Aufschwung Lyrik

Gerade hab ich gedacht, dem nächsten, der uns erzählt, wie prächtig sich die Lyrik entwickelt hat, seit der Börsenverein für den deutschen Buchhandel oder doch seine Jury im letzten Winter beschlossen hat, für diesmal keinen Roman, sondern einen Gedichtband auszuzeichnen, hau ich das um die Ohren… da isser:

Dass die deutschsprachige Lyrik in den letzten Jahren so aufregend ist wie lange, vielleicht seit den frühen Neunzigerjahren nicht mehr, hat spätestens mit dem Leipziger Buchpreis von Jan Wagner jeder mitbekommen. Vieles ist immer noch zu entdecken, übrigens in allen Dichtergenerationen. Mit N.N., geboren 1980, steht plötzlich eine neue Stimme in der allerersten Reihe.

Hipp hipp, hurrah! Und die Medien haben  sie entdeckt, der Börsenverein persönlich hat dran gedreht, der Papst hat es abgesegnet. Von den vielen neuen und alten Stimmen besprechen sie nur wenige, aber die sind dann die jeweilig besten. (Liebe Carolin Callies, denn ihr Name „verbirgt“ sich hier hinter dem N.N., lieber Tom Schulz, lieber Jan Wagner, liebe N.O., O.P., P.Q. etc. bis Y.Z.: nicht bös sein, ich liebe euch doch alle! Mich nervt nur der dämliche Diskurs, sorry! Liebe Feuilletonschreiber, fragt doch bitte meinen Buchhändler, wenn ihr mal nach Greifswald kommt, von wegen Erdung!).

Nach dem Stoßseufzer die Rezension von Richard Kämmerlings, Leitender Feuilletonredakteur der Zeitung Die Welt, in Auszügen. Sie geht insgesamt sehr kurvenreich in Ab- und Aufschwüngen, vereinfacht etwa so:

 kurve

Lyrik kratzt uns nicht? Oh doch!

Willkommen in der Kompostmoderne: Carolin Callies schreibt das wichtigste lyrische Debüt der Saison

Wer mit seinen jugendlichen Söhnen oder Töchtern per SMS oder Whatsapp kommuniziert, kann ein Lied davon singen, ein kurzes Lied, denn die Schriftsprache des Alltags wird immer knapper, schneller, notwendigerweise auch kryptischer und mehrdeutiger: Je weniger Zeichen, desto vielfacher die möglichen Lesarten. Welches Gefühl wird denn genau von einem klopfenden Herzen versinnbildlicht? Es müsste die Stunde für Lyrik sein, seit jeher das Fach für die mit knappstem Zeicheneinsatz operierende Erfassung von Gedanken oder Seelenzuständen.

Sehr schade und ziemlich paradox ist, dass ausgerechnet eine der schönsten Abkürzungen der Schrift auszusterben droht: „&“, das Kaufmanns-Und, in das sich so viel hineinlesen, oder besser: hineinsehen lässt. Eine Katze, die sich putzt, könnte es darstellen oder einen sitzenden Menschen, vielleicht einen betenden, einen Denker im Stile von Rodins Skulptur. Es ist ein sehr körperliches Zeichen.

„mir wurde, es war mal, räudig ums maul. / drum fehlt nun die anzahl an backen, um kauen zu können. / doch, ach, behalf ich mir mit fleisch, / das hinten, das vorne & aller leib dazwischen war / & muskelrelevant. // ich hatte, es war mal, ’nen tüchtigen körper“. Das „&“ kann auch ein kauernder Leib sein, ein vor Schmerzen zusammengekrümmter Kranker oder Sterbender.

Carolin Callies hat das Kaufmanns-Und zu ihrem Erkennungszeichen gemacht, es ist gewissermaßen das Tribal-Tattoo auf ihren Textkörpern.

(…)

Derart skalpellhaft präzise Worte dringen leicht unter die Haut: Carolin Callies zeigt, dass die vermeintlich so unkörperliche Sprache möglicherweise sogar besser als oberflächliche Bilder in der Lage ist, das Flüssige, Amorphe und Prozesshafte des Organischen zu beschreiben. (…)

Dass die deutschsprachige Lyrik in den letzten Jahren so aufregend ist wie lange, vielleicht seit den frühen Neunzigerjahren nicht mehr, hat spätestens mit dem Leipziger Buchpreis von Jan Wagner jeder mitbekommen. Vieles ist immer noch zu entdecken, übrigens in allen Dichtergenerationen. Mit Carolin Callies, geboren 1980, steht plötzlich eine neue Stimme in der allerersten Reihe.

Carolin Callies: fünf sinne & nur ein besteckkasten. Schöffling, Frankfurt/Main. 112 S., 18,95 €.

2 Comments on “Aufschwung Lyrik

  1. Ja, auch, wer es darf: Lutz Seiler darf, anderen, z.B. Julia Veihelmann als sie noch Lyrik schrieb, wurde es regelmäßig um die Ohren gehauen.
    Ja, auch: Wo mans darf. Kutschs Versnetze scheinen mir insgesamt toleranter gegen dies Zeichen als Buchwalds Jahrbuch.
    & auch: wozu mans braucht: Julia Veihelmann experimentierte damals mit verschiedenen „und“ & hat diesen Unterschied auch beim Vorlesen markieren können. Das Wort lässt sich ja tatsächlich zu verschiedenen rhetorischen Zwecken verwenden, sodass eine solche Auszeichnung hilfreich sein könnte.

    &

    Nebel Nebel Nebel
    & in den Ohren
    Haare, eine
    unverbindliche
    Freundlichkeit
    &
    &
    Rajissas süßes Gelächter.

    Was zusammengehört,
    eine Erfahrung,
    was mit & zusammengehört
    nur mit &,
    keine Begründungen.

    Das wird anhalten
    wenn mir das & nicht
    mit den andern Wörtern entfällt.
    Es reicht, es reicht, danke, es reicht.

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