116. Der Betrieb ist schlecht! Aber warum denn?

Diskussionsbeitrag von Bertram Reinecke

Siehe auch:

 

 

 

Eigentlich ist der Text von Brôcan nicht der Rede wert. Das hat man ja alles schon irgendwie gehört, teilweise bis zum Abwinken. Aber er ist geschickter und mischt Richtigeres mit dem ganz Falschen. Insofern dürfte er exemplarischer stehen für den Stand der Debatte als die ungelenken Rezensionen, die hier jüngst diskutiert wurden. Deswegen lohnt sich eine längere Antwort. Ich will hoffen, dass Brôcan selbst glaubt was er da schreibt. Man könnte ja auch denken, dass er zynisch sich selbst positionieren möchte. Da ließe sich dann jede Aufmerksamkeit und schon gar eine Debatte ummünzen in konkretes Fortkommen.

Um das mindeste zu sagen also ein zwiespältiger Text, der Fragen offen lässt. Pieken wir gleich hinein. Brôcan moniert, der Leser sei konfrontiert „mit der unglaublichen Fülle an Gedichten in Anthologien, im Netz oder auf Poesiefestivals, die es ihm ohne Sachkenntnis und entsprechendes Instrumentarium kaum mehr ermöglicht, Amateure von Profis oder gelungene von misslungenen Texten zu unterscheiden.“

Wann aber war denn der Zustand der Dichtung so, dass der deutschsprachige Leser ohne Sachkenntnis und entsprechendes Instrumentarium zwischen Amateuren und Profis unterscheiden konnte? Wie tat er das dann? Vermutlich durch Allgemeinbildung? Beklagt Brôcan den Zustand des Deutschunterrichts? Nein, er hält eine sprachliche Grundbildung für gegeben und unproblematisch. Gegeben wird sie durch Schule, früher Gottesdienst usw. Kann sie unproblematisch sein?

Warum soll der Leser überhaupt ohne Sachkenntnis und Instrumentarium gelungene von misslungenen Texten scheiden können? Das ist weder eine notwendige noch eine hinreichende Bedingung für den lustvollen Umgang mit Literatur. Schiller konnte nach gängiger Meinung selbst mit Sachkenntnis und Instrumentarium die Gelungenheit Hölderlins nicht einsehen. (Schillers Sachkenntnis mag überbietbar sein, wer weiß was Schiller über Dichtung wusste, den würde ich auch heute ernst nehmen.) Oder war es eher so, dass Hölderlins berühmte Kurzoden und all die Sachen, die wir dann doch lieber lesen als seine pathetischen früheren Texte, die (Antischillersche) spezifisch Hölderlinsche Umgangsweise mit Schillers bohrenden Anfragen war?

Ich vermute, dass Brôcan all diese problematischen Dinge für notwendig hält, weil seine Utopie des Lesers der „ernsthafte Leser“ ist. Der ernsthafte Leser liest mit Achtung seinen bedeutenden Gegenstand, eine Lesebeflissenheit, wie ich sie von mir als Schüler kenne, der durchaus freiwillig, wenn auch mit zusammengekniffenen Arschbacken, Thomas-Mann-Schwarten gelesen hat.1  Ernstes Lesen zum Abgewöhnen. Mein Bild des Lesens ist ein anderes. Wer Proust nicht liest wie Harry Potter, braucht Proust nicht zu lesen. Nicht jeder braucht das. Mut zur Lücke!2

Das ernsthafte Lesen hatte ich im Deutschunterricht kennengelernt: Seht her Kinder, ein bedeutender Gegenstand mit dem ihr Euch beschäftigen müsst, wenn ihr Erwachsene werden wollt. Jede abweichende Lektüre des Schülers, die nicht als falsch dargestellt werden konnte, galt zumindest als unkonzentriert, abseitig, unernst.

Dass es Brôcan um eine solche Fallhöhe, den glaubwürdigen Dichter geht, sieht man auch daran, dass ihm die Phantasie fehlt, vom Betrieb mehr zu fordern, als dass endlich mal wieder die großen Verlage … Eine Sehnsucht, die doch eher die soziale Rolle des Dichters betrifft, als die Art von Text, die der Markt nun befördert oder verhindert, was vordergründig ja das Thema des Essays zu sein scheint.3

Die Sehnsucht nach sozialer Besserstellung hin oder her: zurück zur Frage: Welche Gedichte sollten entstehen und was steht dem entgegen? Ich stimme Brôcan zu, dass der Kritiker als Vielleser hie und da, weil er nicht immer dasselbe lesen will, einen eingebauten Hang zu etwas außergewöhnlicheren, etwas spezielleren Texten entwickeln könnte. So haben wir den Betrieb eben aufgeteilt, bzw. eher: So finden wir ihn eben vor und man könnte das theoretisch kritisieren.4 Diesen Fokus entwickelt Brôcan leider nicht. Mich erschreckt eher was Brôcan beruhigen würde: Wie eingängiger, oftmals gehörter Text von einem Teil der Lyrikkritik gefeiert wird: Wenn das theoretische Argument richtig ist, lesen die dann wohl nicht genug?

Ja, es ist eben so, das finden wir so vor, dass es Spezialistentum gibt und dass der Trend zu immer größerer Auffächerung geht. Man kann das beklagen, aber darf man das in den Rechner tippen und im Netz veröffentlichen? (Vulgo: Wir profitieren auch alle von solchem Expertentum). Von einer Subkultur der Experten in Bezug auf Lyrik zu sprechen5, gestehe ich nur dem zu, der auch von einer Subkultur der Maschinenbauer, einer Subkultur der Politiker etc. spricht. Man kann das machen, wenn man den Kreis nicht so weit zieht, Brôcan tut es nicht, so legt sich der Verdacht nahe, dass lyrische Fachkenntnis in toto verunglimpft werden soll und das implizite Argument dafür die Tatsache ist, dass viele dieser Spezialisten marginalisierte Triebtäter sind. (Andere, Germanisten z.B. und manche Kritiker werden verhältnismäßig gut dotiert.)

Irgendwie scheint Brôcan an den Sänger für alle zu glauben, der mehr tut als „niedere oder höhere Unterhaltungskunst“ zu geben. Ich kenne dieses Dichterbild wieder nur aus dem Deutschunterricht: Der gute Dichter, wie schwer ers auch hatte, setzt sich dann doch durch und das Volk hört ihm zu: Wie sehr das nicht stimmt, habe ich erst später begriffen. In gewissem Sinne loben wir im Deutschunterricht sowieso die, die eben sich durchgesetzt haben. Und der Deutschlehrer erzählt uns die Durch-Nacht-zum-Licht-Geschichte bestenfalls um nicht selbst an seinem Gegenstand zu verzweifeln. Außerdem ist die Geschichte integrativ: Geh selbst durch die Nacht des Deutschunterrichts und Du wirst dann schon sehen: Jeder hat die Chance zum Licht zu kommen. Manche glauben es und irrrlichtern dann mit Hölderlin auf der Fahne durch den Literaturbetrieb. Ich habe meinen Deutschlehrern nie geglaubt, dass sie auf der Seite von Hölderlin oder wem immer ständen. Dies Deutschlehrerversprechen schüttet Konflikte zu.6

