Die Feindschaften der Männer

Von Michael Gratz

Man muß nicht alles versöhnen. „Die Feindschaften der Männer“. Diese Wortgruppe schickte mir einmal der Hamburger Dichter Wilhelm Fink zu irgendeinem Streit, den wir hatten. Ich borge ihn mir für Bobrowski. Just zu dessen 100. Geburtstag mir einfällt, daß ich genau in der Mitte dieses Bobrowski-Jahrhunderts, 1967, vor nun 50 Jahren, als Schüler den Gedichtband Sarmatische Zeit zum ersten mal las. Wahrscheinlich im Sommer. Mit Bobrowski (und Hölderlin) übte ich das Lesen schwieriger Lyrik ein. Von Hölderlin sprachen die Lehrer ja noch, aber nicht von Bobrowski. Der war, als ich ihn kennenlernte, schon zwei Jahre tot. Für mich war es Gegenwartslyrik. Ein paar Jahre später verspottete eine Satirezeitschrift (wie von fast jeder Sparte besaß die DDR davon nur eine) ein elegisches Gedicht auf den Tod Bobrowskis. Da waren die Fronten längst klar.

Bobrowski – Huchel – Celan. Drei mir nahe Dichter. Wohl in dieser Reihenfolge kamen sie zu mir, und weil es alles nahe, liebe Lektüre war, schienen sie mir zusammenzugehören. Ich könnte leicht aus dem drei- ein vierblättriges Kleeblatt machen, Erich Arendt kommt gleich um die Ecke.

Eine kleine Zusammenstellung von Beziehungen, Mißverständnissen und Feindseligkeiten.

Huchel hat den unbekannten Dichter Bobrowski entdeckt. Am 1. Juni 1955 schickte ihm Bobrowski 15 Gedichte. Am 13. Juni schickt Huchel ein Telegramm mit der Bitte, ihn am 16. in der Akademie zu besuchen. Im September desselben Jahrs erschienen fünf Gedichte Bobrowskis in der von Huchel redigierten Zeitschrift Sinn und Form. Auch sonst setzte sich Huchel für Bobrowski ein.

1962 wurde Huchel von der SED-Führung als Chefredakteur abgesetzt und – nicht zum ersten Mal, aber nun endgültig – von höchster Stelle heftig angegriffen. Ende Januar oder Anfang Februar 1963 war Christoph Meckel bei Bobrowski zu Besuch und rief von dort bei Huchel an (was von Westberlin aus kaum möglich war). Bobrowski selber ließ sich am Telefon verleugnen. Am 11. Dezember auf einer Lyriklesung in der Akademie der Künste in Ostberlin (es war die von Stephan Hermlin initiierte Lesung junger Lyrik, die zum Skandalerfolg wurde und der jungen Dichtergeneration mit Braun, Biermann und Kirsch zum Durchbruch verhalf) blieb ein Platz neben Huchel (dem schwarzen Schaf) frei – Bobrowski kam und traute sich nicht, neben dem Verfemten zu sitzen und auch später nicht ihn anzusprechen. Bobrowski schrieb in einem halben Entschuldigungsbrief an Huchel von seinem „Unvermögen, in derartigen Situationen überhaupt zu reagieren“. Huchel schrieb zurück: „Niemals habe ich, was Sie anlangt, gemeint, Sie seien verpflichtet, in einer riskanten Zeit meine Nähe zu suchen. (…) Niemand kann über seinen Schatten springen, und ich bin der letzte, der für sich eine Ihnen nicht gemässe Haltung einfordern wollte. Aber ich vermag gleichfalls nicht über meinen Schatten zu springen, Ihr deutlich spürbar gewordenes Nichtvorhandensein in jenen Monaten, Ihr Verhalten beim Meckel-Telefonat oder nach der Akademie-Lesung, wo es Sie weder Zeit noch Mühe gekostet hätte, en passant ein menschlich nobles Wort zu finden, sind von mir, ich möchte es nicht anders ausdrücken, durchaus bemerkt worden.“ In einem Antwortbrief spricht Bobrowski von schwerem menschlichen Versagen und bittet förmlich um Entschuldigung.

