Wortpaarungen

Hansens Flaschenpost

Von Dirk Uwe Hansen (Greifswald)

Solange wir genügend Wörter zur Verfügung haben, kann uns nichts schrecken. Vor allem nicht den Übersetzer, für den die Wörter auch noch gleich paarweise auftreten. Und für den Fall, dass uns die Wörter doch auszugehen drohen: Es gibt eine ganze Reihe von nie versiegenden Fundstellen, an denen wir neue schürfen können. Zwei der ergiebstigen sind nach meiner Erfahrung Werkzeuge und Handwerk und Geschlechtsverkehr und -teile. Allein, hier ergeben sich für das Paarebilden beim Übersetzen aus lebenden und toten Sprachen häufig ganz unterschiedliche Schwierigkeiten. Natürlich lässt sich bei synchron und unter ähnlichen Umständen funktionierenden Gesellschaften davon ausgehen, dass in ihnen ähnliche Werkzeuge benutzt und benamst werden. Aber ob bei den dadurch sich ergebenden Paare beide Partner gleich unterhaltsam sind, ist häufig fraglich. Kann man Königszapfen und Nachlaufachse ohne Spielverderberei übersetzen? Was machen nur die Übersetzer aus dem Titel von Katharina Schultens großartigem Band „gierstabil”?

Noch schwieriger wird das Paarebilden bei steigender zeitlicher Entfernung. Im sechsten Buch der Anthologia Graeca finden sich die Weihepigramme, Texte also, die einen in einem Tempel hinterlegten Gegenstand begleiten sollen (sei es tatsächlich oder fiktiv). Häufig sind das Waffen, die dem Übersetzer keine großen Schwierigkeiten machen, häufig aber auch Werkzeuge, die jemand am Ende seines Berufslebens dem Gott seiner Wahl weiht. Und dabei wird es kompliziert. Etwa wenn drei Brüder, die Fische, Vögel und Wild gejagt haben, ihre jeweiligen Spezialnetze weihen (dieses Motiv war so beliebt, dass sich etwa 20 Epigramme dieses Inhalts in der Anthologie finden). Oder hier:

Ξίφη τὰ πολλῶν κνωδάλων λαιμητόμα
πυριτρόφους τε ῥιπίδας φυσηνέμους
ἠθμόν τε πουλύτρητον ἠδὲ τετράπουν
πυρὸς γέφυραν, ἐσχάρην κρεηδόκον,
ζωμήρυσίν τε τὴν λίπους ἀφρηλόγον
ὁμοῦ κρεάγρῃ τῇ σιδηροδακτύλῳ,
βραδυσκελὴς Ἥφαιστε, σοὶ Τιμασίων
ἔθηκεν, ἀκμῆς γυῖον ὠρφανωμένος.

Ein Epigramm des kaiserzeitlichen Dichters Philippos von Thessalonike im für Epigramme eher ungewöhnlichen jambischen Versmaß. Ein Koch geht hier in Rente und weiht dem Hephaistos seine Werkzeuge. Ich habe mich dafür entschieden, das Versmaß nachzuahmen und — weil das Deutsche dadurch meist etwas geschwätziger wird — die Möglichkeit genutzt, stärker zu paraphrasieren:

Das Messer, das schon vieler Tiere Hals abschnitt,
den Blasebalg, der Wind erzeugt und Feuer nährt,
das viel gelochte Sieb, die Feuerstelle hier,
die auf vier Füßen steht, das Becken für das Fleisch,
die Suppenkelle, die das dicke Fett abschöpft,
den Fleischerhaken mit der Spitze aus Metall,
Hephaistos, schenkellahmer, hat Timarion
für dich geweiht, auch er der Schenkel Kraft beraubt.

Sehr beliebt waren auch Epigramme, die Weihungen von Schreibgeräten beschrieben. Noch einmal Philippos, diesmal in elegischen Distichen:

Κυκλοτερῆ μόλιβον, σελίδων σημάντορα πλευρῆς,
καὶ σμίλαν, δονάκων ἀκροβελῶν γλυφίδα,
καὶ κανόν‘ ἰθυβάτην καὶ τὴν παρὰ θῖνα κίσηριν,
αὐχμηρὸν πόντου τρηματόεντα λίθον,
Καλλιμένης Μούσαις ἀποπαυσάμενος καμάτοιο
θῆκεν, ἐπεὶ γήρᾳ κανθὸς ἐπεσκέπετο.