Man muss aber zuerst wissen was man will und dann muss man sich eben aufdrängen: Du hast keine Chance? Nutze sie! Brôcan denkt, Gutes müsste sich irgendwie von ganz allein durchsetzen und wenn das offensichtlich nicht passiert, muss jemand schuld sein. Allenfalls ist er bereit, ein Missverhältnis zwischen Produktion und Nachfrage zu sehen. (Offensichtlich liegt es hier eher auf der Produktionsseite.) Wie Thomas Kunst in seinem Sonett bin ich der Meinung, dass Lyrik auch eine Zumutung sein kann und sollte. Diese Zumutung beginnt bei den Netzwerkern: Öfters habe ich bei Anthologieanfragen die Dinge eingesandt, die mir wirklich wichtig sind und zur Sicherheit ein Sächelchen, von dem ich dachte: Das könnte dem Herausgeber liegen. Manchmal bin ich durch die Offenheit der Herausgeber überrascht, manchmal geht es aus wie das Hornberger Schießen.7

Brôcan möchte irgendwie Harmonie: Die guten Dichter, (Deutschunterrichtskompatibel?), sollen endlich Gehör finden, während die schlechten die Bühne zu verlassen haben. Aber irgendwie sind leider die Böslinge des Betriebs davor. (Das ist sehr integrativ solange er keine Namen nennt. Man könnte auch sagen wohlfeil.) Nur steht dann die Bühne voller Sündenböcke: Die Dunkelmänner vom Slam: Ja ich kenne die. Die stehen dann nach Lesungen auf den wenigen Bühnen, wo junge Literatur in anderem (auch: Brôcans) Sinne gemacht wird, und sagen Sätze wie: „Literatur kann auch unterhaltsam sein“, werben für ihre Lesebühne und rümpfen die Nase und versuchen ihre Hausliteraten und Konzepte auch auf diese Bühne zu hieven. Man merkt dann das Imperialistische dieses eigentlich wahren Satzes, nämlich die implizierte Folgerung: „Literatur muss mich unterhalten können.“ Und zwar auch die, die im beschränkten, sagen wir ruhig z.B. geschützten Raum des Literaturinstitutes probeweise vorgetragen wird, muss durch eine ersetzt werden, an der der Slammer Freude hat. Man sollte auf solchen Satz folgendermaßen antworten: „Ja, das finde ich auch, dass Literatur unterhaltsam sein sollte, warum macht ihr auf Eurer Slambühne nur immer so langweiliges, selbstbezügliches Zeug, wo man ohne jeden Erkenntnisgewinn rausgeht?“

Gegen die Dunkelmänner vom Slam setzt Brôcan die Lichtgestalt Les Murray.8 Nun muss man sagen, dass der durch seine Personalityshow (ein alter begeisterter Mann) und durch exotische Themen, die er authentisch verkörpert, auf einem Slam wohl ganz gute Karten hätte. So schlecht ist Slam auch wieder nicht.

Und auch sonstige Sündenböcke sind schneller gefunden als ihre Täterschaft zu erweisen ist: „Die Lyrik heute gleicht jedoch nicht selten einem Laborversuch, dessen Ergebnisse dem Publikum in komplexen Formeln und Geheimcodes präsentiert werden.“ Da ist ihm zuzustimmen, je nachdem, wie oft man sie erwartet, aber was meint der Nachsatz: „Unter diesen Voraussetzungen verwundert ihre Marginalisierung kaum.“ Festgestellt sei: Oft und meist gleicht die Gegenwartslyrik keinem Experimentierfeld: Ich habe im letzten Monat 18 Anthologien zur Gegenwartslyrik durchgesehen und zwölf davon in einem Essay beschrieben. Es lässt sich eine Grundspielform des Gegenwartsgedicht ausmachen. Diese hat genau beschreibbare Merkmale. In 3 von diesen 18 Anthologien ist es ungefähr so, dass die Gedichte, die von dieser Grundform mehr oder minder ins sogenannt Experimentelle abweichen, vielleicht etwas überwiegen. In ca. 6 von diesen gibt es die von Brôcan geforderte Abweichung ins Traditionelle. Wohlgemerkt: Gezählt wurden die, die von der Grundform merklich abweichen. Nicht diejenigen, die sich nun gleich in komplexen Formen und Geheimcodes präsentieren. Diese könnte man dann doch ebenso gut vergleichsweise selten nennen, denn nicht jeder von diesen abweichenden Dichtern möchte unbedingt originell sein, manchem reicht es sicher wie dem alten Hölderlin, sagen zu können, was es eben zu sagen gibt. Wenn Dichtung den geschmähten Mittelweg braucht: Sie hat ihn ganz offensichtlich auch. Warum muss also Herr Brôcan konstatieren, dass die Leser weiterhin verunsichert sind von der Gegenwartslyrik? Herr Brôcan, wenn es Sie interessiert, können Sie das alles in der nächsten „Gegenstrophe“ nachlesen. Oder zeige ich, wenn ich solche Philologie bzw. strukturalistische Analyse treibe, „ein allzu lebhaftes theoretisches Interesse“ und bin damit per se unglaubwürdig? Anderswo habe ich diese Untersuchungen nicht gefunden. Wo ist die ebenfalls von Ihnen beklagte Expertensubkultur?

Das Experiment wird also nicht als Ursache dingfest gemacht werden können, sollte es die von Brôcan diagnostizierte Entfremdung der Gegenwartslyrik von ihrem Publikum geben. Wenn, dann gibt es sie, obwohl es ein klar umrissenes, also in seinen Verständigungsstrategien relativ leicht erlernbares Gegenwartsgedicht gibt und darüber hinaus eine Spur historischer Verfahren im neuen Gedicht. Die von Brôcan vorgeschlagene Kur „Zurück zum Leser“ hilft also nichts, es muss an etwas anderem gelegen haben. Herr Brôcan, woran liegt es dann? Vielleicht an einem Abwehrreflex „Versteht man doch eh alles nicht“? 9

Natürlich ist dies alles gewissermaßen ein Indizienprozess. Man ist darauf angewiesen, da Brôcan absichtlich verwaschen schreibt und sich weitgehend auf Allgemeinplätze verlässt: «Die Dichtung ist bedroht, wenn die Dichter der Sprache ein allzu lebhaftes theoretisches Interesse entgegenbringen und sie zum Thema ständigen Tüftelns machen» zitiert er wohlwollend Dana Gioia, das Gegenteil ist sicher ebenso wahr. „Die Dichtung ist bedroht, wo der Dichter allzu unreflektiert seine Wörter einsetzt.“ Alles hängt an dem Wort „allzu“: eine Art kommunikativer Joker. Will man wissen, ob man beipflichten oder widersprechen soll, kann man allenfalls versuchen, das aus dem Kontext zu erschließen. (Herr Brôcan, sie hielten doch sehr darauf, dass der Leser sich ein Urteil bilden kann?10) Brôcans nächster Satz lautet: „Wo die Inhalte ausgehen, wird das Schreiben über das Schreiben und die Sprache selbst rasch zum einzig wahren Stil erklärt.“ Dass Dichter, die sich mit der bedrohten Sprache auseinandersetzen, damit sehr wohl Inhalte haben, zieht Brôcan nicht in Betracht. Wenn Eich gegen „die Einzementierung der Welt“ vorgeht oder Celan seine Gedichte von der Misere der deutschen Diskurse reinzuhalten versucht, haben wir Musterbilder bedrohter Sprache vor uns. Es ist sogar gefordert worden, dass der Dichter seine Sprache im Gefahrenbereich siedeln lassen soll, zumindest ist die Bedrohtheit des Sprechens also kein Argument gegen dieses Sprechen, wie es bei Brôcan aufklingt.

