93. Mein Dozent sagt es auch

Ich weiß noch wie einer meiner Germanistikdozenten vor ein paar Jahren den Zustand der deutschsprachigen Gegenwartslyrik beklagte. „Die jungen Dichter“, meinte er, „schreiben doch nur noch Germanistenlyrik. Sehr gelehrt, reich an Anspielungen, Zitaten und Assoziationen, ohne Herz und Seele.“ Welche Autoren der Dozent damit meinte, sagte er nicht. Allerdings ließ er keinen Zweifel daran, dass er durchaus weiß, was die so genannten Independent Verlage veröffentlichen.

Seither musste ich bei so manchem Gedichtband an diese Worte denken. Nie aber kamen sie mir so schnell in den Sinn wie bei der Lektüre des neuen Gedichtbandes von Carl-Christian Elze. Und das nicht etwa, weil Elzes neuen Texten Herz und Seele fehlen. Ganz im Gegenteil. Sie vereinen vielmehr einen stilsicheren Umgang mit sprachlichen Variationen und einen gefühlvollen Ausdruck, der in der deutschsprachigen Lyrik sehr selten geworden ist. Schon allein deshalb ist ich lebe in einem wasserturm am meer, was albern ist ein mutiges Buch. Der Gegenwind von so manchem Lyrikkollegen dürfte nicht lange auf sich warten lassen. Vielleicht provoziert ihn Elze auch ein wenig, bedenkt man das Robert-Walser-Zitat, das dem Band voranstellt ist. In einem Gespräch mit Carl Seelig sagte Walser: „Finden Sie nicht auch, dass die jetzigen Lyriker zu malerisch empfinden? Sie haben geradezu Angst, ihre Gefühle zu zeigen. Da suchen sie denn als Ersatz nach originellen Bildern. Aber machen Bilder das Wesen eines guten Gedichtes aus? Gibt nicht erst die Empfindung jedem Gedicht seinen Herzschlag?“ / Mario Osterland, Fixpoetry

Carl-Christan Elze: ich lebe in einem wasserturm am meer, was albern ist. Gedichte. ISBN: 978-3-939557-69-2, 22€, luxbooks, Wiesbaden 2013

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