94. Solidarität mit Li Bifeng

Rede auf der Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933

von Liao Yiwu

Wegen seines Protestes gegen das Massaker auf dem Tiananmen Platz wurde der namenlose Lyriker Li Bifeng verhaftet und war mein Leidensgenosse im Gefängnis. Mehrmals musste er danach wieder ins Gefängnis. Dort und in der Freiheit hat er Gedichte, Romane, Essays und Theaterstücke geschrieben und Gesellschaftsstudien verfasst.

Der größte Teil seiner Werke wurde von den Behörden beschlagnahmt. Nur ein kleiner Bruchteil ist auf der Webseite zu lesen, die wir für ihn eingerichtet haben, um seine Freilas- sung zu fordern. Für den 4. Juni dieses Jahres organisiert das Internationale Berliner Literaturfestival zum 24. Jahrestag des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens das Worldwide Reading for Li Bifeng. Zahlreiche Schriftstellerkollegen haben bereits zugesagt, für seine Freilassung zu lesen. Hiermit bitte ich die anwesenden Schriftsteller darum, ihm ihre Solidarität mit eigenen Initiativen zu bekunden.

Li Bifeng liebt die Freiheit. Unter den politischen Gefangenen Chinas gilt er als der Meister der Fluchtversuche. Doch alle seine sieben Ausbrüche endeten damit, dass er wieder festgenommen und sogar gefoltert wurde. Einmal konnte er sogar bis nach Birma flüchten, wo er jedoch von einer kommunistischen Guerilla-Truppe gefangen und an die chinesischen Grenztruppen ausgeliefert wurde. Wie einen Fußball haben ihn acht Soldaten eine halbe Stunde lang hin und her getreten, so dass er heute immer noch unter den Folgen der Verletzungen an den Ohren, den Wangenknochen und am Hodensack leidet.

Das Leben von Li Bifeng, der dem Tod mehrmals entgangen ist, besteht hauptsächlich aus Schriftstellerei, Flucht und Gefängnis. Im November 2012, zwei Tage nach dem 18. Parteitag der KP Chinas wurde er wegen angeblicher Wirtschaftskriminalität zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Er war gerade 48 Jahre alt geworden, zwölf Lebensjahre hat er bereits im Gefängnis verbracht.

Verschiedene chinesisch-sprachige Medien berichten jedoch, dass der eigentliche Grund für seine erneute Verurteilung seine jahrelange Unterstützung anderer Dissidenten gewesen sei und dass er im Jahr 2011 seinem Leidensgenossen aus dem Gefängnis, Liao Yiwu, bei der Flucht aus dem Land geholfen habe. Ich habe wiederholt erklärt, dass er mit meiner Flucht nicht das Geringste zu tun hatte. Doch sein Schicksal verursacht mir endlose Albträume. Ich danke dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, den deutschen Schriftstellern, dem PEN und der Akademie der Künste dafür, dass sie sich heute, anlässlich des Jahrestags der Bücherverbrennung, für seine Freilassung aussprechen. Sie ziehen somit eine Verbindungzwischen der Verfolgung von Schriftstellern durch die Nationalsozialisten und der heutigen Situation nicht nur in China. Denn wer sich für die Freiheit eines einzelnen Schriftstellers ein- setzt, macht somit auf das Schicksal aller verfolgten Autoren aufmerksam.

Lange vor der Bücherverbrennung durch die Nazis hat bereits der chinesische Tyrann Qin Shihuangdi, der die Chinesische Mauer erbauen ließ, als erster in der Geschichte der Menschheit Bücher verbrennen und Gelehrte lebendig begraben lassen. Und nicht lang nach der Bücherverbrennung Hitlers ließ der moderne Tyrann Chinas, Mao Zedong, in der von ihm ausgerufenen Kulturrevolution durch die Rotgardisten unter der Parole „Weg mit den Vier- Alten“ überall im Land Bücher verbrennen. Im gegenwärtigen China ist es längst Alltag geworden, dass Menschen wegen unliebsamer Äußerungen verurteilt werden. Es ist auch keine Seltenheit, dass Manuskripte von Schriftstellern beschlagnahmt und vernichtet werden. Die Schicksale von Li Bifeng, Liu Xiaobo, Gao Zhisheng, Tan Zuoren, Shi Tao, Ya Xin (Yassin) und vielen anderen besagen nur, dass der düstere Geist eines Hitler, Mao Zedong, Stalin oder Deng Xiaoping sich in absehbarer Zeit nicht verflüchtigen wird und dass das Feuer, das Bücher vernichtet, noch weiter lodert. / Mehr
Aufruf zur Solidarität mit dem chinesischen Lyriker Li Bifeng

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