Bobrowski kannte Celans ersten Gedichtband und nahm eine Zeile aus der Todesfuge anverwandelt in ein eigenes Gedicht auf: „Dir ward ein Grab in den Lüften“. Nicht schlimm, auch Celan zitiert oft andere Gedichte. Allerdings ist es ein schlechtes Gedicht aus der Phase zwischen dem traditionellen heimatseligen Frühwerk (Heimat heißt sein Gedicht) und dem Durchbruch um 1953/54, mit dem er seit Ende der 50er Jahre weltberühmt wurde. Bobrowski genießt den jähen und unerwarteten (späten) Ruhm. Nicht ohne Skepsis:

„Und die Zelebritäten der Lyrik oder der Kritik, Celan in Paris, Ingeborg Bachmann, Schwedhelm und noch einige wissen inzwischen, daß ich da bin…“ (März 1959)

„Max Hölzer schickt ein Bändchen, das sehr gut ist. Überhaupt habe ich in letzter Zeit Widmungsexemplare bekommen wie nie vorher. Wohl ein Zeichen für steigende Berühmtheit? Wenn man weiß, wie einerseits zufällg und andrerseits nutzlos das Versemachen ist. Ach Peter [Jokostra], Gedichte – eine läßliche Jugendsünde, denk ich manchmal. Immerhin weiß ich, daß es anders ist. Aber eine nutzlose, private Sache bleibt es eben doch. Wirkungslos.“ (November 1959)

1961 stehen acht Gedichte Bobrowskis in dem Band „Tau im Drahtgeflecht. Philosemitische Lyrik nichtjüdischer Autoren“. Bobrowski war das Problem des Philosemitismus wohlvertraut.

„Das Thema Osten usw. gehört mir ja im Grunde gar nicht, ich bin weder Pole noch Russe und schon gar nicht Jude. Das einzige, was mich berechtigen könnte, ist: wenn ichs nicht sage, ist wieder einer weniger, der es den Deutschen, also meinen Leuten, vor Augen stellt. Aber da taucht die Frage nach dem Wahrheitsgehalt auf. Es könnte ja auch alles Schmuh sein bei mir, reizvoll vielleicht, weil gelind exotisch und eben nicht häufig. Aber – legitimieren müßt mich wohl erst einmal die Zustimmung der Betroffenen.“ (1960)

Celan und Bobrowski sind sich nie begegnet, aber sie hörten voneinander über gemeinsame Bekannte und wechselten einige Briefe. Bobrowskis Freund Peter Jokostra ging nach Paris zu Celan. Von ihm hörte Bobrowski, daß er „an einigem Zeug von mir Geschmack gefunden“ habe. Von Celans angekündigtem dritten Band „Sprachgitter“ erwartete er,“daß er sich aus der Zuneigung der Snobs zurückziehen möchte“ (1958).

Als er den Band in Händen hielt, bereitete der freilich große Mühe. „Ich weigere mich, den Band schlicht für belanglos und armselig zu halten – so kommt er mir bis jetzt vor –, aber ich bin oft versucht, ihn in die Ecke zu feuern.“

Bobrowski steckte zu sehr im Prozeß, seine eigene Konzeption – damals noch des Sarmatischen Divans – zu entwickeln, als daß er sich leicht in Celans Weg sozusagen aus anderer Richtung finden konnte. Besonders mißfallen mußte ihm der Ausdruck „Ein Wort – du weißt:/ ein Leiche“ (aus Celans Gedicht Nächtlich geschürzt). Ein paar Zitate aus Bobrowskis skeptischer Auseinandersetzung mit Sprachgitter:

„Konzentration, besser: Verknappung – gewiß, aber wo bleibt das Gedicht? […] Die Gedichte sind undynamisch. Sie fassen sich an wie sehr kostbares altes Papier. […] Er hat auch jetzt noch allerhand sublime Parfüme angebracht […] Ich frag mich, was diese Artistik soll. Ob es wirklich so ist, daß Lyrik für Lyriker gemacht wird.“ (21.5. 1959)

„Laß mich doch toben, lieber Mann, dem C. fällt davon kein Stein aus der Krone. Ich kann Dir sagen, ich geb mir redliche Mühe mit ihm. Es wird aber doch an ihm liegen, wenn mir SPRACHGITTER wie eine Destillieranstalt vorkommt, wie eine elegant aufgemachte Alchimistenküche. Und eben dahin trau ich mich nicht. […]

Noch einmal, Celan ist nichts, bestenfalls eine Parfümfabrik, die jetzt Juchten liefert und früher Veilchen. Aber das sag ich, ohne den Beweis anzutreten. Ich hab nur das gleiche Magenweh bei ihm wie bei Rilke.“ (5.10. 1959)

Starker Tobak – allerdings nicht sein letztes Wort in Sachen Celan. Ein Jahr später schreibt er an Peter Hamm: „…weil er ja ohne Frage Qualität liefert. Mir ist das in SPRACHGITTER nicht gleich aufgefallen. Aber mit etwas Geduld eben doch.“ Und an Jokostra: „Ich hau allen Leuten aufs Maul, die ihn ärgern wollen, mir selber hab ichs damals auch getan; als ich fast verzweifelte, durch sen Sprachgitter hindurchzufinden.“

