9. Was soll das – Poetik mit Grönemeyer, subjektiv

Von Bertram Reinecke (Leipzig)

Ich verstehe die Kritiker der Poetikvorlesung mit Herbert Grönemeyer: Dass die ohnehin schmale Kulturförderung für etwas ausgegeben wird, was sich so ähnlich auch anderswo finden lässt. Ich besuchte dennoch ebenso die Poetikvorlesung, wie das Gespräch über Poesie mit Michael Lentz am Folgetag. Über weite Strecken hatte die Veranstaltung besseres (wohlgemerkt immerhin) Talkshowniveau. Es war unterhaltsam und tatsächlich konnte ich auch etwas über Poesie lernen: In gewisser Hinsicht sind Grönemeyertexte denen Gertrud Kolmars verwandt, die er auch rezitierte. (Aufgefallen ist es mir besonders bei der zweiten Veranstaltung.) Ich bin sicher, dass einige Fans diesen Ball aufnehmen werden. (Weniger interessant für mich seine Vorträge von Mascha Kaléko, Ringelnatz, Tucholsky und Heinz Erhardt, auswendig.) Seltsam zu beobachten, welche Emphase beim Lob der Dichtung noch glaubwürdig wirkt, wenn ein verehrter Star sie vorträgt. Ein Lyriker wäre längst als Spinner abgetan worden. Die Aura eines Grönemeyer, der von wohlwollenden Fans umgeben war, beschützte sein Pathos vor dem Glaubwürdigkeitsverlust. (Er lobte intensiv das Gedicht als Hilfsmittel zur abendlichen Selbstreflektion im Gegensatz zur anspruchslos prosaischen Bettlektüre).

Ein anderes Detail: Er  verglich die Unterdrückungsprozesse von Texten mit Zensur, ist also offensichtlich kein Anhänger der Totalitarismustheorie, die im politischen Diskurs vielerorts noch verbindlich ist. Er sprach aber auch von den privaten Codes die der DDR-Bürger aufgebaut hätte, um sich über die Mankos des System geheim zu verständigen und das traf zumindest in den Achzigern wohl allenfalls für die öffentlichen Codes noch zu. Nicht jeder Code, der einem Auswärtigen unzugänglich ist, ist gleich ein Geheimcode. Wie umgekehrt: Der offenbar pointiert gemeinte Verweis auf seine Anfänge bei Süverkrüp z.B. löste ebensowenig Erheiterung aus, wie seine Anspielung aufs KBW-Milieu.  („Unverschlüsselt“ ist immer der Code einer unreflektierten Mehrheit.)

Mir war nicht deutlich, dass Grönemeyer häufig, nicht nur aus akustischen Gründen, dem Vorwurf der Unverständlichkeit ausgesetzt ist. Was Grönemeyer auch immer ist: Selbst seine Texte sind also offensichtlich keine „Realpoesie“. In der zweiten Veranstaltung (die Presse war offenbar schon abgezogen) widersprach er der These, seine Texte seien unverständlicher geworden und zog von Album zu Album die Linien nach: Unverständlichkeit ist eben nicht nur eine Sache der sprachlichen Strategien, wie viele behaupten, sondern auch ein Effekt komplexer Sachverhalte und Erfahrungen, die mit denselben Mitteln vermittelt werden sollen. Könnte man verständlicher werden, wenn man zu anderen weniger eingeführten Mitteln griffe oder ist man genötigt, dies eben hinzunehmen. Grönemeyer strahlte in Bezug auf dieses Problem eine wohltuende Gelassenheit aus. Ein zweiter wichtiger Aspekt: Grönemeyer nimmt sich die englische Kultur des Poptextes mehr und mehr zum Vorbild: Diese Texte seien weniger gradlinig, weil sie stärker die Neigung hätten sich selbst in Frage zu stellen. Das strebe er auch an. Andererseits vermittele ihm der ausprobierend spielende Umgang mit dem Material eine größere Tiefe der Beschäftigung, während er den deutschen gradlinigen Ernst als eine kulturelle Attitüde in Verdacht zog.

Dabei zeigte sich an Textvarianten für bestimmte Songs, die er vorstellte, dass das Thema des Textes erstaunlich unabhängig ist von der Stimmung der Musik. Texten ist für ihn nicht das Übermitteln von Inhalten: „Ich habe dies und das über diesen Gegenstand zu sagen“, sondern eher das Vermitteln von versprachlichten Haltungen. Schnell wird aus einem Liebeslied das ist immer einfach ein Lied wie Schiffsverkehr. (Andere Beispiele waren noch deutlicher, aber ich war zum Vergnügen da, also ohne Stift und konnte sie mir als Nichtkenner so nicht merken.)

