133. Hier und nebenan

„Kommse näher, kommse ran, hier wernse genauso beschissen wie nebenan!“

Warum fällt mir der Spruch beim Lesen einer Lyrikrezension ein?

Die Antwort darauf fällt mir nicht schwer.

Daß man über Autoren und Werke spricht, indem man im Guten oder Bösen vergleicht, ist nicht neu. Das Prinzip ist einfach – wer Peter Huchel erheben will, muß nur Wilhelm Lehmann runterhängen. Und wer meint, daß das nicht auch umgekehrt geht, irrt sich vielleicht – sehr. Um die (umstrittene) Zielgruppe akademisch Gebildeter anzusprechen: man hat vielleicht gelernt, daß Schiller in „Über Bürgers Gedichte“ mit einer ihm nicht genehmen Richtung abgerechnet hat. Schillers Kritik an Bürger: „Eine der ersten Erfodernisse des Dichters ist Idealisirung, Veredlung, ohne welche er aufhört, seinen Namen zu verdienen.“ – „Der unschickliche Ausdruck: die Nase schnaubt nach Aether, und ein unächter Reim: blähn und schön, verunstalten den leichten und schönen Gang dieses Liedes.“ Nun, Herr Schiller saß vielleicht im Glashaus, und seine Balladenklassik ist auch nicht der absolute Maßstab.

Das alles, wie gesagt, ist normale bare Münze des Kritikergeschäfts. In der letzten Zeit beobachte ich aber eine übersteigerte Anwendung des Verfahrens. Ein mit einer Marketingstrategie einhergehendes simplifizierendes Schema will uns einreden, es gebe zwei Arten von Lyrikern. Zwei, nur zwei? Hunderte* träfe es besser. Dieses Buch enthalte hundert Autorpoetiken, schrieb Günter Kunert vor Jahrzehnten über eine Sammlung, und alle seien richtig. Diese Haltung scheint es nicht mehr zu geben. Die stalinistische Formel „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ hat sich in der Lyrikszene durchgesetzt. „Sie“ schreiben akademische, komplexe, unverständliche, das Publikum verscheuchende Gedichte und kassieren dafür auch noch die Preise, während „wir“ verständliche, einfache, „reale“, ein größeres Publikum verdienende Gedichte anbieten. Uns stünden die Preise zu, sagen die Leute, die gleichzeitig behaupten, die staatliche Subventionierung sei von Übel**. Klar doch: die der anderen.

Aber es gibt nicht zwei Schulen, sondern, Kunert und Mao haben Recht, hundert. Und der Bedeutungsverlust der Lyrik hat nicht vor sieben Jahre eingesetzt, sondern vor mindestens 200 – die romantischen Kritiker wußten es schon. Er ist auch nicht aus einer einzigen Ursache zu erklären, sondern verdammt komplex. Mindestens so komplex wie die bunte (nicht zweifarbige, wie schlechtgelaunte Kritiker dem wenig informierten Publikum hartnäckig einreden) Lyrikszene. Man lese selbst die „Top 20“, die Politycki für das Jubiläumsheft von Leitners „Das Gedicht“ zusammengestellt hat. Diese Gedichte von Autoren wie Karl Krolow, Walter Helmut Fritz, Günter Kunert, Gerhard Rühm, Matthias Koeppel, Fitzgerald Kusz, Franz Hodjak, Robert Schindel, Jean Krier usw. sollen die neue Leitner-Politycki-Schule der nichtkomplexen, nicht(gottseibeiuns!)akademischen „klaren“, „realen“ Lyrik sein? Da lachen ja die poetischen Windhühner (ogott, wo komm‘ die her? Wie irreal, Teufel!).

Das alles muß ich mit wachsendem Verdruß immer wieder, mehrmals im Jahr lesen. Muß in der Agenturwerbung und in den Editorials der Weßlinger Zeitschrift erfahren, daß ich, Käufer, Abonnent und Leser von Anfang an, als akademischer Verderber der Lyrik beschimpft werde***. Leute, ich zahle doch dafür, ihr solltet mir schmeicheln!

Ach ja. Soeben lese ich in einer Rezension eines sicher schönen Lyrikkalenders, den ich noch nicht kenne – was zu ändern mich diese mich ohrfeigende Rezension eher abschrecken will**** – dies:

„Poesie Agenda“ ist das Gegenteil von Lange­weile. Der Kalender aus dem Appen­zeller Berg­land dürfte auch Lesern liegen, die das, was sie lesen, ver­stehen wollen und vor Gedicht­bänden oder Gedicht-Antho­logien ansons­ten zurück­schrecken, weil sie krypti­sche Fein­staubl­yrik zwischen den Buch­deckeln vermuten.

Mensch, entspannt euch doch mal. Lest doch mal einfach Gedichte, die euch gefallen und freut euch dran, ohne den Teufel gleich dazuzumalen. Und wenn ihr kritisieren wollt, dann konkret und nicht im Schema-F-Nebensatz. Aber das können die nicht mehr?

_____________________

*) „Vorsicht, auf der A1 kommt Ihnen ein Falschfahrer entgegen.“ – „Einer? Hunderte!“

**) Wer hat eigentlich die große Jubelfeier mit 60 Autoren in München bezahlt, die der BR aussenden wird? Leitners Portokasse, nehme ich an.

***) Nicht ich persönlich, sondern ich als Typ – als grundverderbter Leser vielerart über- wie unterkomplexer Lyrik.

****) Ich als der grundverderbte pp. s.o.

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