Aber da war das Unheil schon passiert. Jokostra konnte die scharfen Stellen nicht für sich behalten. Celan war ohnehin angegriffen – durch die Plagiatsvorwürfe Claire Golls und durch Kritiker wie Günther Blöcker, der ihn in Bezug auf seine „jüdische Herkunft“ kritisierte: „Celan hat der deutschen Sprache gegenüber eine größere Freiheit als die meisten seiner dichtenden Kollegen. Das mag an seiner Herkunft liegen. Der Kommunikationscharakter der Sprache hemmt und belastet ihn weniger als andere. Freilich wird er gerade dadurch oftmals verführt, im Leeren zu agieren.“

Vielleicht hätte es der kritischen Worte über die „Parfümfabrik“ nicht bedurft. Celan besaß fast alle Bände Bobrowskis und hat auch hier Lesespuren hinterlassen. In dem Band „Selbstzeugnisse und Beiträge über sein Werk“ streicht er in der Bibliografie die frühen Veröffentlichungen aus der Nazizeit an. Holzauge sei wachsam. Nach anfänglicher Zustimmung wuchs Celans Mißtrauen auch gegen Bobrowski. War das nicht auch bloß einer, der seinen Anteil an der deutschen Schuld durch ein „philosemitisches Alibi“ abtragen wollte? Unter Bezug auf Bobrowskis Pruzzische Elegie schreibt Celan 1962, daß „sie“ „gelegentlich sogar ‚Pruzzisches‘ aus dem Boden“ zaubern. In diesem schon 1955 gedruckten Gedicht, das die Ausrottung der Pruzzen durch die Deutschen beklagt, mußte Celan eine Alibileistung sehen. Statt des naheliegenden Holocausts am jüdischen Volk wird da eine weit zurückliegende Gewalttat angeführt:

Dir
ein Lied zu singen,
hell von zorniger Liebe –
dunkel aber, von Klage
bitter, wie Wiesenkräuter
naß, wie am Küstenhang die
kahlen Kiefern, ächzend
unter dem falben Frühwind,
brennend vor Abend –

deinen nie besungnen
Untergang, der uns ins Blut schlug
[…|

Noch dazu mit dem Superlativ versehen:

Volk
Perkuns und Pikolls,
des ährenumkränzten Patrimpe!
Volk,
wie keines, der Freude!
wie keines, keines! des Todes –

Bobrowskis Projekt der lyrischen „Vergangenheitsbewältigung“ (er verwendet das Wort frteilich nicht!) stand für ihn auf einer Linie mit Verdrängung und gleichzeitigem philosemitischem Diskurs.

„Somit sah C. den gesamten Diskurs der sog. Vergangenheitsbewältigung denen entwendet, um die es eigentlich ging, den ermordeten Juden – so wie er sich (diese Parallele ist ab 1960 immer mitzudenken) durch die Plagiatsanschuldigungen in seiner jüdischen Autorexistenz ausgelöscht sah.“ (Celan-Handbuch) In einer frühen Fassung des Gedichts Hüttenfenster (aus Die Niemandsrose) heißt es: „und sie lügen schreiben ihn [den „Schwarzhagel“ in Witebsk] weiss, die ihn säten, mit ihrer / taktzählenden Panzerfaustklaue!“

Das Gedicht trägt in frühen Fassungen die Titel Pariser Elegie, Hommage à Quelqu’un und Statt eines Winks. Neben der Pruzzischen Elegie scheint es auf das Gedicht Die Heimat des Malers Chagall aus Bobrowskis erstem Band anzuspielen. Zwar fehlte die Pruzzische Elegie in der westdeutschen Ausgabe, aber er konnte sie aus der ersten Nachkriegs-Gedichtveröffentlichung Bobrowskis in Huchels Sinn und Form von 1955 kennen. Er muß es gekannt haben, wie die Erwähnung des „Pruzzischen“ beweist. Die Feindschaften der Männer, zugleich deutsche (und deutsch-jüdische) Verwerfungen.

Über den „Krieg zwischen Celaniten und Bobrowskisten“ vielleicht an anderer Stelle mehr.

Quellen:

  • Johannes Bobrowski, Peter Huchel: Briefwechsel. Marbacher Schriften 37 (1993)
  • Johannes Bobrowski oder Landschaft mit Leuten. Eine Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs im Schiller-Nationalmuseum Marbach am Neckar [Katalog]. 1993
  • Paul Celan, Nelly Sachs: Briefwechsel. Suhrkamp, 1993
  • Celan-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Metzler, 2008
  • Paul Celan: Die Niemandsrose. Tübinger Ausgabe, Suhrkamp, 1996
  • Paul Celan: Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe in enem Band, Suhrkamp, 2005

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