Aber in die Gegenwart geschaut: Ich kann, ehrlich gesagt, nicht angeben, wohin Brôcans Spitze zielt: Wenn es ums Schreiben über das Schreiben geht, dann wurden in letzter Zeit kritisch immer wieder Namen wie Allemann, Ames, Lange, Lentz, Rinck oder Stolterfoht genannt. Diese Leute jedoch, auch wenn teilweise zu ihrem Handwerkszeug eine profunde stilistische Kenntnis gehört, erklären sicher nicht irgendeine Art von Schreiben über die Sprache zum „einzig wahren Stil“. Es ist doch sehr auffällig, dass sie notorisch nicht von Stil, sondern von „Hintergehen der Sprache“, von Verfremdung und „anderem Sprechen“ reden. Ein Allemann- oder Cottenstil sind doch in gewissem Sinne ein Unding. Wenn der germanistische Interpret Linien in deren Werk ausmachen mag: Der und der macht das immer so und so, und dies dann einen sagen wir Stolterfohtstil, einen Lentzstil nennt, dann haben diese Dichter zu akzeptieren gelernt, dass man eben nicht die Kraft hat, alles gemeinsam zu hintergehen, alle Sprechgewohnheiten gleichzeitig zu hinterfragen. Dass sie einen Stil haben und das akzeptieren, lässt sich als eine Konzession an ihre menschliche Fehlbarkeit auffassen. Wen meint Herr Brôcan mit seiner Analyse also?

Ich fürchte, er meint doch die genannten Dichter, wenigstens wird der NZZ-Leser ohne Sachkenntnis ihn so verstehen: Herr Brôcan, ihr Essay ist so geschrieben, dass es viel Sachkenntnis und entsprechendes Instrumentarium erfordert, um die Entscheidung zu ermöglichen, ob es ein gelungener oder misslungener Text ist. Oder ist das für Sie nur bei Lyrik ein Problem?

Ein grundsätzlicheres Problem von Brôcans Text scheint hier auf: Brôcan spielt Inhalte gegen Formen aus. Dabei ist es nicht so, dass eine formale Beschäftigung mit der Sprache einem Inhalt irgend etwas wegnähme noch umgekehrt.11 Man sieht es ja an der Diskussion auf der Lyrikzeitung: Tom Bresemann und Thomas Kunst streiten über die Inhalte von Brôcans Essay und geraten auf Dichternamen und, so darf man unterstellen, deren Werke, also auf Formen lyrischen Sprechens. Ich versuche genau zu lesen, was Brôcan eigentlich sagen möchte, untersuche seinen Diskurs, seine Form und sofort komme ich auf massive inhaltliche Differenzen. Es ist also egal, solange man nicht aus Sonderinteressen sondert, wie es der Deutschunterricht tut, hat man immer beides, von welcher Seite man das Knäuel auch in die Hand nimmt.

Jürgen Brôcans Hauptforderung besteht darin, ein gesundes nichomachisches Mittelmaß zu wahren. Das ist mir schon bei Aristoteles verdächtig genug gewesen, weil, um das Problem der aristotelischen Schrift gleich an Brôcans Text festzumachen, immer nicht ganz klar wird, wie sich eine Tugend von einer Untugend unterscheidet: Ungestüm sein ist nach Brôcan schlecht, aber Mut gut. 11a

Ebenso unklar ist folgendes: Wie lässt sich die Vielfalt, die er am Ende seines Artikels einfordert, genau von der am Anfang des Artikels noch als negativ betrachteten Breite der eingesetzten Verfahren und Experimente und der Vielzahl der unterschiedlichen (zumindest unterschiedlich guten, was auch immer das heißt) Stimmen sinnvoll abgrenzen?

Schauen wir uns aber seine Formulierung zum Mittelmaß ruhig einmal genauer an: „Dichtung braucht das Gleichgewicht, den geschmähten Mittelweg, und das setzt voraus, dass sie nicht unter Schutzatmosphäre entsteht, als Absonderung der Lyriktheorie“. Sicherlich, ich bin der erste, der Theoriebildung verteidigen würde, da sie einen weiter bringt. Ja, Theorie kann sogar extremistisch machen, der Zusammenhang zwischen den beiden Satzteilen ist dennoch nicht richtig. Der von Brôcan z.B. gefeierte Lars Reyer hat sich in der Schutzatmosphäre der Seminare des deutschen Literaturinstituts seinen gedämpft gemäßigten Ton erschlossen, indem er sich die Härten und Atavismen seines Vorinstitutsstils nach und nach abfeilen ließ. (Ich war nämlich dabei.)12 Gegen Brôcans Sicht spricht also sein eigenes Beispiel. Wichtiger aber ist mir hier ein Satz von Keynes: „Wer glaubt, er brauche keine Theorie, hängt nicht etwa keiner an, sondern einer veralteten.“ Dafür, dass es alte Bilder aus dem Deutschunterricht sind, an denen sich Brôcan orientiert, habe ich Indizien gesammelt. Ich finde ein weiteres im Vorwort der Umkreisungen: „Vielleicht – nein sehr wahrscheinlich – ist die Welt seit Jahren komplizierter geworden … Darauf kann und soll das Gedicht reagieren, mit scharfen Schnitten und Montagen.“13 Genau so argumentierte der Modernediskurs etwa zur Zeit Döblins und in Abgrenzung zum konservativen Soz-Realismus war das Standard auch im Deutschunterricht der Bonner Republik. Heute dürfte sich doch herumgesprochen haben, dass man Schnitt- und Montageverfahren bis in die Antike zurückverfolgen kann und dass es damit heute im Gegensatz zu damals (als es noch eine eine aufklärerische List der Manifeste gewesen sein mag) eine weltfremde Argumentation ist, von den Verhältnissen der Welt auf die Adäquatheit bestimmter Verfahren zu schließen.14  Manchmal scheint also auch bei Herrn Brôcan seminaristisches unter der Käseglocke erworbenes Wissen in seine Ideen vom Gedicht einzugehen. Er sollte nicht mit Steinen werfen. Vorurteilsfrei betrachtet: Das Publikum von Literatur und nicht etwa nur von Lyrik hat oftmals ein Studium durchlaufen, oftmals ein geisteswissenschaftliches, es ist anders geworden. Immerhin bekommen damit die betonierten Leiterzählungen wihelminischer oder Gruppe-47er Provenienz Risse. Der Deutschunterricht kann seine Vorurteile weniger ungebrochen ausspielen. Das Publikum ist wenigstens ein klein wenig antikanonischer und heterogener geworden. Dem darf und kann die Lyrik Rechnung tragen, wie Hölderlin seinem Publikum Grundkenntnisse in lateinischer, gar griechischer Lyrik zumutete.

