65. Schlurpsfaktor

Bei KuNo ein Mailgespräch zwischen dem deutschbelgischen Berliner HEL und Ulrich Bergmann. Wundern, nicht ärgern, weiterlesen! Hier 7 Fetzen:

1

HEL: Lieber UB, lassen Sie sich eine jahresendgeschichte mit flügeln erzählen… Martin Pohl war auf eine Literarische Tischservierung eingeladen. Ehrengast war jener Beckelmann, den angeblich Grass mit der Blechtrommel zuvorkommend in den ruin getrieben hat; Beckelmann hochprozentig und fern jeder positionsbestimmung. Norbert Adrian, der den literarischen tisch servierte, stellte Beckelmanns roman vor als unbekanntes meisterwerk auf einer höhe mit den Buddenbrooks oder Krieg und Frieden. Darauf ergriff höchsteigenschaftlich das wort Olaf Münzberg, Hauptvorstandssitzender der Neuen Gesellschaft für literatur und publizist von einigem reputat, und bemerkte: „Norbert, zwischen krieg und frieden mußt du schon differenzieren.“ Martin, von dem ich das stückchen habe, prustete ungeachtet servierter tische laut los und kriegte sich vor lachen nicht mehr ein. Bis die anderen verstanden hatten muß eine kultursekunde verstrichen sein. Dann aber krachte das Literaturhaus unter dem gelächter zusammen. Der tisch, von Beckelmanns hochalkoholik schon angeschlagen, war unservierbar geworden, die veranstaltung endete tumultuarisch. So erzählte es mir Martin. Dem ist nur noch hinzuzufügen: Da hat sich mal wieder 1 witz nach Berlin verirrt, und die kerls hätten ihn beinah wieder laufen lassen.

UB: Vielleicht ist der am größten, der das Jahrhundertwerk nicht schreibt, obwohl er’s könnte. Und ist der groß, der auch seine Kleinheit als Größe wagt?

HEL: Man sieht es im musikgeschäft wie schnell die leute ausgelaugt werden. Sogar Bob Dylan mit seiner lederhaut. Nie bestand größerer bedarf an verwertbarem genie. Das ist eigentlich ein widersspruch in sich: genie ist nicht verwertbar. Aber vielleicht gehört das zu meinen letzten illusionen.

Peter Hacks schrieb mir: „Die Moderne ist ja die Formlosigkeit selber; Ihre Welt indessen, wie sie so von Platen bis Hofmannsthal menschheitsdämmert, stellt und erfüllt formale Ansprüche äußerster Art… Auf Ehre, ich bin entzückt zu erfahren, daß gleich bei mir um die Ecke so ein Snob wohnt.“ Doppelbödig, nicht wahr? Ich bin mir des lobes nicht so sicher. Hacks ist ja selber gespalten, der gebrauchsdichter und librettist, und der formalismusverdächtigte. …

Der osten unterwandert den westen ohnehin, Rußland, mezzogiorno, der schlaf der Internationale – die Roten Schalmeien stehn um Jerichos mauern, falls Euch jemand fragen sollte. Wir berichten weiter von der Kamtschatkafront.

Um die großen fragen unserer epoche zu behandeln hätte Grass seinen Fonty nach Sibirien verbannen müssen. Wir sind nicht postmodern, wir sind präpazifisch. Standort Deutschland ist tiefste provinz; einziger lichtblick: Greenpeaces dreiliterauto. Wär das ein thema für Grass?

Standort Deutschland ist tiefste provinz, und ich hätte sie gern noch tiefer, das wäre eine chance. Wo der kapitalismus des 21. jahrhunderts gebraut wird, in Hongkong oder Singapur, da möchte ich nicht leben…

2

UB: Mir gefällt das Kommunikative, die Musik des Rap und der Fluss der metaphysisch hingerotzten Gedanken, jedenfalls dann, wenn sie nicht verlogen sind.

HEL: Social Beat, ja ja, SB. Es ist in erster linie ein gefühl, ein lebensgefühl. Ich teile es nicht, aber wo es ist schwingt bei mir etwas mit. Gefühl ist alles; tao heißt vielleicht gefühl. Wenn Sie es auf den kern zurück führen, haben Sie immer ein – feeling. Der unterschied ist, ich finde es an stellen wo die SBs es nie suchen würden, ihr gesichtsfeld ist zu eng. Ich finde es bei Hüsnü Daglarca, bei Yunus Emre, bei Asik Veysel, um bei den türken zu bleiben. Es ist ja so alt wie die dichtung selbst. Was die SBs heut meinen, hat viel mit bier und noch ein paar ähnlich gelagerten dingen zu tun, die schwer faßbare melange aus rum hängen, getrieben sein, bier, punk … Sie wissen es selbst. Auch negative eitelkeit ist dabei, sorgsam ungepflegte kleinbürgerei, ein antihabitus mit engen grenzen, borniertheit auch; tief darunter sind sie wach, aber meist wahren sie sich vor zu vielen eindrücken, gleichzeitig muß lautstärke und monotonie stimmen. Stadtbewohner sind sie, auf ihrer weise lieben sie die stadt, den beton. Das alles macht sie aus, ist ihre gestalt, und das schreiben, gedankenlos, aber nicht automatisch, gehört dazu. Doch beat, sagte mal ein jazzmusiker fein, ist noch lange nicht takt, so weit davon entfernt wie social von anarchy.

