92. Ingolddebatte

Die Ingolddebatte geht weiter. Paul-Henri Campbell schreibt bei Fixpoetry, kleiner (!) Auszug:

Warum sollte ein Urteil, das auf einer schnöden philologischen Dressur basiert, geeigneter sein, um die Güte eines literarischen Werkes zu bestimmen, als Urteile, die aus alternativen Rezeptionshaltungen gewonnen werden und daher diese Texte innerhalb eines anderen Wertekanons beurteilen?

Wie begründet Ingold seine Anmaßung, dass z.B. Stilkritik ein besseres Kriterium sei als eine wie auch immer verstandene Authentizität? Ich finde beide Kriterien beispielsweise lächerlich, unproduktiv und, um es kurz zu machen: als vorbei.

Ich schlage daher nur ein einziges Kriterium vor: Die Maßgabe jedem Erzeugnis, das sich als Literatur verstanden wissen will, etwas abzugewinnen, selbst dann wenn es nur eine einzige Seite, ein einziges Gedicht, eine einzelne Zeile wäre. Es ist – angesichts der Unmenge an peinlichen künstlerischen Versuchen – viel schwieriger etwas Wertvolles in bestimmten Werken zu finden. Aber jede Kritik, jedes literarische Verdikt verhandelt auch die Sache der Literatur mit. Ich glaube, dieses Kriterium leistet entscheidendes: Es verhindert, voreilig expressive Tätigkeit abzutun.

Und wissen wir nicht, dass es möglich ist, jedes literarische Werk je nach Zitatlage zu loben oder zu verdammen? Wie sollte ein Kanon an angeblich objektiven Kriterien vor der Maßlosigkeit eines unvermeidbar subjektiven Kritikers vorbeugen? Es geht hier um Verantwortung, nicht um Maßstäbe.

Das schlechte literarische Kunstwerk, das vielleicht keins ist. In diesem Zusammenhang ist es wichtig einzusehen, dass auch das, was für minderwertige Literatur, für Kitsch, für Schund, für reinen Realismus gehalten wird, eine wichtige und notwendige Erfahrung ist in der Entwicklung einer ästhetischen Gefühlsprägung.

Ich argumentiere per Analogie. Den vergangen Sommer verbrachte ich in einem staubigen Kunst-Depot am Mittelrhein, wo ich unzählige unbedeutende Barockskulpturen inventarisierte. Es war außerordentlich schlechter Barock, sogenannter Bauernbarock, der mit schlecht gewichteten Proportionen, unmöglichen Faltenwürfen und rissig-dürftig aufgetragener Fassung in jeder Dorfkirche die Schauer der Andacht verstärkt.

Danach fuhr ich nach Paris und sah Nicolas-Sébastien Adams Prometheus in Ketten. Die Fallhöhe zwischen dem Bauernbarock und dieser Arbeit war – als Differenzerfahrung – umwerfend. Sie wäre aber ohne die Dürftigkeit der unbekannten Bildhauer zu sehen, die sich ehedem irgendwo im Westerwald stümperhaft abmühten, sie genau zu sehen, weniger intensiv gewesen.

Mit anderen Worten: Es lohnt sich auch schlechte Gedichte zu lesen. Wir brauchen Referenzbeispiele, um urteilen zu können, um dem Urteil gewahr zu werden, das sich in unserem Inneren aufdrängt, sooft wir ein neues Gedicht lesen, nachdem wir bestenfalls zuvor 10.000 andere gelesen haben.

Es lohnt sich schlechte Gedichte zu lesen, um die Differenz zwischen trübem Unvermögen, verzweifeltem Bemühen, bloßem Talent und der Gnade zu begreifen. Anders geht es nicht.

»Kleine Rezensenten«. Der Großinquisitor favorisiert Expertendiskurse. Spätestens aber seit Michel Foucault wissen wir auch, wozu monopolisierende Expertisen führen können, wie sie Missbrauch legitimieren können, wie sie eine Korrektur der Irrtümer des Establishments vereiteln, wie sie in Tyrannei gipfeln können.

Wieder eine Analogie: Foucault untersucht in Geburt der Klinik, wie sich der medizinische Diskurs im 17. Jahrhundert konstituiert bzw. institutionalisiert, wie sich dort Institutionen der Legitimation und eine Verwaltung sowie Akkreditierung von Wissen als medizinisches Wissen herausbilden und durchsetzen.

