Und als wir voneinander schieden

Am Puschkin-Denkmal, bei den Stufen,
sind wir uns dann zuletzt begegnet.
Dies Moskau hatte unsre Köpfe
mit roten Sternen zugeregnet.
Und als wir voneinander schieden,
die Lippen zuckten ein »Mach’s gut«,
sahn wir: der bronzne Alexander
verbarg die Wunde und das Blut.

Das ist die erste Strophe des Gedichts »Perez Markisch« von Abraham Sutzkever, aus dem Jiddischen übersetzt von Hubert Witt (in: Abraham Sutzkever: Gesänge vom Meer des Todes. Zürich: Ammann Verlag 2009). Das vollständige Gedicht fand ich in planet lyrik.

Am 12. August 1952 wurden in der »Nacht der ermordeten Dichter« im Zuge einer der sog. stalinistischen Säuberungen zwölf jüdische Intellektuelle hingerichtet, darunter die jiddischen Schriftsteller David Bergelson, Itzik Feffer, David Hofstein, Leib Kwitko und Perez Markisch. Ich dachte, es würde ein Leichtes sein, im www ein Gedicht eines der Ermordeten zu finden. Es war aber nicht so. Die Schreibweise der Namen (Itzik/Itsik, Feffer/Fefer, David/Dovid, Leib/Leyb, Kwitko/Kvitko, Perez/Peretz etc.) schwankt (s. Lyrikkalender), aber Google berechnet das mit ein. Mein Ergebnis: es scheint kaum Online-Texte zu geben. Ich fand drei von vierzehn Strophen des Gedichts »Ikh bin a yid« von Feffer (s. Nr. 3 des verlinkten Dokuments, allerdings auf Jiddisch, dessen ich nicht mächtig bin:

Der vayn fun doyresdikn doyer
Hot mir geshtarkt in vanderveg,
Di beyze shverd fun payn un troyer
Hot nit farnikhtet mayn farmeg.
Mayn folk, mayn gloybn un mayn blien,
Zi hot mayn frayhayt nit geshmidt.
Fun unter shverd hob ikh geshrien:
Ikh bin a yid!

Der kluger kneytsh fun Reb Akive,
Di khokhme fun Yeshayes vort
Hobn gebert mayn dursht, mayn libe,
Un zi mit has tsunoyfgeport.
Der shvung fun makabeyer heldn,
Bar Kokhbas blut in maynem zidt,
Fun ale shtayers fleg ikh meldn:
Ikh bin a yid!

Un oyf tsepikenish di sonim,
Vos greytn kvorim shoyn far mir,
Vel ikh unter di fraye fonen
Nokh hobn nakhes on a shir.
Kh'vel mayne vayngertner farflantsn
Un fun mayn goyrl zayn der shmid,
Kh'vel nokh oyf di sonims keyver tantsn!
Ikh bin a yid!

Ein kurzer Blick in die Online-Kataloge der Deutschen Nationalbibliothek und der Bayerischen Staatsbibliothek bestätigt, dass es – zumindest im deutschsprachigen Raum – keine Bände der genannten Autoren gibt jenseits derjenigen, die zu ihren Lebzeiten (überwiegend in den 1910er bis 1930er Jahren) erschienen. Falls dem nicht so ist, bitte ich um Hinweis. [ich = für ein paar Tage stellvertretend: à. sanjosé]

6 Comments on “Und als wir voneinander schieden

  1. vielen herzlichen dank für die hinweise! findet/liefert jemand von einem der ermordeten ein gedicht oder eine strophe in deutscher oder englischer übersetzung?

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    • Colin Shindler zitiert auf seiner Website die 1. Strophe von Feffers „Ikh bin a yid“ in der Übersetzung von Joseph Leftwich:

      „I am a Jew
      The wine of enduring generations
      Strengthened me on my wanderer’s way
      The evil sword of pain and lamentations
      Nothing that I hold dear could slay—
      My people, my faith, and my head unbowed.
      It could not stop me from being free and true
      Under the sword I cried aloud:
      I AM A JEW!“

      (Quelle: http://colinshindler.com/articles/itzik-feffer-a-man-for-all-seasons/)

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    • Leib Kvitko

      Prison Romance, 1952

      No, my dear friend,
      We are not destined to meet –
      The cold has gripped my door’s corners
      And it is difficult to break free, believe me, believe me…
      And you — do not appear today, my friend!
      Silence and oblivion visit me,
      And in my heart, bitter premonitions frighten me.
      We will meet tomorrow…or perhaps later,
      When the dew sparkles on the leaves,
      When the tranquil day shines in the window,
      And the sun peeks in the eye.
      You will come and dispel heavy thoughts,
      And the door will burst open into an awakened garden
      And my voice will be joyous and young,
      And my glance will radiate tenderness.
      No, my dear friend,
      Do not appear right now –
      A fierce cold has chained the door…

      (Quelle: https://www.haaretz.com/israel-news/culture/.premium-night-of-the-murdered-poets-61-years-on-1.5322410)

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  2. Hier gibt es „Ikh bin a yid“ vollständig auf Jiddisch, vom Autor selbst gelesen und inklusive Text:
    Itzik Feffer reads his poem איך בין א ייד

    Interessant sind auch die Kommentare.

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  3. Drei Bücher von Bergelson wurden in den letzten Jahren wiederaufgelegt, sind allerdings wohl schon wieder vergriffen. Das Ende vom Lied (Weitbrecht 1988), Am Bahnhof (Piper 1991) und Leben ohne Frühling (Aufbau 2000). Außerdem gab es den Band Der Galaganer Hahn (Ed. Dodo 2003) mit Texten von Bergelson, Kwitko, Markisch. Von Sutzkever/Sutskever gab es mehrere Bände, u.a. einen zweisprachigen bei Suhrkamp/Jüdischer Verlag.

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  4. Es ist eine merkwürdige Sache: da ich in einem kommunistischen DDR-Haushalt aufwuchs und zumindest eine Zeitlang dieser Ideologie anhing, empfinde ich noch immer Verantwortung und Scham, auch wenn die Ereignisse lange vor meiner Geburt stattfanden. Und natürlich Zorn und Trauer.

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