„Dazu fehlt derzeit vor allem eine vorurteilsfreie Diskussion und eine mediale Präsentation, die der Vielfalt der Stimmen Rechnung trüge.“ Auch diese Kritik bleibt jedem unbenommen. Auch wenn sich vieles in den letzten Jahren gebessert hat, bleibt ein noch besserer Zustand des Lyrikmarktes immer dringlich wünschbar. Wenn aber fortgesetzt wird: „Denn solange die grösseren Verlage und literarischen Jurys das Wagnis scheuen, die ausgefahrenen Wegspuren zu verlassen, ändert sich nichts an der allseits beklagten Diskrepanz zwischen den Zeichen des Booms und der Empirie der schlechten Verkaufszahlen“, wird einem doch schummrig, wenn diese angemessene Repräsentation sich einzig in Verkaufszahlen und Literaturpreisen widerspiegeln soll. Brôcan wünscht sich die Fallhöhe des Großdichters, den man mit Ehrerbietung liest. Dann soll er sich doch nicht wundern; Ann Cotten lesen Mensch! (Jetzt, wo Seilers Preisregen ein wenig schwächelt.) Denn in jeder anderen Hinsicht stellt die steigende Vielzahl der kleinen Verlage insgesamt sicher eine Verbesserung in Hinblick auf eine angemessene Repräsentation der Lyrik dar, nur ihre Verkaufsabteilungen sind vielleicht etwas schwach auf der Brust.15

Ich halte aber neben der Frage „Was tun die anderen Böses?“ auch immer wieder ein Innehalten für nötig: inwiefern bin ich, der anfangs vom Betrieb so sehr verletzt wurde, mit zunehmendem Erfolg nicht jetzt selbst Bestandteil dieses Betriebs? Wir hatten z.B. gesehen, dass Brôcan für andere Maßstäbe aufrichtet (wie den dass der Laie unterscheiden können muss, ob ein Text gut ist), die er selber allenfalls bedingt an seinen Text anlegt.

Ich hatte ferner beim ersten Lesen Angst: ich nenne ja auch einige Namen des öfteren. Werde ich angegriffen als Bestandteil des Leipziger Zitierkartells? Beruhigt kann ich aufatmen. Wenn ich Namen wie Kuhlbrodt, Reyer, Rugerup oder Rimbaudverlag öfters ehrend im Munde führe, dann lobe ich augenscheinlich die Richtigen, während die anderen ihre Kartelle schmieden. Kartell sind immer die anderen. Alles Stasi außer Mutti.

Hölderlin wollte nicht originell sein, er konnte bloß nicht anders. Brôcan fordert den Dichtern, ob sie wollen, können oder nicht, ein mittelmäßiges Sprechen ab. Hätte da ein Hölderlin eine Chance?

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1 Zwar langweilig, ist aber Bildung. Inzwischen habe ich genug Thomas-Mann-Lesern gelauscht und gesehen, dass die Bildungsbürgerwitze, die ich damals schon oft als etwas schal empfand, genau das waren, was die anderen so schätzten. Es lag also nicht daran, dass ich irgendwas nicht verstanden hatte.

2 Ich lese Proust und ich muss hier etwas an mich halten und ernst(haft) bleiben, auch wenn es dann etwas humorlos aussieht und eventuell über Gebühr scharf wird, Brôcan ist sicher ein spannender Dichter, schließlich haben wir gemeinsame Freunde.

3 Bestenfalls ist es, Tom Bresemann wies darauf hin, ein Hoffen auf den weißen Ritter.

4Wenn man der Literaturkritik nicht abverlangt, dass sie ihren Kenntnisvorsprung fruchtbar macht, um erklärend abkürzende Wege zu interessanten Texten zu bahnen.

5 Kritisiert Brôcan die Ratlosigkeit der Lyrikspezialisten, welcher?, wenn er schreibt: „Es wäre zu überlegen, ob dieses Rezeptionsverhalten, wie behauptet wurde, allein aus der Mentalität des Lesers zu erklären ist, oder ob es nicht auch zu einem beträchtlichen Teil als Reaktion auf eine zunehmende Ratlosigkeit zu verstehen ist.“ Tritt der Leser mit sich selber in Dialog und reagiert auf seine eigene Ratlosigkeit? Oder scheint hier Brôcans eigene Ratlosigkeit durch?

6 Wie das Schimpfen über den Markt. Man beklagt ja höchst verschiedene Dinge daran.

7 In Brôcan/Kuhlbrodts „Umkreisungen“ war ich immerhin drin: Danke!

8 Er nennt weitere Namen, ich sage Mayröcker, Stolterfoht und setze mit ihm fort „Anders als manche [andere] deutschsprachige Lyrik machen sie den Leser neugierig und stossen ihn in neue Sichtweisen, aber sie überfordern ihn nicht, weil sie formale Fragen und formale Originalität nicht vor die inhaltliche setzen.“ (Ich habe es jedenfalls so erlebt und nachrecherchiert.)

9 Meine Deutschlehrerin zu Jandl „Auf dem Lande“ sinngemäß: „So was Komisches ist dann die Gegenwartsdichtung, ihr könnt euch das mal allein anschauen.“ Ich weiß nicht, ob ich ihr nicht bis heute dankbar sein sollte, wäre sie fit genug gewesen, uns sagen wir, Grünbein nahezubringen, müsste ich ja bis heute denken, ich kennte mich aus!

10 Wenn ich hier umstandslos seinem Essay das abfordere, was er Gedichten abfordert, dann deswegen, weil sich Jürgen Brôcan in seinem Vorwort zu „Umkreisungen“ für eine Gleichsetzung von Essay und Gedicht stark macht.

11 Jedenfalls nicht, solange man nicht meint, der Inhalt wäre im Gedicht enthalten, wie Wasser in einem Krug und könnte verlustfrei hinausgegossen werden. Diese Vorstellung, die Jürgen Brôcan untergründig zu teilen scheint, dürfte aus dem Kontrollverfahren des Deutschunterrichts erwachsen sein: Irgend etwas muss der Deutschlehrer ja abfragen können. Nur wundert man sich dann immer, warum selbst die großen Dichter und auch die Alten das alles immer so versteckt haben. Man lese Lohenstein, man lese Wilhelm Müller, ja, man lese Goethe. „Die wandernde Glocke“ oder es reicht schon „Sah ein Knab ein Röslein steht“, nur hat da mancher noch reflexartig auf‘m Kasten, was ein altmodischer Deutschlehrer da so wissen wollte.

11a Und diese verwaschene Lesart ist schon vom Prinzip des Wohlwollens diktiert: Genau genommen fordert er Mut von den Kritikern, Verlegern usw., während er über Ungestüm bei Autoren etwas die Nase rümpft. Man warte auf seine Entdeckung!

12 Freilich nicht ohne sich auch sehr schicke ironische Verfahrenszüge anzueignen. Andere freilich haben sich dort radikalisiert.

13 Eng zusammen mit dieser Äußerung scheint mir folgender Satz Brôcans zu stehen: „Die allenthalben frohlockend gerühmte Vernetzung der Lyriker untereinander ist für sich genommen weder Qualitätskriterium noch Qualitätsgarant.“ Zunächst ja ein Satz von trivialer Wahrheit und strotzender Harmlosigkeit. Da Brôcan aber nicht Plattitüden dreschen will, sondern seine Thesen nur mit besonderer Vorsicht vorbringt, wird man hier ebenso wie in den anderen Fällen seine rhetorische Funktion untersuchen müssen und legt man ihn neben die oben zitierte Aussage, dann sieht man, dass es sich um einen Trojaner mit versteckter Implikation handelt, wie die Aussage des Slammers, Literatur könne auch unterhaltsam sein. Er scheint eigentlich zu implizieren: Netzwerken macht weder klüger noch besser. Beides ist falsch: Reyer, siehe oben, mich macht es klüger: Danke liebes Netzwerk für den vollständigen Brôcanartikel. Oder nehmen wir den Netzwerker Hölderlin: Ja wer auf der Studierstube mit einem Hegel und einem Schelling sitzt, kann aufs Internet allemal verzichten. Sicher wird Hölderlin nicht unreflektierter geworden sein durch diese Diskussionspartner!

