Was verlangen wir?

„Das lässt mich ratlos zurück“, lese ich immer wieder in Leserkommentaren von online-Zeitungen. Das ist es – denke ich immer wieder: das Gedicht muss mich ratlos zurücklassen. Das ist eine der Eigenschaften eines gelungenen Gedichts, denke ich neben dem vielen anderen, das ich denke. Zum Beispiel auch, was ich tue, wenn ich ratlos bin, und erst ratlos zurückgelassen. Soll denn das Gedicht mir sagen, wo’s langgeht? Was mute ich dem Gedicht damit zu? Was verlange ich denn immer? Immer was verlangen, das kannst du, denke ich. Bloß nicht selber was tun, bloß nicht selber denken, bloß keine eigenen Gedanken haben, immer nur das von andern Gedachte eintüten und etikettieren, als eine eigene Beobachtung ausgeben. Aber gut, wie weit hinunter muss ich denn? Welche Quelle soll’s denn sein, Gnädigste? Wie durch- und abgekaut ist das? Allein das Wort Quelle! Wie weit zurück geht es eigentlich, kann es eigentlich gehen? Das ist doch Irrsinn. Ich tue doch im Jahr 2015 nichts anderes als mich an den Tod zu gewöhnen. Durch den Tod der andern. Jetzt fangen sie an zu sterben, denke ich, um mich herum wird gestorben. Ich war auf einer Beerdigung, es war Frühling, die Knospen schlugen aus. Die Nachricht, dass eine befreundete Künstlerin um Ostern herum plötzlich und unerwartet gestorben sei, kam aus heiterem Himmel. / Aus einem Beitrag von Marcus Roloff, lyrikkritik.de

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: