reizt mich Lessings theologischer Schleichweg – sogar ein angemessenerer Ausdruck für religiöse Erfahrung geworden als die Sprache der Kirche.“ / Dresdner Neueste Nachrichten 20.1.03

Gestorben

BBC News meldet den Tod des bedeutenden Hindudichters Harivansh Rai Bachchan, der am vergangenen Sonnabend im Alter von 96 Jahren in Bombay starb.

/ 19.01.03

Kubanischer Mythos

tbg. Sinnlich-sinnige Anekdoten ranken sich um die kubanische Dichterin Carilda Oliver Labra, die zu einem Mythos der Karibikinsel geworden ist. Mit Hemingway soll sie einmal in den Dünengräsern von Matanzas verschwunden sein. Rafael Alberti malte ihr eine Taube auf die Hand. Carilda Oliver Labra war eine Marilyn Monroe oder Marlene Dietrich der kubanischen Poesie: extravagant, blond und berühmt. «Eine Frau schreibt dieses Gedicht / wo sie es gerade kann / zu welcher Zeit auch immer egal welcher Tag.» / NZZ 18.1.03

Carilda Oliver Labra: Um sieben in meiner Brust. Gedichte über die Liebe (spanisch-deutsch). Übertragen von Dorothea Engels und Erich Hackl. Distel-Literaturverlag, Heilbronn 2002. 122 S., Fr. 28.80.

Hans-Ulrich Treichel

In Rolf Schneiders Berliner Anthologie (Berl. Morgenpost) am 18.1.03 ein Gedicht von Hans-Ulrich Treichel.

„Das saß, damals.“

„In einer Station der Metro / / Das Erscheinen dieser Gesichter in der Menge: / Blütenblätter auf einem nassen, schweren Ast.“ (Ezra Pound) Das saß, damals. Und das auch: „J. Alfreds Prufrocks Liebesgesang / Komm, wir gehen, du und ich, / wenn der Abend ausgestreckt ist am Himmelsstrich / wie ein Kranker äthertaub auf einem Tisch; / komm, wir gehen durch die halbentleerten Straßen fort, (…) / Oh, frage nicht ‚Wie bitte?‘, / komm, wir gehen zur Visite. / Frauen kommen und gehen und schwätzen so/daher von Michelangelo. (T. S. Eliot)

Es ist heute kaum mehr vorstellbar, welche Wirkung solche harmlosen Verse im Jahr 1960 noch auslösen konnten. Hermetische Gedichte, dunkel, unverständlich und – offenbar deshalb – provozierend. Man konnte sie gezielt einsetzen, der Effekt war garantiert, sonntags, beim Mittagessen in der kleinbürgerlichen Familie, in der Schule, den Universitäten. „Frauen kommen und gehen und schwätzen so /daher von Michelangelo.“ Eine gängige Währung. Damit konnten wir, die Jungen, es ihnen, den Alten, regelrecht heimzahlen. Solche kleinen, harmlosen Gedichte zündeten wie Sprengsätze im gesunden Menschenverstand. Sie waren allerdings mit dieser Absicht gemacht. Sie waren so gemeint. / Martin Lüdke, FR 18.1.03, zur Neuherausgabe von

Hans Magnus Enzensberger (Hrsg.): Museum der Modernen Poesie, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2002, 867 Seiten, 19 Euro

Irak: Dichter im Exil

Für den in Deutschland lebenden Lyriker, Romancier und Essayisten Fadhil al-Azzawi sind es nach wie vor die Intellektuellen, die die Wahrheit über die Seelenlage und die Sehnsucht der Iraker nach Freiheit zum Ausdruck bringen. Auch Al-Azzawi ist nicht glücklich über den Umgang der irakischen Opposition mit ihren Exilgefährten, den Intellektuellen: Manche von ihnen würden am liebsten Kultursoldaten sehen und den Rest gern in einen Käfig sperren, ob unter dem jetzigen Regime oder dem künftigen der Amerikaner. Al-Azzawi ist verärgert über die Redaktion von „Al-Quds Al-Arabi“, die die irakischen Intellektuellen auch deshalb um Stellungnahmen gebeten hat, weil sie der Auffassung ist, daß diese sich aus der Diskussion über die Zukunft des Landes allzusehr heraushalten.

Die Intellektuellen, so schreibt der Dichter aus dem deutschen Exil, hätten stets die Stimme der Freiheit ihres Volkes verkörpert. Dafür habe sich der irakische Diktator an ihnen gerächt. Al-Azzawi saß im Irak drei Jahre im Gefängnis und wurde, wie er erklärt, 1980 ausgebürgert. Sein Haus in Bagdad wurde konfisziert. Verantwortlich dafür soll ein anderer Dichter gewesen sein, der ihn denunziert habe. Al-Azzawi ist zuversichtlich, daß, so oder so, das Ende von Saddams Herrschaft naht. Wie die meisten Intellektuellen ist auch er gegen jede Art von Krieg, gegen den einkalkulierten Tod von Unschuldigen und gegen die drohende Verwüstung des Landes. Trotz allem Geschehenen werde sich das Volk wieder aufrichten: „Bagdad wartet schon auf die Rückkehr seiner verlorenen Söhne.“

JOSEPH CROITORU
Al-Muatamar Nr. 331 vom 20. Dezember 2002

Al-Quds Al-Arabi vom 9. und 10. Januar 2003
Frankfurter Allgemeine Zeitung , 17.01.2003, Nr. 14 / Seite 34

Causa Belli

Über ein Antikriegsgedicht des britischen poet laureate Andrew Motion berichten die BBC News .

