91. Was in ein Land reingeht

Denn es zeigt sich in dieser Sammlung von Kurz- und Kürzestgeschichten, Prosagedichten und sogar Lyrik auf den ersten Blick, wie umstandslos Hebels Kalendergeschichten Anstoß für aktuelle dichterische Parallelaktionen bieten können. Wie modern, mit anderen Worten, diese Texte sind, stellen die Antworten, Gegenentwürfe, Fortspinnereien der 24 Autoren und Autorinnen eindrucksvoll unter Beweis. Die Herangehensweise an das Vorbild gestaltet sich dabei sehr unterschiedlich. Es finden sich direkte Antworten auf Hebels Vorlage – zum Beispiel bei dem Hebel ohnehin sehr nahen Schweizer Schriftsteller und Kabarettisten Franz Hohler. Hebels Auflistung „Was in Wien draufgeht„: was die große Stadt im Jahr 1807 an Lebens- und Heizungsmitteln verbraucht – 66 795 Ochsen, 408 000 Zentner Mehl, 674 000 Maß Bier – kontert Hohler mit dem Text „Was in ein Land reingeht“. Da es sich bei dem Land um die Schweiz handelt, heißt das in erster Linie: Geld aus dem Ausland – geschätzte 3000 bis 4000 Milliarden Franken. Aus verschiedenen Rechnungen, die Hohler mit demselben nüchternen Gestus durchführt wie Hebel, als der volksnahe Aufklärer des 18. Jahrhunderts sein echter Bruder im Geiste, kommt Hohler auf die sagenhafte Summe eines Schweizer Pro-Kopf-Vermögens von 814 500 Franken; dafür sind zu viele Menschen auch in Schweiz arm. …

Erstaunlich, dass Hebel selbst für die Verwandlung ins Gedicht taugt. Nico Bleutge und Ulf Stolterfoht demonstrieren das auf sehr unterschiedliche Weise: Der Tübinger Lyriker mit so etwas wie Tiergedichten, der Stuttgarter Poet mit einem Umweg über Oskar Pastior. Die Ausstellung zu „Hebels Kalendergeschichten in Comic und Illustrationen“ begleitet optisch die erste der Lesungen in Freiburg, Karlsruhe, Stuttgart und Basel. Hebel lebt. Und wie. / Bettina Schulte, Badische Zeitung 21.9.

  • Ausstellung: Vernissage heute um 19.30 Uhr in der Galerie im Alten Wiehrebahnhof Freiburg, Urachstraße 40.
  • Lesung von Angelika Overath, Karl-Heinz Ott, Sasa Stanisic und Walle Sayer am 22. September um 20 Uhr.
  • Buch: Unverhofftes Wiedersehen. Eine Hommage an Johann Peter Hebel. Herausgegeben von Jutta Schloon, Stefanie Stegmann, Szilvia Szarka und Werner Witt. Verlag Klöpfer & Meyer, Stuttgart 2010. 156 Seiten, 17,90 Euro.

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