67. Silbernes Zeitalter

Im Rußlandschwerpunkt der Dezemberausgabe von literaturkritik.de ein Beitrag von Alla Soumm: Das Silberne Zeitalter und dessen bedeutendste Lyrikerinnen
Über Anna Akhmatova und Marina Cvetajeva

Er beginnt so:

Das für Russland so ereignisreiche 20. Jahrhundert begann mit einer derartigen vielseitigen Dichte an literarischer Qualität und Innovationskraft, dass diese ersten zwei bis drei Jahrzehnte als eine eigene literarische Epoche in die Literaturgeschichte eingehen sollten: das Silberne Zeitalter (in Anlehnung an das Goldene Zeitalter um Pushkin und Lermontov). Die Liste der illustren Namen ist eindrucksvoll:

Angefangen bei den Symbolisten Aleksandr Blok und Andrej Belyj, über den sich im Gegensatz zum russischen Symbolismus auf das konkrete Diesseits fokussierenden Akmeismus, von Osip Mandel‘štam, Anna Akhmatova und Nikolaj Gumiliov mitbegründet, und der Bauerndichtung Sergej Jesenins hin zum russischen (Kubo-)Futurismus Velimir Khlebnikovs und Vladimir Majakovskijs und solchen keiner literarischen Schule angehörenden Dichterpersönlichkeiten wie Marina Cvetajeva und Boris Pasternak.

Zwischen den russischen Dichterinnen und Dichtern entspann sich aus dem Einander-zur-Kenntnis-Nehmen und dem Aneinander-Wachsen in dieser Zeit ein reger und fruchtbarer Dialog, der neben Begegnungen und Briefen, Hommagen und satirischen Porträts in Versen zur Bildung ganzer Traditionslinien und Einflusssphären genauso führte wie zur absichtlichen Meidung des fremden Einflusses zur Herausbildung der eigenen künstlerischen Handschrift:

So waren sowohl Akhmatova (vgl. Ja prishla k poetu v gosti [1914; Zum Dichter kam ich zu Besuch]) als auch Cvetajeva (vgl. ihren Gedichtzyklus Stikhi k Bloku [1916; Gedichte an B.]) glühende Anhängerinnen Bloks; so ging Akhmatova eine kurze Ehe mit Gumiliov ein (vgl. u.a. ihr Gedicht Kolybel’naja [1921; Wiegenlied]); so skizzierte Mandel‘štam ein knappes und prägnantes Bild Akhmatovas (Akhmatova; 1914); so huldigte Cvetajeva Mandel‘štam in Nikto ničevo ne otnial (1916; Nichts von niemandem geraubt) und Akhmatova u.a. in einem der Dichterkollegin gewidmeten Zyklus (Akhmatovoj [1916; An A.]) als der „Goldmund-Anna von ganz Russland“ (Zlatoustnoj Anne – vseja Rusi); so verband Majakovskij, der solche illustren Dichterkollegen wie Akhmatova oder Cvetajeva als ‚bourgeois’ und ‚überholt’ diffamierte und dem Selbstmörder Jesenin das zynische Gedicht Sergeju Jeseninu (1926; An S. J.) widmete, eine zaghafte Freundschaft mit Pasternak; so hegte Pasternak eine derartige Bewunderung für Majakovskij, dass er gegen dessen Einfluss in der eigenen Lyrik bewusst anzukämpfen hatte; so beschwor Pasternak eine kleine Gemeinschaft von Gleichgesinnten, die neben ihm Majakovskij und später auch Cvetajeva umfasste, in Nas malo. Nas mozhet byt’ troje (1921; Von uns gibt es wenige. Vielleicht nur drei) und fertigte dichterische Porträts von Akhmatova (Anne Akhmatovoj [1929; An A.A.]) und Cvetajeva (M.C.; 1929) an; so verfasste Akhmatova ihrerseits eine prägnante dichterische Charakterisierung Pasternaks (Boris Pasternak; 1936) und Majakovskijs (Majakovskij v 1913 godu [1940; M. im Jahre 1913]) und nahm Jahrzehnte später, nach dem Überleben aller Weggefährten, in einer Allusion an den von Pasternak evozierten Kreis den Faden wieder auf und benannte nun, neben Pasternak und sich, Mandel‘štam und Cvetajeva zu den ‚Auserwählten’ (Nas četvero [1961; Von uns gibt es vier]); so ignorierte Cvetajeva Majakovskijs Feindseligkeit und widmete ihm nach seinem Selbstmord einen ganzen Gedichtzyklus aus dem Pariser Exil (Majakovskomu [1930; An M.]); so entspann sich zwischen Pasternak und der nach der Revolution zunächst im Exil lebenden Cvetajeva eine innige Brieffreundschaft, die erst mit Cvetajevas Rückkehr in die Sowjetunion und ihrem baldigen Freitod endete.

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