14 Nur dieser veraltete Diskurs gibt auf solche Methodenfragen pauschale Antworten, wie Brôcan sie anfragt: „Aber steckt die Poesie nicht, so wie ihre Urheber, in historischen, kulturellen, sozialen Kontexten, herausgefordert von virulenten Themen, sogar noch dort, wo sie sich den Moden verweigert? Ist, was nicht experimentell auftritt, automatisch «konventionell» und somit altmodisch, überholt und darum eine ungenügende Verständnis- und Erkenntnismethode?“

15 Außerdem sagt jeder größere Verleger zumindest teilweise zu Recht: Wenn sich Lyrik verkaufte, würden wir sie verkaufen. Was verspricht sich Brôcan für eine Verbesserung in der Leserwahrnehmung, wenn der reisende Vertreter dem Buchhändler neben dem Kochbuch auch noch einen Brôcan aufschwatzt, den der Buchhändler dann, um ihn wieder los zu sein, der Oma für ihre Enkelin empfiehlt?

12 Comments on “116. Der Betrieb ist schlecht! Aber warum denn?

  1. Mein lieber Bertram,
    hübsches Gezank macht Ihr. Meine Wenigkeit hat dann aber doch den Hang zu der Anschauungsweise: eine Struktur
    neigt dazu sich zu konservieren und alles Kreative abzustoßen. Der Literaturbetrieb, wenn man den schon immer erwähnen muß, dann in dem Zusammenhang, also als die Struktur, die, wofern man daran glaubt, die eigene Krativität tötete.
    Jedenfalls die Gefahr, ihre Zusammenhänge in Betracht ziehen, nein? Auch natürlich die Beschaffenheit (Bedingungen, Zusammenhänge etc.) von dem, was kreativ sei, betrachten. Man reduziert ja doch immer das Leben um eine Institution. Die Ausrede, dieser „Betrieb“ sei keiner, der wie einer, also mit eigenem Antrieb, also nach mechanischen, oder eben strukturellen Gesetzen wirkt, ist, man sehe es mir nach (lösche nicht): unkreativ. Kreativität sei denn, ein Ei mit dem Eierbecher aufschlagen.

    Im übrigen, was der Literaturbetrieb auch alles in sich eint: Schreiben, Verlegen, Kritisieren: er ist abhängig davon, Recht zu haben und wo nicht, zu absorbieren, also jedem Widerspruch standhalten, indem er ihn aufnimmt; nur den absoluten kann er nicht mehr absorbieren. Das ist Struktur! Der Widerpsruch, meines Erachtens, ist zwangsläufig, weil der Literaturbetrieb ja die Eigenschaft hat alles an sich zu binden, was Literatur sein will. Tendenziell doch Literatur=Betrieb.

    schönen abend, a

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    • Lieber Alex,
      ja sicherlich eine abtötetende Struktur ein Diskurs mit meist festen Ergebnissen, würde ich den Betrieb auch nennen. Er hat zwei Seiten, die man vielleicht besser hätte sondern können, die des Marktes und die der räsonierenden Öffentlichkeit. Als Markt ist der Betrieb ein total intransparenter, was für diesen Markt konsistent ist: Der Kunde weiß nicht, welches Buch er benötigt und muss sich auf sein Wahlglück verlassen. Außerdem ist er leider oligarchisch strukturiert.
      Als Öffentlichkeit verstanden kann man sich den gepanzerten Diskursen mitunter (z.B. durch Länge) entziehen. Sie bleiben aber hartnäckig, wie man regelmäßig an Komentaren sehen kann.
      Ansonsten sind Deine Bemerkungen natürlich aus einer recht abstrakten Ebene gehalten. Ansonsten absoluter Widerspruch hin her, ich werde die Betriebsamkeit nicht abschalten können. Ich kann mir den absoluten Widerspruch zum Beispiel nur im Verzicht auf Literatur vorstellen. Ansonsten würde ich versuchen, genauer hin zu sehen: Was absorbiert der Betrieb wie gut. Da gibt es ja, wie Du andeutest, solches, was er leichter absorbiert und das, was er schwerer integriert. Die Hauptfrage wäre. Was kann implementiert werden, damit der Betrieb weniger kreativitätstötend ist. (Eigene Entscheidung hin, Kreativität her, ich fühle ein wenig meine Leistung durch ein generalisiertes Misstrauen entwertet, für das Du Dich wiederum, Kreativität hin, Entscheidung her, entschieden hast. Dieses generalisierende Misstrauen halte ich auch immer für mitbeteiligt an der diskursiven Panzerung.)
      Der Überbau, um es vielleicht in Deine Diskurse zu überführen, ist ja hier schwankender, insofern gerade bei der Gegenwartslyrik Ansätze einer schlagkräftigen Expertenfreischar meist kenntnislosen und desinteressierten Türwächtern gegenüberstehen.
      Ich begegne immer wieder Leuten, die völlig aufgesteckt haben, wegen der totalen Frustration der Literaturdiskurse, die sie erlebt haben. Und schwupp die wupp lesen die dann doch Calvino oder Perec. Oder den Malte. Sie wusstens bloß vorher nicht von sich. Und man hat ihnen auch nicht sagen dürfen, dass das „komplizierte“ Literatur ist. Die Limits allerdings einer ausgebauten Syntax, sind schwieriger zu überwinden. Gestern Tucholky zurückbekommen: Die Sätze seien zu kompliziert.
      Fast schwieriger sind die Leute aus meinem Bücherregal zu bedienen, die ihre Zeit nicht verschwenden wollen und nur „gute Bücher“ lesen. Denn sie stellen sich das Gute immer so vor, wie das, was sie bereits kennen. Im Grunde die selbe Angst vor dem Deutschlehrer. Wenn ich mich nicht auskenne, bin ich wieder der kontrollierte Schüler.
      Das alles sage ich natürlich hier nur, weil ich auch gerne recht behalte.
      Grüße Bertram

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  2. Nun ja, habe ich mich des Markenwahns schuldig gemacht … aber natürlich, oder ich hoffe, die Leute denken bei Proust an „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Das rückt doch schon sehr zusammen. Ansonsten ist „Proust“ dann noch kürzer, und dass Rowling Rowling geschrieben wird, das musste ich erst rauskopieren. Ich bin manchmal halt auch einfach bequem … InteressanteÜberlegungen nat. trotzdem

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  3. ziellose Abendunterhaltung bei einem Gläschen Rum
    zwischen Christiane und Ögyr, spontan aufgenommen und anschließend verschriftlicht
    (mit Bitte, nicht alles allzu ernst zu nehmen)