UB: In Deutschland hat man meist ein falsches Verhältnis zur Arbeit. In diesem Land mußte die kommunistische Idee geboren werden und hier muß sie auch immer scheitern – beides ist fast dasselbe.

3

HEL: Was das GUTE betrifft, hab ich einer freundin geschrieben: Bleib ä gudes ludr, abr werd kä gutmensch. …

Im übrigen sollte es zeit sein, europäisch zu denken, und zwar europäisch mit der großen lösung. Und mit denken meine ich nicht kapitalstrategisch, das geschieht ohnehin, sondern kulturell, sozial, politisch. Für mich gehört der Islam dazu, und es wird eine der großaufgaben sein, die halbzerstörte brücke wieder zu bauen.

Und die Özdamarn ist wirklich so gut. Bei ihr hab ich gespürt was wäre wenn wir unsere nasen nicht mehr nach Amerika hielten. Was für ein kräftiger pollengeladener nährwind weht da vom balkan herauf, was für ein himmelsplankton uns ins maul! wie der geist der indianer auf die amerikaner, wird der geist der türken auf uns übergehn, wir sind dabei, eine türkisierte gesellschaft zu werden. Das ist eine frage der chemie, nicht der politik. So wurde Amerika schwarz und wird hispanisch. Europa wird slawisch und orientalisch, und nicht zu seinem nachteil. Sevgi Özdamar gibt einen vorgeschmack.

UB: Die Türken ersetzen uns die Juden – Allah sei Dank!

Ob wir mit dem Islam und ob der mit uns? Schwierig. Aber eine gute Herausforderung: da brauchen wir viel Geduld und dürfen nicht zu viel erwarten. Appeasement ist gegenüber dem islamischen Fundamentalismus der falsche Weg. Unser Land verlor schon, bevor die Türken kamen, immer mehr seine christlichen Fundamente. Im Grunde gut so, denn es bedeutet Selbstbefreiung von unterdrückender Kultur, die faschistische Phase eingeschlossen. Schlimm nur, was da an Glaubensersatz – esoterische Idiotien und unreflektierte multikulturelle Verbaltoleranz – an die Stelle des Kulturchristentums tritt. Ich vermute, daß tief in unserem europäischen Bewußtsein ein fundamentalistischer Restglaube sitzt. Der müßte sich eigentlich mit dem Islamismus treffen, tut es aber nicht. Warum? Der Imperialismus der weißen Rasse ist noch nicht am Ende. Der Kapitalismus ist da zwar freier, hat aber seinen eigenen, ihm immanenten Faschismus.

4

HEL: … lesen Sie Ulrike Meinhof und die deutschen Verhältnisse, Wagenbach 2001: mann, das ist doch alles noch da! DAS hat 68, von manchen als zweitgründung der BRD bezeichnet, nicht geändert, nur gemildert. Meinhofs analysen stimmen bis heute: äußere wie innere verelendung und die krankheiten daraus, von straßenkindern schleppe genannt; wir haben die Auschwitzimaschleppe: das ist ein krater, den man noch in einer million jahren vom weltall aus sehn wird, wie das Nördlinger Ries, und wir gehn auf dünner lavakruste .. na Sie verstehn schon: Köln mag einen schuß zivilisierter sein aus römischer zeit, luperkalisch, ubisch, druidisch, dafür hat’s 2000 jahre katholenterror aufm buckel .. wovon reden wir hier eigentlich? … streiten kann man über Stalins rolle, und über das verhältnis anarchismus / sozialismus – antagon oder graduell. Aber haben wir Adlonverpopten alles vergessen womit wir aufgebrochen sind? … Viva la revolucion!

5

HEL: … schau mal, bei den dichtern ist das so: du kannst dichten oder schlurpsen, und ein dichter kann beides. Shelley zb schlurpst auf höchstem niveau, Heine, Brecht. Aber bei den nieschlurpsern gibt es mehrere sorten, die die es nicht tun, und die die es nicht können. Und nicht schlurpsen können heißt auch nicht richtig dichten können. So viel zum schlurpsfaktor.

6

HEL: … Aber ’s gibt auch Merse- / burger zauberverse (Rühmkorff)

7

HEL: … ein unpassendes wort kann mich wild machen, nach jahren geh ich mit tippex bei. Und freuen kann ich mich über ein weiteres wortfeld, von sitzen bis hodos, suomi und türk su: alles eine semantik. Das ist mein adlerhorst, und da zwinkert mir der alte Humboldt zu.

GÖÖGLMÖÖSCH ist so entstanden: ungefähr jeden tag eine strophe, und hinein was gerade anlag, zb … reimnis/keimnis, und dann statt geheimnis schleimnis, oder Billy Childish, ein singuläres popphänomen in 72 ua. Ein minimum an handlung trägt einen rückenkamm an assoziaten, wie ein kaum sichtbarer pfad im djungel. Sowas kommt von sowas, und man sollte preisen die kraft und herrlichkeit des auswurfs. Der allerdings, nach dem vorabdruck zu urteilen, kommt eher kleckerweise, pseudosensibel, scheindurchnwind, es treibt sich nicht voran, es liegt

umanand.

ich hab von jedem brief eine durchschrift…

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