107. Bericht aus Solothurn

Erfrischend an diesem seltsamen Abend waren allein die Musiker: Der Lyriker Raphael Urweider improvisierte am Flügel, und der junge Slam-Poet Kilian Ziegler brachte in seiner Elegie über die Not des eigenen Gewerbes die Worte zum Tanzen – und das Publikum einschliesslich Peter Bichsels ins Schwärmen. Überhaupt die Musik: Was wären die diesjährigen Literaturtage grau gewesen ohne die Virtuosen der Klänge, seien sie im Mundraum oder im Hallraum der Instrumente entstanden. Die Jazzcombo Kobal verband hitzige Riffs mit den Wallungen der Liebeslyrik von Nicolai Kobus; die Frauengruppe Tittanic wiederum inszenierte ein hinreissendes Wechselspiel zwischen Wortwitz und Musik, das treffsicher und pointenschlau unter jede Gürtellinie zielte.

Mitunter haben die Poeten unter den Schriftstellern in diesem Jahr die stärksten Akzente gesetzt – nüchterner zwar als Jaccottets Gesänge, aber mit nicht weniger Emphase. In einem schönen lyrischen Zwiegespräch warfen sich Donata Berra und Aurelio Buletti die Wortbälle zu: die in Bern lebende Mailänderin in zauberhaften Vokal- und Konsonantenkaskaden, der Luganeser Dichter mit spielerisch in Wortbilder verwandelten Reminiszenzen aus dem Alltagsleben. / Roman Bucheli, NZZ 18.5.

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