Hier wäre es sicher nützlich, in einer Anmerkung zu erwähnen, dass Bimsstein gebraucht wurde, um den rauhen Papyrus vor dem Beschreiben glatt zu schleifen, und auch die kleine Scheibe aus Blei, mit der man sich vor dem Schreiben Linien zog, ist heutigen Schreibern sicher nicht mehr vertraut.

Das Rädchen aus Blei, das auf der Seite die Spalten markiert,
das Messer, das die spitzen Rohre zu Federn spitzt,
und das gerade Lineal, den Bimsstein vom Strand dazu,
diesen feinporig trockenen Stein aus dem Meer:
Kallimenes hat das den Musen, da er seine Arbeit beendet,
geweiht, denn vom Alter verschleiert ist ihm schon das Auge.

Gewiss haben sich seit der Antike die Praxis des Kochens und Schreibens stärker verändert, als die menschliche Anatomie. Und doch:

Ἤρισαν ἀλλήλαις Ῥοδόπη, Μελίτη, Ῥοδόκλεια,
τῶν τρισσῶν τίς ἔχει κρείσσονα μηριόνην,
καί με κριτὴν εἵλοντο· καὶ ὡς θεαὶ αἱ περίβλεπτοι
ἔστησαν γυμναί, νέκταρι λειβόμεναι.
καὶ Ῥοδόπης μὲν ἔλαμπε μέσος μηρῶν πολύτιμος
οἷα ῥοδὼν πολλῷ σχιζόμενος ζεφύρῳ …
τῆς δὲ Ῥοδοκλείης ὑάλῳ ἴσος ὑγρομέτωπος
οἷα καὶ ἐν νηῷ πρωτογλυφὲς ξόανον.
ἀλλὰ σαφῶς, ἃ πέπονθε Πάρις διὰ τὴν κρίσιν, εἰδὼς
τὰς τρεῖς ἀθανάτας εὐθὺ συνεστεφάνουν.

Wieder ein Gedicht aus der Kaiserzeit, diesmal von Rufinos, einem außerordentlich cleveren Fachmann für erotische Dichtung. Es beschreibt eine Art Schönheitswettbewerb, bei dem es allerdings allein die Geschlechtsteile dreier Frauen zu vergleichen gilt. Jedoch gebraucht Rufin für Vagina keinen anatomischen Fachausdruck, sondern einen Eigennamen: Meriones. Der war einer der griechischen Kämpfer vor Troja, wurde von Hektor verwundet und bietet sich hier (wie auch an einigen anderen Stellen) nur deswegen als Bezeichnung an, weil in seinem Namen „meros”, der Schenkel, anklingt. Ein deutsches Wort, dass sich mit diesem Meriones zu einem glücklichen Paar hätte zusammentun können, wollte mir nicht einfallen:

Es stritten Rhodope, Melite, Rhodokleia darüber,
welche von ihnen das Schönste zwischen den Schenkeln habe;
und mich bestimmten sie zum Schiedsrichter.
Und wie die berühmten drei Göttinen auch
stellten sie sich nackt in Positur, nektartriefend.
Und die Kostbarkeit zwischen Rhodopes Schenkeln leuchtete so
wie ein Rosenbusch, wenn Zephyr hineinfährt,

[leider fehlen zwei Verse in der Überlieferung, wir werden also nie erfahren, wie Melitte aussah…]

die der Rhodokleia sah aus wie ein geglätteter Kristall,
wie ein neues, frisch poliertes Götterbild im Tempel.
Aber ich wusste ja gut, was Paris sein Urteil eingebracht hatte,
deswegen zögerte ich nicht, alle drei Göttinnen gleichzeitig zu bekränzen.