    C: Soweit ich weiß, ist das kantische „Ding an sich“ nicht etwas außerhalb unseres Erfahrungsbereiches, aber etwas, das nicht (vollständig) erkannt werden kann. Ich finde erstaunlich, was passiert, wenn man in ein Kant-Zitat „Literatur“ oder besser „Text“ an die Stelle von „Ding an sich“ setzt.
    Ö: Lies mal vor!
    C: Also, das Originalzitat ist [lesend]: „es sind uns Dinge als außer uns befindliche Gegenstände unserer Sinne gegeben, allein von dem, was sie an sich selbst sein mögen, wissen wir nichts, sondern kennen nur ihre Erscheinungen, d. i. die Vorstellungen, die sie in uns wirken, indem sie unsere Sinne affizieren. Demnach gestehe ich allerdings, daß es außer uns Körper gebe, d. i. Dinge, die, obzwar nach dem, was sie an sich selbst sein mögen, uns gänzlich unbekannt, wir durch die Vorstellungen kennen, welche ihr Einfluß auf unsre Sinnlichkeit uns verschafft, und denen wir die Benennung eines Körpers geben, …“ argh, jetzt hab ich mich verzettelt. Also.. Ein Text oder auch Gedicht ist ein Gegenstand, dem wir nicht Herr werden können….!
    Ö: Den wir an sich nicht erkennen können!
    C: Ja, wir können einen Text an sich überhaupt nicht betrachten! Ich kann keinen Text lesen ohne nicht sofort einen Sinn herzustellen,..
    Ö: Oder reinzuprojizieren!
    C: Genau. Das, was ich lese ist immer schon der VON MIR gelesene Text und nicht der Text an sich. Du kannst 50 Leute an den selben Text setzen, sie werden alle was anderes lesen, es anders verstehen. Vielleicht werden sie Gemeinsamkeiten finden, Überlappungen, aber Du kommst dem Text so trotzdem nicht bei. Weißt Du, was ich meine?
    Ö: Hmn hmn. Der Text scheint eine Entität, ein Seiendes… also Kant ist ja hier an der Seinslehre dran. Das Ding an sich IST erstmal, unabhängig davon, ob wir es erkennen oder nicht. Und hinzu kommt, dass wir es nur erkennen in einem Ausschnitt oder indem wir etwas auf das Ding legen, projizieren. So auch mit dem Text. Wir nehmen die Sprache des Textes wahr und haben sofort… Assoziationen..
    Entsprechend unterschiedlich wird der Text durch jeden Leser. Jeder Rezipient macht aus dem Text was anderes: ein „für sich“, was von dem „an sich“, was immer das auch ist, unterschieden ist. Also schon überlappend…
    C: Ja, sobald ich einen Text gelesen habe, ist er für mich schon der Text, den ICH gelesen habe. Also… er kann sich nicht außerhalb meiner Rezeption befinden.
    Ö: Ja, Du müsstest, um ihn zu erkennen, von Dir „Selbst“ abstrahieren. Aber das geht nicht.
    C: Naja und dieser Kommentator a, der hat ja jetzt glaube ich folgendes Problem: im Gegensatz zum echten (kantischen) „Ding an sich“ ist Literatur kein von selbst Gegebenes sondern ein Produkt, ein v o n j e m a n d e m Erschaffenes. Also. Ein Mensch hat das so gemacht. Deswegen unterscheide es sich wesentlich von einem Ding an sich.
    Ö: Genau, ein vom Menschen Erschaffenes.
    C: Hmn, aber.. das ist für mich wieder die typische Frage nach der Souveränität des Autors. Für mich spielt es keine wesentliche Rolle. Der Text ist immer mehr als was der Autor geschrieben hat. Weißt Du, was ich meine?
    Ö: Du würdest sagen, der Text emanzipiert sich im Moment des Entstehens von dem, der ihn schreibt, entwickelt ein Eigenleben, einen Eigensinn, eine Eigendynamik! Wird zu einem an sich! Also, diese Erfahrung machen ja viele beim Schreiben, dass der Text sofort, sobald Du ihn auf dem Papier hast, sein Eigenleben beginnt.
    C: Ja, sogar schon während des Schreibens! Wenn Du noch nicht mit einem Text zu Ende bist, beeinflusst er Dich schon beim Weiterschreiben! Du kannst gar nicht aufschreiben, was Du Dir im vornherein überlegt hast, es sei denn, Du ignorierst komplett, was auf dem Papier steht. Ich glaube an die Autorität des Textes. Und an die Macht der sich selbst ordnenden Sprache. Sie zwingt einem ihre Ordnung auf.
    Ö: Ja, die Surrealisten versuchten ja, dieser Ordnung zu entkommen in dem sogenannten Écriture automatique, dem automatischen Schreiben – also z.B. haben sie sich unter Drogen gesetzt und einfach geschrieben, was ihnen einfiel, in der Hoffnung, dass sich das Schreiben dann völlig vom Schreibenden emanzipiert. Was ist passiert? Es haben sich neue Ordnungen ergeben. Selbst, wenn der Autor nicht bei Sinnen ist, ergibt sich Sinn! Ich glaube, das ist, was Du Autorität des Textes nennst. Der Text bildet das aus sich selbst heraus, unabhängig vom Autor.
    C: Ja, das ist glaub ich das, was ich Gratz neulich, oder damals oder vielleicht auch gar nicht geschrieben habe, also: ich glaube, es ist beinahe unmöglich, einen sinnlosen Satz zu bilden! Weil bereits im Satz…, also die Konstruktion Satz beinhaltet schon eine natürliche Ordnung der Satzbestandteile zueinander.
    Ö: Die Syntax!
    C: Ja. Die Struktur produziert den Sinn und nicht vorderrangig, welche Worte Du einsetzt. Du kannst beliebige Worte in ein Syntaxverhältnis setzen und auf irgendeiner Gleichnisebene ist es immer möglich, dem einen Sinn abzutrotzen. Es ist, wie ich finde, beinahe unmöglich, sinnlose Aussagen zu bilden.
    Ö: Ja, weil der Leser nicht anders kann, als Sinn hineinzulegen.
    C: Ich muss gerade an Michael Ende denken. An Bastian. Der hat sich gefragt, was ist mit den Worten im Buch, wenn er es noch nicht aufgeschlagen hat und liest. Also. Was ist ein ungelesener Text? Ein Text an sich? Wird er nicht erst zu einer Geschichte, in dem Moment, wo ihn jemand liest? Wär das nicht toll, die Frage nach: Was ist ein ungelesener Text?
    Ö: Oder anders gesagt: ein nur geschriebener, ein nur autorisierter.
    C: Ja, das Problem ist, dass der Autor selbst schon Leser ist. Der Autor ist vielleicht der Erste aber eben auch nur ein Leser seines Textes.
    Ö: Nicht zu vergessen der imaginierte Leser, den sich der Autor beim Schreiben vorstellt. Es ist unmöglich vom Lesen des Textes beim Schreiben zu abstrahieren. Durch diese Unmöglichkeit, Produktion und Rezeption zu trennen, ist der Text ein Ding an sich.
    C: Hmm.
    […]
    Ö: Achso. Wie hat Bertram gesagt? „Wer Proust nicht liest wie Harry Potter, braucht Proust nicht zu lesen.“ Interessant fand ich, dass auf der einen Seite der Autor genannt wird, auf der anderen ein Texttitel. Das ist ihm vielleicht gar nicht aufgefallen. Aber es ist doch seltsam, dass das so ist. Ich meine, es ist klar, was seine Aussage ist, aber über die Formulierung hat er sich in dieser Hinsicht vielleicht gar keine Gedanken gemacht. Und es stimmt ja auch. Wir würden nie sagen: „Ich lese Rowling“, aber schon eher „Ich lese Celan. Goethe. Kafka.“. Bedeutet das, dass die Autorin hier bei Harry Potter hinter den Text zurückgetreten ist?
    C: Naja, ich würde sagen, Proust ist im Kopf für uns gänzlich zu Text geworden, zu einer bestimmten Sorte Text, während wie Joanne K. Rowling als Person wahrnehmen, die eben Harry Potter geschrieben hat.
    Ö: Oooooder es ist ein Hinweis darauf, dass Harry Potter tatsächlich als Text an sich wahrgenommen wurde. Unabhängig von seiner Schöpferin.
    Während bei Proust, also offiziell hoher Kunst, denkt man das Genie des Autors immer mit, und wagt nicht ihn wegzudenken. Vielleicht ist Harry Potter mehr an sich!
    C: Hmneee ich weiß nicht. Mit dieser Namensbezeichnung Goethe etc. wird doch was geadelt, wie ein Markenname für das Produkt Text. Ein Pullover von H&M ist zunächst ein Pullover. Aber wenn Du einen Pullover von Chanel anhast, dann trägst Du Chanel.
    Ö: Stimmt, Du trägst Chanel und ob es sich um einen Pullover handelt, ist zweitrangig.
    C: Wie ist das eigentlich bei andern Autoren. Kann ich sagen: Ich lese Ende. Oder muss ich noch sagen: Ich lese Die unendliche Gedichte, Momo, Jim Knopf… Eindeutig letzteres. Jetzt frag ich mich natürlich, ob das an der Unterscheidbarkeit liegt. Haben diese Leute (Goethe, Celan…) etwas je so Spezifisches, dass die einzelnen Texte eine zu vernachlässigende Größe sind, weil sie sich immer schon deutlich von Texten anderer Autoren unterscheiden, durch eine besondere Charakteristik..?
    Ö: Als ob sich das gesamte Werk in jedem einzelnen Text widerspiegelt. Oder bei Proust…
    C: Äh. Ich hab Proust nicht gelesen.
    Ö: Oder Kafka. Erkennt man doch auch an sich wiederholenden Themen, Settings z.B….
    C: Hmn, jetzt sprichst Du Inhalte an, ich meine eher Sprechhaltungen oder Erzählhaltungen.
    Ö: [niest] Oahr, das hat hier ’n enormen Ausschlag gegeben!

