Sterblied

Heute vor 380 Jahren, am 10. August 1638 – in Pommern schrieb man nach julianischem Kalender den 31. Juli – starb die Tochter des Greifswalder Bürgermeisters, Sibylla Schwarz, nicht einmal siebzehneinhalb Jahr alt. Hier ihr »Christliches Sterblied«.

Das Gedicht ist sangbar und in Strophen gegliedert (nach damaliger Sitte markiert sie die Strophen nicht durch Leerzeilen, sondern nur durch Einrückung des Strophenanfangs). Mindestens in der letzten Strophe zeigt die junge Dichterin, daß sie auch bei dem ernsten Thema auf der avançierten Klaviatür der allerneusten Dichtungsart spielen kann.

Ein Christliches Sterblied.

WJltu noch nicht Augen kriegen /
O du gantz verbößte Welt /
Da du doch siehst niederliegen
Manchen außgeübten Helt /
Da du doch offt siehst begraben /
Die es nicht gemeinet haben !
   Wie lang wiltu Wollust treiben ?
Wielang / meinstu / hastu Zeit ?
Jn der krancken Welt zu bleiben ?
Wielang liebstu Uppigkeit ?
Da doch einer nach dem andern
Muß auß disem Leben wandern.
   Ey / was hastu fur Gedancken /
Wan da so viel Leichen stehn ?
Wan da liegen so viel Krancken /
Die den Todt für Augen sehn ?
Wan die Götter dieser Erden
Selber auch begraben werden ? 
   Wirstu dich nicht eh bedencken /
Eh der warme Geist entweicht /
So wirstu dich ewig krencken /
Darümb / weil der Todt uns schleicht
Stündlich nach auff allen Seiten /
Soll man sich dazu bereiten.
   Gib mir Gott ein Sehlig Ende /
Führ mich durch des Todes Thal /
Nimb mich fest in deine Hende /
Kürtze mir des Todtes Qual /
Laß mein Hertze nicht verzagen
Für des Todes grimmen Plagen !
   Laß mir nach die schweren Sünde /
Gib mir deinen Frewdengeist /
Das ich Ruh der Sehlen finde !
Darüm bitt ich allermeist /
Laß mich auch ja nicht berauben /
Sondern mehr mir meinen Glauben !
   Hier mein Gott / hie schlag und plage !
Hier / HERR JEsu / reck undt streck !
Hier hier trenne / brenn undt jage !
Hier reiß / schmeiß / krenck / senck undt schreck !
Laß mich hier die Straffe spüren /
Die mir solte dort gebüren !

 

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