Causa Belli by Andrew Motion

They read good books, and quote, but never learn
a language other than the scream of rocket-burn
Our straighter talk is drowned but ironclad;
elections, money, empire, oil and Dad.

(FAZ kommentiert „die verworrenen Einwände“ Motions neben „ausfälligen Wortmeldungen von Le Carré, Pinter und Konsorten“, 17.1.03 – Konsorten, d.i. Salman Rushdie. Zeitung von Welt! – Zum Vergleich der Bericht der NZZ, 22.1.03)

Walser über Hölderlin

Die Dichter, nicht alle natürlich, aber die, sagen wir einmal, die zuverlässigsten, die sind nicht so leicht ins Positive verführbar gewesen. Zum Beispiel Hölderlin.

In der Konkordanz, die wir Professor Böschenstein verdanken, habe ich nachgezählt: Im Spätwerk kommt kein Wort so häufig vor wie „Gott“, „Götter“, „göttlich“, 320-mal. „Himmel“ und „Himmlische“ 280-mal. Aber wie kommen diese Wörter vor! So, dass der Leser unmittelbar mitschwingt, wenn die Hölderlin-Sprache diese Wörter anstimmt. Man kann’s natürlich interpretieren. Aber es genügt auch das bloße Nennen. Das ist sogar das meiste. Das Nachbeten nämlich. Ich habe immer nichts lieber getan, als Hölderlin-Verse nachzubeten. Eines dieser Gedichte muss hier genannt werden, ein ganz spätes, das, überschriftslos, so lautet:

Was ist Gott? unbekannt, dennoch
Voll Eigenschaften ist das Angesicht
Des Himmels von ihm. Die Blitze nämlich
Der Zorn sind eines Gottes. Je mehr ist eins
Unsichtbar, schicket es sich in Fremdes. Aber der Donner
Der Ruhm ist Gottes. Die Liebe zur Unsterblichkeit
Das Eigentum auch, wie das unsere,
Ist eines Gottes.

Die Zeit 04/2003 [zugleich unsere Gratulation für Susan Sontag zum 70. – im Kursiv]

/16.01.03

Preise für Czernin und Zauner

Jdl. Der erstmals vergebene Heimrad-Bäcker-Preis geht an den österreichischen Schriftsteller Franz Josef Czernin. Die mit 8000 Euro dotierte Auszeichnung wird für ein herausragendes Werk vergeben, dass in der Tradition der sprachexperimentellen Literatur steht. Die Jury würdigt in ihrer Begründung die «progressive Universalpoesie» Czernins und die «radikal skeptische Position» seiner Lyrik. Gestiftet wurde der Preis vom Verleger Heimrad Bäcker, in dessen Linzer «edition neue texte» viele wichtige Werke der österreichischen experimentellen Literatur erschienen sind. Der mit 3500 Euro dotierte diesjährige Förderpreis geht an den Wiener Hansjörg Zauner. / NZZ 15.1.03

Poesiepreis der Stadt Münster 2003

Der serbische Lyriker Miodrag Pavlovic und sein deutscher Übersetzer Peter Urban erhalten den Poesiepreis der Stadt Münster für das Jahr 2003. Die mit 15 500 Euro dotierte Auszeichnung soll den Autoren am 18. Mai beim Lyrikertreffen in Münster überreicht werden. Mit der Ehrung wird der Lyrikband «Einzug in Cremona» gewürdigt. Pavlovic gehe in dem Text illusionslos mit historischen und legendären Personen um, begründete die Jury ihre Entscheidung.

/ 13.01.03

Die Perle des Wortes

In der SZ 13.1.03 rezensiert RALF BERHORST:

FRIEDRICH OHLY: Die Perle des Wortes. Zur Geschichte eines Bildes für Dichtung. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2002. 389 Seiten, 29,90 Euro

Hans-Ulrich Treichel

Den Wahl-Leipziger Hans-Ulrich Treichel stellt die Leipziger Volkszeitung am 13.1.03 vor.

Rudyard Kipling

Über Rudyard Kipling als frühen Autonarren schreibt am 13.1.03 die Süddeutsche – so klingen K.s Berichte über eine Reise durch Frankreich im eigenen Auto von 1911:

„Hotel Metropole, Montpellier. Schlecht, teuer und raffgierig.“ In Chartres: „Wie immer: Der Heißwasserhahn war kalt.“ „Cabourg nach Caen: Straße überfüllt. 76 Autos auf 31 Meilen.“

Mehr: Guardian 11.1.03