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  4. Sie sehen das ganz richtig, Sie setzen es: ich hätte keine Meinung. Ich habe eine gehabt und die steht auch im Artikel drin: Lesen Sie ihn und Sie werden verschiedene Meinungen darin finden: Etwa die, dass z.B. Stolterfoht keine grundsätzlich größeren Verständnishürden bietet, als etwa Murray oder Goehte. Dass man es besser merkt, wenn man seinen deutschunterricht hinerfragt. Das mal nur so eine Meinung.
    Und ich kann dies auch für mich sagen, dass es interessant wird, wenn jemand darüber redet, was ihn angeht, nur gehören da tatsächlich zwei Dinge zu: Das Gesagt-Geschriebene und den den es angeht.
    Da ist es nun ein schöner Witz,dass Sie das anonym einfordern. (Nur scheinen Sie etwas humorlos.) Also ich kann auch manchmal rein auf Strukturen reagieren und tue das hier. (Frank Milautzki, der hier öfters Ähnliches einforderte wie Sie, wird es ärgern. Bitte nicht ärgern Frank, ich mache das nur aus pädagogischen Gründen.)
    Ich komme Ihnen vielleicht so meinungslos vor, weil ich Dikurse und Stellungnamen in verschiedenen Diskursen jenseits von ich- Entäußerungen auch als Stellungnamen von einem Standpunkt betrachte?
    Sie hingegen wollen ein Shibbolet, sie sind ein Manichäer? Es gibt die Guten und die Bösen, die im Kampf miteinander liegen? Ja? Jemand soll bekennen, damit Sie ihm, wenn er nicht bekennt, was Sie für richtig halten den ganzen Kübel eingeleierter diskursiver Scheiße noch zusätzlich als Lohn über die Mütz gießen können?
    Solceh Leute sind dann auch oft Theorieskeptiker und fordern Meinung, weil Sie Theorie nur als Keule kennen und meinen, man müsste also immer drüber hinaus. Man kann sie aber auch weiterentwickeln weiterdenken usw.
    Ich halte Literatur wirklich nicht für ein Ding-an-sich. Sondern für einen Ausfolg von Diskursweisen, Produktionsregeln und Verfahren, die alle für sich genommen nicht unschuldig sind.(Is natürlich hier ins unreine geredet, aber so die Richtung.) Auch die Verfahren usw. , denen ich skeptisch gegenüberstehe müssen freilich ebenso ausprobiert werden. (Man schafft es einfach nicht, alles selber zu machen.) Vielleicht lassen sich doch damit Ergebnisse erzielen, die ich nicht erwartet habe. Dann würde ich meine Meinung darüber ändern. Ebenso kann natürlich mr ein Verfahren durch dauernden Mißbrauch unheimlich werden.
    Wogegen richtet sich Ihr unklares: „Bei der Herstellung, vermöge der besonderen Eigenschaft von Herstellung, nämlich ist erst hergestellt, was hergestellt worden ist; vorher eben nicht.“? Sie führen hier eine Restriktion ein, von der ich nicht genau weiß, was Sie damit wollen. Wollen Sie Readymades verbieten? Computergestütze literarische Verfahren? Materialästhetiken und Montagen gar? Verfahren, die den Zufall beinhalten? Jede dieser möglichen Restriktionen wäre generell angewendet doch allzu resriktiv. Andere wollen den Reim verbieten, oder das politische Gedicht oder Meinungen im Gedicht. Auf diese Weise kann man sich doch nicht unterhalten, solange man nicht wirklich gern ein Glaubenskrieger ist! Aber dann werfen Sie mir bitte nie mehr Ideologie vor!
    Ich muss Ihnen auch anderweitig deutlich widersprechen. Von den Bedingungen unter denen Kunst gemacht wird, habe ich sehr wohl gehandelt. Es ist mir sehr wohl gelungen, wie ich von einigen Lesern meines Essays weiß. Ihnen ist es nur nicht gelungen, dies herauszulesen. Warum, darüber habe ich nicht zu urteilen, aber meine Meinung: Die Bedingungen der Kunstproduktion an einzelnen Namen festzumachen, ist etwas kurz gesprungen (auch wenn manchmal nicht unwichtig). Lieber möchte ich da ansetzen, für welche Werte, Diskursregeln und Verfahren diese Einzelnen stehen. Und die werden dann ganz automatisch bei denen, die das beobachten in besserem oder schlechterem Lichte dastehen, damit leichter oder schwerer fortkommen oder sich ändern. (So das Prinzip, dass man nicht sehr viel tun kann, dass die Diskurse gepanzert sind, ist mir wie Ihnen klar.) Da machen Sie sich ganz unmöglich, denn mit Anspielungen und anonymem Geholze kann man jeden ins Unrecht setzen, der nicht unendlich Zeit hat. Heute nehme ich mir die, extra für Sie.
    Solche Verschiebung/Richtigstellungen habe ich habe ich angestrebt, auf dieser Schicht habe ich ablesbare und hoffentlich gut gerechtfertigte Meinungen. Solche Meinung strukturieren auch den Markt. Und zwar massiv, wenn Sie anderes glauben, suchen Sie einen Buhmann und irren sich einfach. (Es steht z.B. der Irrtum dahinter, dass man nur durch das Pforte von Preisen und Stipendien Zugang zur Öffentlichkeit hat. Das es manchem vielleicht ungerecht schwer oder leicht wird, gut, aber ich möchte hier grad mal nicht pro domo argumentieren.) Die Meinung, dass Herr Brocan, der tat so, als wäre es sein Thema, dann hätte Namen sagen sollen, teile ich. Oder nein: Das finde ich allerdings, zum Teilen aber, bräuchte ich einen greifbaren Zweiten. Für mein Thema war es eher wichtig, was er sonst noch für Bilder im Kopf hat. Das gab einfach mehr her. Und noch eine Meinung: Hören Sie mit ihrem anonymen Quatsch auf! Das stielt allen die Zeit. Sie holzen, Thill hin oder her, hier nicht gegen die Mächtgen, sie treten.

