„I, too, dislike it“

Wenn zwei dasselbe sagen, meinen sie auch dasselbe? Was meint Marianne Moore, wenn sie bzw. ihr Gedicht sagt, daß „auch ich sie nicht mag“, die Poesie, die Poesie*, und was meint Dr. Lieschen Müller mit den gleichen Worten?

Heute führt uns der verehrte Perlentaucher ein Beispiel vor Augen. Im Teaser der Magazinrundschau heißt es:

Urlaub im Protektorat„? Das tschechische Magazin Aktualne winkt dankend ab. Lyrik? Sollte man auch besser lassen, meint die London Review.

Den Artikel von Ben Lerner faßt sie dann wie folgt zusammen:

London Review of Books (UK), 18.06.2015

Ben Lerner setzt die Verächtern [sic] der Lyrik in ihr Recht, die entweder gute Gründe für ihre Ablehnung hätten oder zur Avantgarde gehörten. Und er kommt dabei auf folgenden Gedanken: „Das große Problem der Dichtung sind: die Gedichte. Das erklärt vielleicht, warum Dichter selbst vor allem Dichter feiern, die dem Schreiben entsagen. An der Uni in den 90ern lasen die coolsten jungen Dichter, die ich kannte, Rimbaud und Oppen – zwei sehr große und sehr unterschiedliche Autoren, die beide jedoch die Kunst aufgegeben haben (Oppen allerdings nur zeitweilig). Rimbaud hörte mit zwanzig auf und wurde Waffenhändler; Oppen schwieg 25 Jahre lang, während er in Mexiko lebte, um dem FBI zu entkommen, das wegen seiner Gewerkschaftsarbeit ermittelte. Rimbaud ist das Enfant terrible, das durch das Sagbare brennt; Oppen ist der Dichter der Linken, dessen Schweigen eine Form der Hingabe ist. ‚Weil ich nicht schweige‘, schrieb Oppen, ’sind die Gedichte schlecht‘.“ Eines von Lerners Lieblingsgedichten ist Marianne Moores „Poetry“ und beginnt mit der Zeile: „I, too, dislike it.“

Leute, die nur die Überschriften und digestiven** Zusammenfassungen lesen, können sich beruhigt zurücklehnen. Die Autoritäten sind auf ihrer Seite. Wenn man den Artikel liest, merkt man, daß er nicht von Dr. Lieschen Müller ist und nicht den Lieblingsideen so mancher Lyrik- und Avantgardebasher entspricht, wie sie unter Lesern und Nichtlesern und sogar Autoren von Gedichten grassieren. Er empfiehlt auch gar nicht, die Poesie zu lassen, sondern er erörtert den Status der Dichtung in der Poesie und im Leben. Marianne Moore und Arthur Rimbaud, John Keats und Walt Whitman sind seine Gewährsleute, aber auch z.B. William McGonagall. Er hätte auch Friedrich Hölderlin oder Friederike Kempner nehmen können. Liest man Lerners Artikel, kann man über die Nähe von Hölderlin und Whitman nachdenken. Auch wenn sie nicht jedem Germanisten lieb sein mag. Beide wollten zu verschiedenen Zeiten, unter verschiedenen Umständen für ihren jeweiligen Ort nichts weniger als der Poesie einen Platz im Leben (wieder) erringen. Lerner schreibt:

Whitman’s dreamed union has never arrived, but his vision determines the nostalgist’s call for a poetry that could supposedly reconcile the individual and the social and so transform millions of individuals into an authentic people. Whitman deferred poetic realisation into the future (‘I stop somewhere, waiting for you’), but many poetry-haters act as though the project was realised at some unspecifiable moment in the past and then lost as the art and/or its public declined. This allows them to repudiate poems in the present while reasserting a Whitmanic belief in the power of poetry (if also thereby betraying Whitman’s belief in future perfectibility over any longing for the past).

Many cultural critics, with a kind of macabre glee, proclaim ‘the death of poetry’ every few years: our imaginative faculties, we fear, have atrophied; the commercialisation of language seems complete. The actual number of poems being written and read – a decade ago, James Longenbach reported there were more than 300,000 websites devoted to poetry – appears to be irrelevant to the certification of poetry’s death, because what the pronouncement reflects is less an empirical statement about poems than a cultural anxiety about our capacity for ‘alternative making’ or a longing for (an impossible, supposedly lost) universalism.

Great poets disdain the limits of actual poems, tactically defeat or at least suspend that actuality, sometimes quit writing altogether, becoming celebrated for their silence; bad poets unwittingly provide a glimmer of virtual possibility via the radicalism of their failure; avant-garde poets hate poems for remaining poems instead of bombs and nostalgists hate poems for failing to do what they wrongly, vaguely claim they once did.

*) Friederike Kempner

Die Poesie, die Poesie,
die Poesie hat immer recht.
Sie ist von höherer Natur,
von übermenschlichem Geschlecht.

Und kränkt ihr sie, und drückt ihr sie,
sie schimpfet nie, sie grollet nie,
sie legt sich in das grüne Moos,
beklagend ihr poetisch Los!

Aus: Friederike Kempner, Gedichte (1903)

**) laut Duden: di|ges|tiv (Med. Verdauung bewirkend; Verdauungs…); vgl. auch „Reader’s Digest“.

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