Abgesehen von dem nun leider verschwundenen homerischen Helden bietet das Gedicht aber noch mehr Probleme. Das „Bekränzen” ist im Deutschen sicher nicht weniger aufgeladen als seine griechische Entsprechung, hier entstehen keine Verluste, aber auch die Namen der drei Frauen bergen, wenn man weiß, dass „Rose” ebenso als Chiffre für Vagina gelesen worden ist, mehr Informationen, als der Übersetzer vermitteln kann: die Rosige, die Honigsüße, die für ihre Rose berühmte. Röschen? Imke? Rosalie? Sprechende Namen zu übersetzen ist selten eine gute Idee.

Es geht noch schwieriger:

Τῶν παίδων, Διόδωρε, τὰ προσθέματ‘ εἰς τρία πίπτει
σχήματα, καὶ τούτων μάνθαν‘ ἐπωνυμίας.
τὴν ἔτι μὲν γὰρ ἄθικτον ἀκμὴν λάλου ὀνόμαζε,
κοκκὼ τὴν φυσᾶν ἄρτι καταρχομένην·
τὴν δ‘ ἤδη πρὸς χεῖρα σαλευομένην λέγε σαύραν·
τὴν δὲ τελειοτέρην οἶδας, ἃ χρή σε καλεῖν.

Ein Epigramm von Straton von Sardeis, einem Autor, über dessen Biographie wir nichts weiter wissen; es ist aber mehr als wahrscheinlich, dass er in die Kaiserzeit datiert werden kann und im freundschaftlich-wettstreitenden Austausch mit Rufin geschrieben hat. Auch er ein Fachmann für Erotik, sein großes Thema ist allerdings die Knabenliebe.

Abgsehen davon, dass es mich immer wieder zutiefst verstört, mit welcher Selbstverständlichkeit sexuelle Verhältnisse in der griechischen Antike als Verhältnisse mit einem deutlichen Machtgefälle zwischen dem erwachsenen Mann und seiner oder seinem unmündigen (weil Frau oder Knabe) PartnerIn verstanden werden, bin ich von dem Stück als Übersetzer überfordert. Lalu, Kokko und Saura sind im Griechischen gar keine Wörter und lassen sich auch kaum auf bekannte Wörter beziehen (höchstens Saura auf so etwas wie Eidechse). Ob Straton sie sich hier gerade ausdenkt, oder ob wir so etwas wie Umgangssprache vor uns haben, bleibt unklar. Partnerwörter für den Penis junger Männer in verschiedenen Lebensphasen finde ich im Deutschen auch nicht und greife zum letzten Mittel, der Transkription:

Die Anhängsel der Knaben, Diodoros, gliedern sich in drei
Arten, merke dir deren Namen:
Die noch nicht angefasste Blüte nenne Lalu,
Kokko die, die gerade beginnt zu sprießen,
die, die schon in die Hand hinein drängt, nenne Saura.
Wie die noch einen Schritt weiter gereifte heißt, das weißt du ja.

Ein letztes Beispiel. Fachtermini, die gar keine sind:

Τὸν θῶ καὶ τὰς κνῆ τάν τ‘ ἀσπίδα καὶ δόρυ καὶ κρᾶ
Γορδιοπριλάριος ἄνθετο Τιμοθέῳ.

Das Epigramm stammt von Palladas, einem der letzten wackeren Vertreter des Heidentums im 4. Jh. Waffen werden geweiht, nur scheint der Sprecher des Griechischen kaum mächtig; θῶ ist gestammelt für Thorax, den Brustpanzer, ähnlich ist es mit κνῆ (für knemis, Beinschiene) und κρᾶ (für kranos, Helm).

Das Gepanzer, das Geschien, den Schild, den Speer, das Gehelm
hat hier ein Gordioprilarios geweiht dem Timotheos.

Militärische Rangbezeichnungen sind immer schwer zu übersetzen. Sicher gab es auch im antiken Heer so etwas wie einen Leutnant, aber eben nur so etwas ähnliches. Hier kommt erschwerend hinzu, dass es einen Rang „Gordioprilarios” niemals gegeben hat. Dass dann der Empfänger der Weihung zwar einen Gott (θεός) im Namen trägt, aber keiner ist, überrascht dann kaum noch.

 

One Comment on “Wortpaarungen

  1. Pingback: L&Poe ’17-14 – Lyrikzeitung & Poetry News

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: