55. Jüdische Dichtung der Schoah

Adorno mag das Verdienst gebühren, mit seinen Äußerungen die Problematik jeder Literatur nach Auschwitz und zumal über Auschwitz deutlich gemacht zu haben: Die unaufhebbare Spannung zwischen ihrer ästhetischen Verfaßtheit und den daraus sich ergebenden Verfahren einerseits und dem Grauen ihres historischen Gegenstands andererseits führt jede poetische Repräsentation der Judenvernichtung in die Aporie. Die Vorgängigkeit der Theorie hat jedoch die Rezeption der Holocaust-Literatur in Deutschland bestimmt – und eher behindert als gefördert. Die Intensität, mit der das Dilemma einer Dichtung über den Holocaust theoretisch erörtert wurde, fand lange Zeit keine Entsprechung in der konkreten Beschäftigung mit solcher Literatur.

Auf diese Weise sind nicht nur große Teile etwa der jiddischen und hebräischen Holocaust-Dichtung bis heute in Deutschland unbekannt geblieben. Auch die Bedeutung, die der Darstellung der Shoah innerhalb der jüdischen Literatur zukommt, ist in der Diskussion zuwenig berücksichtigt worden. Mit Adornos Hinweis, das „perennierende Leid“ habe „soviel Recht auf Ausdruck wie der Gemarterte zu brüllen“, dürfte sie jedenfalls kaum erfaßt sein. Bezeichnenderweise ist bislang in der deutschen Diskussion nur selten die Frage gestellt worden was es bedeutet, daß die Holocaust-Dichtung jüdische Literatur ist. Daß sie es sei, ist allerdings immer wieder bestritten oder einfach übersehen worden. So hat etwa Peter Horst Neumann in einer sensiblen Interpretation der „Todesfuge“ behauptet, daß in ihr das „Judenleid als Menschenleid“ erscheine. Die humane Absicht einer solchen Formulierung mag unmittelbar einleuchten. Dennoch lenkt sie davon ab, daß es sehr wohl ein besonderes „Judenleid“ ist, daß in Gedichten über die Shoah zum Ausdruck kommt.

Nicht alle Dichtung über den Holocaust ist jüdische Literatur. Gedichte wie etwa Czeslaw Milosz‘ „Armer Christ sieht das Ghetto“, Randall Jarrells „A Camp in the Prussian Forest“, Hans Magnus Enzensbergers „Die Verschwundenen“ oder Wolfdietrich Schnurres „Befragung des Kalks“ sind erkennbar von Nicht-Juden geschrieben. Sie nahem sich dem grauenhaften Geschehen aus dem Abstand derer, die von ihm nicht unmittelbar betroffen sind. Jüdische Literatur ist Dichtung über den Holocaust allerdings nicht schon dadurch, daß ihre Verfasser jüdischer Herkunft sind. Ein Gedicht wie „All There is to Know about Adolf Eichmann“ von Leonard Cohen läßt kaum erkennen, daß sein Autor Jude ist. Daß er die Unauffälligkeit Eichmanns zum Thema macht, offensichtlich angeregt durch Hannah Arendts These von der Banalität des Bösen, ist allein jedenfalls noch kein Indiz dafür. Andere Werke der Holocaust-Dichtung signalisieren dagegen deutlich ihre Zugehörigkeit zur jüdischen Literatur – Nelly Sachs‘ Zyklus „In den Wohnungen des Todes“ etwa schon durch die Wahl eines Mottos aus dem Buch Hiob.

In welcher Weise Dichtung über den Holocaust jüdische Literatur sein kann, verdeutlicht das berühmteste Beispiel dieser Art: Paul Celans „Todesfuge“. Jüdische Literatur ist dieses Gedicht schon dadurch, daß es, sowohl objektiv wie subjektiv, Darstellung einer jüdischen Erfahrung ist. Celan ist, zusammen mit Jizchak Katzenelson und Abba Kovner, einer der wenigen jüdischen Dichter, denen die „Enzyklopädie des Holocaust“ einen eigenen Artikel gewidmet hat. Diese Auszeichnung verdankt er aber nicht einer besonderen Rolle, die er in der Zeit der Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden gespielt hätte. Anders als Katzenelson, dessen literarische Werke „das tägliche Leben“ im Warschauer Ghetto beeinflußten und nach dem das Ghettokämpfer-Museum im Kibbuz Lochamei Hagetaot benannt ist, war Celan keine führende Persönlichkeit des Arbeitslagers, in dem er interniert war. Anders als Abba Kovner, der der „Fareinikte Partisaner Organisatzije“, einer jüdischen Kampfgruppe in Wilna angehörte, war er auch kein Partisanenführer. Celan verdankt seine Aufnahme in die „Enzyklopädie“ allein seinem literarischen Werk, das erkennbar „im Zeichen der Schoah“ steht. / Dieter Lamping, literaturkritik.de

Hinweis der Redaktion von literaturkritik.de: Der Beitrag übernimmt ein Kapitel mit der gleichen Überschrift aus Dieter Lamping: Von Kafka zu Celan. Jüdischer Diskurs in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998. Hier S. 99-112.

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