Den Vertextungsprozess beschrieb er als dreistufig: Zunächst ein sogenannter Bananentext während der Komposition, der fließend und veränderlich vielleicht die sprachlichen Möglichkeiten der Melodie auslotet. Anschließend wird ein fester Dummy erstellt, der die Längen der Phrasen und ihre Betonungsverhältnisse festlegt  (er arbeitet offensichtlich intuitiv und nicht mit dem Abzählen von Hebungen und Senkungen), bis dann verschiedene echte Textvarianten mit dem Vorhaben der Veröffentlichung entstehen.

Leider ließ sich Herbert Grönemeyer am zweiten Abend nur teilweise auf die von Michael Lentz gut vorbereiteten poetologischen Fragen im Detail ein.

Immerhin wurde sehr deutlich, dass Grönemeyer wie etwa auch Element of Crime sehr stark von der Verfremdung von Sprichwörtern und Redewendungen ausgeht, während die Geschichte bzw. Handlungssituation des Liedes erst in einem späteren Stadium hinzutritt, um die Intentionen zu bündeln. Ebenfalls wurde deutlich, wie der symbolische Gehalt mitunter die sachliche Orientierung aus den Angeln hebt.

Dass das ihm als Autodidakt offensichtlich aber nicht immer ganz glückt, schälte dies Gespräch am Beispiel von Schiffsverkehr ebenfalls heraus. Wer hätte z.B. gedacht, dass die Textzeile „Fall auf meinen Fuß“ sich von der Wendung „auf die Füße fallen“ ableitet? Wenn mit dem Zeilenpaar „Geb Mir Ewigen Schnee / Pures Gold, Wohin Ich Seh“ so etwas wie „strahlendes Glück“ gemeint sein soll, dann ist der konzeptuelle Aufwand doch etwas hoch. „Unverständlich“ ist aus dem gleichen Grund unerwarteten Aufwands wohl auch das Zeilenpaar „Stell mich vor/ das Leere Tor“ die im Gedanken an einen Fußballstürmer entstanden. Das mag der Sportschauseher verstehen, aber selbst dem Mitglied der Autorennationalmannschaft Michael Lentz wollte das nicht recht plausibel sein.  („Unverschlüsselt“ ist immer der Code einer unreflektierten Mehrheit.) Klar wird aber auch, dass die Schwierigkeiten des Verständnisses oft nicht aus dem Komplexionsniveau eines Textes erwachsen, sondern viel häufiger aus einem starken Wechsel dieses Niveaus nach oben oder unten. Die Gefahr der Enttäuschung, dass sich ein schillerndes Geheimnis in eine Banalität auflöste, lag immer nahe, manchmal waren die Bemerkungen aber auch bereichernd. Man neigt ja dazu, ein Bild das man verstanden glaubt nicht weiter zu befragen und hier und da war manches auch stärker durchdacht als von mir angenommen. „Entfalte meine Hand“ ist in seiner Mehrdeutigkeit wohl ein Einstieg, der in Bezug auf Grönemeyers Sorge um eine gute erste Zeile als geglückt betrachtet werden darf. Diese Offenheit, sich vor großem Publikum hinterfragen zu lassen und sich selbst zu hinterfragen unterschied Grönemeyers Auftritte wohltuend z.B. von Uwe Tellkamps Poetikvorlesung, die ebenfalls auf kaum höherem technischen Niveau (was eventuell Michael Lentzens Einflussnahmen auf Grönemeyer zu danken gewesen sein mag) reines Marketing betrieb: „So toll sind Schriftsteller im Allgemeinen, weil sie ständig mit den großen Themen sich befassen und ich im Besonderen.“ (Die einzige wirklich technische Einlassung Tellkamps, wie man einen Charakter aufbaue, beschränkte sich seinerzeit auf eine Exerpierung der einschlägigen Auffassungen des Faz-Feuilletons zur Persönlichkeit des Terroristen an sich). Während Tellkamp sich in die Rolle des Sehers stilisierte, vertrat zwar auch Grönemeyer den Anspruch, dem Zeitgeist und den Menschen eine Stimme zu geben, rechtfertigte dies aber mit der Arbeitsteilung in der Gesellschaft. Er habe eben die Zeit, sich intensiv mit diesen Fragen zu beschäftigen, während anderen diese im Berufsleben mitunter nicht bliebe.

Dennoch hoffe ich natürlich, dass es bei diesem einmaligen Ausflug in die Popkultur bleiben möge. Mit Ingo Schulze, Harry Rowohlt und Herta Müller sind in der Vergangenheit Referenten gewonnen worden, die das Anliegen dieser Veranstaltungreihe weit besser verkörperten. Wenn es, wie Hans Ulrich Treichel auf lvz online angemerkt hat, darum ging Songwriting in das Nachdenken über Poetik einzubeziehen, hätten unter Umständen Leute wie Sven Regener, Gerhard Schöne oder Wolf Biermann einen besseren Zugriff auf ihr poetisches Tun gehabt. Dennoch wurde der Abend über den engeren Kreis der Grönemeyerfans hinaus als anregend und praktisch verwertbar für das Schreiben empfunden. (Zumal auch von Leuten, die sich nicht täglich mit dieser Materie beschäftigen.)

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Die Welt zum Thema:

Deutschlands größter Popstar verrät in Leipzig seine Betriebsgeheimnisse Von Richard Kämmerlings

5 Comments on “9. Was soll das – Poetik mit Grönemeyer, subjektiv

  1. Pingback: B∙U∙C∙H∙S∙T∙A∙B∙E∙E∙T | Kulturnotizen

  2. „Grönemeyer aber weiß, dass er kein Dichter ist – auch wegen seiner ausdrücklichen Bewunderung für Gertrud Kolmar oder Mascha Kaléko. Umgekehrt sei Lyrik nicht zu vertonen, sie bringe ihre Töne immer schon mit. “ Die Welt

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  3. herrje, aber nun, alles recht solang er nicht (auch noch) singt: bei der stimme gibt man vivimed oder salbei oder auch heißen tee mit puntsch, da braucht man keine plattenverträge! egal was er dazu/dafür textet.
    aber hoffentlich fängt er nun nicht noch an, gedichte zu vertonen, er oder andere dieser sänger – wirklich schlimm diese singende schauspiler mit hoden, da kommen die diseusen noch deutlich angenehmer = weninger störend hinüber.

    aber so den einen oder andere bossong von naidoo oder silbermond vertont?
    und wenn dann auhc noch sandig/ pelzig … pelvig, oder wie die heißt ruhe geben würden, herrje, exklamierte ich schon? dann könnte man noch von poisel bis kneef gelgentlich was nahören ohne zu einem element of crime zu werden.

    es muss ja nciht gleich ingrid caven sein, aber s.o. Biermann usw. hättens doch auch getan, wiewohl doch nciht mehr schick und hipp genug!
    ja, schade, den jopi könnens nimmer einladen, aber sogar sogar der frühe(re) Bastian Böttcher hätte eine neu-entdeckung können sein.

    so, das reicht erst mal
    https://encrypted-tbn3.gstatic.com/images?q=tbn:ANd9GcRxUOfWT9oK-kXhOPwFk6H8rWyWTb9JX0lJgf7rym00rNzaVxvW

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  4. „(er arbeitet offensichtlich intuitiv und nicht mit dem Abzählen von Hebungen und Senkungen)“ …wenn er doch musiker ist, sollte das nicht verwunderlich sein; ein „gefühl“ für rhythmus (hier sprachliche-sprecherichen) sei da wohl anzunehmen. das metrische korsett wiederum bleibt -nach meinem empfinden- ein geeignete methode, den sprach-sprechrhythmus über die melodie eines liedes in den vordergrund zu verhelfen; außerdem eine art tanzschritt, die aus dem ff zu beherschen, stolpereien im text vermeiden und – litanei, mit eben auch ihrem verführerischen pathos.

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    • Ich habe mich entweder unglücklich ausgedrückt bzw. nicht zu Ende gedacht, was das erstaunliche an dieser Arbeitsweise ist. Denkbar wäre, und radikal intuitives Arbeiten wäre das: Der Bananentext entwickelt sich organisch fort mal wird dort eine sinnvolle Phrase eingestreut mal da, bis am Ende die Sache steht. So ist es ja nicht. Er macht einen Abzug, lässt die Melodie fort und „setzt sich hin“. Offensichtlich ist es praktikabel bei der Textarbeit die Melodie auch erstmal beiseite zu stellen. Und da wäre eben schon denkbar, dass er stattdessen das metrische Gerüst abzöge oder eine Notenschrift. Mit den guten und schlechten Taktteilen und Notenwerten hätte er ja so eine Art Protometrik an der Hand. Daran denkt er offensichtlich nicht, sondern nimmt seinen Dummytext. Der lässt sich einerseits als eine Folge von Merkzeichen verstehen, die dem Werkelnden an jeder Stelle sagt, an welcher Stelle der Melodie er gerade ist, wenn er Passigkeit prüfen will, ohne das ganze Lied von vorn durchzusingen. Auch der anderen Seoite legt er damit die Silbenzahlen und Hebungen fest. Vielleicht aber nur grob. Das endgültige Passkriterium scheint immer die Melodie und Grönemeyer ist ja jemand der gern mal mehr Silben auf eine Senkung (bzw. dann auf eine geteilte Note) verschwinden lässt, etwas beugt etc.

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