Mit Foucault können wir heute begreifen, wie medizinischer Diskurs Herrschaft ausübt, über die gesundheitliche Verfassung des menschlichen Körpers. Gewiss: Experten schützen uns vor Scharlatanerie, sie professionalisieren und heben bis zu einem bestimmten Grad den Goldstandard des Wissens; gleichwohl können wir auch sehen, wie sich in der Gegenwart die Penetranz von medizinischem Wissen ins Gegenteil von Gesundheitspflege verkehrt. Ließe sich nicht, das, was wir am medizinischen Körper feststellen, auch auf den literarischen Corpus übertragen?

Beraubt nicht eine pseudoprofessionalisierte Literaturkritik, die Diskursivität der Literatur von ihrem lebenserhaltenden Esprit? Und: Woher nimmt Ingold den Glauben, dass kenntnisreiche Literaturkritik gleichzeitig auch bessere literarische Werke ermöglicht?

Nehmen wir ein Beispiel aus den Kreisen der angeblichen »Großkritiker«: etwa Heinrich Detering, ein Mann, der mit den »Kriterien« dessen, was Ingold »Qualitätssicherung« nennt, vertraut sein dürfte. Ist sein dichterisches Werk angesichts seiner verdienten kritischen Auseinandersetzung mit Literatur daher qualitätsvoller? Nein. Es ist ein selbstgefälliger Akt der Barbarei.

Wir müssen nicht Orientierung im Dschungel der unzähligen Publikationen liefern, indem wir angeblich Lesenswertes von Nichtlesenswertes scheiden; wir müssen nicht die verlängerte PR von Verlagen sein; vielmehr scheint es dringlich, die Kluft zu überbrücken, die zwischen avancierten zeitgenössischen literarischen Konzepten klafft und einer Öffentlichkeit, in der sich ein gewisser Traditionsabbruch bzw. ein romantisch-expressionistischer-bürgerlicher Rückstand hinsichtlich literarischer Erzeugnisse der Gegenwart unmissverständlich ist; es geht darum, um eine Öffentlichkeit zu kämpfen, in der jene ästhetische Erfahrung, die die Literatur ist, sonst erlischt.

2 Comments on “92. Ingolddebatte

  1. felix philipp ingold schreibt:

    „Keine Ahnung, wer oder was das ist – ein Campbell; ich (als alternder Autor) vermute, es handelt sich um einen literarischen Youngster, der sich als Fürsprecher der im Betrieb grassierenden Laienherrschaft beliebt zu machen versucht. Falls er auch belletristische oder poetische Ambitionen hat, würde ich ihm dringend zweierlei empfehlen – 1) meinen VOLLTEXT-Beitrag noch einmal (etwas sorgfältiger) zu lesen, 2) sich den Juroren in Klagenfurt oder Meran zu stellen – dort wird er sicherlich Gerechtigkeit erfahren.“

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  2. Wiewohl ich den kritischen Argumenten von Campbell zu Ingolds Artikel zum Teil zustimme, möchte ich mir dazu doch etwas elaboriertere Ausführungen wünschen. Oder genügt es wirklich, wenn man sich, zum Beispiel, auf Foucault beruft, um den eigenen Sätzen mehr Gewicht zu geben. Der Vergleich mit der Medizin ist schlicht. So schreibt Campbell sich hier vom menschlichen über einen, wie auch immer gearteten, medizinischen Körper zu einem literarischen Corpus und beweist zumindest, dass er des Lateinischen mächtig ist, ohne hiermit schon eine schlüssige These exemplifiziert zu haben. Was genau meint Campbell mit der Penetranz von medizinischem Wissen, wo sieht er dieses und wie, warum und wo lässt es sich mit professioneller Literaturkritik vergleichen? Und was ist seiner Meinung nach das Gegenteil von Gesundheitspflege? Auch hier nur eine mit flotter Hand hingeworfene Wortfolge ohne nähere Erklärung. Wer ist dieses „wir“, das Campbell hierbei bemüht? Eine Art Majestätsplural? Warum bleibt er nicht beim simplen, aber korrekteren „ich“, wenn er seine Argumentation führt? In meinem Namen spricht er jedenfalls nicht. Mein korrektes „ich“ ist befangen, bedauert nicht nur den unschlüssigen Vergleich mit der Medizin, sondern in Campbells Beitrag auch das Fehlen einiger Genitive, die dem Dativ zum Opfer fielen. So what, könnte man sagen. Trotzdem schade.

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