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  5. warum beiträge gelöscht werden, fragt ein leser „a“, der als adresse angibt: b, nichtjuergen@arcor.de. muß ich einem anonymus begründen, warum ich seinen beitrag nicht bringe? aber ich lösche keine anonymen beiträge, ich entscheide mich nur manchmal, sie nicht zu bringen. und auch das nicht weil sie nicht meiner meinung sind, sondern wenn sie gar keiner sind, bloß provokation oder unsinn. was meint der?

    und während ich noch suche, kommt eine antwort auf die (noch gar nicht veröffentlichte) frage, wieder unter anderen identitäten, siehe vorigen kommentar. versehentlich habe ich die nämlich freigegeben, bevor die frage da war.
    jetzt sehe ich einen inhaltlichen kommentar von einem „a“, wieder mit „b“ im namen und einer arcoradresse, der im spamfilter hängengeblieben ist. wordpress läßt nämlich nur kommentare von nutzern durch, die schon einmal freigegeben wurden. wer also einen anonymisierer benutzt, ist jedesmal wieder „neu“ und muß bestätigt werden. ich gebe jetzt also noch diesen einen mutigen anonymen kommentar frei, obwohl ich es leid bin, jetzt 20 minuten nur wegen einem anonymen schmäh-hatschi verloren zu haben. schluß.

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  6. Man kann sehr ausschweifend schreiben, daß man keine Meinung (zur Literatur) hat.
    Die Literatur, ich setze, Sie haben Ihre Meinung nicht gehabt, wird dann zum
    Ding an sich, d.i. an ihrer Nur-Außenseite rezipierbar, sonst aber ein fröhliches
    Eigenleben, als Ding-an-sich, führend. Der Widerspruch, das ist meine Meinung, besteht
    darin, daß in Literatur das geschrieben steht, was den, der es geschrieben hat, anging,
    als er schrieb.
    Bei der Herstellung, vermöge der besonderen
    Eigenschaft von Herstellung, nämlich ist erst hergestellt, was hergestellt worden ist; vorher eben nicht.
    Kunst folglich ist kein Ding, Kunst hat Dinger. Die, die sie sich macht.
    Wir sprachen also recht eigentlich über diese Dinger, nicht über Kunst. Und in Ihrem Text deuten
    Sie die Unzufriedenheit mit denselben beim Herrn Brocan an. Was Ihnen dann aber doch mißlingt, ist
    über die Bedingungen zu handeln, in denen die Kunst die macht. Da gehen Sie über einpaar
    Phrasen (Markt etc.) nicht hinaus. Das darf ich bemängeln! Kann ja sein, der Herr Brocan hat über
    seine Mißlaune hinsichtlich Kunst unsauber gehandelt, das rechtfertigt abernicht die Wiederholungstat!
    Hans Thill ist Bedingung für die Kunstproduktion, sofern er, was er ja macht, Einfluß nimmt auf ihre
    Verbreitung. Uthill ist nd, ich kann mir nicht helfen, er verbreitet sich nach jeder Möglichkeit, immer mit.
    Ja, Hans Thill ist leider eine Repräsentation. (H.Müller: die ist die Bedingung für Selektion). Was der
    Hans Thill selektiert (wegmachen läßt) ist, mein Rat in die Ratlosigkeit des Herrn Brocan, womit selbiger
    sich befassen sollte, wenn es es ernst und redlich mit seinem Thema meint.

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  7. Literatur=Ding an sich.
    Selbst diese kantige Formel, und alle Texte zu dem Thema, kommen auf
    sie, hat ihre unterirdische Idiologie und ihren oberirdischen Lebens-
    unterhalt, sonst wäre sie garnicht interessant. Und wer sich dazu nicht
    verhält, natürlich, schreibt doch nur Albernes. Bei aller Autorität des
    Gedruckten (Kookbooks etc.). Solange die Stipendienvergabe
    eine eigentliche Hans-Thillerei ist, gerät jeder in die Sackgasse
    (…“Ratlosigkeit…“).

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    • Ich wäre auf diese Gleichsetzung zwischen Literatur uns Ding an sich nicht gekommen. Vielleicht können Sie mir nachhelfen? Ach möchten sich die Leute doch nicht so in Anspielungen ergehen, sondern den weniger klugen Mitbürgern deutlichere Hinweise geben!
      Zum Lebensunterhalt brauche ich Literatur auch, das macht sie interessant. Alledings steht zumindest bei mir das Geldverdienen im Hintergrund, es geht mehr um den Erhalt von Diskursen, Unterhaltungen möglich zu machen, jenseits der gepanzerten Diskurse. Maßnamen, sich dem Wahnsinn des Geredes zu entziehen.
      Ein wenig klingt es aber so, als würde jeder, der sich zu Literatur und meinetwegen ihrer Theorie äußert, gleich anderes verdrängen, nämlich die gesellschaftlichen Bedingungen etc.pp… Aber vielleicht ist es einem auch wichtig, hier mal über Lyrik und deren unmittelbare Macharten und deren Sekundärdiskurse zu reden. Dazu lädt ja besonders die Lyrikzeitung ein.
      Natürlich kann man auch darüber reden, wer wie verdient, wer in welcher Jury sitzt. Aber muss man imemr darüber reden? Warum wird dieses marktpolitsiche Gespräch immer dann besonders eingefordert, wenn jemand sich theoretisch besonders ambitioniert gibt? Als gäbe es nur eine einzige Theorie für alles und das wäre die große Wernimmtwemwegtheorie. Zu Zeiten rede ich auch oft über Ökonomie und Markt, dazu bot aber der Brocantext keinen Anlass. (So anbiedernd marktbetrübt, da kokettiere ich doch glatt mit der Gegenseite! Auch die ökonomische Theorie scheint mir manchmal als eine Abwehrwaffe gegen genaues Nachdenken über Literatur eingesetzt, als wäre solches Nachdenken manchem schon an sich hassenswert.) Hätte er ihn geboten, Namen genannt! (Sie werfen wenigstens einen in den Ring.) Aber eines weiß ich. Solange man sich Großdichter wünscht wie Brocan, gibt die Literatur etwas aus der Hand in die der dazugehörigen (Groß-)kritiker und dann wird die Luft nochmal dünner, dann sitzen erst recht immer dieselben in denselben Jurys. Ansonsten ist es bei den Juroren wie bei den Zitierkartellen: Wenn endlich mal X sich durchsetzt, der/ die anders ist und in mehreren Jurys sitzt, dann denkt man : Endlich! Ohne zu reflektieren, das es wahrscheinlich ebenso zur verhassten Monokultur beiträgt, wie wenn der/ die verhasste Y überall sitzt.
      Es gibt ohnehin schon lange Ideen, wie man das in die zahlreichen Stipendien gepumpte Geld effektiver zur Literaturförderung nutzen könnte. Dass die sich nicht durchsetzen zeigt, dass Literaturförderung nur ein Teilzweck dieser Programme ist. Es geht ja, wie sie sicher wissen, auch um Repräsentation mittels Literatur usw.
      Und was meinen sie mit Ratlosigkeit?

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